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Erste Liebe

von Ferdinand Planegger

Sommer 1959, eigentlich ein Katastrophenjahr.

Das Land litt erst unter Hitze und den darauf folgenden Gewitterstürmen mit Hagel und Überschwemmungen. Viele Menschen verloren ihr gesamtes Hab und Gut – und trotzdem: die Stimmung unter den steirischen Menschen war ungebrochen gut, es ging aufwärts.

Ich war damals ein 13-jähriger Junge mit allerhand Flausen im Kopf, mein Spielplatz war die Straße, mein Elternhaus war nicht herzeigbar. Ziemlich auf mich allein gestellt, manchmal auch etwas altklug, schwindelte ich mich durch mein Leben. Ich musste so schnell wie möglich „erwachsen“ werden. Die schulischen Erfolge blieben aus und ich wurde zum Sitzenbleiber mit acht Nicht genügend! Im darauf folgenden Schuljahr war ich plötzlich Vorzugsschüler ... Ich war ja nicht dumm, nein, das war (wie ich heute weiß) ein einziger Aufschrei nach Hilfe, nach ein bisschen Nestwärme.

Ich war ja noch ein Kind, wenn auch ein pubertierendes. Und hatte keine Ahnung, was Liebe ist und wie sich das anfühlt. Wie es sein kann und wie es ist zu lieben, kannte ich nur aus Groschenromanen. So wurde ich zum Tagträumer, und das musste mein Geheimnis bleiben, denn nach außen hin wollte ich stark sein. Mädchen waren in meiner Vorstellung nur zum Ärgern da. In meiner Seele sehnte ich mich schon nach Zuneigung, wusste aber nicht, wie ich das anstellen sollte, denn mit meiner großen Klappe ging das meistens gründlich daneben.

Es war Ferienzeit, meine Freunde und ich trafen uns bei halbwegs schönem Wetter fast immer im städtischen Schwimmbad. Bald kristallisierten sich kleine Cliquen heraus, in denen auch ein paar Mädchen waren.

Natürlich wollte jeder meiner Freunde den Mädels imponieren. Ich auch.

Toni konnte besonders gut und schnell schwimmen, Rudi hatte als Einziger von uns eine Armbanduhr mit Stoppuhr-Funktion. Ich aber spielte den Mutigen, der sich vom Trampolin springen traute, und zwar mit meiner Spezialität, der „Schwalbe“. Das sah ungefähr so aus: Ich nahm Anlauf, das Sprungbrett wippte durch und dann stieg ich in die Lüfte – die Hände wie die Flügel einer Schwalbe ausgebreitet und kurz vor dem Eintauchen ins Wasser wieder schön geschlossen –, um ohne viel zu spritzen diese Vorführung abzuschließen.

Leider gelang das nicht immer so perfekt, dann konnte die ganze Nummer in einem fürchterlichen Bauchfleck enden. Weil ein Unglück selten alleine kommt, riss es mir auch schon mal die nicht ganz dem letzten Modetrend entsprechende Badehose (sprich Klothhose) vom Leib.

Das Gelächter war dann natürlich groß, und obwohl ich im letzten Moment geistesgegenwärtig die Hose noch mit meinen Zehen aufhalten konnte traute ich mich fast nicht mehr aus dem Wasser zu steigen.

Unsere neuen Freundinnen waren in unserem Alter und genauso verspielt wie wir, der wirklich erkennbare Unterschied lag in der Sprache, besser gesagt in der Ausdrucksweise.

Britta und ihre kleine Schwester Dagi, Trude und Christa stammten durch die Bank aus Akademikerfamilien. Da konnten wir allesamt nicht mithalten, ich schon gar nicht mit einer Schnapsdrossel als Vater.

Den Mädels machte das aber nicht so viel aus, im Gegenteil, sie amüsierten sich königlich mit unserer etwas rustikalen Anschauung der Welt. Bei uns gab es Abenteuer und auch Verbotenes, das war es, das uns für sie interessant erscheinen ließ.

Uns Buben ging es nicht viel anders, wir interessierten uns brennend für das alltägliche Leben in so einem vermeintlich feinen Akademikerhaushalt, wo Mädchen nicht pfeifen durften und am Sonntag weiße Netzhandschuhe tragen sollten. Wenn wir allein unter uns Buben waren, wurde darüber gelästert und gelacht, waren die Mädchen da, benahmen wir uns aber sehr sittlich und versuchten – wenn auch etwas holprig – etwas von ihrer Sprache anzunehmen. Das klang in meinen Ohren zwar fürchterlich abgehoben, aber es gelang mir schon mal statt „i geh auffi“ ein moderateres „ich geh rauf“ oder „kommst du runter?“ statt „kum owa!“ von mir zu geben. Immerhin.

Mein schon etwas älterer Freund Toni war der Erfahrenste in unserer Runde und hatte auch schon mehrere „Sweethearts“, mit denen er „gegangen“ war, wenn auch nicht mehr dabei rauskam, als dass er ihnen die Schultasche nach Haus getragen hatte ..., aber er hatte Ahnung und wir nicht. So fing er an, die Mädchen nach ihrem Aussehen, ihren weiblichen Rundungen und sonstigen, seiner Meinung nach wichtigen Merkmalen zu klassifizieren. Das gab ständig Zoff, denn meine heimlich auserwählte Britta kam bei diesem Ranking ziemlich schlecht weg, Trude war gar nur ein Kumpel-Typ. Seine Favoritin war Christa, denn sie hatte eindeutig den größten Busen, er blitzte bei ihr aber ab und es war ihm egal.

Toni erklärte mir ausführlich, auf was es da ankommt, dass Mädchen eine Taille haben müssen und so weiter ... zum besseren Verständnis nahm er ein Poster mit keiner geringeren als „Brigitte Bardot“ zur Hand.

Ich sah das aber ganz anders, für mich zählte, wie sich meine Auserwählte benahm und bewegte. Ihre Stimmlage war für mich Melodie und ihre Mimik, besonders ihre leicht geschürzte Unterlippe, hatte ich zum Fressen gern, dazu ihr Augenaufschlag mit diesen langen Wimpern, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich war einfach hingerissen, infiziert vom Unaussprechlichem ...

Mit der Verteidigung „meiner“ Britta hatte ich mich in diesem Moment verraten und meine Freunde fingen an mich „aufzuziehen“. Brittas kleine Schwester hatte meine Worte mitbekommen und natürlich prompt weitererzählt. Das erste Gänsehaut-Feeling erlebte ich als ich erfuhr, dass meine Britta ihrerseits auch mich verteidigte, wow!

Sie war eine große Tierfreundin, ganz besonders mochte sie aber Pferde. Zur damaligen Zeit gab es in unserer Stadt noch viele Pferde (allein schon der Brauereien wegen), die mit Pferdefuhrwerken das Bier zustellten. Britta kannte alle diese Pferde mit ihren klingenden Namen wie zum Beispiel „Max und Moritz“ . Sie wusste genau, wann und wo welches Gespann unterwegs war. Sie hatte immer ihr Futter dabei, und die Pferde erkannten sie schon von weitem und scharrten mit den Hufen vor Freude.

Das war meine Chance, ich tat, als käme ich ganz zufällig vorbei, und fragte ob ich denn auch mal dem Pferd ein Leckerli geben darf. Niemals im Leben hätte ich zugegeben, dass ich mich eigentlich vor Pferden fürchtete. Tapfer gab ich „Moritz“ mit der flachen Innenhand, genau wie es Britta mir gezeigt hatte, das Futter und streichelte vorsichtig diesen edlen Rappen am Kopf. Geschafft! Das Pferd hatte meine Angst nicht bemerkt und wurde richtig zutraulich, von da an hatte ich einen richtigen Stein im Brett bei Britta. Ihre Meinung war – wenn das Pferd mich mag, dann muss ich ein guter Junge sein ...

„Danke lieber Moritz, dass du mich nicht verraten hast!“

In unserer Stadt gab es zwei Kinos, das Stadtkino und die Kammerlichtspiele. Bei uns Buben war es natürlich das „Nonplusultra“, wenn wir einen Film sehen konnten, der als Jugendverbot ausgewiesen war. Wir hatten da so unsere Tricks, um die Billeteure zu täuschen, und vor allem mussten wir herausfinden, an welchem Eingang der dafür abgestellte Stadtpolizist stand. Speziell Wildwestfilme waren bei uns angesagt.

Ich wollte aber etwas ganz anderes tun, ich wollte mit Britta ins Kino und grübelte tagelang wie ich es anstellen sollte, denn sie brauchte natürlich die Erlaubnis ihrer Eltern. Bei mir spielte das keine Rolle, kein Mensch kümmerte sich um mich.

Auf der Straßenseite der Kinos waren viele Schaukästen mit Bildern angebracht, in denen die Voranzeige für die Filme des nächsten Monats stattfand. Da war sie, die Idee! Ein sogenannter Kulturfilm von besonderer Güte – ausgestattet mit dem Prädikat „Sehenswert“ – und jugendfrei, der Film hieß: „Kanada – Land der schwarzen Bären“, genau, das war es!

Beim nächsten Treff mit Britta druckste ich ein bisschen herum – mir schlotterten die Knie vor lauter Angst einer Abweisung, denn ich wollte sie ins Kino einladen und sie sollte das irgendwie ihren Eltern verklickern. Als Anstands-Wauwau waren ihre beste Freundin Trude vorgesehen, aber um Gottes willen nicht ihre kleine Schwester Dagi, die war nur lästig und erzählte immer alles brühwarm ihren Eltern.

Es war vollbracht, wir hatten die elterliche Hürde souverän gepackt und mit ein paar Tricks die Beginnzeiten etwas zu unseren Gunsten manipuliert, so dass wir für uns auch noch ein wenig Zeit hatten. Mein Augenstern war stolz auf mich und mein Organisationstalent.

Was gibt es Schöneres, ich hatte meine allererste Freundin überhaupt ins Kino eingeladen. Toll!

Bei meinen Freunden hatte ich mich so richtig unbeliebt gemacht, ich war ihnen einfach zu brav und zu selten bei der Sache. Was sollte ich tun? Ich wusste ja selbst nicht was mit mir geschah ...

Die Zeit verging wie im Flug, und es kam der Tag der Wahrheit. Wir trafen uns vor dem Stadtkino, ich war natürlich schon viel früher vor Ort und bibberte meinem Glück entgegen. Es ist schon erstaunlich, was so ein kleines Rendezvous aus so einem abgebrühten Jungen machen kann, nämlich einen richtigen Angsthasen mit schlotternden Knien, dem das Blut in den Kopf schießt und der kaum einen zusammenhängenden Satz herausbringt.

Und dann kam sie, mein ganzer Stolz! Traude war auch da, und wir gaben uns leicht und fröhlich. Die Mädels freuten sich doch tatsächlich auf den Film. Ich freute mich auch, jedoch vielmehr auf die gemeinsame Zeit, die wir verbringen durften. Es waren eine Menge Leute da, und ich hatte das Gefühl, dass mich jeder bewunderte und dass dieses Kino und der Film sowieso nur für mich gemacht und gedacht waren.

Wir saßen so ungefähr in der Mitte des Parketts, eigentlich wollte ich ja Karten für die letzte Reihe kaufen, es hätte auch noch solche freien Plätze gegeben, aber ich traute mich nicht, denn ich wusste, das diese hinterste Reihe immer von Liebespaaren genutzt wurde, um zu schmusen. Ich wollte auf gar keinen Fall unseriös wirken – nur nichts aufs Spiel setzen!

Der Film begann, und ich bin beim besten Willen nicht in der Lage, auch nur eine einzige Szene aus dem Film zu schildern. Ich weiß nur noch, dass es mir kalt-warm über den Rücken lief und meine Hände feucht wurden. Ich dachte jetzt oder nie – leg ihr einfach den Arm um die Schulter und zeig ihr, dass du sie magst ... Mein Gott, ist das schwer, immer wieder redete ich mir im Gedanken Mut zu und legte mir eine Strategie zurecht, nämlich bis zehn zu zählen und dann ... Wieder nix, irgendwer hat hinter mir gehüstelt, ich hab das sofort auf mich bezogen und haderte mit mir selbst. Zum Glück streifte Brittas Arm wie zufällig an meiner Seite an. Das war die Erlösung, ich legte meinen Arm um sie und sie ließ es geschehen. Britta lispelte etwas in mein Ohr, ich weiß bis heute nicht, ob es den Film betraf oder nur mich ... Ich glaubte, mich schnurren zu hören wie ein zufriedener Kater vor lauter angenehmen Gefühlen.

Nach der Vorstellung kamen wir ins Freie, der Ausgang mündet direkt in den Stadtpark. Es kam schon wieder ein schweres Gewitter auf und Traude verabschiedete sich ganz schnell, um ihren Bus noch zu erreichen. Da ging es auch schon los. Die Tropfen wurden immer schwerer, der Himmel färbte sich schwarz und gelb und es krachte und blitzte, dass uns Angst und bang wurde. Ich kannte einen Unterstand im Stadtpark, da war so ein Schuppen vom Gärtner für seine Geräte zur Pflege des Parks. Patschnass sprangen wir dort hinein und kuschelten in einer Ecke zusammen. Wir hatten beide großen Respekt vor diesen Naturgewalten. Bald hörten wir die Sirenen heulen und die Martinshörner der Feuerwehren und Rettungsdienste.

Wir hatten unsere Jacken ausgezogen, um sie nur lose über den Körper zu hängen, und rückten immer enger zusammen. Mir fehlen die Worte, um mein – unser Glück zu beschreiben, Britta schmiegte sich eng an mich, und ich spürte die ihre Haut auf meiner, welch ein Gefühl! Ich weiß nicht mehr, was ich sagte, und selbst wenn ich es wüsste, es bliebe mein – unser Geheimnis. Sie sah mich an, und ich hätte fast losgeheult vor Glück, denn ich wusste in diesem Augenblick, dass es meiner Britta genau so ums Herz war wie mir. Es gab zarte Bussis und irgendwann spürte ich ihre Lippen auf den meinen ...

Wir waren stumm vor Glück, keiner sagte etwas, keiner wollte diese wunderschöne Stimmung zerstören, nur nicht aus diesem Traum erwachen. So könnte es ewig bleiben!

Unser kleines, fast sprachloses Glück ließ uns fast die Zeit vergessen, und wir mussten uns sputen, um nach Hause zu kommen. Brittas Eltern würden sich bestimmt schon Sorgen machen, auch wegen des schweren Gewitters . Frohen Schrittes liefen wir ins Leben zurück und hatten keine Worte für die Strömungen in unseren Körpern.

Einen Sommer lang dauerte dieses kleine Glück.

Das Ende hatte soziale Gründe. Das tat weh!

Informationen zum Artikel:

Erste Liebe

Verfasst von Ferdinand Planegger

Auf MSG publiziert im Juni 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-Ost, Bruck an der Mur
  • Zeit: 1959

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