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Erinnerungen an 1945 II: Die Bomben

von Ingeborg Wozilka

UNTER DEM MARILLENBAUM

Die Märztage sind so frühlingshaft, man kann im Garten draußen sitzen. Ein Holztisch, eine Holzbank mit Lehne, zu Großvaters Zeiten dunkelgrün gestrichen, eh und je dem Wetter ausgesetzt, man sieht es, stehen unter dem alten, seltsam knorrigen, ungewöhnlich verkrüppelten Marillenbaum.

im Hof eines Hauses ist unter einem Baum eine vielköpfige Familie versammelt
Familie Brennecke im Hof des Hauses unter dem Marillenbaum (1930er Jahre)

Ich nehme meine Schulhefte und wende mich den Parabeln und Hyperbeln zu, geometrischen Figuren, die ich noch einmal zeichnen will. Die neue, junge Mathe-Lehrerin aus Wien kann alles vorzüglich erklären, plötzlich scheint Mathe logisch klar, befreiend. Ganz anders als bei dem knochigen, ungeduldigen Ringelhahn, den man aus seiner Pension geholt hat und der uns alle nur mit „dumme Gänse“ angesprochen hat. Für ihn war man schon im Vorhinein blöd. Er war so gescheit, daß er nichts erklären konnte, weil es für ihn so selbstverständlich war. Die Lehrerin aber ist klasse. Hoffentlich bleibt sie eine Weile.

Die Stimme meiner Mutter reißt mich aus den Spekulationen „Komm herein, der Proksch Herbert ist da und will sich von dir verabschieden!“ Ich gehe durch den Garten über den Hof ins Haus. Der Flur ist kühl, die Treppen mit Kreideschlamm leuchtend weiß gemacht, durch die bunten Butzenscheiben in jedem Treppenaufsatz fällt die Sonne und malt verschiedenfarbige Flecken in die hellen Flächen. Der Aufgang und die Treppenabsätze sind mit Fliesen belegt, die unterteilt sind und aussehen wie Mosaiksteinchen, blau, gelb und weiß in Mustern gelegt. Es ist so kunstvoll, kein anderes Haus sieht so aus. Daß es Jugendstil ist, habe ich erst viel später erfahren.

Hier also steht Herbert Proksch und ich wundere mich, denn wir hatten vorher kaum miteinander gesprochen. Der Reli-Unterricht ist auf den Nachmittag verlegt worden und findet im Pfarrhaus statt. Für Jungen und Mädchen gleichzeitig. Das war ungewohnt. Denn es gab seither ein Gymnasium für Mädchen, ein Gymnasium für Jungen, streng nach Geschlechtern getrennt. Man sah sich auf der Straße, kannte sich über die Eltern, man mied sich mit scheuen Blicken.

In Reli waren wir nur sechs oder acht Schülerinnen und Schüler. Es waren der Imgold Erwin, Marquard Roth mit seiner um drei Jahre älteren Schwester, die Kinder des Pfarrers, besagter Proksch Herbert, einer, dessen Namen mir entfallen ist, und ich. Wir sangen Lieder und hörten Bibeltexte. Auffallend war, daß der Pfarrer immer trauriger wurde. So traurig wie Herbert Proksch, der da vor mir stand in dem mit buntem Licht durchfluteten hohen Flur. „Ich muß zur Napola, in ein Lager“, sagte er. Ich verstand nur, daß es etwas Militärisches war und anscheinend mit dem Krieg zusammenhing. Napola, das ist National-Politische Anstalt, eine Eliteausbildung. Manche hatten sich etwas darauf eingebildet, dahin zu gehören. „Der Reli-Unterricht findet nicht mehr statt. Wir werden uns nicht mehr sehen.“

Sein Ernst war neu, seine Prognose auch, jedenfalls für mich. Ich hatte nie Nachrichten gehört. Der Volksempfänger brachte ab und zu Sondermeldungen über den Abschuß feindlicher Flugzeuge und über die Versenkung meist englischer Kriegsschiffe von soundso vielen Bruttoregistertonnen, davor und danach erklangen Fanfaren aus Richard Wagner’schen Kompositionen, imposant, wer zweifelte da an einem Sieg? Lustig pfiff die Ilse Werner, sang sehnsuchtsvoll Rudi Schurickes „Heimat, deine Sterne“, die Zarah Leander prophezeite „Es wird einmal ein Wunder gescheh’n“, oder ganz frech tönte es aus dem Film „Der weiße Traum“: „Ich bin die Prater-Mizzi, der Liebling aller Herrn ...“, oder „Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen ...“ Lale Andersen schmachtete ausnahmsweise ganz international „Unter der Laterne, vor dem großen Tor …“. Im Deutschunterricht bei Winkler haben wir gelesen: Die Hermannschlacht, Antigone, und wir wußten, wer Ödipus war.

Sprechen, Vorsprechen, Englisch, Französisch, Latein ..., aber die Wirklichkeit kannten wir nicht. Frau Slavik – Musiklehrerin – sang uns vor und begleitete sich selbst am Klavier: Herr Heinrich saß am Vogelherd, Archibald Douglas, Der Wassermann (Der Nöck), Balladen von Löwe.

Unser schweigsames Gespräch wurde plötzlich von einem lauten Pfeifen durchdrungen, hohe Töne gellten aus der Luft, Motorengeräusch von tief fliegenden Flugzeugen erschrecken uns. Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall, Fensterscheiben klirrten. Wir hasteten in den Vorderteil des Hauses, hier war alles in Ordnung. „Das war ein Bombenangriff ohne Alarm“, sagte Herbert Proksch, sein Gesicht war weiß. Aber wir hörten nichts mehr, keine Flugzeuge, keine Bombeneinschläge. Wir gingen zurück in den Hof und in den Garten. Da gab es keinen Tisch mehr, keine Bank, keinen Marillenbaum, keine Schulhefte, nur ein tiefes Kraterloch. Genau an dieser Stelle. Es war alles so schnell gegangen und unvorhergesehen und deshalb so unwirklich. Meiner Mutter hatte es die Sprache verschlagen und Herbert ging. Allmählich dämmerte es mir, daß er mir das Leben gerettet hatte. Wäre ich nicht ins Haus gegangen, just in diesem Moment, so wäre ich entweder in dem Kraterloch oder irgendwo in der Luft, denn es gab keine Reste oder Splitter weder von der Bank, dem Tisch oder dem Baum. Die fünf Hühner, die im rückwärtigen Teil des Gartens einen kleinen Auslauf hatten, klebten an der Gartenmauer wie Federbüschel von einem Indianerspiel.

Ich wußte nur, wir brauchen jetzt einen Luftschutzkeller, wie immer empfohlen worden ist, und wir werden wohl nicht mehr viel Schulunterricht haben. Leute kamen herein, um sich entsetzt das Kraterloch anzusehen. Sie behaupteten, es seien russische kleine Bomben gewesen, ein verirrter einzelner Flieger. Wenn auch die Fensterscheiben kaputt waren, so konnte man doch die Wohnungstür abschließen. Wir konnten noch in der Wohnung schlafen.

Ein oder zwei Tage darauf hieß es: „Im Schwaighofer Hof brennt es!“ In der Nacht seien auch dort Bomben gefallen. Meine Mutter und ich hatten einen so gesegneten Schlaf, wir hatten nichts gehört. Der Schwaighofer Hof war eine Wohnsiedlung auf der Wiener Straße. Freilich ein Stück entfernt von uns. Und es war wieder nur ein einzelner Bombenwurf ohne Vorwarnung. In der Stadt liefen die Menschen herum wie aufgeschreckte Ameisen in einem zerstochenen Haufen. Einer fragte den andern: „Was sollen wir machen?“ Manche wußten es. Sie machten sich mit Gepäck, das sie tragen konnten, auf die Flucht. Zu Fuß, mit einem Wägelchen, mit vollgetürmten Kinderwagen, das Kind auf dem Rücken, andere an der Hand, wichtigtuerisch wollten sie zu den „Amis“, auf keinen Fall wollten sie den Russeneinmarsch erleben, und die Russen waren schon sehr nahe. Man hörte schon die Böllerschüsse nördlich der Prager Straße. Aber es gab keine Autos. Anscheinend fuhr die Eisenbahn noch, irgendwann, irgendwohin. Nach Österreich wollten alle. Jeder erinnerte sich an irgendwelche Verwandte, die er dort hatte, sie sprachen von Graz und Linz, als könne man dort geschützt und glücklich sein. Meine Mutter sagte „wir haben niemand etwas getan, so wird uns auch niemand etwas antun. Hier haben wir unser Haus, hier bleiben wir.“

Inzwischen war es April geworden. Man hatte sich noch einmal in der Schule getroffen, um zu erfahren, daß „bis auf weiteres“ die Schule geschlossen bleibt. Die Lehrerinnen hatten verweinte Augen, die Erstklässler-Mädchen sangen unbekümmert „Rusla, wenn du meine wärst“ und drehten sich im Kreis. Oder sie sangen „Heißa Kathreinerle“. Viele waren nicht mehr erschienen. In der Stadt wuselte es nicht mehr so arg. Auf dem Marienplatz habe ich Traudl getroffen. „Wir gehen nach Laa zu meiner Tante“, meinte sie. Von diesem Augenblick an habe ich sie zwanzig Jahre nicht mehr gesehen. Meine Mutter lag nur noch im Bett. Manchmal war die Nachbarin aus dem Haus gegenüber da. So auch an jenem 20. April abends.

BOMBENNACHT

Frau Schwarzendorfer war bei uns gewesen und war dabei, sich zu verabschieden. Wir standen vor der Wohnungstür, die noch geschlossen war. Da gab es ein ungeheures Getöse, ich sah mit großem Staunen, wie sich die schwere, doppelwandige Eichentür, wie von Geisterhand bewegt, einige Zentimeter langsam in die Wohnung hinein schob, sich gleichmäßig aus den Angeln hob und die Schnalle aufdrückte – alles geschah in Zeitlupe. Dann aber fiel sie flach in die Wohnung hinein. Wir hatten Zeit, zur Seite zu springen, aber nun drängte durch den offenen Eingang eine dicke Staubwolke, in der man nicht atmen konnte. Rasch in die Schlafzimmer und die Fenster aufgerissen, und da sehen wir gegen den Nachthimmel ein Flugzeuggeschwader über die Häuser fliegen. Die Bomben fielen aus den Flugzeugen heraus wie schwarze Vögel im Sturzflug. Sie begannen mit einem Sington, der heller wurde, je näher sie kamen, bis sie donnernd einschlugen. Aber schon war die nächste unterwegs mit grellem Pfeifen und tobendem Einschlag. Es dauerte 20 Minuten, dann trat Stille ein. Todesstille. Im Haus brannte nichts, aber den Treppenaufgang gab es nicht mehr. Bei uns im Parterre lag ein Berg von Schutt. Die Staubwolke zog nach oben ab, wie durch einen großen Schlot. Durch das Loch im Dach konnte man den Himmel sehen.

Im zweiten Stock wohnte Frau Neberle mit ihrem Dienstmädchen und einem Hund. Die konnten ja nicht mehr herunterkommen. Deutsche Soldaten waren sofort zur Stelle, wer sie verständigt oder geholt hat, weiß ich nicht. Die Schwarzendorfer Mizzi und ich holten Stangen vom Hof, gaben sie von Hand zu Hand den Soldaten weiter, und die bauten binnen kurzem eine Leiter durch das Stiegenhaus. Von Absatz zu Absatz bis in den zweiten Stock und holten die zwei Damen mit Hund und brachten sie in den Keller.

Am Nachmittag hatte ich, wie in Vorausahnung kommender Dinge, die große Waschküche zu einem Aufenthaltsraum umgestaltet. Die Holzbottiche und Tröge, die da herumstanden, zur Seite geschoben, umgedreht und zu Sitzen umfunktioniert, Stühle aus der Wohnung hierher verfrachtet, Decken geholt.

Die Hausbewohner versammelten sich jetzt hier, alle sehr schweigsam. Nur meine Mutter weinte laut. „Wo ist mein Kind“, rief sie immer wieder, dabei stand ich neben ihr. Aber sie hat mich nicht sehen wollen. Schließlich hat sich alles um sie gedreht. Herbert, der aus der Kaserne zu uns gekommen war, gab ihr etwas zu trinken und Hausbewohner sprachen ihr gut zu. Gegen 10 Uhr nachts kamen wieder die Flieger mit den Bomben. Da die Stühle belegt waren, setzten wir uns, Herbert und ich, auf einen langen Waschtrog, der umgedreht und wie eine Bank zum Sitzen bequem war. Man hörte die Flieger herandonnern, es waren Verbände, und man hörte die Bomben pfeifen und einschlagen. Zuerst entfernt und dann näher und dann wieder entfernter. Jedes Mal, wenn sie näher kamen, warteten wir darauf, zum dritten Mal getroffen zu werden. Herbert legte seinen Arm um meine Schulter und sagte: „Es ist unwahrscheinlich, daß ein Haus mehrmals getroffen wird.“ Und an diesem Satz hielt ich mich fest. Wenn sich die Flieger entfernt hatten, gab es 20 Minuten Pause. Dann flogen sie von Neuem, und so ging es die ganze Nacht. Im Morgengrauen hörte der Spuk auf.

Als wir endlich herausgekrochen kamen, sahen wir straßauf straßab nur Schutthaufen. An vielen Häusern fehlte die Vorderseite, und man konnte hineinsehen wie in eine Puppenstube, nebenan und gegenüber. Wir versuchten, in der Wohnung zu bleiben, obwohl es keinen Strom gab und auch die Wasserzufuhr gestoppt war. Zwei oder drei Nächte blieben wir in der unverschlossenen Wohnung, schliefen in unseren Betten wie gewohnt. Herbert kam abends, um die Nacht bei uns zu bleiben. Am Tag hatte er als Sanitäter – vor seiner Einberufung hatte er Medizin studiert – Dienst im Lazarett in der Ottokarburg neben unserem Gymnasium. Er war unser Beschützer. Sicher ist es auch ihm zu verdanken gewesen, daß eine Gruppe Soldaten gekommen war, um die Holzleiter im Stiegenhaus zu installieren und die Leute aus dem zweiten Stockwerk zu retten.

Es war Ende April. Inzwischen war die Stadt ziemlich zerstört, kaum noch jemand zu sehen. Da überraschte uns Herbert mit der Nachricht, er habe den Befehl erhalten, als Betreuer mit den Verwundeten seines Lazarettes in einem Sonderzug Znaim zu verlassen mit ungewissem Ziel. Nach zwei Tagen, die er am Bahnhof mit dem Lazarettzug verbracht hatte, kam er noch einmal zurück. Der Bahnhof war bombardiert worden. Von dem mit verwundeten Soldaten überfüllten Zug überstanden nur wenige Waggons. Herbert hätte jetzt bei uns bleiben können, aber er mochte es vor seinem Gewissen nicht verantworten, die restlichen Verwundeten hilflos und allein ihrem Schicksal zu überlassen. Chaos herrschte. Dennoch fuhr der Zug bis Schönwald, um nochmaligen Bombenhagel, der dem Bahnhof offensichtlich galt, zu entgehen. Sie fuhren also nach Norden, den Russen entgegen. Denn, wie man später erfahren hatte, war das Passieren der Eisenbahnbrücke auf der Wiener Strecke wegen Sprengungsandrohungen zu riskant. Bald darauf wurde der kleine Verwundetentransport von den Russen in Empfang genommen. Herbert kam erst fünf Jahre später aus russischer „Kriegsgefangenschaft“ zurück – nicht nach Hause, denn da hatte sich inzwischen auch Dramatisches abgespielt.

Herbert war also fort, das Haus in der Höckstraße war leer. Unsere Wohnung bot Zugang für jedermann. Die russischen Bomber flogen täglich. Alles war unsicher, nur eines war sicher: Dieser Krieg war verloren. Endsieg, wie noch vor wenigen Wochen versprochen, gab es keinen. Die Russen kamen. In den unterirdischen Gängen der Stadt konnte man wenigstens vor den Bomben sicher sein, empfahl uns jemand. Mit unserem kleinen „Luftschutzgepäck“ brachen wir auf in das unbekannte Röhrensystem. Die Eingänge, seither verheimlicht, waren gekennzeichnet. Die jahrhundertelang unbenutzten Katakomben füllten sich mit Leben. Ab und zu gab es eine Kerze oder ein Petroleum-Lämpchen. Geschickte Leute hatten aus rohen Brettern die einfachsten Bettgestelle gezimmert, nur waren die alle schon belegt. Die Gewölbe waren feucht, der Fels schwitzte, am Boden standen Wasserlachen. Wer eine Kiste zum Sitzen ergatterte, war froh. Im Dunklen, in der feuchten Kälte, hungrig, verschreckt, wartete man. Auf was? Auf Russen, von denen man sich die schauerlichsten Dinge erzählte.

ERSTE LIVE-SENDUNG

Der Zugang zum Klosterkeller führte durch den Garten. Dieser erstreckte sich schmal und langgezogen zwischen den Gürteln der südlichen Stadtmauer. Der innere Mauerring begrenzte die sehr kleinen uralten Häuschen der Altstadtsiedlung, der äußere Mauerring umklammerte die komplette Stadt, ließ vier Tore offen, in jede Himmelsrichtung eines, umschloß die großen Marktplätze, die vornehmen Bürgerhäuser, die Münze, etliche Kirchen und Klöster, setzte sich am Steilhang des Flußtales fort und traf in nördlicher Richtung des Tales wieder zusammen. Am südlichen Hang mit Blick in das Wiener Becken lag das Kloster mit Garten, ständig der Sonne zugewandt. Hier gähnte ein großes Maul im Mauerwerk der Gebäude, stets geöffnet, in dessen dunklem Schlund in den Felsen gehauene steile Steinstufen hinunter führten. Unten trafen allerlei Gänge aus verschiedenen Richtungen aufeinander. Wer sich genau auskannte, konnte hier die Stadt auf unterirdischen Wegen durchqueren. Es war nicht ratsam für Uneingeweihte, sich dieser Wege zu bedienen, die stellenweise nicht begehbar waren und oft in die Irre führten.

Das also waren unsere Bunker, in denen wir Schutz suchten vor den Fliegerbomben. Denn wenn ein Ausgang verschüttet war, konnte man zahlreiche andere Ausgänge und Eingänge finden. Daß diese Gänge über Jahrhunderte hinweg nie saniert und daher einsturzgefährdet waren, haben wir erst viel später erfahren. Die Unwissenheit gab uns das Gefühl von Sicherheit.

Nahmen die Bombenflieger wieder Kurs auf die Stadt, stürzte alles was ging die Treppen hinunter. Wurde Entwarnung gegeben oder konnte man annehmen, daß das Geschwader fortgezogen war, wollte natürlich jeder wieder an die frische Luft, und man kletterte die Stufen hinauf, mehr schlecht als recht.

Da war die junge hübsche I. S. Sie wohnte mit Mutter und Söhnchen im Nachbarhaus einer Schulfreundin. Sie war sehr blond. An Jahren kaum über zwanzig. Gut in der Form trotz der vorangegangenen Kriegsjahre. Ihr Hinterteil war aufreizend ausladend, und sie verstand es, bei jedem Schritt hin und her zu schwingen, wie ein Schiff im hohen Seegang. Aber es wogte weich, und die schaukelnde Bewegung ließ etwas erahnen von dem sanften Rhythmus einer Wiege, in welcher der Säugling selig dem Leben entgegen schläft. S. hat um ihre Reize gewußt und sie bewußt eingesetzt. Noch als Schülerin hatte sie eine Wette abgeschlossen, daß es ihr gelingen werde, ihren Lehrer zu heiraten. Die Wette hatte sie gewonnen. Dann kam das Söhnchen, und der Mann wurde eingezogen.

Wieder einmal waren die Bombenflieger abgedreht. Die Menschen im Bauch der Erde drängten zu den Treppen. Ich wartete in einer der Nischen, bis der Andrang nachgelassen hatte. Und dann kam sie, ging hinter ihrer Mutter, die das Söhnchen trug. Bei dem hellen Loch oben am Garteneingang gab es einen Stau. Die unten an der Treppe konnten es nicht erwarten, nach oben zu kommen. Und im Geschubse entdeckte ich hinter der schaukelnden Arche Noah eine Gestalt in dunkler Kutte. Seine Hände hatte er in Schulterhöhe, die Finger gespreizt, und versuchte, die vor seinem Gesicht wackelnden Fleischberge zu halten und zu schieben, als könnten sie herunterfallen. Und er schob heftig nach, obgleich niemand mehr hinter ihm stand. Seine geöffneten Hände glitten über die Rundungen, als prüften sie die Echtheit. Sein Eifer war groß. Er wurde nicht abgewehrt. Ich traute meinen Augen nicht. Dergleichen hatte ich nie gesehen. Die damaligen Filme zeigten solche Szenen nicht. Zu Hause führten wir einen herrenlosen Haushalt. Meine Fantasie war naiv. Ich staunte nicht schlecht. Die Mönche hatten bis dato für mich einen Heiligenschein. Da bröckelte etwas von dieser Aura ab und fiel in die dunklen Gänge zurück.

Das war die erste Live-Sendung die ich gesehen hatte.

Informationen zum Artikel:

Erinnerungen an 1945 II: Die Bomben

Verfasst von Ingeborg Wozilka, unterstützt durch Hans Brennecke

Auf MSG publiziert im Juni 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Tschechien, Südmähren, Znaim/Znojmo
  • Zeit: 1945

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