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Besuch auf dem Lande I

von Helmut Drechsler

Fast immer, wenn wir die Marchfelder Verwandten besuchten, kurz vor Weihnachten, fiel dicht der Schnee, feuchte, schwere Flocken. Eine Straßenbahnstation vor dem Praterstern stiegen wir aus dem „5er“ aus, Opa und ich. Samstag kurz vor sieben Uhr morgens. Die Umrisse der ausgebrannten Ruine des Nordwestbahnhofs waren durch die Straßenbeleuchtung gerade noch zu erkennen.

Nur ein paar Schritte sind’s zum Linienbus, der mit ein, zwei anderen Bussen mit angelaufenen Scheiben bei der Endstation wartete. Ein paar vermummte Fahrgäste saßen meist schon drinnen, wortlos, dampften vor sich hin. Mein Lieblingsplatz ist ganz hinten; dort schupft es während der Fahrt so schön.

Opa löst die Fahrscheine, setzt sich neben mich auf den kalten, kunstlederbezogenen Sitz. Durch die sich immer wieder beschlagende Fensterscheibe sieht man so gut wie nichts, auch wenn man noch so oft mit dem Ärmel drüberwischt.

Ziemlich genau um sieben Uhr springt der Motor rüttelnd an, der Bus fährt ab. Durchs Schneetreiben schemenhaft erkennbar links das Tegetthoff-Denkmal.

„Die Seeschlacht bei Lissa“, sagt der Opa, also anscheinend wichtig; dann bald die Tragketten der Reichsbrücke. Es hat zu schneien aufgehört. Auf der Donau treiben Eisschollen, das Überschwemmungsgebiet ist eine einzige weiße Fläche.

Die Stadt liegt hinter uns. Langsam wird es wärmer im Bus und damit die Scheiben klarer, nur stinkt es jetzt penetrant nach Dieselöl. Einige wenige Haltestellen, die Straßendörfer wie ausgestorben. Breitstetten, Fuchsenbigl, Haringsee, Lassee. Alle sind einander zum Verwechseln ähnlich. Rundherum brettlebenes Land, Felder, Krähen. Das soll – laut Geographieunterricht – die "Kornkammer Österreichs" sein?

Ein Halt vor geschlossenen Bahnschranken. Eine nicht endende Schlange offener Güterwaggons, jeder überrandvoll beladen mit Zuckerrüben, rollt vorbei. Rüben- statt Kornkammer?

Der Bus fährt gerade einen steilen Hang hinauf. Wagram-Groissenbrunn. Oben auf der Hochfläche heult der Wind. Aus dem Dunst tauchen die Konturen eines gewaltigen Berges auf. Er scheint zum Greifen nahe, und wir fahren gerade drauf zu. Dazwischen muss die March sein. Nach Schlosshof scharfer Schwenk von der Dammstraße nach rechts und wieder runter in die Ebene.

Schnurgerade geht es auf einen kleinen Ort zu, während die alte Dammstraße – wie ich weiß – nach etwa zweihundert Metern bei einer verfallenen Steinbrücke und einem aufgelassenen Zollhäuschen endet. Staatsgrenze. „Eiserner Vorhang“, Grenze zum Ostblock.

Ein Gedanke drängt sich mir jedes Mal auf; jedes Mal, wenn ich in diese Ecke komme, wo Österreich vor diesem ausgeprägten Berg endet, eine Weiterreise nicht möglich ist:

Das hier ist der Arsch der Welt.

Meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, ist in diesem kleinen Ort geboren. Untermarch* – auch ein typisches Straßendorf, eingeklemmt zwischen March, Stempfelbach, Donau und Wagram, verbarrikadiert hinter Schutzdamm und Thebner Kogel.

Fast am Ende des Dorfes, steigen wir aus. Endstation. Penetranter Gestank nach Schweinemist. Da liegen nebeneinander und gegenüber die Höfe vom Ramsauer, Sabeditsch, Achter-Reiter, Dreier-Reiter usw. – und Schwarzhofer, auf Nummer zwei. Das Elternhaus meiner Großmutter väterlicherseits, verehelichte Drechsler, geborene Schwarzhofer. Mit ihrer Schwägerin ist sie in ständigem Briefverkehr, wir sind also über sämtliche Neuigkeiten im Bilde.

Bei der Ankunft werden wir – wie immer – in die Küche geführt, das Zentrum des Gutes. Allgemeines Abküssen. Wir begrüßen: Omas Bruder, den Friedrich-Onkel, unübersehbar, ein Hüne im blauen Arbeitsgewand und Stiefeln, zwar mit zunehmendem Alter immer kränklicher, aber herrisch und stur. Derart stur, dass er, mit fast siebzig, seinen Hof noch immer nicht dem inzwischen fünfzigjährigen Schwiegersohn Hans übergeben will. Dass der Hof heute so prächtig dasteht, das ist schließlich nur sein – Friedrichs – Verdienst. Er hat das alles aufgebaut – und zwar für seinen Sohn, doch nicht für den Neffen!

Verständlich zwar. Aber – worauf soll der jetzt auch schon relativ alte „Jungbauer“ denn noch warten?! Es gibt folglich einen wütenden Generationenkonflikt um die nicht und nicht eintretende Hofnachfolge, mit schweren Ehrbeleidigungen und gerichtlichen Klagen. Die Luft ist also immer ein bisschen dick, nicht nur wegen der Fettschwaden, die vom Herd aufsteigen. Eine einzige blaue Leuchtstoffröhre schafft zusätzlich kühle Stimmung in dem düsteren Raum.

Dann ist da Friedrichs Frau Mitzi, die ohne große Gesten den ganzen Laden schupft, Hans, der Jungbauer, gelernter Zuckerbäcker, der eher wenig spricht und dafür seinen Worten durch heftiges Kopfnicken Nachdruck verleiht, und Tante Helli, die korpulent, verschwitzt und verlegen lächelnd eigentlich nur im Weg steht. Keine Spur vom Nachwuchs.

Opa liefert seinen prall gefüllten Koffer der Mitzi-Tante ab. Ein alter Brauch – vielleicht noch aus der Kriegszeit: Opa besorgt den Marchfeldern auf Basis von deren Wunschlisten Sachen, die man in der Stadt einfacher bekommt, die Marchfelder versorgen uns mit ihren landwirtschaftlichen Produkten. Das ist fast ausschließlich Schmalz und Fleisch, frisch und geselcht, aus eigener Schlachtung.

Dann wird der Koffer ausgeräumt – und nun erst tauchen die Kinder aus einem der Zimmer auf und kramen auch im Koffer herum, bis die Tante Helli ihn sich schnappt und ins Zimmer verfrachtet. Mitzi-Tante kümmert sich ums Mittagessen – Schweinsbraten mit Erdäpfelsalat.

Ich bringe nicht die Geduld auf, mir die deftigen Witze vom Onkel Friedrich, besonders den vom Kreisky-Juden, die er dann zur Auflockerung der Stimmung erzählt, noch einmal anzuhören. Auch nicht die spektakulären Ereignisse vom Kriegsende in dieser verlassenen Gegend, von denen die Tante Helli zwischendurch und die beiden Alten alle Jahre wieder mit Schaudern in der Stimme berichten, Wie die deutschen Soldodn vor den Russen geflohen sind, wie die Russen herüber sind über die March, wie sie Wertgegenstände im Haus gesucht haben, wie sie Frauen gesucht haben, wie sie die Rinder fortgetrieben, den Hühnern die Köpfe abgeschnitten und sie dann auf den Misthaufen geworfen haben.

Du Faschist! haben sie zum Onkel Friedrich gesagt, ihm die Maschinenpistole in den Bauch gedrückt, dann aber doch ungeschoren lassen. Sie, die Helli, hat sich rote Tupfen ins Gesicht gemalt und die Mutter auch – Masern, das schreckte sogar die Russen ab.

Wenn sie halt in den Jahrzehnten hier sonst so überhaupt nichts erlebt hat, die Tante Helli, wovon soll sie schon erzählen? Kein Urlaub, keine Reisen, kaum Bücher, kaum Radio, kaum Fernsehen, kaum andere Menschen. Die immer häufigeren Krankenbesuche im Hainburger Spital, beim Vater, bei der Mutter, müssen direkt eine willkommene Abwechslung sein; Hainburg ist eine Großstadt, verglichen mit Untermarch.

Ich hatte mir diese alten Geschichterln noch vom Vorjahr, vom Vor-Vorjahr, gemerkt. Unsere lieben Verwandten fühlen sich eben immer verpflichtet, Konversation zu betreiben, zu unterhalten, wenn zweimal im Jahr Besuch von auswärts kommt. Um jeden Preis. Ich pflege daher unauffällig zu verschwinden, gehe hinten hinaus in Richtung Schutzdamm. Mein Ziel ist immer der Arpad-Felsen am Zusammenfluss von March und Donau. Vorbei an der Schutzdamm-Kapelle und der Schleuse, vorbei an einem Unterstand für die Zöllner. Wenn ich stehen bleibe, ist es vollkommen still. Wie eine Wand ragt der Felsen drüben auf. Dazwischen die zugefrorene March – bequem begehbar, wenn der Wachturm da links drüben nicht wäre, am elektrisch geladenen Zaun. Staatsgrenze ist hier die Flussmitte.

Dann erlebte ich unerwarteterweise etwas Besonderes: In Papas Fernrohr erscheint bildfüllend der tschechoslowakische Wachsoldat, der aus dem Häuschen oben am Wachturm herausgekommen ist und um die Plattform herumgeht. Von seinem umgehängten Schnellfeuergewehr erkenne ich deutlich das helle Holz des Schaftes, das schwarze Magazin. Er beobachtet mit dem Feldstecher die Umgebung, den Zaun, den benachbarten Wachturm. Unsere optisch bewaffneten Blicke begegnen einander unvermutet. Zu meinem grenzenlosen Erstaunen winkt er plötzlich herüber, in meine Richtung – sekundenlang. Dann beobachtet er wieder angestrengt den Nachbarturm; davor stand er nämlich auf der abgewandten Seite, durch sein Häuschen gegen eventuelle Blicke des Kameraden vom Nachbarturm gedeckt.

Dann ist der Zaun voll in meinem Blickfeld: Isolatoren mit Drähten oben drauf. Unmittelbar dahinter promenieren Menschen, schieben Kinderwagen. Sie starren herüber. Ob sie das wirklich ihren Politikern glauben, dass wir die Eingesperrten sind und sie die Freien?! Dass sie mit dem Zaun vor den bösen imperialistischen Spionen aus dem Westen geschützt werden müssen? Bekanntlich kommen laufend Flüchtlinge trotz Zaun rüber, die March durchschwimmend. Sie hören hier die Schüsse, das Hundegebell. Einigen gelingt es. In der Gegenrichtung ist keinerlei Fluchtversuch bekannt.

Ich deute dem Wachposten mein tschüss an.

Zurück nehme ich immer den Weg über die Stempfelbach-Schleuse des Schutzdammes. Man geht flussseitig ein paar Stufen hinunter und steht auf einer Betonplatte unter dem Schleusenhäuschen. Durch den Schlitz im Boden an der Rückwand ragen die Stangen der beiden Schieber. An der Wand sind sämtliche Hochwasserstände ab Anfang des 19. Jahrhunderts markiert. Ein bisschen Angst, wegen dem gurgelnden Wasser, hatte ich hier schon als kleines Kind. Doch mich hat dieser Ort fasziniert und Opa musste sich die Schleuse immer mit mir gemeinsam ansehen. Von hier, von der Dammkrone aus, habe ich selber ein-, zweimal das Hochwasser gesehen – ein See, aus dem einzelne Baumkronen ragten und der Berg. Innerhalb des Dammes waren höchstens ein paar tief gelegene Äcker überflutet. Grundwasser.

Im Hof begegnet mir der Knecht Othmar, unterwegs von seiner hofseitigen Kammer zum Häusl am Misthaufen. Er blickt mich indifferent durch seine zehn oder zwölf Dioptrien starken Brillengläsern an. Den halten sie sich als Fachsklaven fürs Stallausmisten, so kommt es mir wenigstens vor.

Mittagessen. Alle schaufeln im bläulichen Licht der einzigen Neonröhre das deftige Essen in sich hinein. Dem Friedrich-Onkel kann das gebratene Schwein gar nicht fett genug sein. Er bringt das anscheinend mühelos mit seiner Wassersucht, seinen Herzinfarkten, seiner schweren Zuckerkrankheit in Einklang. Der Knecht kommt in Gummistiefeln herein, holt sich sein Essen, das am Herd steht. Wortlos. Geht, wortlos. Die Luft in der Küche ist jetzt schon merklich dick. Kaum ist der Othmar draußen, heult der Onkel Friedrich auf, wirft bei einer ungestümen Geste mit der Gabel, die er wie eine Mistgabel hält, fast sein Weinglas um: „Ein Dreckschwein is des!“, zischt er heraus.

Im Sommer haben sie den Othmar auf einer Kuh erwischt; das arme Tier. Und eine andere soll er mit der Mistgabel ins Euter gestochen haben. „Des is ka Mensch, des is a Viech!“ Er wird von ihnen noch viel zu gut behandelt! Anzeigen sollte man ihn! Und rotzfrech ist er und gehorcht überhaupt niemandem mehr. Und eines der Mädchen wollte er in seine Behausung neben den Ställen locken. Aber die gehen ihm jetzt weiträumig aus dem Weg.

Aber – und jetzt wird’s doch noch lustig – eine Heiratsannonce hat der sogar aufgegeben, erzählt der Friedrich-Onkel nach dem Essen weiter. So wie der ausschaut! Auch vor einem halben Jahr. Hat sogar eine Antwort aus Wien darauf bekommen. (Wer die Annonce verfasst hat, weiß ich nicht, der Othmar konnte nämlich nicht schreiben.) Als die Interessentin ihn dann aber erblickt hat – sie haben sich in Wien am Bahnhof getroffen –, soll sie nach dem ersten Schreck gesagt haben, sie zahle ihm den Fahrschein und ein Bier und er soll rasch wieder heimfahren. Das ganze Dorf habe darüber gelacht. Endlich einmal was Lustiges! Und dann war das mit der Kuh. Unglaublich!

Den Knecht hat übrigens mein Großvater über das Arbeitsamt vermittelt, aber das ist schon zig Jahre her. Warum sie ihn nicht hinausschmeißen und sich einen anderen Landarbeiter suchen, frage ich den Onkel Friedrich; wenn der Othmar sowieso für nichts taugt und noch dazu so ein Unmensch ist?

Na, erstens, sagt er, wenn er eingesperrt wird, haben sie erst niemanden, zweitens finden sie keinen, der freiwillig hierher (Arsch der Welt!) geht, das haben sie schon versucht; und drittens ist er schon so lange bei ihnen – da muss er eine nette Abfertigung bekommen, wenn man ihn fortschickt.

Na, dann kann man eben nichts machen. Auf mich wirkt er lammfromm.

Einem weiteren Kreisky-Witz vom Friedrich-Onkel folgt ein uralter Witz über Figl, den "Bundespoldl": Graf Esterhazy begegnet dem Bundeskanzler Figl. Der Graf stellt sich vor: „Gestatten, Esterhazy.“ Darauf der Bundeskanzler: „Freut mi, Figl haß i.”

Haha. Als ich den das erste Mal hörte, war mir nicht klar, was daran lustig sein soll: Figlhasi?

Der Figl-Poldl persönlich habe ihm damals gratuliert, als sie ein weiteres Schwarzhofer-Jahrhundert feierten. Mit dem Stock zeigt der Friedrich-Onkel auf das Foto vom Festakt an der Vorzimmerwand. Ich gehe wieder hinaus in den Hof; in die Stallungen; Backsteinbauten mit Eisenrahmen in Fenstern und Türen – Baustil des industriellen Zeitalters. Alles friedlich – Mittagspause. Im Hintergrund werkt Othmar mit einer Mistgabel herum.

Hans kommt nachsehen. Komm, die Kühe wollen ihre Ruhe haben. Er zeigt mir die Traktorgarage. Zwei riesige Geräte stehen drinnen, mit mannshohen Hinterrädern. Wahrscheinlich wurden mit diesen Traktoren schon mehr Kilometer gefahren, als mit dem grasgrünen Opel Rekord vom Hans, der in der Garage daneben steht.

Im Schuppen hinten stehen zwei Mähdrescher. Der eine, silbergraue, ist schon ziemlich alt; es war einer der ersten in Österreich, der erste im Dorf; fortschrittlich war der Friedrich eben immer. Den hat mein Großvater besorgt, Anfang der fünfziger Jahre. Ich war damals auch mit dabei, ein Zwerg noch. Mein Großvater, der Schreibstubenspezialist, sucht einen Mähdrescher aus! Kein Witz!

Obligate Kaffeejause. Nachher kommt der Dorftratsch, obligat. Lähmend. Ich hatte keine Idee, wohin ich jetzt noch flüchten könnte, eigentlich habe ich alles schon gesehen.

Dämmerung. Halb vier, der Bus wartet; Zeit zum obligaten Abküssen. Die Mitzi-Tante – die gute Seele – ist wie immer weinerlich geworden. Sie steckt mir einen Fünfziger irgendwo hin. Ich habe das zwar erwartet, weil sie mich immer zum Abschied mit Taschengeld versorgt. Der Opapa tut das gleiche bei den beiden Mädchen. Das hat einfach Tradition. Und es macht mich fröhlicher. Wir steigen ein, sie winken uns durch den Dieselqualm zu.

Ein ödes Straßendorf am Arsch der Welt. Alle Fenster sind verhängt, die Tore geschlossen, auf der Straße – wie immer – kein Mensch zu sehen. Nur ein paar Vorhänge bewegen sich leicht ...

Informationen zum Artikel:

Besuch auf dem Lande I

Verfasst von Helmut Drechsler

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Marchfeld
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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