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Nachkriegskindergarten

von Uli Makomaski

Ich besuchte den Kindergarten in der Siebeneichengasse. Dort gab es ein kleines, rothaariges Mädchen und dazu ein noch kleineres Brüderchen, beide mit ganz kleinen Würschtelfingerchen, alle Kinder mochten sie gern. Eines Tages kamen sie nicht mehr. Die Mutter hatte das Gas aufgedreht und ihre Kinder mitgenommen. Unsere Kindergartengruppe ging zu Fuß (!) von der Siebeneichengasse bis auf den Südwestfriedhof zu diesem Begräbnis. Unser Weg führte an der Fasangarten-Kaserne (der jetzigen Maria-Theresien-Kaserne) vorbei, dort waren die Besatzungssoldaten einquartiert.

Wir gingen mit dem Kindergarten auch in den Park von Schönbrunn spielen, wir Kinder erzählten uns vom Irrgarten, der einmal gerade auf dem Platz, wo wir spielten, gewesen sein soll. Das Schloss selbst war von den Engländern okkupiert. Sonst spielten wir eher im nahe gelegenen Auer-Welsbach-Park. Dort gab es Luftschutzbunker, die sich vorzüglich zum Rodeln eigneten.

Übrigens Schnee! Von dem muss es, ich glaube es war der Winter 1946, mehr als genug gegeben haben, denn ich sehe mich noch zwischen hohen Schneewänden in den Kindergarten gehen. Die Standler auf dem Schwendermarkt hatten über ihre Schuhe noch riesige Schuhe aus Stroh oder Schilf angezogen.

Die Schwendergasse mit zerbombten Häusern
Schwendergasse

Bombenruinen! Von denen gab es eine Menge. Es war uns strengstens untersagt, sie zu betreten. Soweit ich mich erinnern kann, haben wir uns auch - vor allem aus Angst - nicht vor den Eltern, sondern vor dem Unfassbaren, das diese Häuser zusammenstürzen ließ - daran gehalten.

Aber in die Kellerfenster mussten wir natürlich "Huhuuu!" schreien und davonlaufen. Eines Tages stand eine Frau hinter uns und sagte uns, dass wir das nicht tun sollten. Es könnten ja noch Tote darunter liegen, giftiges Gas könnte von dort ausströmen. Ich habe mich nicht mehr zu den Kelleröffnungen gebückt und hinein geschrieen.

Die Lebensmittelmarken mussten anteilig im Kindergarten abgeliefert werden. Wenn man z.B. aus Krankheitsgründen nicht im Kindergarten essen konnte, dann ging ein Familienmitglied mit einem Reindl das Essen holen.

Informationen zum Artikel:

Nachkriegskindergarten

Verfasst von Uli Makomaski

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1945

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