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Dafür sprichst du aber gut deutsch

von Waltraud Seidel

„Dafür sprichst du aber gut deutsch!“

Ein kleiner Schubs und der Globus kreiselt, erst schnell, allmählich langsamer, bis der kleine ausgestreckte Zeigefinger die Tour beendet. Zwei Augenpaare schauen gespannt auf den ausgewählten geografischen Punkt.

„Polen“, sagt die Neunjährige.

„Westpolen“, ergänzt die Oma, „früher Schlesien. Schau genau hin, von hier kommt deine Oma, hier wurde ich geboren.“

Ungläubig schaut sie mich an: „Von da kommst du?“ Und dann die Worte, die mich seither nicht mehr loslassen: „Dafür sprichst du aber gut deutsch, Oma.“ Anerkennung schwingt mit in ihrem Lob. Ich bin geschockt.

Seit langem schon gehen wir zwei per Tisch-Globus auf Reisen, das Reiseziel ist jedes Mal eine Zeigefinger-Überraschung: Weltenbummler im Wohnzimmer – eine Notlösung für weniger Begüterte mit großer Reiselust. Aber eine Lösung mit hohem Spaßfaktor.

Zuerst erzählt jeder, was er über das Reiseziel weiß, dann wird das Lexikon zu Rate gezogen und nicht zuletzt die ausschweifende, farbenprächtige Phantasie.

Was haben wir so nicht alles schon erlebt?!

Die hellen Sommernächte mit der faszinierenden Mitternachtssonne am Nordkap von Norwegen und zeitgleich – das schafft keine Reisegruppe – das Leuchten des Nordlichtes der Wintertage.

Wir erlebten das Farbenspiel am Uluru, dem Heiligtum der australischen Aborigines.

Wir waren fasziniert von Indien, dem Land der Maharadschas mit den farbenprächtigsten Palästen und seinen bunten Basaren, vom märchenhaften Grabmal in Agra, dem Taj Mahal.

Und bei den Feuerbergen von Lanzarote konnten wir sogar mit eigenen Fotos von gemeinsamen Reiseerlebnissen zehren.

Da „reise“ ich mit meiner Enkeltochter durch die halbe Welt, und nun das!

„Gut deutsch? Kind, das ist doch meine Muttersprache. Da, schau her! Das alte vergilbte Foto dort! Was meinst du, warum das noch hier ist? Das war einst mein Zuhause in Trebnitz, einer kleinen Stadt in Schlesien.“

sechs Personen, Erwachsene und Kinder vor dem Eingang eines Schuhgeschäfts

Vor dem Haus mit zwei Schaufenstern ein bärtiger Mann mit langer Arbeitsschürze. Aus lustig blinzelnden Augen blickt er uns an, daneben ein kleines Mädchen mit weißem Muff und weißer Pelzmütze, vielleicht vier, vielleicht drei Jahre alt.

„Bist du das?“ Es klang zweifelnd, zaghaft.

„Das ist meine Mama, deine Uroma. So alt ist das Foto schon. Da, die Schrift über den Schaufenstern, lies vor!“

„PAUL BÜNDIGS SCHUHGESCHÄFT“, fast andächtig klang das. „Deshalb baumeln die vielen Schuhe rund um die Eingangstür! Cool!“

„Und, ist das nun deutsch oder?!

Meine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern – alle sprachen deutsch.

Unser Schlesien gehörte zu Deutschland. Aber dann dieser entsetzliche Krieg, der Zweite Weltkrieg! Als ob der Erste, – sagen wir’s mit Brecht – „nicht gelanget hätte“!

Hitlerdeutschland wollte die Welt erobern, überfiel ein Land nach dem anderen, brachte ihnen Not und Tod. Und als sich diese Völker zur Wehr setzten, als sie westwärts marschierten ins damalige Deutsche Reich und deutsche Gebiete eroberten, da machten sie mit dem am östlichsten gelegenen Schlesien den Anfang.

Jetzt flohen die Menschen aus ihrer Heimat. Keiner wollte den Russen in die Hände fallen. Zu viel Schlimmes hatte man gehört über ihre Rache dafür, was Deutsche ihrem Volk angetan hatten.

Im Januar 1945, der Krieg ging seinem Ende zu, die russische Armee kam schnell voran, da nutzte auch meine Mutter mit uns Kindern einen der organisierten Trecks zur Flucht aus der Heimat. Ich noch im Kinderwagen, ein kleines Köfferchen mit dem Nötigsten obendrauf.

Nur für drei Wochen, so hieß es. Dann seid ihr doch wieder zu Hause.

Es gab kein Wieder. Schlesien wurde polnisches Gebiet – Kriegsergebnis. Es war Hitlers Krieg, der uns die Heimat genommen hatte.

Zur Pazifistin aber machten mich die Tränen meiner Mutter. Nie wieder Krieg! Alles will ich dafür tun.

Der große Treck

Eiskalt war jener 20. Januar, minus 20 Grad zeigte das Thermometer. Tief vermummte, schwer tragende Menschenmassen bewegten sich in Richtung Ring, dem Marktplatz der Stadt Trebnitz mit dem schönen Rathaus.

Hier war einer der Sammelplätze, von dem die Transporte abgingen. Der Weg dorthin war kurz, die Langestraße, in der Mutters Elternhaus stand, führte direkt zur Sammelstelle.

Langsam nur schob die junge Frau den Kinderwagen mit der Zweijährigen voran, Zukunftsangst im Blick. Sie konnte nicht zurückschauen, hinter sich ließ sie die Stadt ihrer Kindheit, ihrer unbeschwerten Jugend, ihrer ersten Liebe.

Die beiden Tanten trugen den Koffer und ein wärmendes Decken-Bündel. Der Großvater hatte den Enkel auf dem Arm. Eigentlich war der fast Sechsjährige dafür schon zu groß, aber bei so einem Abschied?

„Opa, komm mit“, raunte der Junge ihm zu, „ich hab so Angst.“

Noch fester drückte der Alte den Kleinen an sich. Er war wirklich nicht leicht zu tragen mit dem Schulranzen auf dem Rücken. Das war Opas Abschiedsgeschenk, selbst gearbeitet aus schwarzem Leder mit dem Überschlagdeckel bis zum unteren Ende, wo er mit zwei Metall-Ösen geschlossen wurde – eben ein richtiger Jungenranzen. Ostern sollte das Kind eingeschult werden. „Jetzt hast du einen Tornister, wie der Papa im Feld.“ Und der war gut gefüllt, zwei Thermosflaschen mit heißem Tee, ein großes Schnittenpaket für die Reise ins Ungewisse.

„Der Opa muss doch hier auf unser Haus aufpassen, auf das Geschäft und die Werkstatt. Das wirst du doch alles eines Tages übernehmen, wenn du groß bist und selbst ein Schuhmacher- meister wie ich.“

„Und wenn die Russen kommen?“ Zu viel hatte der Junge davon schon zu hören gekriegt: „Gehst du dann ins Kloster mit den Tanten?“

„So wird’s gemacht, mein Junge. Ins Kloster kommen sie nicht rein, die Russen.“

Es wurde eng auf der Straße, Ordner geboten Halt, organisierten den Treck. Die ersten Wagen waren losgezogen, Pferdegespanne mit Planenwagen. Hinter ihnen mit allerlei Hausrat voll beladene Handwagen oder Schlitten, gezogen von Halbwüchsigen. Mit einer Wäscheleine waren sie davor gespannt, wie Pferde. Schon jetzt stapften sie schwer durch den Schnee, was sollte das erst auf den tief verschneiten und vereisten Landstraßen werden?

Jetzt waren sie an der Reihe. Ein Trecker mit Anhänger. Kaum Zeit zum Abschiednehmen, zügig wurde verladen. Zuerst der Kinderwagen, dann krabbelte der Junge hinterher, dann die Mutter. „Halt!“, Erwachsene müssen laufen, kein Platz!

„ Nein, ich geh’ doch nicht ohne meine Kinder! Gebt mir die Kinder runter! Papa, so hilf mir doch!“

„Ruhig, Berthel, ganz leise“, flüsterte ihr jemand zu, „du hockst dich einfach hinter mich.“

Ein Schulkamerad aus glücklicher Zeit! Er würde den Trecker fahren, eine Kriegsverletzung hatte ihn vom weiteren Fronteinsatz verschont. So wurden die beiden Kinder nicht von der Mutter getrennt. Sie mussten nicht an einem der Sammelpunkte von Fremden abgeladen werden, wie es so vielen oft vergebens wartenden, hungrigen und frierenden Flüchtlingskindern ergangen war. Viele von ihnen fanden ihre Mütter erst durch den Suchdienst wieder. Andere sahen sie nie mehr.

„Bei allem Unglück doch ein bissel Glück!“ – wie oft hat die Mutter das später nach wieder einmal glücklich überstandener Gefahr gesagt.

So flohen Millionen Deutsche vor der herannahenden Ostfront aus Schlesien, aus Pommern, aus Ostpreußen …Sie alle hofften auf ein Überleben in westlicher gelegenen Teilen Deutschlands. Heillos überfüllte Züge und Schiffe, überladene Pferdewagen und schließlich die eigenen erschöpften Füße sollten sie dorthin bringen.

Wie weit kann Hoffnung tragen?

Schon nach dem ersten Halt kauerte sich die junge Frau neben ihre Kinder. So würde sie nicht auffallen, klein wie sie war. Und in sich zusammengesunken sowieso. Erst jetzt schweiften ihre Gedanken zurück. Wird sie ihr Trebnitz je wiedersehen?

Ihr Elternhaus, aus dem ihr Kinderlachen die Trauer um die im Kindbett verstorbene Mutter vertreiben konnte? Die umsorgte Schulzeit, die Sommertage im herrlichen Hedwigsbad, ja sogar Vaters Ohrfeige, als sie neunzehnjährig nicht wie vereinbart um neun Uhr abends zu Hause war. „Rumtreibiges Frauenzimmer“ hatte er sie genannt. Und ihr Hut war durch den gesamten Hausflur geflogen. „Ach, Papa, was war ich dir damals böse deswegen! Und was wäre ich heute dankbar, könnte ich bei dir im Hausflur sein!“

Der Treck stockte, ein Pferdewagen war auf glatter Straße ins Rutschen gekommen, die Pferde konnten die Last nicht ziehen, Hausrat wurde abgeworfen, weg mit dem, was nicht unbedingt lebensnotwendig ist.

Nur schleppend kam der Flüchtlingsstrom voran, von Obernigk her kamen viele Fuhrwerke hinzu. Vereiste glatte Straßen machten es den Pferden schwer, selbst der kleine Trecker hatte Schwierigkeiten, gegen die Schneemassen anzukommen.

Schier endlos und unüberschaubar der mühsam sich schleppende Zug der Flüchtenden.

Jetzt kroch auch die Kälte unter die dicken Wintermäntel und die wärmen sollenden Decken. Noch half der mitgebrachte heiße Tee ein wenig. Halbwüchsige rannten nebenher, sich so aufzuwärmen war nicht leicht bei dieser Eiseskälte.

Zunächst Richtung Jauer. Mitunter ging es auf einer freigeschaufelten Straße etwas besser voran. Anfangs gab es noch Verpflegungsstellen und organisierte Übernachtungsmöglichkeiten in leer geräumten Schulen, in Turnhallen, in Scheunen, sogar einmal im wärmenden Kuhstall. Todmüde fanden die durchfrorenen, erschöpften Menschen auch im aufgehäufelten Stroh kaum Ruhe. Zusammengepferchte Menschenmassen, Laute des Brabbelns, des Jammerns und Wimmerns lösten sich ab mit beruhigenden Worten des Trostes. Verstörte Kinder weinten sich in den Schlaf.

„Mutti, ich muss ganz dringend mal raus“, flüsterte der Junge. „Nein, nein, das geht jetzt nicht, warte bis morgen früh, du findest uns doch nicht wieder in dieser Dunkelheit.“

Wie sollte das Kind damit warten? Und wie vielen anderen ging es ähnlich?

Überfordert von der Situation ohne die notwendigsten hygienischen Bedingungen waren sie unendlich froh über eine Nacht in einem Gasthof. Sich mal richtig waschen, auch mal umziehen und die am schlimmsten verschmutzten Kleidungsstücke säubern, eigentlich nur ein bissel „auskaschern“ und am Ofen trocknen. Sich wieder wie zivilisierte Menschen zu fühlen, das gab etwas Hoffnung.

Der Treck zog weiter, oft neu aufgeteilt, unaufhaltsam.

Dann aber wurde die Kleine krank, das Fieber stieg ins Bedrohliche. Ein Arzt? Woher? Und wie zu ihm gelangen? Eine Haustür öffnete sich, weit über die Achtzig mussten die alten Leutchen wohl sein, ihre jungen Angehörigen waren auch westwärts gezogen: „Bleibt, bis es der Kleinen besser geht, Platz ist ja da.“

Fast eine Woche Geborgenheit und umsorgt werden!

Am 1. Februar, dem sechsten Geburtstag des Jungen, gab es sogar einen Kuchen. Ein fast froher Tag für die Gastgeber wie für die Gäste. Der Abschied fiel schwer.

Nun aber waren die drei völlig auf sich allein gestellt. Endlos die verschneiten Straßen. Manche Nacht ohne Dach über dem Kopf. Hatten sie endlich Anschluss gefunden, blieben sie entkräftet, schließlich mutlos doch wieder hinter den anderen zurück. Die Pausenabstände wurden kürzer, die Pausenzeiten zogen sich immer länger hin. Als auch der Sechsjährige nicht mehr weiter konnte, die Kleine sich in einen erlösenden Schlaf geflüchtet hatte, brach die Mutter zusammen.

Vereinzelt zogen Fuhrwerke vorüber, hinter ihnen schleppten sich die, die abwechselnd Platz auf dem Wagen fanden. Abwesend, in sich gekehrt ihre gesenkten Blicke. Nur nichts sehen müssen, wo sie doch nicht mehr helfen konnten!

Und dann das Unfassbare! Jemand hatte sich über den Kinderwagen gebeugt, sah das sich bewegende Kind, es lebt! Noch nicht erfroren wie so viele an den Straßenrändern, noch lebend auch die Mutter und der Junge.

„Steh auf! Steh auf, du erfrierst sonst!“ Verzweifelt wurde die reglose Frau gerüttelt. Aber es kam keine Antwort. Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, wollte helfen. Auf den Wagen kam keiner mehr, das wusste sie.

„Meine Schwester“, schrie sie. „Halt! Haaaalt! Ich habe meine Schwester gefunden, sie und die Kinder!“

Sie versuchte, dem Wagen nachzurennen, die Kraft reichte kaum, aber sie schrie unentwegt um Hilfe, winkte mit beiden erhobenen Händen, wollte den Halt erzwingen. Endlich kam die Fuhre zum Stehen.

„Meine Schwester, ohne sie fahre ich nicht weiter! Wir müssen sie mitnehmen!“

Es war wie ein Wunder! Unter unmenschlichsten Bedingungen siegte eine der menschlichsten Regungen, das helfende Miteinander.

Auf dem Wagen kam die Mutter zu sich: „Die Kinder? Wo?“

Sie sah, die Kleine lag im Arm des jungen Mädchens, das ihr sogleich einen Teebecher an den Mund hielt. Und der Junge kaute an einem Stück Brot.

„Ich werde doch nicht meine Familie am Straßenrand zurücklassen. Pst, nicht reden, du musst erst zu Kräften kommen, schlaf ein wenig, Schwesterle, schlaf. Man lässt seine Schwester doch nicht allein.“

Schwester? Ein Einzelkind hatte eine Schwester bekommen! Im Schlaf sah sie, wie sich die Schwester ihrer Kinder annahm. Und am Abend ruhte die Schwester nicht, bevor sie ein Nachtlager für ihre Schützlinge gefunden hatte.

Am nächsten Tag um 11 Uhr sollte der Transport weitergehen. Die Schwester war nicht am Sammelpunkt, vielleicht schon fort? Keiner konnte es ihr sagen. Auch später nicht, alle Anfragen beim Suchdienst waren vergebens. Eine Schwester ohne Namen?!

Aber in diesen Stunden hatte die junge Mutter eine lebensrettende schwesterliche Liebe erfahren.

Die Schwester hat sie nie mehr gesehen. Aber diese Schwester begleitete sie ein Leben lang in ihrer dankbaren Erinnerung. Sie hatte ihr neuen Mut und neue Kraft gegeben für den weiteren Fluchtweg.

Unvergessen dann die Nacht vom 13. zum 14. Februar: Sie waren in der Nähe von Hoyerswerda, hatten wie viele andere kein Quartier gefunden. Vom Straßengraben aus wurden sie Zeuge der Zerstörung einer der schönsten deutschen Städte. Die Christbäume von Dresden– wie sonst erklärt man den verängstigten Kindern das nächtliche Feuerwerk?

Richtung Bayern sollte es gehen, ein Stück zumindest per Güterzug. Endlos scheinendes Warten auf überfüllten Bahnhöfen, das Drängeln beim Einsteigen. Nein, der Kinderwagen muss mit! Helft mir doch, das Kind ist doch noch zu klein. Direkt an der zugigen Waggontür fand sich schließlich ein Platz. Sie fahren, fahren, fahren… Ein klein wenig Geborgenheit will sich einstellen, dann ein plötzlicher Halt. „Raus, alles raus!“ Zerstörte Waggons blockierten das Gleis. Tiefflieger waren im Anflug.

Jetzt griffen helfende Hände zu, der Ausgang musste frei werden. Dann liefen viele an ihr vorbei, jeder rannte um sein Leben. Sie kam kaum vorwärts über den Schotter der Gleise. Da legte sie sich einfach schützend über den Kinderwagen. Waren es Minuten? Waren es Stunden? Sie waren am Leben geblieben. Der Junge griff zu, zu zweit hoben sie den Kinderwagen über die Gleise der rettenden Straße zu.

Es muss März geworden sein, als sie im Raum Passau eine Bleibe fanden.

Nach Witzmannsberg, einem kleinen Dorf, brachte man sie. Hier würde man Flüchtlinge vorübergehend aufnehmen. Wo sie auch anklopfte, die Türen schlossen sich, sobald man das ständige Greinen des Kindes im Wagen vernahm. Wenn man schon von Amts wegen diesen zerlumpten und verschmutzten Dahergelaufenen eine Unterkunft geben musste, dann doch wenigstens nicht mit ständigem Kindergeschrei!

Es dunkelte schon. Wieder drohte eine kalte Nacht im Freien. Da überwand sich die Mutter. In einer Seitenstraße zwischen Bäumen stellte sie den Kinderwagen ab.

„Traudel“, ganz nah kam sie dem verweinten Gesichtchen des Mädchens, „Kind, du bist doch jetzt schon groß. Die Mutti kommt gleich wieder, es dauert nicht lange. Dann holen wir dich. Du musst ganz leise sein, hörst du? Mach die Augen zu und schlaf ein bissel.“ Ein Streicheln zum Abschied.

Entschlossen ergriff sie den Arm des Sohnes: „Komm!“ Sie bogen um die Straßenecke und gingen schnurstracks auf das nächste Gehöft zu. Es war nicht groß. Vielleicht hat ja der ärmere Bauer mehr Herz? Und richtig, die Bäuerin bückte sich zu dem Jungen: „Der Bua hat Hunger. Mogst was zum Essen?“ Sie zog ihn hinter sich ins Haus. Im Nu hatte der Bua die Herzen der beiden Alten erobert. Ihre beiden Söhne, der Loisel und der Josel waren im Krieg. Dieser Junge erinnerte sie an deren Kindheit.

Plötzlich aber stand die junge Frau mit einem Bündel Kind im Arm in ihrer Küche. Nein, so war das nicht gedacht!

„Meine Schwester“, jauchzte der Junge. Er nahm die Hand der Bäuerin: „Schau, wie lieb sie ist.“ Er streichelte das Kinderbündel und führte die Hand der Bäuerin, es ihm gleich zu tun. Das Eis war gebrochen.

Für Monate hatten sie nicht nur Unterkunft gefunden. Nein, diese Bauersleute hatten ihnen die Wärme einer Familie gegeben. Und den Bua mochten sie wie ein eigenes Kind.

Nach Monaten ein Bad! Der Holzzuber in der Küche wurde zum Kinderparadies. Beide planschten vergnügt, sie durften sich voll spritzen und die Bäuerin wusch ihnen die Haare und kippte einen halben Wassereimer als Dusche über ihren Köpfen aus.

Eingewickelt in ein großes Badetuch saßen sie am Tisch und futterten einen Brotkanten mit Butter und Leberwurst. Die Bäuerin hatte ihre eiserne Reserve angegriffen. Und es gab Milch, wie lange hatten sie darauf verzichten müssen? Der kleine Mädchenmagen hatte das ungewöhnliche Festessen nicht vertragen. Nun musste er langsam wieder an regelmäßige Mahlzeiten gewöhnt werden.

Der Sommer kam, für die Geschwister war es der erste Sommer ohne Krieg. Sie spielten draußen mit den Kindern des Dorfes, bald sprachen sie bayrisch, waren von den anderen nicht zu unterscheiden. Nur weil das Mädchen als Folge der fluchtbedingten Unsauberkeit unter einem entsetzlichen Hautausschlag litt, hüpfte sie oft als Nackedei herum. Der amerikanische Militärarzt hatte das empfohlen.

Im August wurde die Kleine drei Jahre alt. Ein Kreisspiel singt von einem auf der Donau fahrenden Schifferl, sie erinnert sich noch heute gern daran.

Seit langem waren es die ersten glücklichen Kindertage. Der Krieg war aus. Das Leben normalisierte sich. Der Junge kam zur Schule.

Warum nur weinte die Mutter so oft? Es war doch so schön hier. Warum wartete sie jeden Tag sehnsüchtig auf die Postfrau? Warum? Warum?!

Die Mutter ging der Bäuerin in Haus und Stall zur Hand, das Mädchen spielte mit dem alten Teddybären, der sich über die Kindheit der beiden Söhne gerettet hatte. Und wenn gebuttert wurde, durfte sie oben auf dem hölzernen Butterfass sitzen, damit der Deckel nicht verrutschte.

Der Bauer nahm den Bua oft mit aufs Feld. Der Junge fasste schon tüchtig mit an, durfte auch mal auf dem Pferd sitzen. Und wie stolz war er, wenn ihm heimzu auf den letzten paar Metern die Zügel in die Hand gedrückt wurden. Jetzt konnte die Mutti sehen, wie groß er schon war.

Einmal – die Mutter musste auf irgendeinem Amt in Passau vorsprechen – wurde ihm die Aufsicht über das Schwesterchen übertragen. Nach dem Mittagsschlaf zog er der Kleinen das Kleidchen an, verkehrt herum zwar, aber liebevoll. Barfuß gingen sie der Mutter entgegen.

Zuerst durchs Dorf, dann entlang der Wiesen zum Bahnhof. Und als noch immer keine Mutti zu sehen war, liefen sie die Bahnschienen entlang, dorthin, wo ihrer Meinung nach Passau sein müsse.

Und wirklich, aus der Gegenrichtung näherten sich schließlich drei Frauen. Plötzlich schrie eine von ihnen auf, rannte ihnen entgegen, so schnell es Schwelle für Schwelle eben erlaubte.

„Um Himmels willen, Kinder! Was, wenn ein Zug gekommen wäre?!“

„Kam aber keiner!“, rechtfertigte sich der Junge, „Was du immer für Angst hast!“

Monate gingen ins Land.

Plötzlich stand er mitten im Hof, der Mann mit dem langen Mantel.

Die Mutter schrie auf, reglos, wie versteinert. Dann fiel sie dem Fremden um den Hals, küsste ihn. Nie hatte die Mutter jemanden umarmt, gar geküsst, das gab es nur für ihre Kinder.

Das Mädchen hielt sich fest am langen Rock der Bäuerin, versteckte sich darin. Langsam, vorsichtig ging der Junge auf ihn zu: „Papa?“

„Papa!“, jubelte er dann! Sprang ihm entgegen, wurde hochgenommen, kuschelte sich in das bärtige Gesicht.

Die Kleine blieb abwartend. Das war doch ein Fremder! Sein Gesicht stachelte. Und waschen sollte der sich auch mal!

Ein paar Tage brauchte der Vater, bis er wieder zu Kräften kam. Ja, Landwirtschaft, das wäre es jetzt! Schließlich stammt er aus einem schlesischen Bauernhof. Mit sieben Geschwistern war er dort aufgewachsen und so die Feld- und Stallarbeit gewohnt.

„Bleibt hier,“ sagte der Bauer, „ich kann dich hier gebrauchen, bis die Buben wieder da sind. Und dann findet sich was für euch.“ Gern wären alle geblieben. Aber der Vater musste ein Versprechen einlösen:

„Nach dem Krieg treffen wir uns bei meiner Mutter in Weißenfels, versprich es! Das liegt in der Mitte des Landes, dort sind wir sicher.“ Kurt, sein Freund aus Kindertagen, hatte ihm dieses Versprechen abgenommen, als der Krieg die beiden auseinanderriss.

„Ich muss, ich hab’s dem Kurt versprochen“, der Vater blickte unsicher, es ging in die russische Zone. „Versprochen ist versprochen“, murmelte er. „Ich muss!“

Es ist bis heute nicht nachvollziehbar, der fast übertrieben korrekte Vater, der jeden Schritt x-mal überdachte und überprüfte, er ließ sich auf so ein Abenteuer ein!

Es war ein schwerer Abschied. Aus der ersten Geborgenheit nach so vielen entsetzlichen Erlebnissen ging es nun erneut ins Ungewisse.

Wieder wurde die Tochter in den Kinderwagen gepackt, wieder der Koffer obendrauf! Wieder überfüllte Eisenbahnen. Diesmal wollten vor allem Rucksackträger die gehamsterten Kartoffeln, Rüben, Mehl, sogar Eier heil nach Hause transportieren.

Und wieder kaputte Gleise, raus aus dem Zug, zu Fuß durch einen Tunnel. Der steinig zerfurchten Straße hielt der seit langem überforderte Kinderwagen nicht mehr stand. Er kippte um, Koffer und das brüllende Kind folgten. Und dann die einzige Ohrfeige im Leben, die es vom Vater bekam.

Zonengrenze – Mutters goldene Uhr wurde ihr abgenommen, das Konfirmationsgeschenk ihres Vaters, das sie bis hierher gerettet hatte.

Nach Tagen endlich der Bahnhof Weißenfels. Jetzt wird sich die Freundestreue lohnen. Gemeinsam werden die beiden Tischler eine Werkstatt aufmachen. Zerstörte Wohnungen, zerstörte Möbel – es wird viel zu tun geben!

Zeitzer Straße, rotes Eckhaus – hier! Das Elternhaus des Freundes war unversehrt geblieben. Voller Erwartung stieg der Vater die Treppe hinauf.

In der Tür ganz in Schwarz, Lene, die Frau des Freundes.

Unten wartete die Familie, wartete, wartete und wartete.

Mit einem Satz war alle Hoffnung ausgelöscht: „Der Kurt“, Lene schluchzte, „der Kurt kommt nicht mehr.“

Gefallen – in den letzten Kriegstagen!

Wieder allein in der Fremde.

Wohnung? Alles kaputt hier! Nix zu machen!

Im benachbarten Langendorf dann eine Behelfsbaracke für den eisigen Winter 46/47!

Der Vater fand Arbeit bei einem ortsansässigen Tischlermeister.

Aber zwei Meister in einer Tischlerei? Einer davon der Habenichts!

Gewerbelehrer wurden gesucht. Ein halbes Jahr nach Berlin zum Studium – immerhin besser als ein Tischler ohne Werkstatt!

Wieder war die Mutter mit den beiden Kindern allein, und im Februar kam das dritte, ein Mädchen. Dieses Schwesterchen, in Weißenfels geboren, war das schönste Ergebnis der Wiedersehensfreude der Eltern!

Als Neulehrer wurde der Vater ins thüringische Altenburg berufen. Und hier ist die Familie geblieben, endlich irgendwo angekommen! Nur nicht mehr von Ort zu Ort ziehen müssen!

Es sei denn, es ginge nach Hause!

Vier Gräber auf dem Altenburger Friedhof – das fünfte muss warten!

Einer muss euch doch erzählen, warum wir Schlesier so gut deutsch sprechen.

Informationen zum Artikel:

Dafür sprichst du aber gut deutsch

Verfasst von Waltraud Seidel

Auf MSG publiziert im Jänner 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Polen, Schlesien, Trebnitz/Trzebnica
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Es waren die Fragen meiner Enkelkinder, die meine Erinnerungen an mein erstes Zuhause wachriefen. 1942 im schlesischen Breslau geboren, mit zweieinhalb Jahren auf dem Flüchtlingstreck - meine Erinnerungen leben von den Erzählungen meiner Mutter. "Die Tränen meiner Mutter", meine erste Erzählung darüber, wurde in den Band "Angekommen..." im Ergebnis des Literaturwettbewerbs zur 8. Bonner Buchmesse 2011 aufgenommen.
Inzwischen sind vier Erzählungen dazu entstanden, zusammengefasst unter dem Titel "Zwischen Breslau und Wroclaw - ein Flüchtlingskind erinnert sich" - Der vorliegende Text ist ein Auszug daraus.

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