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Kulinarische Kindheit

von Herta Hum

„Die is a ganze Resch“, das habe ich als Kind oft gehört, denn ich habe immer meinem Vater sehr ähnlich gesehen und war auch im Wesen wie er – und auch kulinarisch. Diese Genüsse waren für mich als Nachkriegskind ein bisschen anders, als es für heutige Kinder ‚in’ ist, aber für mich war es auch ohne MacDonald herrlich.

Zum Beispiel bei unserem Bäcker. Am Rand vom Schwendermarkt hat er einen kleinen Laden gehabt, einige Sorten Brot, die sich wahrscheinlich nur durch die äußere Form unterschieden haben, Kaisersemmeln, Salzstangerln und Öl, das mit einer kleinen Pumpe in die Flaschen eingefüllt wurde, welche die Hausfrauen von zu Hause mitbrachten.

Getragen wurde alles in Einkaufstaschen, eckig, mit breitem Boden, aus einer Art Karton, den man feucht abwischen konnte.

Ja, und als Besonderheit gab es auf der Budel einen Teller mit abgebrochenen Rippen von einem Creme-Block – eine Art Kochschokolade, weich gefüllt. Ich hab so was natürlich nur bekommen, wenn ich brav war. Als hätte ich mit vier oder fünf Jahren wirklich schlimm sein können? „Sag bitte!“ „Sag danke!“ „Mach ein Knickserl!“ „Schau die Leute an beim Reden!“ „Sei nicht vorlaut!“ „Putz dir die Schuhe ab und zieh dir ein Westerl an!“ Wenn ich all diese Regeln meiner Mutter befolgt habe, hat sie mir manchmal zwei Rippen gekauft: „Aber nicht auf einmal essen, und vorher die Hände waschen!“

Bei meinem Vater war das ein bisschen lockerer, er war mehr für „Leben und leben lassen“, und so haben wir so manchen Fleck aus meinem Kleid gewaschen, weil wir sonst beide „Schimpfer“ bekommen hätten. Und von so manchem Punschkrapferl „vor dem Essen“ haben wir zu Hause nichts erzählt, denn Sie wissen schon: Viel wissen macht Kopfweh!

Alle Resch, also die väterliche Seite, hatten mit Essen zu tun: ein Bäcker, ein Gemüsegeschäft, ein Greißler, ein Fleischer. Mein Großvater holte sich seine Frau zwar nicht aus Brünn, sondern aus Nikolsburg und wollte in seiner Bäckerei neben Brot und Gebäck auch Mehlspeisen verkaufen, was damals in dieser Form neu war. Aber leider hat der Erste Weltkrieg alles traurig beendet, und meine Großmutter hat außer drei Buben nicht viel zum Lachen gehabt.

Vielleicht hat mein Vater gerade deshalb sehr viel Optimismus gezeigt, und etwas naschen oder ein feines Essen hat ihm große Freude bereitet. Er hat zum Beispiel immer die Christbaumstückerln vom Baum gepflückt, aber die leeren Papierln hängen lassen, damit man’s nicht gleich merkt. Ich hab ihn – Ehrensache – nie verraten.

Mann und Mädchen auf größerer Wiese
Mit meinem Vater im Lainzer Tiergarten (um 1953)

Wenn ich, wie oft am Abend, unser kaltes Nachtmahl herrichte, denke ich an meine Kindheit, die nicht zuletzt auch durch verschiedene Speisen einen wöchentlichen Rhythmus erfahren hat. Am Freitag, zum Beispiel, waren wir im Winter, wenn es beständig kalt war, fast immer Eis laufen – am Natureislaufplatz am Margaretengürtel, wo man bei heißem Tee mit Rum (wenn man das Geld dafür hatte) ein oder zwei Schlager hören konnte, die immer wiederholt wurden. Viel moderner ging es schon in der neu erbauen Stadthalle zu, und wir Mädchen sind uns schon sehr sexy vorgekommen, wenn wir uns am WC alle mit einer „Spuck-Wimperntusche“ (was das genau ist, verrate ich nur Insidern), die Augen geschwärzt haben. Nach dem Sport zu Hause waren wir dann wieder hungrige Kinder. Bei uns hat es oft Sardinenbrote mit russischem Tee gegeben. Herrlich!

Ich bin oft entsetzt, wenn ich aus den Medien erfahre, dass tausende Kilo Lebensmittel weggeworfen werden. Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Kinder gerne ein, zwei Stunden als Kochstunden für preiswertes Restlessen verbringen. Das wäre gut fürs CO2 und eine gute Schule fürs Leben, die außerdem Spaß macht. Für viele, die am 15. des Monats schon den Letzten haben, wären gebratenes Brot mit Zwiebeln oder Braterdäpfel mit Milch oder Topfennockerln mit Röster oder eine ordentliche Erdäpfelsuppe ein Essen, das außer etwas Mühe beim Zubereiten fast nichts kostet.

Ja, so könnte ich noch lange berichten von Gabelbissen und Zimtschnecken (das Beste ist in der Mitte), von Krapfen, die eigentlich nur in den Fasching gehören, und auch das Eis schmeckt an einem heißen Sommertag am besten. Und weil man aufhören soll, wenn’s am besten schmeckt, sage ich nur mehr: Danke und wohl bekomm’s!

Informationen zum Artikel:

Kulinarische Kindheit

Verfasst von Herta Hum

Auf MSG publiziert im März 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre

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