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Der Haderlump

von Gertraud Siedler

Einer meiner Lieblingsplätze als kleines Kind war der an der Seite meines Opas. Er, Jahrgang 1904, hatte nicht nur zwei Weltkriege miterlebt, über die er gerne und ausführlich erzählte; er wusste auch sonst so einiges zu erzählen – und das so lebendig und mitreißend, dass es mir stets vorkam, als hätte ich das Ganze selber erlebt!

Mein Opa hatte übrigens das, was man eine harte Schale mit einem weichen Kern nennt – anderen Menschen mochte er oft ruppig und etwas derb erscheinen; etwaigen Widersachern begegnete er mitunter alles andere als freundlich und äußerst stimmgewaltig. Im Umgang mit mir – seiner jüngsten Enkelin (Jahrgang 1976) bröckelte die harte Fassade, er schmolz regelrecht dahin und war mir der liebste Großvater, den ich mir nur vorstellen konnte. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass er mich jemals bei meinem richtigen Namen – Gertraud – genannt hätte, für ihn war ich immer "das Dianei“.

Da die Großeltern das Erdgeschoß meines Elternhauses bewohnten, war „das Dianei“ natürlich tagein, tagaus Stammgast bei Oma und Opa.

Da der Opa nicht mehr besonders mobil war, verbrachte er die meiste Zeit auf seinem Diwan in der Küche – leider hörte er schon ziemlich schlecht und war außerdem, zumindest nach eigenen Angaben, fast blind (nur wer unangemeldet in der Küche erschien, konnte ihn manchmal – zwar mit der Nase nahe am Papier, aber immerhin – beim Zeitunglesen ohne Brille ertappen…) – und hatte so jede Menge Zeit, um für mich zu erzählen.

Meine absolute Lieblingsgeschichte war die vom Haderlump. Und obwohl ich sie schon oft und oft gehört hatte, bettelte ich den Opa immer wieder an, sie mir doch noch einmal zu erzählen:

Opa war in jungen Jahren auf einer Alm beschäftigt. Auf dieser Alm war Opa also für sämtliches Getier, das hier den Sommer verbrachte, verantwortlich, und so war es nicht weiter verwunderlich, dass er keine Freude hatte, als offensichtlich ein ungebetener Gast rund um die Hütte sein Unwesen trieb: ein Fuchs!

Nachdem sich dieser eine Weile ungestraft an den Hühnern gütlich getan hatte, war Opas Groll gegenüber dem Übeltäter dementsprechend groß, und er beschloss, nicht länger tatenlos zuzusehen…

Eines Abends war es dann endlich so weit: Als Opa gerade aus der Hütte herauskam, stieß er beinahe mit dem frechen Fuchs zusammen. Alle beide müssen wohl gleichermaßen erschrocken sein, denn Opa stieß einen lauten Schrei aus: „DU HAAAADERLUMP!!!“, und der Fuchs suchte schleunigst das Weite.

An dieser Stelle machte Opa den Schrei immer so naturgetreu nach, dass es einen – während man noch eben versonnen der Geschichte gelauscht und sich die Szene bildlich vorgestellt hatte – regelrecht zusammenfahren ließ.

Opas "DU HAAAADERLUMP!"–Schrei war für mich das Beste an der ganzen Geschichte, und irgendwie hatte ich auch immer ein wenig Mitleid mit dem armen Fuchs; der hat sich wahrscheinlich nie wieder in die Nähe dieses „donnernden“ Almhirten gewagt!

Informationen zum Artikel:

Der Haderlump

Verfasst von Gertraud Siedler

Auf MSG publiziert im März 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tirol, Unterland
  • Zeit: 1920er Jahre, 1980er Jahre

Anmerkungen

Die – zugegeben nur kleine – Geschichte soll ein Andenken an meinen Großvater (1904–1990) sein, der durch seine Anwesenheit, seine Güte und seinen Erfahrungsschatz meine Kindheit und mein Leben überhaupt bereichert hat. Im Übrigen schreibe ich hauptsächlich deshalb, weil ich GERNE schreibe!

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