Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Fleckerlteppich der Erinnerungen: 623 Beiträge

Der dritte Hirt

von Adolf Katzenbeisser

Neun war ich, als mein Lehrer ankündigte, in der Vorweihnachtszeit mit uns Schülern im Klassenzimmer ein Krippenspiel zur Aufführung zu bringen. Ich besuchte damals die Dorfvolksschule in Hörmanns bei Litschau im Waldviertel, in der acht Schulstufen mit rund dreißig Kindern in einem Klassenzimmer zusammengefasst waren. Jahrzehnte davor waren die Schüler noch in zwei Klassen in eine Unter- und Oberstufe aufgeteilt. Zu meiner Zeit wechselten nach der vierten Klasse auch schon Kinder in die Hauptschule von Litschau.

Der Lehrer verteilte Textbücherln in Postkartenformat, die er wahrscheinlich von wo geschenkt bekommen hatte und nicht mehr druckfrisch waren. Die Weihnachtsgeschichte war für eine Kinderaufführung im ländlichen Raum geschrieben worden. An mehreren Stellen strich und improvisierte der Lehrer. Die meisten Schülerinnen und Schüler bekamen eine mehr oder wenig lange Sprechrolle, einige nur Statistenrollen, auch als Esel oder Schaf. Die Hauptrollen Maria und Josef wurden mit zwei Mädchen aus der achten Schulstufe besetzt. Ich wurde mit der Rolle des dritten Hirten bedacht. Der Lehrer prüfte uns von Zeit zu Zeit, ob wir den Text beherrschten.

Schon Tage vor der Aufführung entfiel der Unterricht, es wurde auch nicht geprobt. Unter Anleitung des Lehrers wurden eine Krippe gebastelt und Kulissen hergestellt und bemalt. Ein Mädchen brachte ihre große Puppe fürs Jesuskind mit. Mütter nähten Kostüme. Für mich fand sich auf dem Dachboden ein alter Rock, in den ich zweimal hingepasste, und ein Hut mit breiter Krempe, auch viel zu groß. Eine eckige Glaslaterne mit Kerze gaben mir die Eltern erst nach langem Überlegen mit, sie glaubten, sie könnte kaputtgehen. Die Bühne wurde aufgebaut, indem die Schulbänke zusammengerückt und mit rauen Brettern abgedeckt wurden, die der Sägewerksbesitzer zur Verfügung gestellt hatte. Für den Vorhang holte der Lehrer von der Greißlerei einen Ballen Blaudruck. Lange probierte er mit dem Vorhang herum. Mit leeren Zwirnspulen, vielen Metern Schnur und von der Greißlerei herbeigeholten Kilogewichten gelang es ihm schließlich, dass die Vorhanghälften gleichzeitig auseinander- und zugezogen werden konnten. Es fehlten nur noch die Sessel für die Zuseher, sie wurden von den beiden Wirtshäusern geliehen. Bis dahin hatte ich zwei Kindervorstellungen gesehen, in einem richtigen Theatersaal in Litschau: „Die roten Schuhe“ und „Hänsel und Gretel“.

Die einzige Probe war einen Tag vor der Aufführung. Als dritter Hirt hatte ich nicht viel zu sagen, nur im ersten Akt einen Satz – das glaubte ich. Weiter hatte ich im Textbücherl nicht geblättert. Im dritten Akt, während wir Hirten um die Krippe standen, zeigte der Lehrer auf mich, der zweite Hirt gab mir einen Stupser. Ich blickte verdutzt drein. Der Lehrer gab mir das Stichwort „Mühlradl“. Mein Text hätte mit „Und ich geb mein Mühlradl her“ beginnen sollen (womit mein großer Hut gemeint war). Ich blieb stumm.

Der Lehrer strich diese Szene einfach. Er wusste, dass Auswendiglernen nicht meine Stärke war. Gedichte, die er uns zu lernen als Hausaufgabe gab, lernte ich grundsätzlich nicht. Beim Aufsagen hatte eine oder einer nach der Reihe vorzutreten und zumindest eine Strophe aufzusagen. Ich stand immer stumm dort und musterte den großen Ofen. Der Lehrer verbesserte inzwischen am Katheder Hefte, blickte nach einer Weile auf, gab mir als Strafe bis zum nächsten Tag ein weiteres Gedicht zum Auswendiglernen. Ich lernte auch dieses nicht, denn bis dahin hatte er die Sache längst vergessen. Es war nicht leicht für ihn, acht Stufen auf einmal zu unterrichten. Er machte seine Arbeit gut, jene, die in die Hauptschule übertraten, waren gut gerüstet. Trotz seiner Vergesslichkeit machte ich mich klein in der Bank und gab ihm keinen Anlass, dass er auf mich aufmerksam wurde. So überstand ich die Volksschule, ohne ein einziges Gedicht gelernt zu haben.

Bei der Vorstellung am späten Nachmittag war das Klassenzimmer mit Dorfleuten vollgestopft, viele mussten stehen. Es gab keine größeren Pannen, nur ein paar Versprecher. Vereinzelten Hängern in langen Texten begegnete der Lehrer mit Zuflüstern. Nach kurzem Beifall hatten es die meisten Zuschauer sehr eilig, heimzukommen, die Stallarbeit wartete. Ein Schaf-Darsteller musste mit seinen Eltern noch im Kostüm – ein echtes Schaffell – sofort heimgehen. Ein paar Männer gingen anschließend ins Wirtshaus, ihnen wurden gleich einige der geliehenen Sessel mitgegeben. Beim Ausgang stand ein Schüler mit einem Körberl für die freiwilligen Spenden. Der für den Vorhang zerschnittene Stoffballen musste bezahlt werden. Um den Rest der Spenden kaufte der Lehrer später Süßigkeiten für den Osterhasen. Jedes Jahr zu Ostern legten wir Schachteln mit Moos aus, die der Lehrer mit gefärbten Eiern und Süßigkeiten füllte und im Schulgarten und Keller versteckte, wo wir sie zu suchen hatten.

Daheim musste ich mir von den Eltern die Kritik gefallen lassen, ich hätte das Wenige, das ich zu sagen hatte, undeutlich und zu leise vorgebracht. Am liebsten hätte ich überhaupt nicht mitgespielt, sondern den Lichtschalter bedient und den Bühnenvorhang auf- und zugezogen, was aber der Lehrer selbst erledigte.

Informationen zum Artikel:

Der dritte Hirt

Verfasst von Adolf Katzenbeisser

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Litschau, Hörmanns
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag wurde am 9. Dezember 2010 in der Schreibrunde im Café Schottenring in Wien vorgetragen.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.