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Der Loquaiplatz

von Siegfried Mittermayr

Ein weiterer zentraler Lebensraum war der Loquaiplatz: Mit 4.500 Quadratmetern der kleinere Park des an Grünflächen armen 6. Bezirkes. Benannt nach Ferdinand Loquai (1838 – 1899), Gemeinderat und Landtagsabgeordneter, entstand er auf den Gründen der ehemaligen Gumpendorfer Kaserne, die samt ihrem Exerzierplatz 1903 abgerissen wurde.

Alte Stadtansicht eines Exerzierplatzes
Exerzierplatz der Gumpendorfer Kaserne, heute Loquaiplatz (Foto: Bezirksmuseum Mariahilf)

An ihrer Stelle wurde die bis zur Hirschengasse durchreichende Bürgerschule (Nr.4) sowie rund um den Platz, in der unteren Kasernengasse (so hieß bis lange nach dem Krieg die heutige Otto-Bauer-Gasse), in der Worellstraße und der Liniengasse Nr. 2 und 4 großzügige, vier bis fünf Stock hohe Häuser in Anlehnung an den Jugendstil errichtet. Erwähnt sei hier die an der Südseite gelegene „Vereinigte Seidenwarenfabriken Gebrüder Schiel AG“, bis zum Zweiten Weltkrieg eine Weltfirma und noch in den Sechzigern dort ansässig: Als wir im März 1944 nach Euratsfeld umquartiert wurden, erhielten wir von dieser Firma große Holzkisten für unser Umzugsgut, welche die Arbeiter dann mit Stahlbändern verschlossen und transportsicher machten.

Erwähnen möchte ich noch das nach Kriegsende an der Ecke Kasernengasse / Gumpendorfer Straße eingerichtete Lokal der „Solidarität“, einer Unterorganisation der Gewerkschaft, in dessen Schaufenstern unter dem Motto „Niemals vergessen!“ erstmals das Grauen der KZ in aufrüttelnden Fotografien gezeigt wurde. Später ließ sich dort, glaube ich, eine Konditorei nieder.

Der Park selbst war ein typischer Wiener Beserlpark: Es gab etliche hohe Bäume, ausgebissene Rasenflächen mit Schotterwegen und ramponierten Bänken rund herum und am oberen Ende eine Sandkiste, in der von tratschenden Müttern und „Pflichtjahrmädeln“ bewachte Kinder im spärlichen Sand herumkratzten (Analog zum Arbeitsdienst der 18-jährigen Jungmänner mussten die Mädchen gleichen Alters ein Pflichtjahr in der Landwirtschaft, als Kindermädchen oder in sonstigen Sozialdiensten absolvieren). Gleichwohl war der Park ein Tummelplatz für Jung und Alt, einschließlich der obligaten Vierbeiner. Wir spielten dort die üblichen Spiele: Tempelhupfen, „Vater, Vater, leich ma d’ Scher‘“, Völkerball, Anmäuerln, Diabolo, Messerpecken und dergleichen mehr. Eine bedeutsame Rolle spielte das legendäre „Fetzenlaberl“, jener Fußballersatz, mit dem die späteren Fußballprofis Kondition und Technik erwarben. Entgegen vorherrschender Meinung der Nachfahren und dem Wortlaut bestand er keineswegs nur aus einem zusammengewickelten Bündel von Lumpen, sondern er hatte einen aus einem handfesten Stein bestehenden Kern, der ihm das nötige Gewicht verlieh!

SCHLURFE: Die Schmutzerbande, benannt nach den Buben des Kohlenhändlers in der Haydngasse, beherrschte das Revier, denen durfte man nicht in die Quere kommen. Ein paar Jahre älter, und aus den Bandenmitgliedern wurden „Schlurfs“, langhaarige Typen, die angeblich in „die entern Gründ“, in Ottakring und Hernals, stets Messer im Sack hatten und sie gelegentlich auch zogen. Die Ausrichtung der Schlurfs war unterschiedlich: Zum einen eine halbkriminelle, die sie eine Altersstufe später zu Plattenbrüdern werden ließ. Als biedere Gruppe der evangelischen Jugendorganisation „Kreuzfahrer“ wurden wir auf dem Mariahilfer Gürtel von einer solchen Bande angestänkert und beim geringsten Zeichen von Widerstand verprügelt. Zum anderen handelte es sich um Nonkonformisten, die sich der Domestizierung in der Hitlerjugend beharrlich entzogen. Während bei den „Pimpfen“ alles auf adrettes Aussehen, Kurzhaarschnitt, Disziplin, Unterordnung und „schneidiges“ Auftreten getrimmt wurde, kultivierten sie in Kleidung und Haartracht das genaue Gegenteil und ließen sich weder bei den Heimabenden noch bei sonstigen Veranstaltungen der HJ blicken.

Durch seine sanfte Neigung boten sich der Park und seine Seitengassen zum Fahren mit Roller und teils auch selbst gebastelten Leiterwagen an sowie im Winter zum Rodeln. Auch wurden die bei der Firma Sperl in der Wiedner Hauptstraße gekauften und mühsam ausgesägten und mit Glutofix verleimten Modellflugzeuge (vom Sperling bis zum Albatros mit schon stattlicher Spannweite) auf Flugtauglichkeit getestet.

Obwohl nicht eigentlich ein Freiluftsport, sondern eher im Klassenzimmer praktiziert, soll hier das Blasrohrschießen erwähnt werden: Beim Glaserer erwarben wir Glasröhrchen (ca. 30 Zentimeter lang, 5 Millimeter Durchmesser), dazu einen Batzen Fensterkitt; das Röhrchen in den Kitt gesteckt, am anderen Ende hineingeblasen, und mit ausreichender Puste flog das Geschoss seine fünf Meter! Wozu diese Röhrchen eigentlich dienten? Sicher nicht für unsere Zwecke! Und dass sie in diesen Kriegsjahren überhaupt erhältlich waren!?

DAS PISSOIR: Am unteren Parkende befand sich eine „Bedürfnisanstalt“, einer jener grün gestrichenen Blechtürme, in deren Innerem zwei Emailschilder prangten: „Man bittet um größte Reinlichkeit und Ordnen der Kleider innerhalb der Anstalt“ und dem profanierten Hexameter „Patent Oil Urinoir ohne Wasserspülung geruchlos“. Ohne Wasserspülung stimmte, nicht aber „geruchlos“! H.C. Artmann setzte dieser Einrichtung ein Denkmal mit dem Gedicht „waun s d fabei gesd“.

DER JUDENTEMPEL: Der Schauplatz unseres Treibens war die Ruine des Judentempels zwischen Loquaiplatz und Schmalzhofgasse. In die Mauer, die sie vom Park trennte, hatten wir Jungen in kürzester Zeit mit „Klampfen“ (Maurerklammern) eine Bresche geschlagen und bauten aus den herumliegenden Trümmern Festungen, die wir mit Gaupenfenstern ausrüsteten. Von dort aus beschossen wir einander mit Steinschleudern; kurzum, die Ruine war für uns ein idealer Robinson- und Abenteuerspielplatz!

Auch hier wieder: Was es mit dem Judentempel (so wurde er allgemein bezeichnet) auf sich hatte, war kein Thema. Wann, warum, von wem er zerstört wurde, darüber verlor kein Mensch, nicht meine Eltern, meine Freunde, die Nachbarn je ein Wort. Erst anlässlich dieser Niederschrift brachte ich folgendes in Erfahrung:

Die Synagoge in der Schmalzhofgasse 3 war ein vom Architekten Max Fleischer 1883/84 im neugotischen Stil gestalteter Rohziegelbau mit zwei Fassadentürmchen. Er hatte 322 Männerplätze und auf der Empore 236 Frauenplätze. In der „Reichskristallnacht“ am 9./10. November 1938 wurde sie in Brand gesteckt und während des zweiten Weltkrieges abgebrochen (wohl schon vor meinem Eintreffen in Wien, denn mir schien sie eher eine Bomben- als eine Brandruine). Am 11. Nov. 1938 schrieb der „Völkische Beobachter“ dazu: “Dass sich die Erbitterung der Volksgenossen in erster Linie gegen die Judentempel gerichtet hat, ist nur zu verständlich. ... Donnerstag vormittags sind die meisten unter ihnen, und zwar die Tempel in der Stumpergasse, der Schmalzhofgasse“ (insgesamt werden 19 Tempel und Synagogen aufgezählt) „in Flammen aufgegangen...“ (Dokumentation 1938–1945, S.120). Heute steht auf diesem Grundstück ein Pensionistenheim der Stadt Wien; ich hoffe, dass wenigstens im Inneren desselben durch eine Gedächtnistafel an das Schicksal der Synagoge erinnert wird; außen konnte ich neulich bei einem Besuch des Loquaiparkes keine entdecken! Max Fleischer war übrigens auch der Architekt der Synagoge in der Neudeggergasse in der Josefstadt, die in der Reichskristallnacht das gleiche Schicksal erlitt.

SPLITTERGRÄBEN UND LÖSCHTEICH: Wie ging es weiter mit dem Loquaiplatz? Im Herbst 1943, mit dem Herandrohen des Bombenkrieges, wurde im oberen Teil ein Reservoir für Löschwasser errichtet, ca. 20 mal 20 Meter und wohl 4 Meter tief. Im unteren Teil wurden Splittergräben ausgehoben, zickzackförmig verlaufende Gräben, 2 Meter breit, 3 Meter tief, sollten bei Fliegeralarm Passanten Schutz vor Bombensplittern bieten. Ob sie das getan haben? Dasselbe geschah übrigens auch im Märzpark im 15. Bezirk. Der wurde ja auf dem ehemaligen Schmelzer Friedhof errichtet und hat seinen Namen von den (angeblich 23) Gefallenen der Revolution vom März 1848. Obwohl bei Errichtung des Parks die vorhandenen Gebeine in den Zentralfriedhof überführt wurden, kam beim Ausheben der Splittergräben jede Menge davon zum Vorschein. Meine Schulfreunde brachten als schaurige Trophäe einen Schenkel- oder Oberarmknochen nach Hause; ich wollte es nicht unter einem Totenkopf tun und ging deshalb leer aus.

MAIAUFMARSCH: Nach dem Krieg war der Loquaipark am 1. Mai Sammelplatz einer Abordnung des Bezirks zum Maiaufmarsch. Das war damals ein großes, volksfestartiges Ereignis: War doch in der damaligen Generation der Sinngehalt des Tages der Arbeit noch tief verankert. Hinzu kam die Freude über das Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sowie den Wiedergewinn der demokratischen Freiheit, wenn sie auch durch die Viermächtebesatzung eingeschränkt war. Für den linken Teil der Bevölkerung, und der war im Roten Wien der Nachkriegsjahre nicht gering, war die Teilnahme an den Maifeiern ein Herzensanliegen.

Schon am Vorabend wurden alle öffentlichen Gebäude, alle Fabriken und die meisten Betriebe beflaggt, an vielen Fenstern, an allen Fenstern der Gemeindebauten sowieso, gab es Fähnchen in Rotweißrot und mit den sozialistischen drei Pfeilen. Ab dem frühen Morgen tönte vom Loquaiplatz her eine Musikkapelle mit Märschen und Arbeiterliedern: “Vorwärts eilen, vorwärts streben, wir sind jung und das ist schön“ schallte es zu unserer Gasse herüber. Vor unserem Fenster bot ein alter Schutzbündler mit heiserer Stimme rote Papiernelken an. Am Park sammelten sich die Genossinnen und Genossen, voran die Kapelle, dazu auch eine Formation von Radfahrern mit rotweiß geschmückten Rädern, und ein langer Zug setzte sich Richtung Ringstraße in Bewegung. Bis 14 Uhr ruhte der gesamte öffentliche Verkehr; dann rückten die ersten Züge aus, auch sie festlich mit Fahnen und Girlanden geschmückt. Der Gedanke, an diesem Festtag wie an jedem anderen Tag Straßenbahnen ab dem Morgen verkehren zu lassen, wäre wohl selbst den Konservativen damals als Sakrileg erschienen.

Hinzu kam noch etwas: Nach den entbehrungsreichen Wintern dieser Jahre bedeutete der 1. Mai wirklich den Einzug des Wonnemonates, in dem man wohlige Wärme, Sonnenschein und Blüten doppelt genoss. Tatsächlich schien am 1. Mai fast immer die Sonne; „Der Petrus muss einen Pakt mit den Roten haben, schon beim Fackelzug der Roten Falken am Vorabend ist immer schönes Wetter“, bemerkte griesgrämig ein pensionierter Hofrat, sichtlich kein Freund der Arbeiterbewegung. Aus der Summe dieser Eindrücke gewann der 1. Mai für meine Schwestern und mich, die wir politisch weder besonders orientiert noch interessiert waren, eine unvergessliche Atmosphäre.

Informationen zum Artikel:

Der Loquaiplatz

Verfasst von Siegfried Mittermayr

Auf MSG publiziert im Mai 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 6. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus der Broschüre von Siegfried Mittermayr, "Erinnerungen an die Jahre 1941-1956 in Mariahilf und anderswo" Wien 2007, wieder.

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