Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Fleckerlteppich der Erinnerungen: 623 Beiträge

Freud und Leid als Lehrerin

von Eva Novotny

Als wir in unser neues Haus eingezogen waren, hatten wir Freunde zu Gast, deren Kinder in Preßbaum zur Schule gingen. Sie erzählten mir, dass dort ein Zeichenlehrer fehle, und ich solle mich doch um die Stelle bemühen.

Im Familienrat besprochen, waren die Kinder sehr dafür, da sie wollten, dass ihre Mutter nicht nur Hausfrau sei, sondern eine Professorin. Veroni ging damals in die 4. Klasse Gymnasium, Irmi in die zweite und Gudrun in Wien in die 4. Klasse Volkschule. Sie verbrachte den Nachmittag bei meinem Mann im Büro in Wien, bis er abends mit ihr nach Hause fuhr.

Da unsere finanzielle Situation nach dem Hausbau alles andere als rosig war, entschloss ich mich, mich vorstellen zu gehen. Ich hatte einen langen blonden Zopf und saß dem Direktor gegenüber, der sehr freundlich war, einige Fragen stellte und mir dann mitteilte, ich könnte nach den Semesterferien in Vertretung der Kollegin A. beginnen. Ich bekäme den Vertrag auf ein Jahr.

Danach musste ich mich auch in der Erzdiözese bei einem Herrn Wolf vorstellen, Termin war 8.30 Uhr, aber er ließ mich eine Stunde warten, da er noch in Ruhe sein Frühstück verzehren wollte. Ich wurde aufgefordert, die positiven Einflüsse der Kirche auf die Kunst in der Schule hervorzukehren.

Mit sehr gemischten Gefühlen betrat ich meinen neuen Arbeitsplatz, denn ich hatte mir ja 14 Jahre zuvor geschworen, nie wieder in die Schule zu gehen. Aber die trockene Buchhaltung im Büro meines Mannes hatte mir auch keinen Spaß mehr gemacht, und je größer das Büro wurde, desto tiefer sank ich in der Hierarchie. Letzten Endes war ich nur mehr Putzfrau und sollte alle neu aufgenommenen jungen Techniker bedienen, das gefiel mir nicht. Es war auch nicht meine Art, mich als Chefin zu fühlen.

Mit jedem der neu ins Büro kam, fühlte ich mich dort weniger wohl. Mein Mann hatte einen Kompagnon genommen, bessere Leute fürs Planzeichnen, und die Buchhaltung konnte er mit dem Computer auch allein machen.

Mir machte nur eine Arbeit Spaß, bei der ich eigenverantwortlich arbeiten konnte und wo ich auch eigene Ideen einbringen konnte. Das war beim Büroaufbau möglich gewesen, nicht aber später, als das Büro nicht mehr meinem Mann allein gehörte. 

Meine erste Schulstunde war ein Horror. Buben hatte ich überhaupt noch nie unterrichtet, und als ich in eine vierte Klasse mit an die 30 Schüler kam, kam einer der Riesenlackeln auf mich zu, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Na, Eva, wia hammas denn – samma eh per du!" Dann folgte eine Frechheit auf die andere, und ich muss dumm dreingeschaut haben, denn damit hatte ich nicht gerechnet und darum auch keine Antworten parat.

In dieser Klasse folgte keiner, und alle Schüler gingen auf einen los, der stotterte und sich kaum wehrte. Ich versuchte diesen zu beschützen, aber es gelang mir nicht. Die Schüler übergossen ihn mit Tinte, warfen seine Schulsachen in den Mistkübel und beschimpften ihn auf das Ärgste. Da kam mir einmal die Hand aus, und ich haute auf den Spötter ein. Gerade der war es gewesen, der mir immer angekündigt hatte, er werde mir seinen Vater schicken, der mich schon fertigmachen werde. Also sah ich mich schon mit einem Disziplinarverfahren von der Schule fliegen. Aber ich hatte mich getäuscht: Die Schüler sagten, sie hätten nichts gesehen, und dieser Bursche schwieg von da an. Es war wahrscheinlich die Sprache, die er verstanden hatte.

Jedenfalls fiel mir der Anfang sehr schwer, und wenn ich ins Konferenzzimmer kam und mein Leid klagte, sagte mir meine Kollegin: „Gib eine Ruh, raunz mich nicht an!“ Wenn mir dann die Tränen herunterrannen, beschimpfte sie mich und meinte, ich könne sie dadurch nicht erpressen. Das wollte ich doch gar nicht. Ein bisschen Trost oder Zuspruch hätte halt gut getan.

Sitzplatz hatte ich auch keinen und auch kein Kästchen für meine Sachen, ich war immer nur irgendwo für ein paar Minuten geduldet.

Es gab im Zeichenkammerl keinerlei Werkzeug, weder Scheren noch Linolschneider noch Dias noch Bilder oder Bücher. Dasselbe im Werkraum.

Ich merkte sehr bald, dass ich zwischen zwei feindlichen Lagern stand. Die Be-Kolleginnen R. und K. konnten einander nicht ausstehen, und ich hatte das Gefühl, zwischen beiden zerquetscht zu werden. Jede schimpfte über die andere, und wenn mir eine etwas sagte, meinte die andere, das stimme nicht und umgekehrt.

Kein Mensch sagte mir, dass ich im Papiergeschäft das Material, das für Ausstellungen und Schulangelegenheiten bestimmt war, holen könnte. Ich zahlte jahrelang alles aus meiner Tasche, bis ich durch einen Zufall daraufkam.

Ich fotografierte über 2000 Dias, um Unterlagen zu haben, und schaffte mir nach und nach Scheren und Stanleymesser an, um für verschiedene Arbeiten Werkzeug zu haben.

Kein Mensch führte mich je in Gepflogenheiten der Schule ein. Als ich das Klassenbuch einmal im Zeichensaal liegen ließ, bekam ich einen Verweis einer Kollegin, es wäre meine Pflicht gewesen, es ins Konferenzzimmer zu tragen. In der Linzer Schule war dies Aufgabe der Schüler gewesen.

Ein Lichtstrahl war Eva R., eine neue Kollegin, mit der ich mich gut verstand, aber sie ging leider nach einem Jahr schon nach Japan.

Jedenfalls gab es unter den Zeichnern nur Eifersüchteleien, und ich zog mich sehr bald zurück und vermied es, Gefühle zu zeigen, denn dafür hatte niemand Verständnis.

Kein Mensch bot mir das Du-Wort an und ich fühlte sehr, dass die, die in meinem Alter waren, schon ein geschlossener Freundeskreis waren, in den niemand eindringen durfte, und die Jüngeren und Jungen, die in den folgenden Jahren in die Schule kamen, sich auch zusammengehörig fühlten. Manchmal tat es weh, wenn man hörte, wie sich die anderen nach Konferenzen noch irgendwo trafen, aber uneingeladen wollte ich mich nicht aufdrängen.

Der Direktor behandelte mich auch sehr von oben herab. Solange ich brav tat, was er wollte, war er freundlich, doch als ich begann, "Ansprüche" zu stellen, um die Situation des Werkens zu verbessern, da zeigte er sich kalt und ohne Verständnis. Für ihn hätte man dieses Fach eigentlich ganz abschaffen können.

Ich machte Gemeinschaftsarbeiten, aber niemand bezahlte das Material. Vieles musste ich aus eigener Tasche begleichen, und mir war es schließlich und endlich zu blöd, dauernd betteln zu gehen, wurde doch allgemein verlautbart, dass sogar die Passepartoutpapiere für die Ausstellungen von den Schülern bezahlt werden sollten, was ich wiederum nicht einsah.

Als ich einmal bemängelte, dass der Zeichensaal immer ungeputzt blieb, meinte der Direktor, ich solle ihn doch mit den Schülern putzen, und als ich dann sagte, ich täte das gerne aushilfsweise, aber nicht als Regelfall, fuhr er mich vor allen Kollegen an und brachte mich zum Schweigen. Damals war ich erstaunt, dass einige Kollegen für mich das Wort ergriffen hatten und meine Ansicht verteidigten. Es passierte noch einige Male, dass ich so abgefertigt wurde, bis ich mich entschloss zu schweigen, um mir Aufregung zu ersparen.

Die letzte Abfuhr erlitt ich, als ich bat, dass ein Bosnier in unserer Schule bleiben dürfe. Da fragte der Direktor in der Konferenz den H.(einen Vertreter der Freiheitlichen), ob der es sinnvoll fände. Dieser verneinte, und um das Thema abzuwürgen, erklärte der Direktor dann den Konferenzteilnehmern, dass den Bosniern sowieso eine Maturaschule bezahlt werde, was gar nicht stimmte. Mir sagte er später unter vier Augen, ich solle für die Flüchtlinge Hilfsarbeiterstellen suchen. Damit war für ihn die Sache erledigt.

Einmal fragte ich, ob eine Schule aus der Slowakei Kontakt mit unserer Schule haben könne, worauf er meinte, das bringe der Schule nichts. Später hörte ich dann, dass dieser slowakische Direktor selbst an die Schule geschrieben hatte und doch ein Austausch zustande gekommen war, aber ich durfte davon nichts erfahren.

Auch mein Projekt gegen die Ausländerfeindlichkeit fand keine Unterstützung. Im Gegenteil, ich bekam noch Schelte, dass ich viel mit meinem eigenen Geld finanziert hatte; ich dürfe nur etwas tun, das das Budget erlaubt. Mir war es aber wichtig. Die Aufteilung des Kulturbudgets ging sehr seltsam vor sich. Es bekamen alle Projekte gleichviel, egal wie und was der Inhalt war und wie lange sie dauerten.

Einige Kollegen waren immer unfreundlich und abweisend. Das war schlimm, wenn man auf Zusammenarbeit angewiesen war. Wir gingen gemeinsam in die Klasse, aber der Kollege G. antwortete nicht einmal auf mein  „Guten Morgen“. Alle Jahre sprach er nichts mit mir, versperrte die Kästen mit eigenem Schlüssel, so dass ich kein Werkzeug mehr benützen konnte.

Meine Rigips-Tonunterlagen verschwanden, denn wir im textilen Werken hatten ja keinen Kasten. Ich brachte also, in letzter Not, einen Kasten von zu Hause in die Schule, aber es verschwanden auch unsere Scheren und Maschinkapseln, so dass ein Freude machender Unterricht kaum mehr möglich war. Wie sollte man auch mit sechs funktionierenden Nähmaschinen 22 Schülerinnen der dritten Klasse in dem kleinen Raum unterrichten?

Ich hörte nur: „Sie müssen sich den Gegebenheiten anpassen!“ Ja, wie sollte der Unterricht aber dann attraktiv und zeitgemäß sein?

Manchmal war es ganz zu verzweifeln, dann wenn ich filzte und keinen Raum hatte, um die feuchten Sachen aufzuhängen, wenn der Geruch der Seife die nachfolgende Kollegin störte. Wie sollte man da innovativ sein, wenn jeglicher Freiraum fehlte?

Mit einer halben Klasse durfte man auch keinen Lehrausgang machen, man konnte schon gar nicht mit Schülern aus verschiedenen Klassen einen Betrieb besuchen. Viermal plante ich mit Schülern wegzufahren, viermal wurde es mir nicht gestattet.  

mehrere junge Leute vor einer Hütte
Auf einem Wandertag (1967)

Wandertage habe ich immer sehr geschätzt, denn da konnte man zu den Schülern in näheren Kontakt kommen, mit ihnen plaudern, sie kennenlernen, was mir so am Herzen lag. Eigentlich wäre ich immer gern Klassenvorstand gewesen, aber der Direktor sagte mir gleich, dass ich als Zeichenlehrer kein Klassenvorstand sein könne.

Am traurigsten war ich aber über die Nicht-Anteilnahme. Es wurde weder mein 50. Geburtstag erwähnt (andere wurden groß gefeiert), noch wünschte mir jemand Beileid zum Tod meiner Eltern. Nicht einmal als Mutti schwer krank war, durfte ich mir ein paar Tage frei nehmen, ich musste ein ganzes Monat unbezahlt nehmen, obwohl ich Anspruch auf eine Woche Pflege gehabt hätte und mir die Projektwoche geschenkt hätte werden können. Hätte ich nicht hunderte Stunden unbezahlt fürs Theater gearbeitet, dann hätte ich es vielleicht nicht verdient, aber so glaube ich, wären mir die paar Tage bei etwas gutem Willen schon zugestanden.

Drei Wochen war ich mit meiner operierten Hand im Krankenstand, auch da hat mich kein Mensch besucht oder angerufen. Es hat mich gekränkt, weil ich doch alle Kollegen, die ich im Krankenhaus wusste, besucht hatte. Es zeigte mir nur, dass ich niemandem abging und auch keine Freunde in der Schule hatte.

Alle Ausgaben für die Schule musste man monatelang vorstrecken. Das waren Summen von 1000 bis 6000 Schilling, und das ärgerte mich oft, weil mein Gehalt für die ganze Familie reichen sollte und ich verärgert war, mein Konto für die Schule überziehen zu müssen. So war es bei den Einladungen für die Ausstellungen, bei Stoffkauf fürs Theater, bei Ausgaben für die Schulballdekoration.

bunte Kulisse einer Schultheateraufführung
Kulissen einer Schultheaterinszenierung von "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" (1991)

Dafür wurde aber jeder Schilling, den man von der Schule privat telefonierte, verrechnet, leider organisierte ich alle Projekte von zu Hause und konnte meine Telefonkosten niemandem verrechnen. Auch jede Kopie musste ich bezahlen, bis mir mein Mann zu Hause einen Kopierer hinstellte, der schließlich billiger kam und besser funktionierte. Einmal spendete ich der Schule eine große Papierschneidmaschine aus dem Büro, aber sie wurde nie richtig montiert und konnte nie verwendet werden, bis sie eines Tages verschwand.

Wenn ich mich nach den positiven Erinnerungen frage, nach den Sternstunden, dann sind das ein paar wenige Stunden, die ich mit Schülern erlebt habe, die sich interessiert haben und die willig waren, etwas zu lernen und wo ich dann erleben durfte, dass sie Fortschritte gemacht haben.

Ich denke an eine Weihnachtsfeier für eine afghanische Flüchtlingsfamilie, die ich mit einer Klasse gestaltet hatte, wo jeder mittat, und auch der Besuch bei einem Äthiopier im Integrationshaus und das Interview mit zwei Schülern sind gut gelungen. Mit zwei Klassen spielte ich Theater und wir verfilmten das Stück, auch das war ein Erlebnis.

mehrere Kinder/Jugendliche vor zahlreichen Kartons einer Spendensammlung
Sammlung für den Kosovo, vor Kriegsausbruch (1996)

Ich war immer der Meinung, dass die Schule viel Action braucht, um den Unterricht lebendig zu gestalten. Ein Afrikaprojekt hat dazu sicher viel beigetragen. Wieder aber war ich enttäuscht, dass mir die ganze finanzielle Last blieb und dass kein Hilfsprojekt daraus entstand. Denn mit allen meinen Aktionen wollte ich eigentlich nur die Schüler aktivieren, selbst etwas auf die Beine zu stellen, sich zu engagieren, leider ist mir das nicht gelungen, was mich sehr traurig machte und mir eigentlich zeigte, dass ich als Lehrer nicht sehr begabt bin, da ich das nicht vermitteln konnte. Der Funke sprang nicht über.

Ich versuchte, mir von den Schülern Zeugnisse ausstellen zu lassen. Aber ich  bemerkte, dass mir die guten und interessierten Schüler ein gutes Zeugnis ausstellten, die schlechten ein schlechtes. Vielleicht aber habe ich nur meine Ansprüche zu hoch geschraubt? Habe ich vielleicht doch etwas vermitteln können? Diese Frage werde ich selbst nie beantworten können.

Trotz allem, habe ich alle Schüler geliebt, auch die schwierigen, die mir oft ein Anliegen waren. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie man es sich so leicht machen konnte, sie einfach abzuschieben, anstatt Möglichkeiten ihrer Integration oder Besserung zu suchen. Oft bemerkte ich, dass es nicht um den Menschen ging, sondern um die reine Wissensvermittlung, das widerstrebte mir, und ich versuchte mich dagegenzustellen, denn für mich war immer der Mensch das Wichtigste.

Informationen zum Artikel:

Freud und Leid als Lehrerin

Verfasst von Eva Novotny

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Wien-Umgebung, Preßbaum
  • Zeit: 1980er Jahre, 1990er Jahre

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.