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Politisches Leben

von Uli Makomaski

 

Meine Eltern waren durch und durch gestandene Sozis, rot bis ins Knochenmark. Während der Nazizeit haben sie sich gegenseitig gestützt, um diese Zeit zu überstehen. Kaum dass sich politisches Leben wieder zu entwickeln begann, haben sie sich sofort wieder engagiert. Mein Vater wurde Vertrauensmann der SPÖ, sowohl in Rudolfsheim als auch in Favoriten, machte die Ochsentour von Tür zu Tür, kassierte die Mitgliedsbeiträge, agitierte und diskutierte mit den Leuten und versuchte sie zur Mitarbeit zu animieren.

Meine Mutter hat ab 1946 oder 1947 das Kinderturnen für den WAT, den Wiener Arbeiter-Turnverein, in Rudolfsheim aufgebaut, ich sehe sie noch inmitten der vielen herumwuselnden und schreienden Kinder im Turnsaal der Schule am Henriettenplatz unerschütterlich stehen, klein aber mit lauter, sehr lauter Stimme alles unter Kontrolle haltend.

Wiener Arbeiter Turnverein

......ein neuer Frühling wird in der Heimat blühen, schöner noch, als einst er war, froh werden Menschen durch die Wälder ziehen, Freude herrscht, wo Weinen war. Und man wird immer in diesem freien Land "Das Lied der Arbeit" singen, hell wird's durch die Straßen klingen, es zieht im gleichen Schritt mit uns die Jugend mit, und vor dem Rathaus zieh'n die Arbeiter von Wien......

Ja, so waren sie, diese Aufbruchsjahre. Erwin Weiss hatte diesen Text vertont. Der von den Nazis vertriebene Komponist, der die Kriegsjahre im Londoner Exil verbracht hatte, war zurückgekehrt und hatte sein Leben und Arbeiten wieder ganz in den Dienst der Arbeiterbewegung gestellt. Es wurden ein Arbeiter-Symphonie-Orchester gegründet, der Arbeiter-Gesangsverein und eine dazugehörige Kindersingschule. Wieder war meine Mutter aktiv daran beteiligt, nach unserer Übersiedlung nach Favoriten eine Kindersingschule in der Per Albin Hansson-Siedlung erfolgreich aufzubauen.

Der 1. Mai mit seinem Maiaufmarsch und dem am Nachmittag im Stadion stattfindenden großen Sportfest gehörte für mich zu den großen Traditionen der Arbeiterbewegung. Aus den Fenstern wurden bereits am Vorabend die roten Fahnen gehängt. Schon vor 6 Uhr früh fuhren dann Radfahrer mit ihren festlich geschmückten Fahrrädern klingelnd durch die Gassen, um die Leute aufzuwecken - Tagreveille - auf wienerisch Tagreböll! Dann hat sich alles - bei jedem Wetter - vor dem Parteilokal getroffen und auf ging's zu Fuß zum Arbeiterheim, wo von allen Seiten die Menschenmassen zusammengeströmt sind.

Die Laxenburger Straße war bis hinauf über den Quellenplatz voll, in den Seitengassen stauten sich die Massen bis hin zur Favoritenstraße. Wehe, wenn da irgendwo eine KP-Fahne hing. Irgendwann ging es dann los, die Favoritenstraße hinunter bis zum Ring. Immer wieder musste angehalten werden, weil die vor uns marschierende Schlange der Bezirke auch dementsprechend lang war. Überall gab es ein Spalier von Menschen, die uns zujubelten. Es wurden Parolen gerufen und Lieder gesungen: "...nie, nie, woll'n wir Waffen tragen, nie wieder zieh'n wir in den Krieg, ja lasst die alten Affen sich einand' erschlagen, wir tun da einfach nimmer mit...".

Favoriten oder Simmering bildeten üblicherweise den Schluss, da war es dann schon 11 Uhr Vormittag bis wir endlich in die Ringstraße einbiegen und zum Rathaus marschieren konnten, vorbei an den von den Kommunisten vor dem Parlament errichteten Tribünen, die natürlich mit den entsprechenden Schmähworten gewürdigt wurden. Frohe Zukunft, neues Leben, Kinderlachen ist Musik, kann es denn was Schön'res geben als die Welt voll Kinderglück...

Nach dem Maiaufmarsch ging es dann mit der ersten, festlich geschmückten Straßenbahn ins Stadion. Im Stadion waren damals keine Affenkäfiggitter um die Zuschauertribünen angebracht; man konnte vom grünen Rasen direkt auf die Zuschauertribünen gehen. Einmal habe ich mir den Theodor Körner, damals Bürgermeister von Wien, mit meinem Kindercharme angelacht. Wir Kinder warteten auf der Laufbahn auf unseren großen Auftritt, er saß dort direkt hinter mir an der Laufbahn und schaute uns zu, wie wir Unfug trieben. Da habe ich ihn um den Finger gewickelt, bis er mir seine rote Nelke geschenkt hat.

Den Abschluss und Höhepunkt dieses Tages bildete immer ein riesiges Feuerwerk dem wir Kinder schon entgegen fieberten. Um dieses aufzubauen, wurde ein Sektor an der Schmalseite des Stadions gesperrt. Ganz zum Schluss gab es immer den "Wasserfall", der Funkenregen ergoss sich auf die Betonstufen und sprang in Kaskaden die Stufen hinunter:... Ohhh, ... schööön, ... Applaus ...

Aber auch in der SPÖ-Sektion gab es reges politisches Leben. Eine Frauengruppe wurde gegründet, die mit Agitationstexten bei verschiedenen Veranstaltungen aufgetreten ist. Dabei wurden auch meine musikalischen Fähigkeiten auf der Flöte und dem Klavier eingesetzt. Die Texte wurden zwar gemeinsam erarbeitet und zusammengestellt, ein Großteil, vor allem die Ideen, stammten jedoch von Elfi Lichtenberg, einer Dichterin und Schriftstellerin, die auch als Redakteurin für die sozialistische Frauenzeitschrift "Die Frau" tätig war.

Elfi war mit ihrem Mann Franz während der Kriegsjahre in der Emigration in Kolumbien und kam ca. 1947 nach Österreich zurück. Ich habe diese liebe, gütige und sehr gescheite Frau sehr gemocht. Damals habe ich es natürlich nicht bemerkt, aber rückblickend stelle ich fest, dass sie meinen politischen Werdegang sehr beeinflusst hat.

Einer der Auftritte dieser Frauengruppe fand anlässlich einer Konferenz der Sozialistischen Frauen in den Sophiensälen statt. Rosa Jochmann, damals deren Vorsitzende, habe ich dadurch persönlich kennen und schätzen gelernt. Bei dieser Veranstaltung hielt einer der damaligen Spitzenpolitiker, ich glaube es war Karl Czernetz, eine politische Brandrede.

Dabei habe ich erlebt, wie sich die Summe dieser einzelnen, im normalen Leben sehr individualistischen Frauen in eine aus hunderten Mündern brüllende Masse verwandelt hat. Dieses Erlebnis hat mich erschreckt und mich auf kritische Distanz zu Volksmassen und allem, was sich so volkstribunenhaft gebärdet, gehen lassen. Von da an habe ich auch die Maiaufmärsche aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachtet.

 

Mutter und Vater sitzend, mit den beiden Töchtern dazwischen
Meine Familie
Informationen zum Artikel:

Politisches Leben

Verfasst von Uli Makomaski

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1946

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