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Parkgeschichten III

von Luzie Ivenz

Im Tief

Mein Park ist derzeit verwaist. Es würde auch „verweißt“ passen, denn überall liegt Schnee, und wo vorher Wasser war, ist nun Eis. Deshalb beginnt für mich die Zeit der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit, der Traurigkeit.  Alle meine Gedanken sind in die Vergangenheit versetzt, wo ich noch unter Leute kam, wo ich noch kommunizieren konnte. Erinnerungen werden wach und erinnern an Zeiten, in denen ich noch positiver denken konnte. In negativen Augenblicken erscheint mir die Zukunft nur als Vorraum des Sterbens.

Meine Betreuerin fürchtet, dass ich ausrutsche, ihr selbst ist es zu kalt. Denn mein Gehtempo, das mich ins Schwitzen bringt, bringt sie zum Frieren. Und meine Lieben sind weit davon entfernt, einzuspringen und Abhilfe zu schaffen. Sie wissen alles besser und auch worauf es ankommt, aber der Wille zur Durchführung fehlt. Und so harre ich aus in meiner Depression und warte auf ein Wunder!

Silvester 2012

Wäre ich den Vorschlägen Traudls gefolgt, für jeden Knaller oder für jeden Böller ein Strichlein zu machen, wäre die Seite voll geworden. So aber kann ich meine Silvestereindrücke schildern, wie ich sie empfunden habe.

Schon am Nachmittag begann das Knallen. Mein Eindruck war, dass dieses mit dem „Einsamsein“ eines Menschen  zusammenhängt: Ein Mensch, der sich einsam fühlt und trotzdem bemerkt werden will. Deshalb geht er, um dieses noch mehr hervorzustreichen unter den Bogen, wo seine Knaller durch den Hall noch lauter knallen. Hingegen sah man von der „Hohen Warte“ ein Feuerwerk mit farbigen Raketen, die Kügelchen, Sterne … darstellten. Auch der Lärm war geringer.

Der Raub unserer Nachtruhe dauerte bis 12 Uhr 30.

Dann war die Zeit zu kurz, um noch die Abfälle dieses Silvesterevents wegzuräumen. So sieht der Park heute wenig einladend aus. Auch das Wetter scheint nicht positiv vom Silvesterrummel beeinflusst zu sein. Somit beginnt das Jahr 2013 recht deprimierend.

Hoffentlich geht es nicht so weiter!

Ein Krimi

Eigentlich waren es bisher arglose Parkgeschichten. Texte über Tiere oder über etwas merkwürdige Menschen. Dass ich diesmal zu einem Krimi kommen muss, hätte ich mir nie gedacht, wo ich doch Krimi nicht gerne lese.

Heute aber las ich in der Zeitung von einem vor dem Karl-Marx-Hof verschwundenen Menschen. Er ist Arzt in einem Döblinger Krankenhaus und wollte in die Oper, kam aber dort nie an. Zuletzt wurde er vor meinem Park gesehen. Das hat meine Phantasie angeregt. Gedanken rasten durch mein Gehirn. Die Sträucher der Parkanlage sind noch nicht so dicht, dass sich jemand dahinter verstecken könnte, um dann eine Untat zu begehen. Die Entlüftungsschächte der Tiefgarage sind mit Deckeln verschlossen, sodass es unmöglich wäre, hineinzufallen. Der Schnee, der bisher gefallen ist, ist noch zu gering, um einen Menschen zuzudecken.

Vielleicht wurde er in die Tiefgarage gezerrt, um ihn auszurauben oder umzubringen, vielleicht ist er auch einem Infarkt erlegen. Jedenfalls wird von der Polizei um Mithilfe bei der Aufdeckung gebeten.

Somit werde ich mich wieder einmal auf meine Beobachtungsposition begeben und versuchen, von dem Punkt aus oder bei meinen Gehrunden zur Gehtherapie  genau zu beobachten, um vielleicht der Polizei behilflich sein zu können.

Wer suchet, der findet!

Ich will auf dieses Sprichwort nicht weiter eingehen. Das wäre nicht salonfähig. Mich persönlich traf dieses Finden besonders positiv. Im Winter habe ich für meine Krücken Spikes, deren Montage nicht einfach ist. Besonders schwierig war das Herunterklappen dieses Gerätes. Durch das Fehlen der Knöpfe war man nicht imstande, fest zusammenzudrücken.

Zwei dieser Knöpfe fehlten. Einen fand ich später durch Zufall im Stiegenhaus. Einer aber musste erst konstruiert werden.

Dazu würde am besten eine Perle dienen und so überlegten wir, wo sie zu kriegen wäre, ohne eine Perlenkette zu opfern. Dieses ist nur ein Spaß!

Bei der darauffolgenden Parkrunde fand ich einen Packerlverschluss, der mir geeignet schien, als Perle zu dienen. Somit war der Gedanke an das Opfer der Perlenkette vergessen.

Mit Sägemesser machte ich mich daheim an den Zuschnitt und mit Uhukleber klebte ich das Röhrchen an den Stab meiner Krücke. Noch ist sie deshalb in Ruhestellung, um den Kleber trocknen zu lassen.

Ich hoffe jedoch, mit diesem Fund dem Übel der Spikes abgeholfen zu haben. Ich danke allerdings heimlich denen, die den Mistkübel übersahen und die ich vorher schon einmal kritisiert habe.

Vorfrühling

Über Nacht ist aus meinem weißen, schneebedeckten Park ein grüner Park geworden. Der Regen hat noch dazu beigetragen und hat den Schnee auf den Gehwegen aufgeweicht, sodass an einen Rundgang nicht zu denken war. Der weggeworfene Müll war durch die Schneeschmelze auch wieder sichtbar geworden. Die kurzen Sonnenfenster brachten es nicht fertig, alles aufzutrocknen. Sie brachten es auch nicht fertig, unsere Launen zu bessern.

Für mich gab es wenigstens den Ausblick auf den Park. Die arme Gegenseite musste weiterhin mit Lärm und Gestank vorliebnehmen.

So ist die Vorstufe zum Frühling eher eine Reinigung sowohl der Natur als auch der Seele, bis der Frühling uns mit seiner Vielfalt an Frühlingsblüten und sich öffnenden Knospen Freude und Frohsinn bringt.

Mitunter brachte diese Zeit auch milde, sonnige Stunden und ließ wieder Leute auf Bankerln sitzen und miteinander plaudern. Sie brachte auch mir wieder Hoffnung auf mein geliebtes Bankerlsitzen in der warmen Sonne und die Möglichkeit, Kontakte aufzufrischen aus den Wintermonaten.

So nehme ich diese Phase als Verbindung von Winter zum Sommer.

Winters Rückkehr

Wie enttäuscht waren wir, als der Winter mit noch größerer Intensität zurückkam. Die Temperaturen sanken. Ein intensives Schneien verwandelte meinen schon frühlingshaft anmutenden Park wieder in eine weiße Schneelandschaft. Meine Gehtherapiestrecken waren wieder unpassierbar und ich musste mit den geräumten Wegen neben der Häuserfront vorliebnehmen.

Auch die Krähen schienen enttäuscht zu sein, denn sie verließen die beschneiten Flächen und setzten sich lieber hoch hinauf auf die Bäume, die durch den Wind bereits wieder schneefrei waren. Nur heute verließen sie ihre Plätze, als Frau Erika mit ihrem Hund im Park auftauchte. Sie ahnten bereits, dass sie von ihr wie täglich Futter bekommen würden. Rundherum um die beiden, Frau Erika und Maxi 2, flatterten sie herum und bettelten um ihre Ration. Nachdem sie alles aufgepickt hatten, begleiteten sie beide noch ein Stück des Weges, bevor sie wieder ihren Platz auf den Bäumen aufsuchten.

Frühlingserwachen

Nach einer schlechten Nacht lockte mich der heutige Sonnenschein aus dem Bett und aus meiner Depression. Auch Fanny erfreute sich an dem Sonnenschein und versprach mir einen Rundgang. Dieser war heute wieder im Park möglich, da bei der gestrigen Schneeschmelze unsere Gehwege wieder schneefrei und sogar trocken waren.

Und so hieß es nach dem Essen: Auf in den Park, um meine Gehtherapie zu erledigen. Da diese am Vortag entfallen war, strengte ich mich heute mehr an. Langsam setzte ich einen Schritt vor den anderen. Das Niedersetzen lockte mich sehr, aber das Gehen muss sein, um nicht einzurosten.

Für diese Plage wurde ich auch reichlich belohnt. Auf dem Rückweg, auf dem es schon besser ging, bemerkte ich voll Freude den ersten Frühlingsgruß. Auf den Rasenflächen zeigten sich die gelben Sterne des Krokus, so als wollte sie allen sagen: “Nicht verzagen! Der Frühling ist nicht mehr weit!“

Das Nachtlager

Eifrig wurde von unserem Bürgermeister für die Olympiade 2024 geworben, aber diese wurde von der Bevölkerung abgelehnt. Ein paar Unentwegte aber ließen sich nicht abschrecken. Im Gegenteil! Sie sorgten für diesen Event vor.

Vermutlich würden für diese Zeit alle Unterkünfte ausgebucht sein, deshalb musste man sich vorzeitig schon auf eine Übernachtungsmöglichkeit vorbereiten. So ist seit Tagen im Park ein Nachtlager hergerichtet mit Decken und Pölstern. Ob es jetzt schon benützt wurde, weiß ich nicht.

Auch die Körper müssen für dieses Ereignis trainiert werden. So ist dieses Lager auch eine richtig ausgeklügelte Trainingsstätte: Harter Boden, Temperaturen um die null Grad und durch den ständigen Wind auch saubere, keimfreie Luft!

So mancher Sportler wäre froh, sich durch solche Bedingungen natürlich und so billig auf die Olympiade vorbereiten zu können.

Doch es kam anders. Leider ist es nun vorbei, sowohl mit der Olympiade als auch mit der Schlaf- und Trainingsstätte. Unser Gartenamt „Wiener Gärten“ sorgte dafür, die Gartenanlage in Ordnung zu bringen und räumte Decken und Pölster weg.

Arme Olympiateilnehmer! Arme Sportler! Arme Obdachlose!

Klimawandel

Es ist Ende März.

Wenn ich zum Park hinunterschaue, weiß ich nicht, soll ich den Verwandten und Freunden „Frohe Ostern“ oder „Frohe Weihnachten“ wünschen.

Ersteres wäre aktuell. Letzteres wäre passender, denn überall im Park liegt Schnee und eiskalter Wind bläst.

Dabei kommt mir “Klimawandel“ in den Sinn, über den man lange und viel geforscht und geschrieben hat. Man macht den CO²-Ausstoß dafür verantwortlich, der durch die Fabriken und durch den Autoverkehr erhöht wurde, der aber angeblich auch auf die Darmwinde der Rinder zurückzuführen sei. Ich frage mich, wo sind so viele Kühe auf den Weiden?

Es könnten aber auch „Ochsen“ sein, die uns solche Forschungsergebnisse erzählen und damit ihr Geschäft machen. Es könnten aber auch die „Stiere“ sein, die durch die Krise „stier“ geworden sind und aus Angst in die Hose machen und damit das CO² ausstoßen und fürchten, ihr gut angelegtes Geld zu verlieren.

Es könnte aber  auch unsere Weltkugel einen Ruck nach rechts oder nach links gemacht haben, um sich der momentanen Parteipolitik anzugleichen.

Also Endergebnis: Der Andere ist schuld, wie immer!

In dem Fall eher die Ochsen oder die Stiere.

Panta rhei – alles fließt

So werden auch die Parkgeschichten weiterfließen, ohne dass ich sie aufschreibe. Vieles wird sich wiederholen und zahlt sich daher nicht aus, aufgeschrieben zu werden, da es sich gleicht.

So werden Hundebesitzer- und -besitzerinnen weiterhin den Park zum Gassigehen benützen, ohne oder mit Sackerl fürs Gackerl.

So werden weiterhin Leute den Park zum Ausruhen und Erholen benützen, dabei ihren Imbiss und ihr Getränk einnehmen mit und ohne Benützung der Mistkübel für diverse Abfälle. Auch Pärchen werden sich in wärmeren Jahreszeiten zum Schmusen einfinden.

Noch ist das Wetter zu kalt und unbeständig, daher gibt es Freiplätze genug. Später wird womöglich Platzmangel auftreten, wenn sich der Frühling endlich entschließt, zu uns zu kommen.

Ansicht eines Parks, im Hintergrund der Wiener Karl-Marx-Hof

Informationen zum Artikel:

Parkgeschichten III

Verfasst von Luzie Ivenz

Auf MSG publiziert im Juni 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 19. Bezirk
  • Zeit: 2000er Jahre

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