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Wie wir (Auto-)mobil wurden

von Elisabeth Krug

Ich war acht Jahre alt, Schülerin der dritten Klasse in der Volksschule Josefstädterstraße und konnte mich an diesem Vormittag nicht konzentrieren. Ungewöhnlich für mich, die ich den Unterricht im Allgemeinen und meine Lehrerin im Besonderen sehr liebte. Das Lernen fiel mir nicht schwer. An diesem Tag jedoch hatte ich meine Gedanken wo anders, nämlich bei meinem Vati, der nach gewissenhafter Vorbereitung in der Fahrschule zur Führerscheinprüfung antreten musste.

Ich wusste, dass er Angst davor hatte. Trotz ausreichend absolvierter Fahrstunden fühlte er sich unsicher. Die stärkere, vom Amtsarzt verschriebene Brille verursachte Kopfschmerzen, und das schwere, mit dicken Gläsern versehene Gestell ließ ihn traurig aussehen.

Meine Lehrerin hatte ein Einsehen mit mir. Ich durfte den ganzen Vormittag Daumen halten und musste die Übungen im Heft nicht einmal nachschreiben.

Leider hat das nichts genützt. Daumen halten finde ich seither völlig sinnlos.

Beim Mittagessen verschwand Vater betrübt hinter der Zeitung und sowohl Mutter als auch wir Kinder verstanden ohne Worte, was das bedeutete. Vati tat uns Leid.

Zum Glück schaffte er die Prüfung beim zweiten Anlauf, das änderte aber nichts daran, dass er sich  zeitlebens nur bei Tageslicht und niemals schneller als fünfundvierzig Stundenkilometer zu fahren getraute, was einer von vielen Beweisen war, dass er die Unternehmungslust der Vorkriegszeit nie mehr zurück gewonnen hat. Sein Pfadfinderhut lag im Schlafzimmerschrank bei den ausrangierten Sachen. Ich habe meinen Vater nur vorsichtig, zurückhaltend und gesundheitlich angeschlagen erlebt. In seinen letzten Lebensjahren machte ihm hoher Blutzucker zu schaffen. Die tägliche Insulinspritze ließ er sich von Mutter abwechselnd in den rechten und linken Arm geben. Das habe ich als seltsam intime Handlung zwischen ihnen in Erinnerung.

Fairerweise ist anzumerken, dass die Autos zur damaligen Zeit viel komplizierter in Fahrt zu bringen waren als heutzutage. Von einem Gang in den anderen zu schalten war nur mit Zwischengas möglich, und die erreichbare Höchstgeschwindigkeit lag ohnehin kaum über fünfzig. Gemessen am Zustand der meisten Straßen war das schon halsbrecherisch. Überdies hatte sich Vater nicht ganz freiwillig entschlossen den Führerschein zu machen, denn im Hinterhof des großväterlichen Betriebes stand seit Anfang des Jahres 1950 ein Firmenauto. Mit der Aussicht, seine Familie damit auch privat befördern zu können, übernahm Vater die Aufgabe, Material an- bzw. Waren auszuliefern. Eine Herausforderung und zusätzliche Belastung für ihn, denn damit war noch mehr Verantwortung für den Umsatz des Geschäftes verbunden.

Das Firmenauto war ein sonderbares Gefährt, dreirädrig mit einer fast spitz zulaufenden Motorhaube und einer hölzernen, von einer Plane überdeckten Ladefläche hinter dem Führerhaus. Zudem war es gelb, kanariengelb, weshalb wir es spontan „Calafati“ nannten, analog zum chinesisch aussehenden Watschenmann gleichen Namens im Prater.

Das Firmenauto "Calafati"
Das Firmenauto "Calafati"

Calafati diente uns, heillos überladen, als Möbelwagen, wenn wir vor den Sommerferien von der Stadtwohnung nach Klosterneuburg ins geliebte Holzhaus übersiedelten. Mit Calafati fuhren wir zu Ostern zum Kitzerlessen nach Markgrafneusiedl, wo unter der finsteren Herrschaft der Hermintant jährlich ein großes Schlemmen für die ganze Verwandtschaft stattfand.

Ich mochte das zarte „Babyfleisch“ überhaupt nicht, dafür schmeckte mir das würzige Bauernbrot aus der Backstube des Karlonkels, des urigen mit einer schlohweißen Haarmähne gesegneten Mannes der Hermintant, umso besser. Vollends glücklich war ich, wenn ich einige Tage der Osterferien in Markgrafneusiedl bleiben und im Bäckergeschäft verkaufen helfen durfte. Der Duft von frischem Brot, bis heute einer meiner liebsten Gerüche!

Großonkel und Großtante betrieben nebenbei eine kleine Landwirtschaft. Da gab es Hühner, einen bunten Hahn und flauschige Küken. Im Stall stand ein Pferd, denn der Geselle des Onkels brachte die Backwaren per Fuhrwerk in die umliegenden Dörfer. Von einer Ziege kam die Milch, der Ziegenbock ließ sich bei den Hörnern packen, und die Kitzerln waren wie gesagt der traditionelle Osterbraten. Eine pure Grausamkeit, fanden mein Bruder und ich. Auf einem alten Foto sind wir in einem glücklichen Moment unseres Lebens zu sehen, wie wir mit zwei herzigen Zicklein spielen.

Elisabeth Krug und ihre Eltern bei einem Ausflug mit "Calafati"
Elisabeth Krug und ihre Eltern bei einem Ausflug mit "Calafati"

Die weiteste Tour mit Calafati führte uns mehrere Male nach Lilienfeld in Niederösterreich, von wo aus wir zum Schwarzwaldeckerhaus aufstiegen. Für meine Eltern eine traurige Erinnerung an den Tod der Gassingergroßmutter, für uns Kinder ein herrliches Bergerlebnis zu allen Jahreszeiten. Die Wirtsleute hießen mit Familiennamen Maloja, deshalb nannten wir die wunderbaren Grießknödel, die wir dort aufgetischt bekamen, Malojaknödel. Was gäbe ich für dieses Rezept! Im handgeschriebenen Kriegskochbuch meiner Mutter, einem linierten Schulheft, das ich wie einen Schatz hüte, ist es leider nicht verzeichnet.

Einen besonderen Reiz hatten die Ausfahrten mit Calafati für uns Kinder schon allen deshalb, weil wir auf der dämmrigen Ladefläche im Schutz der Plane während der oft holprigen Reisen von den Erwachsenen unbehelligt waren. Außer einem kleinen Guckloch gab es keine Verbindung zum Führerhaus, in dem die Eltern saßen. Vati musste ohnehin nach vorne schauen, Mutter tat das ebenfalls angespannt im guten Willen hilfreich zu sein, falls ein unerwartetes Verkehrshindernis auftauchen sollte, und so konnten Ludwig und ich einerseits die rückwärtige Aussicht genießen, andrerseits manches besprechen, was nicht für die Ohren der Eltern bestimmt war. Dabei saßen wir auf Polstern, von Mutter eigens für diesen Zweck genäht. Für unsere Füße hatte Vater in der Mitte der Ladefläche eine kistenförmige Vertiefung in den Holzboden eingebaut. Wir konnten uns nirgends anlehnen, so dass wir bei Kurven und Unebenheiten hin und her schwankten. Mir wurde manchmal schlecht davon, dann beugte ich mich einfach hinten hinaus und spie auf die Straße, daraufhin ging es mir wieder besser. (...)

Das neue Firmenauto, ein Tatra "Bulli"
Das neue Firmenauto, ein Tatra "Bulli", Klosterneuburg 1954

Die turbulenten Fahrten mit „unserem“ Calafati fanden ein Ende, als Gassingergroßvater den Dreiradler gegen ein luxuriöseres Firmenauto eintauschte, nämlich gegen eines mit vier Rädern. Es war ein grauer, behäbiger Tatra, zu dem der Name „Bulli“ vortrefflich passte. Nun saßen Ludwig und ich auf den Rücksitzen hinter den Eltern und genossen das Gefühl ein Autodach über dem Kopf zu haben.

Bulli entwickelte ein stures Eigenleben. Er pflegte nur nach gutem Zureden und bei angemessener Temperatur anzuspringen. Minusgrade verabscheute er. Oft war mein Bruder der rettende Engel. Er war inzwischen vierzehn, ein kräftiger Kerl und angehender Lehrling im großväterlichen Betrieb. Die ungeliebte Pflichtschule hatte er hinter sich. Nun konnte er endlich lernen, was ihn interessierte, und das tat er dann auch mit vollem Einsatz und bestem Erfolg.

Von Anfang an war Ludwig der technische Betreuer des Firmenwagens, Vati war und blieb der zaghafte Fahrer.

 

Informationen zum Artikel:

Wie wir (Auto-)mobil wurden

Verfasst von Elisabeth Krug

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 8. Bezirk / Niederösterreich, Weinviertel: Markgrafneusiedl; Mostviertel: Lilienfeld
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Im Jahr 2012 wurde dieser Artikel in Elisabeth Krugs Erinnerungsbuch "War das schon das Wirtschaftswunder? Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit" im Verlag Edition Weinviertel veröffentlicht, S. 74ff.

© Edition Weinviertel

Am 8. November 2012 wurde der Text im Rahmen des Lesenachmittags zum Tagebuchtag unter dem Motto "Bewegung in der Stadt" im Wien Museum vorgetragen.

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