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Erinnerungen an 1945 IV: Ausgewiesen - ausgebeutet

von Ingeborg Wozilka

IM WEINGARTEN

In Niederösterreich habe ich als Magd gedient, barfuß, denn ich hatte keine Schuhe mehr. Der Kuhdreck im Stall quoll mir zwischen den Zehen, weich und warm. Ich schlief auf Stroh in dem Geräteschuppen in einer dunklen Ecke, um mich herum Schaufel, Rechen und Harke. Das Stroh kratzt und sticht meine Beine, meine Arme, das Fieber schüttelt mich in der Nacht, denn die Sonne im Weinberg ist heiß. Was für die Rebe gut ist, verbrennt meine Haut.

Ich bin mit dem Knecht allein im Feld, denn der Bauer schont seine eigenen Leute – der Russen wegen. Die reiten auf kleinen, flinken Pferden quer durch die Gegend, wie mittelalterliche Ritter auf der Suche nach Aventure. Sie haben den Krieg überlebt und fürchten weder Tod noch Teufel und schon gar nicht die armselige Bevölkerung, die bei ihrem Anblick vor Schreck erstarrt und vorwiegend in den Häusern verbleibt. Doch Weinberge und Felder wollen versorgt sein.

Der Knecht und ich unter der sengenden Sonne, die „Irxenbrut“, das sind wilde Triebe, ausschneiden. In der Nähe Stimmen. Dann Pferdegetrappel und russische, heisere Urlaute. Streit, Geschrei, Wehgeschrei von Frauenstimmen, Knacken von gebrochenen Rebstöcken, Rascheln von Blättern, dumpfe Schläge, Holzstock auf Leiber, Wimmern – Stille. Der Knecht ist ernst. Ich ducke mich zwischen Reben und Erdbrocken, zitternd. Erneut die Tritte der kleinen Hufe. Das Grün vor mir teilt sich. Ein Hunne! Es ist wie vor tausend Jahren. Habe ich damals schon gelebt?

Ich lebe immer noch. „Lauf!“, ruft es in mir, ich springe wie ein Tennisball den Weinberg hinunter, leichtfüßig über Böschungen, überquere Hohlwege, je unwegsamer desto besser. Springen können die kleinen Pferde nicht, aber ich. Dann im Tal die Wiese, grün, satt, feucht, durchschnitten von einem mäandernden Bach, Weiden am Ufer. Blitzartiger Gedanke: Pferde mögen sumpfige Wiesen nicht, aber ich. Die Angst trägt mich schwerelos über die Auen zu den Weiden. Kein Geräusch mehr hinter mir. Das Pferdchen hatte sich geweigert, war nicht so schnell wie ich. Ein Blick zurück: nichts.

Die Weiden sind alt und hohl, und ich bin jung und schmal und schlüpfe hinein in den hohlen Baum. Gerettet? Es scheint so. Der Baum umfängt mich, duftet nach Holz und Moder, ist wie eine gute Mutter, wie ein starker Vater, wie ein Engel. Er schließt seine Arme um mich, ich gehöre zu ihm wie eine Wurzel, den ganzen Tag.

Die Sonne vollendet ihren Kreis, sinkt hinter die Berge des Waldviertels. Nebel steigt aus den Wiesen, feucht und kühl. Kein Laut draußen, keiner ruft, mich sucht niemand, auch ich könnte erschlagen liegen dort oben im Weinberg. Vielleicht machen sie sich doch Sorgen, aber niemand getraut sich heraus. Es ist dunkel. „Behüt dich Gott, lieber Baum, danke dir!“

Von Strauch zu Busch geduckt, auf der Hut, nähere ich mich dem Dorf, irgendwann erreiche ich den Hof, schlage gegen das Tor. Flüsternde Stimmen dahinter. Nur Russen schlagen gegen Tore. Ungern rufe ich meinen Namen laut. Das Tor geht auf. Vorläufig bin ich sicher.

KARTOFFELKÄFER

Am Morgen erwachte ich durch einen Knall. Es ist vier Uhr früh. Er steht vor meiner Schlafstelle mit der Peitsche in der Hand. Immer wieder schwingt er die Peitsche und läßt sie knallen, wie ein Bierkutscher. „Steh auf“, sagte er, „es wird Tag.“ Ich brauche mir nichts anzuziehen, denn ich schlafe mit den Kleidern. „Du mußt Wasser holen, meine Frau hat große Wäsche.“

Ich bin der Zauberlehrling. Das Wasser hole ich außerhalb des Hofes am Bach, der in einer leichten Senke mitten durch das Dorf fließt. Ich schleppe fünfzehn oder zwanzig Eimer voll herbei, fülle die Waschtröge in der Küche, fülle die Tränken für das Vieh im Stall; ich schneide Futterrüben für die Geißen, die schmatzen und holen sich die Bissen ungeduldig aus meiner Hand; ich klettere auf den Dachboden und schütte Heu durch die Luke für die Kühe. Die nehmen es mit wulstigen Lippen begierlich auf und schieben es kauend in ihrem Maul hin und her, sie mahlen es, sie beißen nicht wie andere Tiere mit dem Kiefern von oben nach unten.

Das finde ich interessant. Sie sehen mit ihren großen dunklen Augen so gedankenvoll aus und ihre langsamen Bewegungen haben etwas Bedächtiges. Ihre Besonnenheit täuscht. Denn fast gleichzeitig, während sie fressen, lassen sie – maßlos unbekümmert und ohne Regung – am anderen Ende mächtige, dampfende Batzen fallen, die auf den lehmgestampften Boden spritzen. Nur wenig Stroh ist ausgebreitet unter ihren Füßen. Die Kuhfladen und die Ziegenbemmen schaufle ich in eine Schubkarre und schiebe sie in die Hofmitte auf den Misthaufen. Man gewöhnt sich an das glitschige Quatschen unter den nackten Fußsohlen. Dann erst ruft mich die Bäuerin zum Frühstück. Es gibt zwei heiße Erdäpfel mit Salz und eine braune Brühe.

Der Knecht schirrt den Leiterwagen an. Er hat schon vor mir gegessen. Während das Morgenrot den Himmel färbt, zieht uns die Kuh gemächlich nach Unteralb. Die eisenbeschlagenen Holzräder knirschen durch den Sand, das Gestänge knarzt, die Luft ist noch angenehm. Großflächig breitet sich ein Kartoffelfeld vor uns aus. Der Knecht reicht mir eine Harke und zeigt mir, wie man sie halten muß. Sie ist schwer, und der Stiel ist dick, kaum kriege ich die Finger drum herum. Also, der Boden wird gelockert, das Unkraut entfernt und die Pflanze, die aus dem Boden sprießt, mit Erde angehäufelt. Endlos sind die Reihen. „Hü“, spricht der Knecht zur Kuh, wie zu einem Pferd, und sie setzen sich langsam ab. Am Abend will er mich wieder holen, da soll das Feld gehäufelt sein. Ich getraue mir deshalb nicht, eine Pause zu machen. Es gibt sowieso nichts zu essen, nur einen Krug Wein, der steht im Graben am Feldrain. Hier ist ein wenig Schatten von Kirschbäumen. Rot und reif leuchtet es durch die Blätter. Wem sie gehören, was weiß ich? Irgendwann, die Sonne hat schon den Zenit passiert, steige ich hinauf ins Geäst. Der Krug liegt nicht mehr im Schatten, außerdem ist er bereits leer. Hier in den Zweigen fächelt noch ein wenig Luft, die Kirschen sind süß und erfrischend und die Kerne fliegen im weiten Bogen.

Gut, daß es hier keine Kartoffelkäfer gibt. Meine Gedanken gehen zurück. Es sind zwei Jahre her, die Klasse 5b war auf Kartoffelkäferjagd. Ausgerüstet mit Eimern ging es los in aller Herrgottsfrüh. Wir mußten aus der Stadt erst einige Kilometer hinauswandern in die Felder. Dann wurde uns gezeigt, wie die Käfer aussehen, sie waren gestreift wie Zebras, Zebra-Käfer. Manche Mädchen aus der Klasse hatten noch nie irgendeinen Käfer in der Hand gehabt. Manche Käfer krochen in ihrer Verzweiflung an uns hinauf, als sie die Unsicherheit in den Kartoffelstauden bemerkten, manche Käfer verließen wieder fluchtartig die Eimer, manche Eimer, die schon halb gefüllt waren, sind umgefallen und Heerscharen von Käfern machten sich davon. Zuletzt war das Kartoffelkraut ziemlich zertrampelt, was mit den Käfern geschah, weiß ich nicht. Sie waren auf der Flucht, so haben die Käfer und Menschen oft das gleiche Schicksal.

DER SCHÖNBAUER

Heiß waren diese Sommertage 1945. „Deine Mutter taugt nichts“, sagte der Bauer zu mir. „Du mußt halt für zwei schaffen, sonst könnt ihr euch wieder in den Straßengraben setzen.“ Ich nicke. Ich will ja alles tun. Ich bin geschickt. Ich habe Kraft und guten Willen. „Du gehst mit mir die Gerste schneiden vor Obernalb“, sagte er eines Tages. Wir gehen zu Fuß, der Bauer mit der Sense auf der Schulter, ich mit der Sichel hinterher. Erst am Nachmittag soll der Knecht mit dem Gespann kommen, dem Leiterwagen mit dem Ochsen. Der Sand knirscht am Weg. Meeresboden vor wie viel Millionen Jahren?

Immer wieder noch ein Kellerhaus oder ein Tor in einem Hügel. Dann das Gerstenfeld, gelb, beweglich, die Halme schwanken, wie ein großes Tier liegt es vor uns und atmet, auf und ab.

Er mutet sich viel zu, der Bauer, wenn er das allein mähen will, und ich soll alle die Garben binden, allein. Keine Zeit für Fragen. Die Sense rauscht, die Halme fallen gleichmäßig, in einer Reihe liegen sie da. Ich fasse sie mit der Sichel in die Arme und binde die Garben. Die Grannen stechen, lange Ärmel sollte man haben und bedeckte Beine. Immer bücken. Gegen Mittag kann ich kaum mehr aufrecht stehen. Unbarmherzig brennt die Sonne. Der Durst ist schlimmer als der Hunger. Am frühen Nachmittag war die Hälfte getan. Die Knie zittern. „Wir gehen was trinken“, sagt er und legt die Sense weg. Er stapft vor mir auf dem Weg bis zu einem Kellertor. Steil gehen die Treppen hinunter in den kühlen und finsteren Bauch der Erde. Er kennt sich hier aus, entzündet eine Kerze. Hier unten liegt Faß an Faß mit der Rundung aneinander gelehnt. Ein grober Tisch, eine rauhe Holzbank in einer Nische. So ist es in allen Kellern. Mit meinem Vater war ich einige Male auf einer „Kellerpartie“. In schönen Kellern, aus feinem Sandstein gehauen, mit bemalten Wänden und edelsten guten Weinen. Denn die Leute, die dabei waren, begannen bald zu singen und waren fröhlich.

Hier in diesem Keller ist nichts zu bewundern und niemand ist fröhlich. „Setz dich!“, sagt der Bauer plötzlich freundlich, „ich geb dir was zu trinken.“ Ich trinke den Wein für den Durst. Er bringt Brot und Rauchfleisch. Ich beginne mich sehr zu wundern. Brot war eine Kostbarkeit. Das gab es höchstens am Sonntag. Die Woche über hatten wir nur Kartoffeln und Salz. Und das wußte man zu schätzen. Vor Verwunderung getraute ich mich kaum zu essen. Dann sagte er: „Setz dich auf die Bank, so!“, und er setzte sich rittlings. Das scheint mir sehr ungemütlich, die Tischplatte war auf diese Art schlecht zu erreichen. Es gefällt mir nicht, und ich mache es nicht. Ich sehe sein Gesicht und die Augen aufgerissen und die Züge gespannt, und sein Atem geht schnell, und mir ist unheimlich. Ich springe auf und über die Bank und will zum Ausgang laufen. Aber er holt mich ein und drückt mich gegen die Kellerwand, so daß ich die harte und unregelmäßige Form der Mauersteine im Rücken spüre. Seine Hände sind Pratzen, eine Pratze genügt, um mich gegen die Steine zu pressen. Die andere Pratze verschwindet unter seiner großen dunkelblauen Weingärtnerschürze und beschäftigt sich hier hastig und aufgeregt. „Er bindet etwas los“, denke ich. „Er hat versteckte Waffen bei sich, wohl zur Verteidigung gegen die Russen.“ Er kommt mir nahe. Sein keuchender Atem riecht nach Wein, unter der Schürze bewegt sich etwas Hartes. „Ein Hammer“, geht es mir durch den Kopf, „er will mich erschlagen, so wie er meinen armen Hund erschlagen hat. Er ist verrückt.“

Inzwischen stützt er sich mit beiden Pratzen gegen die Wand ab und für wenige Sekunden bin ich frei. Ich lasse mich schnell und gerade fallen in dem schmalen Bereich, der zwischen der Wand und seinem schweißriechenden Körper bleibt. Er steht breitbeinig und durch diese Grätsche schlüpfe ich flink durch und weiter zu den Fässern und in den Freiraum, der sich ergibt zwischen ihnen, da sie sie doch nicht enger stellen können als ihre Bäuche zulassen. Ich robbe auf dem kalten Boden bis zur Rückwand. Mit Mühe quetsche ich mich in den engen Zwischenraum. Verblüfft bleibt er eine Weile in der seitlichen Haltung, dreht sich zu mir um, aber kann mir nicht folgen mit seinem fülligen Leib und kann mich auch nicht erreichen, um mich herauszuziehen. Zusammengekauert zwänge ich mich in diesen Spalt. Wie lange?

Er geht weg. Der Kerzenschein verschwindet. Hunger und Durst verschwinden. Die Angst bleibt Stunden.

Dann kommt er sichtlich ernüchtert zurück. Er verlegt sich auf Schönreden, auf Betteln. „Komm doch raus, wir müssen nach Hause gehn, ich tu dir nichts.“ Schließlich höre ich, daß er wieder die Treppe hinaufsteigt. Da krieche ich vorsichtig heraus. Und als sein Schatten sich gegen das Licht am Eingang abhebt, schleiche ich nach. Er sagt nichts.

Der Knecht war inzwischen angekommen mit dem Ochsenkarren. Das Feld war gemäht und der Knecht hatte mit dem Aufladen begonnen. Ich sollte alleine voraus nach Hause gehen. „Wehe, du erzählst jemandem etwas!“

Wem sollte ich was erzählen? Daß er mir Brot, Fleisch und Wein zu essen und zu trinken gab? Daß er mich erschlagen wollte? Wer würde mir glauben? Wohin sollte ich gehen?

Als wir den Hof verließen, stellte mir der Bauer auf seine Art ein Zeugnis aus. Er sagte: „Du hast mir wirkli an Knecht dasetzt. Magst net bei uns bleibn?“

Es ist ihm wohl beiläufig durch den Sinn gegangen: Eine Magd, die wie ein Knecht arbeitet, nichts kostet, keine Ansprüche hat, keine Fürsprecher, kein Recht, keine Heimat.

MEIN VATER TAUCHT AUF

Immer öfter ist es geschehen, daß der Bauer mir im Vorbeigehen zuzischte: „Wart nur, ich krieg dich doch noch!“. Inzwischen wußte ich, was er meinte. „Ich mach dir schon kan Prinzen“, fügte er hinzu. Es sollte wohl ein Trost sein. Aber es war unerträglich, meine Ratlosigkeit unendlich. Hier konnte und wollte ich nicht bleiben.

Es war Anfang September. Plötzlich wußte jemand zu sagen, wo sich mein Vater aufhielt. Hier im Retzer Gebiet war er besonders bekannt. Nicht nur des Fotogeschäftes wegen, das während des Krieges einen blühenden Aufschwung genommen hatte, denn alle Soldaten mußten einen Wehrpass haben und die Zivilisten ein Passbild, sondern er hatte viele Freunde unter der Landbevölkerung. Schon zu Großvaters Zeiten war es üblich gewesen, den obligatorischen Sonntagsausflug mit einer „Kellerpartie“ zu beschließen. Das war keine Sauferei, es war ein kultiviertes heiteres Genießen, eine Kunst freundlicher Entspannung durch angeregte Gespräche bei einigen Gläschen Wein. Immer war eine Laute oder Mandoline dabei, und es wurde gesungen. Eine Kunst, auf die man sich heute nicht mehr versteht.

Zu Großvaters Zeiten, den sogenannten Gründerjahren, kam eine bis dahin nicht gekannte Geisteshaltung auf, das soziale Empfinden. Renommierte Geschäftsleute mieteten an Sonntagen einen Planwagen mit Pferdegespann. Der wurde festlich geschmückt und alle am Betrieb Beteiligten ohne Ausnahme wurden eingeladen zu einer Fahrt ins Grüne. Für die Kosten kam der Geschäftsinhaber auf. Ein Betriebsfest, ein Dankeschön an die Mitarbeiter, nicht staatlich oder gewerkschaftlich verordnet, ein Akt empfundener Menschlichkeit, Gemeinsamkeit, Verantwortlichkeit. Vielleicht haben die Gedanken Bismarck’scher Reformen schon Fuß gefaßt. Dieser Art waren Freundschaften und Bekanntschaften gewachsen, die sich auf Nachkommen übertragen ließen. Diese Freundschaften zahlten sich jetzt aus.

Bei einem wohlhabenden Bauern hatte mein Vater Unterkommen gefunden gegen Anbieten seiner Arbeitskraft. Meine Mutter und ich waren in der Hoffnung dahin gepilgert, hier möglicherweise auch Aufnahme zu finden. Mit Vater konnte ich keine Worte wechseln. Unser Erscheinen war ihm unangenehm. Die strenge Bäuerin machte meiner Mutter und mir sachlich klar, daß hier für uns keine Bleibe wäre. Irgendwie konnte meine Mutter sich doch verständlich machen, weshalb unser Aufenthalt in Obernalb nicht fortgesetzt werden konnte. Eine kleine Besprechung fand statt. Der Bauer schrieb ein paar Worte auf einen Handzettel, der ermöglichte ein Vorsprechen beim Bürgermeister, auf dessen Veranlassung wir ein Wohnrecht in Retz erhielten.

Russen, Flüchtlinge, Ausgewiesene, Wiener, deren Häuser zerbombt waren, dazu die wenigen Einheimischen: Die kleine Stadt platzte sozusagen aus allen Nähten. Lebensmittel waren rar. Aber ein gewisses Bestreben nach Ordnung begann sich durchzusetzen: es gab eine russische Kommandantur, die in einem der vornehmsten Häuser am Marktplatz sich einquartiert hatte. Russen in sauberen Uniformen mit angesteckten diversen Orden ließen auf Offiziere schließen. Diese entschieden über die Schicksale der sich hier drängenden Volksmassen. Wir bekamen Wohnrecht, keine Wohnung. Uns wurde geregelte Arbeit zugewiesen gegen geregeltes Entgelt im städtischen Wein- und Ackerbauverein.

DIE ALTE FRAU RABEL

In der Vincencigasse, die an Kirche und Kloster vorbei zur Stadtmauer führte, reihten sich einige winzige, alte Häuschen eng aneinander. In eines dieser Häuschen sollten wir einziehen. Der ebenerdige Eingang führte in einen geräumigen Flur, der im rückwärtigen Teil des Häuschens endete. Ein kleiner, ummauerter Hof schloß sich an. Vom Flur aus konnte man einen Raum betreten, der noch etwas tiefer als der Eingang lag und dessen einziges Fenster auf den Hof gerichtet war, in Simshöhe mit dem Außenboden gleich. Hier hauste Frau Rabel. Sie erschien klein, zierlich und gebrechlich. Ihr Mann war Schuster gewesen und hatte hier seine Werkstatt gehabt. Schon länger war er verstorben. Ihren Lebensunterhalt bestritt Frau Rabel dadurch, daß sie die Wohnung im Hochparterre, Küche und zwei Zimmer, vermietete. Hier wohnte eine Kriegerwitwe mit Kind. Irgendwie mußten wir uns arrangieren. Die Kriegerwitwe stellte ihr Schlafzimmer zur Verfügung. Die Ehebetten standen auf einem Podest, wie ein Katheder in alten Klassenzimmern, man stieg hinauf, wie zu einer besonderen Stätte, quasi wie zu einem heiligen Ort.

In dem städtischen Wein- und Ackerbauverein gab es genug Arbeit, immer in gemeinschaftlichen Gruppen. Die Übergriffe der Russen reduzierten sich, wurden sogar durch die Kommandantur geahndet. Man versuchte, dem Leben in der Stadt einen einigermaßen geordneten Anstrich zu geben. Wir waren den ganzen Tag außer Haus. Trotzdem gestalteten sich die Wohnverhältnisse sehr beengt. In dem Schlafzimmer hatten wir keine Möglichkeit, Mahlzeiten zuzubereiten. Die Küche stand uns nicht zur Verfügung. Beim Verlassen des Hauses und auf dem Weg zur Toilette mußten wir immer an den Schlafenden, der Witwe und deren Kind, vorbeigehen. Manchmal stellten sie sich auch so, um nicht sprechen zu müssen. Es war für alle Beteiligten kein Dauerzustand.

Frau Rabel in ihrer Kellerwohnung wurde kränklich. Ihre Schwester im Hause nebenan schien eine Lösung zu wissen. „Frau Rabel ist bettlägrig. Ich kann sie nicht versorgen, denn auch mein Mann ist krank und braucht mich. Wenn sie bereit sind, Frau Nather, sich ihrer anzunehmen, können sie bei ihr schlafen und auch ein wenig kochen.“ Frau Nather, meine Mutter, war natürlich bereit.

In dem Raum standen einander gegenüber an den Wänden je ein Bett, in der Mitte ein Tisch, im dunkelsten Teil ein Kochherd. Mutter hatte also ein Bett, schlief vis-à-vis von Frau Rabel. Für ein drittes Bett war kein Platz. Nur eine Holzbank stand quer vor der Kellertür. Diese Tür, ein Rundbogen aus schwerem Holz, war verriegelt und verrammelt mit breiten Eisenbändern. Sie führte über steile Steinstufen hinunter in die Gänge, die, wie in Znaim, alle miteinander verbunden waren. Heute gelten diese Gänge auch in Retz als eine Besonderheit der Gegend, als Touristenattraktion schlechthin. Sechsundzwanzig Kilometer unterlaufen sie die Stadt.

Damals jedoch waren sie noch mit Fässern dicht besetzt, angefüllt mit guten Weinen. Als die Russen dieses Geheimnis entdeckten, bewegte sich alles in den Untergrund. Um schneller zu konsumieren, öffneten sie die Spunde, ließen den Wein auslaufen, badeten darin, tranken im Liegen, weil sie nicht mehr stehen konnten, viele ertranken. Während ich auf der Holzpritsche lag, hörte ich hinter der Kellertür das gurgelnde Gegröle. Die Angst, es könnten einige der Zecher die Stufen entdecken und heraufkommen und die Tür aufbrechen, raubte mir den Schlaf.

Frau Rabel ging es immer schlechter. Sie war klar bei Sinnen, aber sehr schwach. Ihre Notdurft verrichtete sie in Nachtschüsseln oft stundenlang, oft daneben. Dennoch hatte sie Appetit. Ihre Schwester brachte ihr manchmal etwas Eßbares, zum Beispiel eine Mohnsemmel. Ein Königreich für so eine Semmel! Dummer Spruch. König- und selbst Kaiserreiche gab es nicht mehr. Nicht einmal zu verschenken. Gierig nahm Frau Rabel die Semmel mit zittrigen, abgezehrten Händen entgegen, versteckte sie unter der Bettdecke gleich neben der Schüssel. „Frau Nather ich hab a Faltn am Buckel, die druckt!“ jammerte Frau Rabel. Meine Mutter lupfte die Decke, entfernte die Schüssel, strich das Betttuch glatt, da war alles voller Mohnkörnchen. Aber die waren lebendig, hüpften hin und her, schienen erschreckt über die plötzliche Zugluft und suchten in Eile neue warme Verstecke. Es war der reinste Zirkus, ein Flohzirkus. Flöhe und Mohnkörnchen waren nicht zu unterscheiden. „Ich kann die Semmel nicht essen“, bedauerte Frau Rabel, „kannst sie gern haben, Inge.“ Trotz Hunger war mir nicht danach. Ich ging lieber an die Stadtmauer, dort wilderten Brennesseln herum. Sie gaben die beste Suppe ab.

Eines Tages hörte das Seufzen von Frau Rabel auf. Sie war merkwürdig still. Sie beklagte sich nicht mehr über Falten am Rücken. Sie öffnete nicht mehr die Augen noch den Mund. Als sie zu atmen aufhörte, fiel der Unterkiefer herunter und die Augen richteten sich zur Decke. Mutter rief nach der Schwester. Die kam, um sich zu überzeugen.

Es gab damals keine Leichenhalle. Die Toten blieben im Haus bis zur Beerdigung. Also schliefen wir drei Nächte lang mit einer Toten von der die übelsten Gerüche ausgingen.

HINTERLASSENSCHAFT

Mein Faltenrock und zwei Blusen waren in einem Sommer Feldarbeit zu Lumpen geworden, durch Hitze, Schweiß und gelegentlichen Regen. Auch das eine Paar Schuhe war verbraucht. Frau Rabel hatte in ihrer Schatztruhe gekramt und einen Rock herausgeholt, der aus ihrer Jugendzeit stammte. Er war rot und schwarz gestreift und hatte am Saum eine gelbe Litze. Es sah aus wie eine neue Mode. Diesen Rock habe ich noch lange getragen, er brauchte nicht geändert zu werden. Unter den Kostbarkeiten der Truhe kamen auch ein Paar Schuhe zum Vorschein, aus schwarzem Leder, vornehm schmal und türkisch spitz. Vielleicht Hochzeitsschuhe. Vom vielen Barfußlaufen waren meine Füße geschwollen. Nur am Morgen und mit Mühe konnte ich meine Füße in die Schuhe zwängen. Sie waren ein Jahr lang das einzige Paar Schuhe, das ich hatte. Ich ging damit sogar noch nach Eßlingen in die Schule und löste damit und mit dem Rock mißtrauisches Bestaunen aus.

Informationen zum Artikel:

Erinnerungen an 1945 IV: Ausgewiesen - ausgebeutet

Verfasst von Ingeborg Wozilka, unterstützt durch Hans Brennecke

Auf MSG publiziert im Juni 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Retz und Umgebung
  • Zeit: 1945

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