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Hirschengasse 11

von Siegfried Mittermayr

Unser Haus in der Hirschengasse 11 war ein Biedermeierhaus etwa aus 1830; zwei Stock hoch, die Wohnungen im zweiten Stock zum Teil über einen offenen Gang, eine „Pawlatschen“ zu erreichen. Wir hatten die Hausherrnwohnung im ersten Stock inne.

etwas verfallen wirkendes Wiener Eckhaus
Unser Wohnhaus: Hirschengasse 11, Ecklokal im Erdgeschoß rechts: Korbflechterei Schütt, links: Kurzwarengeschäft. Unsere Wohnung: alle Fenster im 1. Stock. Foto: Wiener Stadt- und Landesarchiv (um 1962)

DIE WOHNUNG: Unsere Wohnung war verhältnismäßig gut ausgestattet: Wir hatten Fließwasser in der Küche, letztere geräumig mit Fenster auf die Straße, keine Gangküche. Auch unser eigenes Klosett, wenn auch am Gang, während die übrigen Parteien ein zweites unter sich aufteilen mussten: Ein Klo, das von allen Parteien benutzt und von keiner gereinigt wurde, wie Arik Brauer in einer Erzählung schreibt. Der Wasserversorgung diente die berüchtigte „Bassena“.

Freilich waren die Räume der Wohnung „Durchgangszimmer“, d.h. vom Vorzimmer aus waren sie aufgereiht wie die Perlen auf der Schnur; um zum hintersten zu kommen, musste man durch alle anderen durchgehen. In den zwei Zimmern plus Kabinett und großem, hellen Vorzimmer hatten wir vornehme Eichenparkettböden mit Stern- und Karomustern. Diese mussten ein bis zweimal im Jahr mit Lauge und einem kräftigen Schuss Salmiak auf den Knien gebürstet werden, was ordentlich in Nase und Augen stieg. Das besorgte immer meine Mutter. Nach dem Trocknen wurde Bohnerwachs ebenfalls auf den Knien mit einem Lappen aufgetragen und dann mit der Bohnerbürste, einer aus Deutschland mitgebrachten schweren eisernen Bürste mit besenlangem Stiel geglänzt. Die traditionellen Wiener Hausfrauen verwendeten eine mit einem Riemen am Fuß befestigte Bürste. Wachsen und Bohnern war die Aufgabe von uns älteren Geschwistern.

In der Küche stand neben Gasrechaud und Gasbackofen ein Sparherd, der im Winter zum Heizen und Kochen diente. Dazu eine Zinkbadewanne, in der wir Geschwister nacheinander am Samstagabend badeten. Das Badewasser wurde in einem großen Topf am Gasrechaud gewärmt.

An den Doppelfenstern waren Jalousien aus dünnen grün gestrichenen Brettchen, die man nach außen spreizen konnte, was dem Haus im Sommer einen mediterranen Anstrich gab. Diese Jalousien endeten nach Kriegsende teils als Brennholz, teils dienten sie zur Befestigung von Papier als Glasersatz in den Innenfenstern: Entsprechend den ausgegebenen Empfehlungen hatten wir in der Zeit der Bombenangriffe die Innenfenster ausgebaut und in einem Raum aufgestellt; leider schlugen einige Bombensplitter ausgerechnet in die gestapelten Fenster, sodass unsere Vorkehrungen vereitelt wurden. „Hast du deine Fenster auch schon verpappendeckelt?“, fragte ein Amtskollege meinen Vater; damals waren wir sogar froh, wenn wir dafür durchscheinendes Papier auftreiben konnten. Am 22.10. und 26.10.1945 notierte mein Vater in seinem Tagebuch: Fenster vermacht bzw. Fenster instand gesetzt.

weißer hoher Kachelofen

In einem Raum gab es einen wunderschönen weißen Kachelofen, einen so genannten „Schwedischen Kamin“, heute als Antiquität höchst gesucht.

Alle diese Schätze wurden um 1960 mit dem gesamten Haus demoliert, wie fast alle ähnlichen Häuser in der Gasse und im ganzen 6. und 7. Bezirk; das Spittelbergviertel ist ja nur ein kläglicher Überrest aus dieser Zeit.

Unsere Vormieter hatten ein Telefon, es war, wie damals üblich, im Vorzimmer an der Wand montiert. Meine Eltern hatten es abgemeldet, und so wuchs ich ohne jede Übung im Telefonieren auf. Ich war schon fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, als ich wegen eines „amtlichen“ Anrufes für meinen Vater von unserem Nachbar Dradva an sein Telefon gerufen wurde. Vor lauter Aufregung verstand ich kein Wort, der Anrufer wiederholte seine Nachricht immer lauter und schließlich ärgerlicher; hörbar hatte er den Eindruck, es mit einem Schwachsinnigen zu tun zu haben. Ich genierte mich zu Tode vor ihm und den mithörenden Dradvas und behielt einen Horror vor jeglichem Telefonieren bis weit in meine Studienzeit. Erst langsam gewöhnte ich mich daran, vom „Telefonhütterl“ am Loquaiplatz aus zu telefonieren, z.B. mit Erika, die natürlich ein Telefon zu Hause hatte. Meine Bewunderung galt lange jenen Dreijährigen, die das Telefon wie selbstverständlich handhaben!

Beim Schreiben dieses Berichtes wird mir bewusst, dass niemand die Frage nach unseren Vormietern gestellt hat. Warum war die Wohnung zu dieser Zeit leer? Waren ihre Bewohner vielleicht – im Gegensatz zu denen jener Wohnungen, die mein Vater abgelehnt hatte – schon „weggeschafft“? Weder von meinen Eltern noch von den anderen Hausparteien habe ich etwas darüber gehört. Das gehört wohl zu den vielen Dingen, über die der Mantel des Schweigens gebreitet blieb.

DER HOF: Der Hof war für uns Kinder tabu. „Zum Spüln geht’s auf die Gassn!“ tönte es seitens der Hausmeisterin. Sie war aber nicht die Schlechteste; in den chaotischen Nachkriegstagen verteidigte sie unsere leer stehende Wohnung. Im März 1944 wurden in Wien die meisten Schulen geschlossen und die Familien mit Kindern zu Bauernhöfen aufs Land bzw. die Schüler in Lager verschickt. Unsere infolgedessen leer stehende Wohnung stach irgendwelchen Freibeutern ins Auge und sollte mit der Begründung, sie gehöre geflüchteten reichsdeutschen Nazis, beschlagnahmt werden. Ebenso versteckte sie unsere Pendeluhr, indem sie sie in den Swoboda-Dauerbrandofen versenkte.

Die Bassena des Erdgeschoßes war im Hof. Im Winter wurde sie durch eine Art Brunnenhäuschen ähnlich dem Gehäuse einer Standuhr vor dem Einfrieren geschützt, allerdings nur unvollkommen.

Ab Sommer 1942 trat das „NSV-Schwein“ auf den Plan (NSV = Nationalsozialistische Volkswohlfahrt): Im Hof wurde ein primitiver hölzerner Bottich aufgestellt, in dem die spärlichen Küchenabfälle gesammelt und zwecks Verfütterung abgeholt wurden. Das überall verteilte Schweinchen zeigte an, „was mir schmeckt und was nicht“.

Abbildung eines Schweines mit Aufschriften, was es zu fressen bekommen soll, was nicht
Das NSV-Schwein (Privatsammlung Erika Mittermayr)

DIE WASCHKÜCHE: Ein kleiner Anbau im Hof war die Waschküche. Der alle drei bis vier Wochen herandrohende Waschtag war gefürchtet. Die Wäsche musste eingeweicht, in einem großen Kupferkessel gekocht oder erhitzt werden, im Waschtrog mit Waschrumpel und Bürste bearbeitet, sodann mehrfach geschwemmt, händisch ausgewrungen und schließlich oben auf dem Dachboden zum Trocknen aufgehängt werden. Im Winter war sie oben steif gefroren; man musste sie vorsichtig abnehmen, damit das Gewebe nicht brach.

Meine Schwester Hanna und ich mussten ordentlich mithelfen; meine Aufgabe war vornehmlich das Heizen des Waschkessels. Verheizt wurde ohne Rücksicht auf Rauch und Gestank alles, was irgendwie brennbar war; in der Waschküche vornehmlich die Abfälle der im Haus befindlichen Korbflechterei und nach Kriegsende die Akten des in der Hirschengasse 13 befindlichen „Ehren- und Disziplinargerichtes“ der NSDAP.

Woher, weiß ich nicht, aber diese Akten fanden sich sackweise in der Waschküche, und ich vertrieb mir die Zeit mit ihrer Lektüre; handelten sie doch von verbotenen Beziehungen zwischen deutschen Frauen und Kriegsgefangenen, sonstigen verbotenen Beziehungen oder auch Schleichhandel; über die verhängten Strafen weiß ich nichts mehr, sie werden außer dem Parteiausschluss empfindlich gewesen sein. Mit meinen vierzehn oder fünfzehn Jahren las ich die Akten mehr wie heute die Kriminalstories in der Kronenzeitung. Man sieht und wird auch weiter sehen, es war damals nicht die Zeit, viel zu fragen; ich nahm die Dinge so, wie sie waren! Heute denke ich mehr an das Lebensschicksal der Betroffenen und dass damit hochinteressantes historisches Material vernichtet wurde!

DER KELLER: Wer je den Keller unseres Hauses betreten hat, braucht keine Interpretation des Gedichtes „kindafazara“ von H.C. Artmann:

kölaschdiang, kölaschdiang ...

drei glane granzaln, fia drei glana maln, auf da kölaschdiang...

Eine steile Wendeltreppe führte in ein dunkles, nur mit Kerzenlicht erhelltes feuchtes Gewölbe. In unserem Abteil hatten wir Koks und Kohle gebunkert sowie unseren Vorrat an Kartoffeln, der bis zur neuen Ernte Ende August reichen musste. Kartoffelholen war meine Sache; ich packte die dezimeterlangen Keime am Schopf und zog die daran hängenden Kartoffeln heraus; gleichzeitig mussten die faulen Erdäpfel herausgeklaubt werden; die stanken gewaltig. Nichtsdestoweniger waren wir heilfroh über unseren lebensrettenden Kartoffelvorrat!

Vom Keller führte ein Schacht zu einer Blechluke auf die Straße. Ursprünglich wohl nur zur Einlagerung von Sachen bestimmt, war sie mit Steigeisen versehen und diente als Fluchtweg bei Bombardierung des Hauses.  Außen war die Luke mit LSR (Luftschutzraum) beschriftet und sollte Rettungskräften den Weg zur Bergung Verschütteter weisen. Der kundige Blick entdeckte solche weiße Beschriftung noch Jahrzehnte nach Kriegsende an ähnlichen Plätzen.

Tatsächlich flüchteten wir bei Fliegeralarm zunächst in diesen Keller, später in den komfortableren der Hauptschule in der Hirschengasse Nr.18. Die bald nach unserem Einzug einsetzenden, fast nur nächtlichen Fliegeralarme gehören, obwohl damals noch keine Bomben fielen, zu den unangenehmsten Kriegserinnerungen: Das Heulen der Sirenen, aus tiefstem Schlaf aufschrecken, schlotternd in die Kleider, schlaftrunken durch die Kälte in den Keller und dort auf die Entwarnung warten!

DIE HAUSPARTEIEN: Auf gleicher Höhe mit uns gab es die Buchbinderei des Herrn Dradva. Er war ein Meister seines Faches, Lehrer an der Gewerbeschule in der Mollardgasse und konnte kunstvoll geprägte Ledereinbände herstellen. Deshalb war er für würdig befunden worden, für den „Führer“ Adolf Hitler 1938 anlässlich des Anschlusses einen kostbaren Lederband als Ehrengabe der Stadt Wien zu erzeugen.

Solche handwerkliche Buchbindereien waren gar nicht so selten, z.B. gab es auch eine in der Königsegggasse, Ecke Esterhazygasse. Man konnte dort zerlesene oder beschädigte Bücher neu binden lassen. Bücher waren ja ein von ihrem Eigner sorgsam gehüteter Schatz, nicht so wie heute ein sich kaninchenhaft vermehrender Wegwerfartikel. Symbol dieser Einstellung war ein Original, ein beleibter älterer Mann, der, um seinem Lesevergnügen frönen zu können, mit einem aufgeschlagenen Buch auf einer Art Bauchladen vor dem Körper durch die Gassen von Mariahilf wandelte.

WANZEN: Ob zu Recht oder nicht: Meine Mutter sah in der Dradva’schen Buchbinderei die Quelle einer Invasion von Wanzen ein paar Monate nach unserem Einzug. Von Bulgarien her waren wir mit den Lebensgewohnheiten dieser heute schon „gefährdeten Tierart“ gut vertraut: In alten Büchern können sie angeblich zehn Jahre ohne Nahrung überleben; scheinbar leblos, selber dünn wie Papier, beleben sie sich bei Auftauchen einer Beute und starten ihre nächtlichen Angriffe. Aufmerksam wurden wir durch kirschkerngroße Blasen an Armen und Beinen meiner zweijährigen Schwester. Eine Inspektion unseres Kinderzimmers ergab einen massenhaften Befall! Nun wurden sämtliche Schlupfwinkel, in die sich die Wanzen tagsüber zurückziehen, inspiziert: Ritzen in Türstock und Sesselleisten, Bettgestell, Bilderrahmen und dergleichen; die erbeuteten Exemplare wurden auf Nadeln aufgespießt und schließlich alle in Frage kommenden Plätze mit der Flytox Spritze (auf Wienerisch: Flitspritze) mit Petroleum gründlich eingesprüht. Bis die Wohnung wanzenfrei war, musste die Prozedur mehrmals wiederholt werden. Einige Jahre nach Kriegsende hatten wir ein ähnliches Erlebnis; da kam aber schon das Wundermittel DDT zur Anwendung!

Informationen zum Artikel:

Hirschengasse 11

Verfasst von Siegfried Mittermayr

Auf MSG publiziert im April 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 6. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus der Broschüre von Siegfried Mittermayr, "Erinnerungen an die Jahre 1941-1956 in Mariahilf und anderswo" Wien 2007, wieder.

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