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Aus dem Leben eines Volksschullehrers I

von Franz Ramsauer

Am 6. Dezember 1909 wurde ich in Ebensee geboren. Da waren schon meine Schwestern Marie, Fanny, Anni und die Lia. Mein Vater war Hüttenmeister in der Saline. Seine Aufgabe war die Überwachung der Salzgewinnung. In Ebensee war die größte österreichische Saline. Da gab es riesige Holzstöße. Mit diesem Holz sind die Pfannen in den Sudhäusern geheizt worden. Das Salz wurde dann mit Schiffen über den Traunsee nach Gmunden transportiert. Dort war die Verwaltung – das war damals alles kaiserlich-königlich.

Ortsansicht von Ebensee im Salzkammergut auf alter Ansichtskarte

In Ebensee war außer der Grundschule keine weitere Schule, und meine älteste Schwester Marie musste bereits nach Gmunden in die Bürgerschule. Da war sie in einem Internat. Das Hin- und Herfahren wäre zur damaligen Zeit undenkbar gewesen, obwohl es nur 15 Kilometer waren.

Porträtfoto des Vaters

Der Vater hat sich Gedanken gemacht, was aus uns Kindern werden sollte. In Ebensee hätte man höchstens wieder ein Salzmann oder eventuell Förster werden können. Zufällig ist dann in Solbad Hall der Posten eines Hüttenmeisters frei geworden. Der Vater ist gleich hin gefahren und voll Begeisterung zurückgekommen. 1914 sind wir dann nach Hall in Tirol übersiedelt. Mein jüngerer Bruder Lois war schon auf der Welt, dann ist noch die Käthe gekommen und zum Schluss der Hermann.

Wir sind mit dem Zug nach Hall gefahren. Von Ebensee ging es mit der Salzkammergutbahn nach Gmunden. Da mussten wir umsteigen. Die Möbel wurden auch übersiedelt. Alles wurde mit dem Zug transportiert. Im Münzerhof in Hall haben wir eine große Dienstwohnung bekommen. Salinenarbeiter sind gekommen und haben die Kisten mit dem Geschirr und die Möbel hinaufgeschleppt.

alte Stadtansicht von Hall in Tirol

In Hall bin ich dann in die Schule gegangen. Da hat sich Folgendes abgespielt: Die meisten Salinen-Beamten waren aus dem Salzkammergut und hatten alle ihre Dienstwohnungen. Mit der Haller Bevölkerung war wenig Berührung. Wir waren für sie „die von draußen“, die „Pfannhauser“, die Zugereisten. Wir konnten auch den Haller Dialekt nicht. Daheim wurde in oberösterreichischer Mundart gesprochen und in der Schule einigermaßen normale Schriftsprache. Aber wir waren halt die „Pfannhauser-Kinder“. Da haben wir uns oft nicht recht wohl gefühlt.

Die Mädchen sind in die Klosterschule am unteren Stadtplatz gegangen und wir Buben in die Volksschule in der oberen Stadt. Jeden Tag war ein Gottesdienst in der Stiftskirche. Da sind alle gekommen – im Sommer lautlos – barfuß! Und im Winter mit Holzschuhen: glagglagglagg...

Danach sind wir geschlossen in die Klassen gegangen. Wir hatten alle Tage Schule, Montag bis Samstag, nur am Dienstag und Donnerstag nachmittag frei. Die Unterrichtsstunden dauerten 60 Minuten. Es gab keine Turnstunden, nur Rechnen, Lesen,

Schreiben. Und ich habe die beste Schrift gehabt von der ganzen Klasse. Daran war mein Vater schuld, weil wenn ich daheim mit dem Griffel auf der Tafel nicht schön schräg geschrieben habe, dann hat er es ausgelöscht, und ich musste es noch einmal machen.

Nach der vierten Volksschule bin ich ins Franziskaner-Gymnasium gekommen. Unser Klassenvorstand war der Pater Sigismund. In der ersten Stunde ist er hereingekommen, wir sind alle aufgestanden, und er hat angefangen zu beten: „Pater noster, qui es in coelis ...“. Wir sind dagestanden wie die Ochsen vor dem Berg, weil wir nichts verstanden haben. Dann haben wir den „Hauler“ aufgeschlagen, das war unser Lateinbuch. Der Pater Sigismund hat gesagt: „Paragraphus unus“! Da ist gestanden: „Alauda cantat“ oder „Sicilia est insula“. Im Hauler waren im vorderen Teil die immer länger werdenden lateinischen Texte, hinten die Vokabeln. Wir mussten alles auswendig lernen, ohne es zu verstehen. Das war die Methode! Die Pater hatten keine Ahnung von Pädagogik!

Die Lehrer waren alle Pater mit Ausnahme vom Turnlehrer und vom Zeichenlehrer. Der Posch Hansi war ein Künstler mit grauer Mähne. In der Nagglburg hat er gewohnt mit seiner Mimi, das war seine Gattin. Und der Turnlehrer war der Löderle. Der Turnsaal war im Souterrain, da war es immer kalt. Zuerst sind wir herumgelaufen zum Aufwärmen, und dann mussten wir antreten in Reih und Glied. Wir haben dann verschiedene Übungen gemacht, auch mit Geräten.

Im Gymnasium waren lauter Buben. Aber in der dritten Klasse haben wir ein Mädchen in die Klasse bekommen, die Tochter vom Zahnarzt. Diese Schülerin musste aufgenommen werden, weil es eine öffentliche Schule war. Sie saß in der letzten Bank, damit wir sie nicht gesehen haben, und in der Pause musste sie im naturkundlichen Kabinett ihre Jause essen, damit wir keinen Kontakt mit ihr hatten. Aus heutiger Sicht war das äußerst kompliziert –– damals war es normal.

Im Gymnasium war ich vier Jahre. Anschließend sind einige von unserer Klasse in die Staatsgewerbeschule in der Anichstraße in Innsbruck gegangen und andere ins Pädagogium. Der Pahle Hugo und der Rehm haben mich gefragt: „Was tust denn du? Gehst du mit uns?“ Das Pädagogium war mir durch meine Schwestern schon bekannt. Zwei waren bereits Lehrerinnen. Und wie mich der Vater gefragt hat, was ich jetzt weiter tun will, habe ich gesagt: „Ich will Lehrer werden.“ Und er war einverstanden.

Ich habe eine Aufnahmsprüfung gemacht, aber ohne Kontrolle, ob ich musikalisch bin! Ins Pädagogium sind meistens 14-, 15-jährige Burschen von den Dörfern herein gekommen, die ausgezeichnete Schüler waren und zum Teil schon das eine oder andere Instrument gespielt haben. Nur ich habe keine Ahnung gehabt von einer Note. Das Fach „Musik“ hat es am Haller Gymnasium nicht gegeben.

Das Pädagogium war in der Fallmereierstraße, vorne die männliche Abteilung und drüben die weibliche. Auch die Übungsschule war da, und so sind wir halt als Lehrer herangebildet worden. Einen Deutschlehrer haben wir gehabt! Wie streng der benotet hat! Über ein Genügend oder Befriedigend ist man kaum hinausgekommen bei ihm. Er hat verlangt, das Thema in einer Gliederung zu entwerfen und danach den Aufsatz zu schreiben. Viele – und auch ich – haben es nicht getan. Wir haben drauflos geschrieben, und dann hat es wieder ein Genügend gegeben. Einmal habe ich hinterher das Geschriebene gegliedert, da habe ich gleich eine bessere Note bekommen.

Familienbild einer Großfamilie

Und die Musiklehrer – mein Gott! Ich habe Geige gelernt. Wenn ich daheim geübt habe, mussten wir die Fenster zumachen, dass sich die Nachbarn nicht beschwerten. Beim Orgelspielen ging es etwas besser. Da hatten wir ein Harmonium. Wir haben halt einfach ein Stück eingelernt. „O Haupt voll Blut und Wunden“ habe ich eingeübt, und das ist dann halbwegs gegangen. Der Professor Pecher hat gefragt, was ich spielen will, und so habe ich schön langsam gespielt: „O Haupt voll Blut und Wunden“. Er hat nur gesagt: „Das Volk muss aber langsam singen.“ Für ein Genügend hat es gereicht.

In der Übungsschule mussten wir unterrichten. In der fünften Klasse war ein Lehrer, der hat so modern unterrichtet, der hat keine Disziplin gehabt. Ich war ein sehr beweglicher Bursche und habe den Professoren manchen Verdruss bereitet. Und da haben sie mich für eine Probelektion da hinauf getan. Eine Viertelstunde davor bin ich hinauf, da ist es zugegangen! Der Lehrer war nicht da. Ich habe einmal geschrieen: „Ruhe!“ Dann habe ich sie zusammengeschimpft: „Ihr wollt’s Tiroler Buben sein! Schämt’s euch! Wenn der Andreas Hofer das hören tät!“ Dann habe ich ihnen erzählt von den Schützen und vom Andreas Hofer, da haben sie interessiert zugehört. Dann ging die Türe auf und die Prüfungskommission kam herein. Und ich habe angefangen zu unterrichten. Das Thema war: „Die Ausdehnung der Körper durch Wärme“. Die Buben haben auf mich gehorcht, weil ich ihnen gesagt habe, nach der Stunde erzähle ich ihnen noch allerhand vom Andreas Hofer – das bin ich ihnen heute noch schuldig!

Bei der Matura gab es ein Problem: Wir mussten eine Wiederholungsprüfung machen, weil wir zu zehnt den gleichen Rechenfehler gehabt haben, und der ist auf mich zurückgegangen. Da sind sie aber nicht draufgekommen. Bei der schriftlichen Matura haben alle auf den Ramses geschaut, wann der hinausgeht ... Im Vorraum vom Klo ist ein alter Ofen gestanden. Da habe ich einen Zettel mit den Rechnungen hineingetan. Aber ich habe einen Fehler gemacht, den haben dann die anderen auch gehabt! Deshalb haben wir eine Nachprüfung machen müssen. Aber das ist alles gut gegangen.

Als junger Lehrer war ich wie alle meine Kollegen ohne Stelle. Ich habe dann bei den Holzmeister-Buben in Hötting in der Holzgasse Nachhilfestunden geben können. Der Vater war ein Magister, ein Bruder vom Architekten Holzmeister. Die Mutter war eine hübsche Jüdin, Annerl Schwarz vom Geschäft Bauer und Schwarz in der Maria-Theresien-Straße. Sie war die Modedame von Innsbruck. Die jungen Rechtsanwälte und Ärzte sind ihr alle nachgelaufen ...

Aber die Buben waren verwahrlost. Niemand hat sich um sie gekümmert. Die haben in der Volksschule Vierer und Fünfer bekommen. Die Frau Holzmeister hat dann beim Schulinspektor gefragt, ob er nicht einen Lehrer wüsste, der mit den Buben lernt. Und durch einen Zufall habe davon erfahren. Also bin ich von Hall hinauf nach Hötting – zu Fuß, weil mir die Tramway zu teuer war – die hätte 70 Groschen gekostet.

Die Frau Holzmeister sagte, dass sie so einen Verdruss hat mit ihren Söhnen. Die Schulhefte haben fürchterlich ausgeschaut. Wir bekamen neue Hefte und haben angefangen, Ordnung zu lernen. So zwei Stunden haben wir miteinander geübt, die Hausaufgaben gemacht, ein bisschen Kopfrechnen usw. Im Zeugnis haben sie dann gute Noten gehabt. Sie haben mich eingeladen, im Sommer mit ihnen zum Achensee zu fahren, und ich dachte mir: Warum nicht? Wir haben in einem Jagdhaus gewohnt und sind gut verpflegt worden. Oft sind wir den ganzen Tag schwimmen oder wandern gegangen, und ich habe ihnen in der Natur viel erklärt.

Später habe ich erfahren, dass die Familie Holzmeister nach Südamerika ausgewandert ist. Sie hatten dort Verwandte, die Geschäftsleute waren. Nach dem Zusammenbruch sind ja viele wieder zurückgekommen. Ich habe aber leider nie erfahren, was aus den Buben geworden ist.

(Fortsetzung im Beitrag "Aus dem Leben eines Volksschullehrers II")

Informationen zum Artikel:

Aus dem Leben eines Volksschullehrers I

Verfasst von Franz Ramsauer

Auf MSG publiziert im Jänner 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Traunviertel, Salzkammergut, Ebensee / Tirol, Innsbruck/Umland, Hall
  • Zeit: 1910er Jahre, 1920er Jahre

Anmerkungen

Als mein Vater schon weit über neunzig Jahre alt war, habe ich seine Erzählungen mit dem Kassettenrecorder aufgenommen und das Gesprochene möglichst genau niedergeschrieben. Geringfügige Veränderungen habe ich nur vorgenommen, um den Text etwas flüssiger zu gestalten. Vieles von seinen Ausführungen war mir schon bekannt (er hat immer gern erzählt), ich habe aber auch viel Neues erfahren.
Dr. Inge Ramsauer

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