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Ein oststeirischer Vierkanter

von Josef Wallner

Josef und Anna Wallner (gest. 1943 und 1948) waren meine Großeltern am väterlichen Hof in Burgau, ein echter oststeirischer Vierkanthof mit einem Einfahrtstor im Westen von der Kernstock-Gasse her (Bild weiter unten) und einem Tor nach Osten in den Gemüse- und Obstgarten, durch den ein Bahngeleise vom Bahnhof zur Fabrik führte.

Innenansicht eines oststeirischen Bauernhofes mit einer Person am Brunnen

"J. A. W." war in die Betonmauer der Düngerstätte eingraviert und die Jahreszahl 1927, das war noch vor meiner Geburt, 1931. Fotos aus dieser Zeit sind selten, Wenn, dann waren es meist Portraitfotos. Anlass für diese beiden Fotos war sichtlich der Bau einer neuen Betonmauer und einer Jauchengrube um und unter der Düngerstätte im Hof. Das war der Stolz für den Großvater. Er steht im kleinen Foto auch sehr stolz auf dem Stallmist und präsentiert seine neue Jauchenpumpe.

Diese Jauchenpumpe steht bei mir in schlechter Erinnerung – nicht wegen des Geruches, der ist im ländlichen Bereich unausbleiblich – sondern weil ich weiß, wie viel Mühe und Schweiß meinem Vater das Herauspumpen der Jauche mit dieser Handpumpe gekostet hat. Wenn wieder einmal die Jauchengrube randvoll war, erforderte es viel Zeit und Kraft, bis ein riesiges Holzfass auf dem Fuhrwagen gefüllt, ein Fass ums andere in Felder und Wiesen hinausgeführt und die betonierte Grube unter den Planken des Misthaufens wieder leer war.

Eines Tages, als der Vater schon den Hof übernommen hatte, legte er mir einen festen Hammer und einen Meißel in die Hand: „Ich möchte die Handpumpe durch eine Kreiselpumpe ersetzen, muss aber den Motor außerhalb der Betonmauer postieren. Stemm ein so großes Loch in die Betonmauer, dass ein Riemen zwischen E-Motor und Pumpe Platz hat!“ Das war ein tagelanges, hartes Stück Arbeit an dem steinharten Beton, bis es soweit war. Von nun an war aber das Jauchenführen ein Kinderspiel.

Als es keine Kühe mehr gab am Hof und keine Schweine, war dieses Betonbauwerk des Großvaters überflüssig geworden und wurde von meinem Bruder weggeräumt. Auch die Klosettanlage, der „Abort“, eine Mauernische neben dem Schweinestall, mit einer windschiefen Tür, einem Holzsitzbrett und mit schrägem Fallschacht in die Jauchengrube hinein war überflüssig geworden, seit es im Haus eine örtliche Wasserleitung, Bad, WC und örtlichen Kanalanschluss gab.

Auch das Mistführen war eine schwere Arbeit, das Aufladen, das Abladen auf den Feldern, das Ausbreiten - „Mistbreiten“ hat das geheißen –, alles Handarbeit, was heute Traktor, Ladegerät und automatischer Miststreuer erledigen.

Als wir am 8. Mai 1945 nach vier Wochen wieder aus dem Keller des Nachbarhauses krochen, in den wir vor dem Granatbeschuss der Russen geflüchtet waren, war der Misthaufen übervoll. Der polnische Landarbeiter war weg – und so mussten ich als 14-Jähriger und die hochschwangere Mutter tagelang das Laden auf den einen Fuhrwagen übernehmen, während der Vater mit dem zweiten Wagen mit den Kühen unterwegs auf die Felder war, die Mitte Mai schon dringend zu bestellen waren.

Das folgende Bild zeigt die westseitige Hofeinfahrt. Wo die zwei Schwestern des Vaters die Hühner füttern, stand dann zu meinen Kinder- und Jugendzeiten unter Dach an Waschtagen der große Waschtrog, in dem die Schmutzwäsche mit der Waschrumpel behandelt wurde.

Innenansicht eines oststeirischen Bauernhofes mit einer männlichen, zwei weiblichen Personen und Hühnern

Über den beiden Frauen hängt die Maisernte zum Trocknen, ein Bruchteil dessen, was mein Bruder heutzutage mit Hilfe von Unkrautchemie, Erntemaschinen und Trocknungsanlagen erntet. Aber damals konnte jeder Bauer nur soviel Mais anbauen, als mit den Händen bearbeitet werden konnte beim Kampf gegen das Unkraut mit der Haue beim „Heindln“, beim Ausbrocken der Maiskolben, beim abendlichen Abschälen der Maisblätter, „Woazschälen“ genannt, mit Nachbarschaftshilfe, beim paarweise Zusammenbinden der Maiskolben an einigen Restblättern zum Aufhängen, beim Aufhängen am nächsten Morgen unter den Dachvorsprüngen und der Decke über der Hofeinfahrt, beim Abrebeln der Körner in vielen Abendstunden – alles Handarbeit.

Zur Zeit der Großmutter gab es auch Gänse am Hof. Die wurden dann von ihr der Reihe nach mit Maiskörner „geschoppt“ [schoppen], damit sie im Winter möglichst fett waren. Das war eine Quälerei für jedes Tier, das da zwischen den Beinen eingeklemmt wurde; mit der linken Hand wurde der Schnabel aufgespreizt und die rechte Hand schob ein Maiskorn nach dem anderen durch den Schlund. Danach wurde das arme Vieh in die „Gänsekammer“ gesperrt, ein finsteres Loch unter der Dachbodenstiege, damit es am nächsten Tag wieder greifbar war.

Diese Gänsekammer war auch die Strafdrohung für uns Kinder. „Wenn du das nochmals machst, sperre ich dich in die Gänsekammer!“ drohte die gestrenge Großmutter. Meine Mutter hat dann keine Gänse mehr geschoppt. Die Tiere taten ihr leid und sie hatte auch keine Zeit dazu.

In ihrer Freiheit übten diese Gänse einen seltsamen Sport aus. Sie liefen einige 100 Meter weit auf der Gasse weg vom Bach, starteten und flogen dann durch die Luft laut schreiend ins Wasser, wo der Bach eine breite Landefläche bot. Kamen sie aber zu hoch an, dann unterbrachen sie die Strom-Freileitung zu unserem Haus. Da es harmloser Gleichstrom war, hatte das nur zur Folge, dass wir keinen Strom im Haus hatten, bis die Leitung von den Technikern des örtlichen E-Werkes wieder hergestellt war.

Nicht von Gänsen sondern von russischen Granaten wurde diese Leitung Ende April 1945 auch zerfetzt, dabei aber fanden links und rechts von unserem Hof zwei Frauen den Tod durch Granatensplitter.

Neben dem Hausbrunnen steht auf dem Foto mein Vater, der 1927 beim Bau des Betonbauwerkes im Hof 25 Jahre alt war. Acht Jahre musste er warten, bis er seine geliebte Hanni, meine Mutter, zum Traualtar führen konnte, weil seine zwei Schwestern im Haus und noch auf der Suche nach einem Bauernsohn zum Heiraten waren. Platz gemacht wurde erst, als ich schon unterwegs war.

Das Wasser des Hausbrunnens war so eisenhältig, dass es zum Trinken, Kochen und Waschen nicht geeignet war. Das Trinkwasser musste von einem Brunnen jenseits der Fabrik geholt werden, das Waschwasser vom nahen Bach. Noch zu der Zeit, als der Vater Bürgermeister war, behob eine örtliche Wasserleitung diesen Mangel.

(Geschrieben im Jänner 2008)

Informationen zum Artikel:

Ein oststeirischer Vierkanter

Verfasst von Josef Wallner

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Oststeiermark, Burgau
  • Zeit: 1920 bis 1950

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