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Erinnerungen an 1945 I: Die Vorgeschichte

von Ingeborg Wozilka

DAS HAUS IN DER HÖCKSTRASSE

Das Haus in der Höckstraße No. 12 in Znaim wurde erbaut zu einer Zeit, als die Großeltern Brennecke noch im Schloß Jaispitz beschäftigt waren. Entgegen meinen Informationen aus der Kindheit war nicht Wilhelm Christian Brennecke Bauherr, sondern seine Schwiegereltern, die Ur-Großeltern mütterlicherseits, Florian und Theresia Wuck, die bereits in Jaispitz ansässig waren, noch bevor Wilhelm Christian Brennecke hier aufgetaucht war. Dokumente, u. a. der Taufschein, besagen, daß Wilhelm Christian Brennecke die Tochter des Ehepaares Wuck geheiratet hat, die um 20 Jahre jünger gewesen ist als er.

Als sie zur Welt kam, war Wilhelm Christian Brennecke schon länger in Jaispitz tätig. Er war, wie aus dem Taufschein meiner Mutter hervorgeht, Schloßbeschließer, das ist ein Titel für eine Verwaltungsposition. Von meiner Mutter weiß ich, daß Wilhelm Christian Brennecke aus dem Hannoveranischen kam. Peine wurde oft erwähnt und auch Schmedenstedt. Recherchen von Hans Brennecke, Wien, Enkel des Max Brennecke, einem Bruder meiner Mutter, haben das bestätigt. Was den Wilhelm Christian Brennecke veranlaßt haben mag, sich in Jaispitz zu etablieren, bleibt im Dunkeln. Hans nimmt an, es waren die Kriege 1866. Vielleicht ein preußischer Deserteur?

Ansichtskarte einer Straßenansicht einer größeren Stadt
Die Höckstraße in Znaim wurde in den 1920er Jahren in Havlicekgasse umbenannt

Das Haus war im Jugendstil erbaut. An den Fensterfassaden waren aus Stein gemeißelte Blumenornamente angebracht. Wo über dem zweiten Stockwerk das Dach ansetzte, erhob sich ein Mäuerchen mit je einem Türmchen an den Enden, dazwischen die Jahreszahl der Erbauung, 1902. Deshalb ist es müßig, in Dokumenten nach dem Baujahr zu suchen. Zu der Eingangstür in der Mitte des Hauses führten zwei Stufen. Nach der Tür öffnete sich eine Art Foyer, ein großzügig angelegtes Treppenhaus, die Treppen stets weiß gekalkt. Die Hausmeisterin, die Wawrinka, mußte mindestens einmal pro Woche Kaolinerde am Güterbahnhof holen. Dazu benutzte sie ein kleines Handwägelchen. Manchmal war ich mitgegangen. Diese Schlämmkreide rührte sie an zu einem Brei und bestrich damit die Stufen. Hinter der Eingangstür war ein Absatz, es folgten neun Stufen und wieder ein Absatz und wieder eine Tür über die ganze Breite dieses Foyers.

Dahinter erst war der Zugang zu den Wohnungen im Hochparterre, rechts und links je eine. Die Absätze waren gekachelt, sahen aus wie Mosaik, kleine Steinchen in Blau, Weiß und Gelb, in regelmäßigen Mustern gesetzt. Zum ersten Stockwerk führten zwei Treppen mit vielleicht dreizehn Stufen. Vom Garten her ließen hohe Fenster viel Licht einfallen. Sie waren doppelglasig, nach außen einfach verglast, nach innen mit den schönsten Butzenscheiben versehen, bunte, in der Größe von Bierdeckeln aneinander gereihte mit Bleibändern gefaßte Scheibchen. Sie ließen die weißgekalkten Stufen in herrlicher Farbenpracht aufleuchten. Nirgendwo habe ich etwas Ähnliches in einem Treppenhaus gesehen.

Das zweite Stockwerk war so hoch wie anderswo das dritte. Der Garten, der sich dem Haus anschloß war nicht sehr groß, aber zu meiner Zeit sehr verwildert. In der hintersten Ecke gab es einen Zwinger, ziemlich verrostet und zu nichts mehr nütze. Der Garten war mit einer Mauer umfriedet, wie alle diese inneren Gärten, die in dem Geviert lagen, das von vier Häuserreihen umschlossen war. Efeu überwucherte die hintere Mauer, von Amseln besonders bevorzugt.

Im Keller des Hauses befand sich die Hausmeisterwohnung. Sie war immer dunkel. Die Fenster, obwohl auch zur Straßenseite hin, waren in Gehsteighöhe, und man sah immer nur die Füße der Passanten. Die alte Wawrinka hielt sich nicht besonders viel in ihrer Wohnung, die aus zwei Räumen bestand, auf. Im Sommer saß sie auf den Treppen der Flurtür, die sich zum Garten öffnete, und blinzelte in die Sonne. Im Winter kam sie oft zu uns in die Küche, nannte mich „Butzinko“ und fand alles richtig, was ich machte. Wenn meine Mutter ausging, blieb Wawrinka bei mir, bis ich eingeschlafen war.

Das Ehepaar Wuck soll in Wien Besitz, ein Haus gehabt haben und betucht gewesen sein. Von Hans, dem Urenkel von Wilhelm Christian Brennecke, erfährt man, dass Florian Wuck in der k.u.k. Hofkanzlei Wien als Bote beschäftigt gewesen ist. Ihr Besitz soll sich nach Wissen meiner Mutter in der Annagasse in Wien befunden haben.

Das Ehepaar Wuck ist eng befreundet gewesen mit dem Forstmeister Ritschl und Frau, eben in Jaispitz, deren Nachkommen in Wien lebten und noch mit meiner Mutter lange (bis nach 1945) in Briefwechsel standen. Nach den Recherchen von Hans am Liegenschaftsamt in Znaim war die Tochter des Paares Wuck, Marie, genannt Mizl, anscheinend einziges Kind, Erbin und Besitzerin des Hauses in der Höckstraße. Nach ihrem relativ frühen Tod – sie war etwa 43 Jahre alt und davor 15 Jahre lang gelähmt – wurden laut notariellem Vertrag ihre Kinder Erben. ihr Ehemann Wilhelm Christian Brennecke hatte „Nießrecht“ an dem Haus. Die Namen der Kinder sind im Vertrag aufgeführt: Wilhelmine, Max, Heinrich und Margarete. Die beiden letzteren waren beim Tod ihrer Mutter noch minderjährig und durch den Ehemann der älteren Schwester Wilhelmine vertreten. Das war Prof. Eduard Striz, Großvater der Kinder Pokorny.

Nach Errichtung des Sechsfamilienhauses zog die Familie Brennecke in eine der Wohnungen ein. Auch das Ehepaar Wuck wohnte in Znaim, allerdings in Miete am Marienplatz 2. Beide Personen starben in Znaim und wurden auch hier beerdigt. Die großen, mannshohen Grabsteine aus schwarzem Marmor, bestanden noch 1945 und wurden von meiner Mutter bis zur Ausweisung gepflegt.

Die Ausstattung des Familiengrabes ließ auf gutes Vermögen schließen. Während des Ersten Weltkrieges wurden vermögende Leute des Staates, der Habsburger Monarchie, zu einer Kriegsanleihe veranlaßt. Das heißt, auf das Haus, das offenbar schuldenfrei war, wurden zu Gunsten des Staates Anleihen aufgenommen. Diese Schuldscheine waren, genau wie Scheine des Inflationsgeldes aus den 20er Jahren, noch lange, bis zur Ausweisung, in meinem Besitz. Diese Schulden wurden in Raten aus den Mieteinnahmen des Hauses allmählich abgetragen. 1942 wurde die letzte Rate getilgt.

Mit dem Umsturz 1918, als durch die Auflösung der Monarchie die Erste Tschechische Republik entstand, zu der die Stadt Znaim gehörte, verlor Wilhelm Christian Brennecke seinen Rentenanspruch an den österreichischen Staat, erhielt auch von dem „neuen“ tschechischen Staat begreiflicherweise keine Rente. Es wäre möglich gewesen, wenn er nach Österreich ausgewandert wäre. Er hätte die österreichische Staatsbürgerschaft behalten und infolgedessen Rente beziehen können. Dort hatte er jedoch weder Verwandte noch Besitz. Über das Haus in der Höckstraße konnte er nicht verfügen. Es schien angemessen für ihn, in Znaim nun als tschechischer Staatsbürger zu bleiben und das „Nießrecht“ an dem Haus weiterhin in Anspruch zu nehmen. So war ihm wenigstens ein bescheidenes Auskommen gesichert. Aber er hatte auch die österreichische Staatsbürgerschaft verloren, wie alle, die 1918 nicht ausgewandert sind und war tschechischer Staatsbürger geworden. Dazu gehörte vermutlich auch Max Brennecke, Sohn des Wilhelm Christian Brennecke, der laut Recherche von Hans Brennecke erst 1947 die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt. Wilhelm Christian Brennecke verstarb 1932 im Alter von 82 Jahren in Brünn bei seiner Tochter Wilhelmine und wurde in Znaim im Grabe des Ehepaares Wuck zusätzlich bei seiner Ehefrau beerdigt.

Al 1938 der junge tschechische Staat von den Deutschen des Dritten Reiches besetzt wurde, gab es plötzlich verschiedene Nationalitäten in der Bevölkerung: die Tschechen, die im sogenannten Protektorat lebten wie in einem Ghetto innerhalb einer streng bewachten Grenze; ferner die später sogenannten Sudetendeutschen im Norden an der schlesischen Grenze und die Südmährer, Bürger des Habsburgerreiches seit dessen Entstehung. Von der Regierung des Dritten Reiches wurden kurzerhand alle Deutschsprachigen zu Reichsdeutschen erklärt, eine Maßnahme mit verhängnisvollen Folgen.

Aus diesem Verwirrspiel von Staatszugehörigkeiten entstanden Probleme, die noch viele Jahre später zu Mißverständnissen geführt haben. So läßt sich auch vermuten, weshalb Max Brennecke die österreichische Staatsbürgerschaft erst 1947 zuerkannt wurde. Es nährt auch das Verständnis für die vielen politischen Mischehen, die geschlossen worden waren, als es diese Probleme nicht gab. Die Staatsmänner, die das Abkommen Jalta beschlossen haben, hatten anscheinend keine Ahnung von den geographischen und ethnologischen Verhältnissen dieser Grenzländer und den seitherigen Grenzen der ehemaligen Habsburgischen österreichisch-ungarischen Monarchie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs.

1918 wurden vielfach die Grenzen, besonders was das südmährische Gebiet betrifft, nach Bedarf und Gutdünken der Landschaftsräte einfach besetzt, was von der Regierung in Wien stillschweigend hingenommen wurde, um ein nochmaliges Aufflammen der Kriegstätigkeiten zu vermeiden. Dazu habe ich schriftliche Unterlagen. Bekannt ist der Tausch eines Streifens fruchtbaren Ackerlandes, das die Österreicher den Tschechen überließen, gegen 25 Waggon Kohle. Die Auswirkung dieses Handels war ja zu damaliger Zeit nicht absehbar.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der von Deutschen besiedelte „Ring“ um das tschechische Gebiet der Zweiten Tschechischen Republik „einverleibt“, wie es damals hieß, und die Deutschen kurzerhand ausgewiesen, weil sie doch inzwischen von habsburger- zu reichsdeutschen Einwohnern mutiert waren, ohne eigenes Zutun. Im Laufe der Jahre wurden die leerstehenden Häuser der Deutschen mit Menschen belegt, die aus östlichen Ländern z.B. Rumänien, Bulgarien, umgesiedelt worden waren.

Erschwert und für Nichteingeweihte kaum verständlich war die unterschiedliche Handhabung von Staatsbürgerschaften in den verschiedenen Besatzungszonen des Nachkriegsösterreich. So mußten alle „Deutschen“ die sich in russisch besetzten Zonen Österreichs befanden, das Land verlassen, während jene Deutschen, die sich in amerikanisch oder englisch besetzten Zonen befanden oder dort österreichische Verwandte hatten, in Österreich bleiben durften. Wien war in vier Zonen aufgeteilt: eine russische, amerikanische, englische, französische. Es war ein unsagbares Durcheinander.

Aufs neue wurden Familien auseinandergerissen. Das Reisen auf eigene Unternehmung fast unmöglich, weil es weder eine geregelte Zugverbindung und keine privaten Fahrzeuge gab, keine Nahrungsmittel zu kaufen, keine Unterkunft unterwegs. Es gab keine Zeitung. Ein Rundfunkgerät hatten nur diejenigen, die von Bomben oder anderen Kriegseinwirkungen verschont geblieben sind, das waren wenige. Schwarzmarkt blühte. Auch Menschenhandel. Am besten verdeutlicht der Film „Der dritte Mann“ mit Orson Wells die damalige Zeit in Wien.

Max Brennecke hatte damals sicher in Wien gewohnt, vermutlich in der amerikanischen Zone, ansonsten wäre er als Nicht-Österreicher auch des Landes verwiesen worden. Da die Geschwister Wilhelmine, Heinrich und Margarete Brennecke während der Kriegszeiten, 1939 bis 1945, keinen Kontakt mit Max pflegten, man auch nicht wußte, wo er sich befindet, wäre es eine Zumutung gewesen, ihn zu suchen mit der Bitte, ein paar Nichtshaber, die sie nun waren, und des Landes verwiesene Verwandte aufzunehmen. Außerdem wußten die Znaimer nicht, wo sich die Brünner Verwandtschaft befand und ob sie den Russeneinmarsch und die Ausweisung lebend überstanden hatte. Der Einzige war Herbert Pokorny, der, weil er in Znaim stationiert war, mit uns Verbindung hatte bis zu dem Zeitpunkt, als der Znaimer Bahnhof bombardiert wurde und Herbert mit „seinem“ Verwundeten-Transport direkt den Russen entgegen in die fünfjährige russische Gefangenschaft fuhr.

Die Familienangehörigen haben erst in Deutschland wieder zusammengefunden durch Briefwechsel mit Bekannten, z.B. auch mit Ritschls in Wien, und durch den Suchdienst des Roten Kreuzes. Herbert, der Schwiegersohn von Wilhelmine und Eduard Striz, wurde erst 1950 aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Fast wie ein Wunder ist die Tatsache, daß die Familie über alle diese Ereignisse niemanden verloren hat.

Das Haus in der Höckstraße ist seither nicht in Privatbesitz, sondern ist in Verwaltung der Stadt Znaim.

Hans Brennecke hat in seinen Recherchen am Liegenschaftsamt Znaim herausgefunden, daß in der Wienerstraße ebenfalls Besitz der Familie Brennecke sich befunden hat. Davon war mir nichts bekannt. Leider ist über ehemalige Besitzverhältnisse nach der Ausweisung unter den Familienmitgliedern nicht mehr gesprochen worden.

Im April 1945 wurde das Haus von einer russischen Fliegerbombe getroffen. Das Treppenhaus wurde durchgerissen, das tragende Mauerwerk blieb stehen. Die Wohnungen aber standen für Plünderungen offen.

großstädtische Hausansicht
Das Haus in der ehemaligen Höckstraße 12 (2007)
Informationen zum Artikel:

Erinnerungen an 1945 I: Die Vorgeschichte

Verfasst von Ingeborg Wozilka, unterstützt durch Hans Brennecke

Auf MSG publiziert im Juni 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tschechien, Südmähren, Znaim/Znojmo
  • Zeit: vor 1900, 1910er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre

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