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„Mit zitternden Knien …“ Fahrten im Jahr 1945

von Hiltraud Ast

Mein Elternhaus Hofzeile 13 war von den Bombern, die Gräf & Stift treffen sollten, abgedeckt und so schwer beschädigt worden, dass wir ausziehen mussten. Mein Lehrer, Dr. Karl Lintner, später auch Rektor der Universität Wien, half meinen Eltern, mit einem Handkarren in die Wohnung eines Neffen zu siedeln, der im Felde stand.

Ich quartierte mich bei meinen zukünftigen Schwiegereltern im Haus Theresiengasse 19 ein. Von vier Söhnen war ihnen nur mein Verlobter geblieben, der Medizin studierte, kurz vor dem Rigorosum stand, aber kaserniert war.

Den Angriff am 12. März – die Oper brannte – erlebte ich im Keller der Boltzmanngasse. Als ich um ca. 16 Uhr heimkam, war das Haus gegenüber (Theresiengasse 16) in sich zusammengestürzt und im Luftschutzkeller darunter die Eltern begraben.

Mein Verlobter versuchte den ganzen Abend – kaum Werkzeug – sie auszugraben. vergeblich! Nach Mitternacht kam er herüber – blutüberströmt – von Aufregung und Anstrengung bekam er immer Nasenbluten. Am Tag darauf schaffte die Technische Nothilfe sie alle – es waren gegen 40 Tote – auf den Zentralfriedhof in ein Massengrab. Tags darauf versuchte mein Verlobter, nun gemeinsam mit einem treuen Freund, seine Eltern aus dem Massengrab herauszuziehen, ehe es zugeschüttet würde; vergeblich, die Papiersäcke zerfleddert, die Stricke gerissen. Heimkehr mit Nasenbluten.

Dennoch bekamen die Eltern in den nächsten Tagen ein ordentliches Begräbnis auf dem Neustifter Friedhof. Offenbar hatten Freunde – mein Schwiegervater war als Präsident der Notariatskammern Österreichs ein angesehener Mann – dies irgendwie erreicht.

Indessen hatte ich damit zu tun, aus alten Kartons Ersatz für die zerbrochenen Fensterscheiben zu schneiden und aus Kisten für die Hausgemeinschaft Brennholz zu machen. Ich war die Jüngste. Es gab im Haus noch einen gemauerten Herd.

Mein Gefährte bestand darauf, mich im Westen in Sicherheit zu bringen, er würde in Wien bleiben. Den Sowjets ging ein böser Ruf voraus, ich war 21 Jahre und hübsch.

Am 2. April 1945 – aus Richtung Baden hörte man dumpfen Geschützlärm – heirateten wir noch schnell im Währinger Rathaus, ein Kollege, eine Kollegin als Trauzeugen.

Am Nachmittag packte ich in meinen Rucksack den Wintermantel und den Schmuck der toten Schwiegermutter sowie viele Stangen Zigaretten als Notwährung, schnallte die Bergschuhe meiner Mutter – einer früheren Alpinistin – außen an den Träger und radelte los.

Mitglieder und Material des Physikalischen Institutes der Universität Wien waren knapp vorher in einen Sonderzug Richtung Zell am See verstaut worden und abgereist. Ich trachtete mit meinem schweren Puch-Fahrrad nachzufahren. Ab Neulengbach mit einem Truppen-Lkw – Beschuss von Tieffliegern – Deckung im Straßengraben.

Glücklich angekommen in Bad Hall. Von dort weiter per Rad nach Attnang-Puchheim. Versuch, mit der Bahn weiterzukommen. Kein Personenverkehr, wohl aber stand auf den Gleisen ein Truppentransporter. Ich verhandelte mit den Soldaten im vorletzten Waggon, ob sie mich mitnehmen würden – Zigaretten-Zustimmung. Sie hoben mein Rad auf den letzten Waggon, wo unter einem Netz in Tarnfarben ein Geschütz stand. Meinen Rucksack mit Familienschmuck und Wintermantel nahmen sie zu sich.

Da fuhr eben der Sonderzug mit meinen Kollegen vom Institut auf einem Abstellgleis ein. Ich eilte zu ihnen und plauderte durchs Fenster. Da gewahrte ich, wie sich der Truppentransporter mit all meinem Hab und Gut langsam in Bewegung setzte. Trotz der schweren Bergschuhe ereilte ich den letzten Wagen und schwang mich auf den Puffer in Hockestellung. Links hielt ich mich an der Scheibe an, rechts erhaschte ich einen Metallgriff des Waggons. Schneller, schneller ging’s dahin.

Ich durfte nicht zu Boden sehen! In rasender Fahrt sausten Schwellen und Schotter des Bahndammes unter mir dahin – Herzklopfen – Schwindel – nur nicht auslassen! Fliegeralarm, die Fahrt wurde immer schneller. Todesangst!

Die Soldaten im vorletzten Waggon dürften beobachtet haben, wie ich dem Zug nachgelaufen war. Einer davon überkletterte das Geschütz und beugte sich zu mir hinab, reichte mir fest die Hand – Erleichterung. Er redete mir zu, mich in voller Fahrt von der Hockestellung zum Stand aufzurichten – Herzklopfen – es gelang.

Dann half er mir, die Bordwand zu überwinden. Mit zitternden Knien erreichte ich über das Geschütz hinweg den vorletzten Waggon. Ich schnürte meinen Rucksack auf und dankte mit Zigaretten. In Steindorf musste ich aussteigen, der Zug ging nach Passau – ich Richtung Salzburg. Der Zug hielt an, ein Eisenbahner betrat unser Abteil: „Die Militärpolizei hat angerufen, bei dem Zug sitzt eine Frau am Puffer. Ich siech’ aber nix.“

Als ich am 21. Juni 1945 von meinem Fluchtort Zell am See zuerst mit dem Rad, von der Demarkationslinie an aber zu Fuß nach Wien heimgekehrt war, fand ich meine Mutter mit Geschwulsten an den Beinen – Hungerödem.

Ich machte mich also mit einem Herrenrad auf den Weg ins Marchfeld, wo in Mannsdorf alte Freunde einen Hof besaßen. Ich fuhr „hamstern“. Ich brachte der Bäuerin zum Tauschen vor allem Rexgläser zum Einkochen. Die dazugehörigen Gummis, die man im Krieg nicht mehr bekam, galten als Kostbarkeit.

Ganz allein radelte ich durch Aspern, links Russen, rechts Russen, mir geschah nichts. Ich vermied allerdings jeden Blickkontakt.

Auf der Rückfahrt war das Hamster-Kofferl – es stammte von einem Motorrad der Wehrmacht – auf meinen Gepäcksträger aufgeschnallt und voll von Kostbarkeiten: eine Speckseite, Bohnen, Mehl, Honig. Darüber Rübenblätter zur Tarnung. Links und rechts von der Lenkstange je eine schwere Tasche mit ähnlichem Inhalt.

In Stadlau – ich erinnere mich an eine schattige Allee – überholte mich ein Russe mit einem Traktor, auf dem Anhänger war Langholz geladen. Kurz vor mir bog er unerwartet in einen Seitenweg ein und schmiss mich mit dem Ende der Stämme in den Straßengraben. Das Radl hatte einen Patschen und ich ein blutiges Knie.

Das Hamstergut war intakt geblieben.

Würden mir die russischen Posten an der Reichsbrücke meine kostbaren Lebensmittel wegnehmen? Er sah das blutige Knie, war barmherzig und winkte mich durch.

Nun ging es schiebend weiter, zuerst Sandstraße, dann Kopfsteinpflaster. Seither weiß ich, dass die Alserstraße ziemlich stark bergauf geht, im heutigen 43iger spürt man das freilich nicht mehr.

Informationen zum Artikel:

„Mit zitternden Knien …“ Fahrten im Jahr 1945

Verfasst von Hiltraud Ast

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 18. Bezirk / Oberösterreich, Hausruckviertel, Attnang-Puchheim
  • Zeit: 1945

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand in Zusammenhang mit dem Gesprächskreis "Bewegung in der Stadt" im Wien Museum im Herbst 2012. Der erste Teil der Erzählung wurde bereits 2003 in dem Sammelband "Faszination des Fahrens. Unterwegs mit Fahrrad, Motorrad und Automobil", herausgegeben von Kurt Bauer, veröffentlicht.

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