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Bundesheer 1957

von Hermann Greller

Ich gehörte dem ersten Geburtsjahrgang an, der 1956, im ersten Jahr nach Abzug der Besatzung, zur Musterung einberufen wurde. Diese wurde im Messepalast abgewickelt. Aus der Ansammlung von vielen jungen Männern wollten manche für „untauglich“ erklärt werden, um einer Unterbrechung ihres Hochschulstudiums zu entgehen oder auch dem großen finanziellen Verlust (dem eigenen bzw. dem ihrer Familie), da der Sold nur 5,- Schilling täglich betrug. Das war sogar damals sehr wenig. 5,- Schilling entsprachen ungefähr einem Getränk pro Tag im Kasino der Kaserne. Also davon konnte man sich nichts weglegen, um ein Mädchen ins Kino oder zum Tanzen einzuladen. Ich selber sparte damals von meinem geringen Lohn auf einen Motorroller. Damit war es beim Bundesheer natürlich gänzlich vorbei. Für einen 19jährigen Burschen bedeutete dies eine arge Einschränkung seiner Lebenslust.

Andererseits war jeder irgendwie stolz darauf, „tauglich“ zu sein, weil es bewies, dass er körperlich und geistig gesund war. Die Untersuchungen waren allerdings ein Hohn. Wir mussten uns bis auf die Unterhosen auskleiden und diese dann am Gummi von uns wegziehen, so dass die Militärärzte nachschauen konnten, ob man Filzläuse oder verfaulte Geschlechtsteile hatte. Der Dienst hatte neun Monate – abzüglich vierzehn Tage „Urlaub” – geleistet zu werden.

Hermann Greller in Bundesheeruniform

Im September 1957 wurde ich dann tatsächlich in die Maria-Theresien-Kaserne (damals Fasangartenkaserne) eingezogen – zur Ausbildung als Funker für die Stabsoffiziere. Die ersten vier Wochen waren allerdings der Grundausbildung gewidmet, wo man soldatisches Wissen und Disziplin mittels Leibesübungen etc. erlernen musste.

Wir waren in zwei Kompanien (Züge) aufgeteilt, und ich bezog mit fünf Kameraden das Zimmer 121. Da ich der Größte war, wurde ich zum sogenannten „Zimmerkommandanten” ernannt. Es waren Stockbetten und Spinde vorhanden, nur für mich als Zimmerkommandanten stand ein Einzelbett zur Verfügung. Die Spinde/Kästen waren noch von den Vorgängern mit Pin-up-Girls geschmückt. Von der Kleiderkammer wurde dann eine Uniform, Drillichanzug, Schuhwerk, Besteck etc. ausgefasst.

Zum ersten Tagesbefehl wurden wir alle in den Kasernenhof beordert. Dabei wurde auch gefragt, wer ein Tischler wäre bzw. mit Holzbastelarbeiten Erfahrung hätte. Ich meldete mich sofort, weil ich in lustigen Filmen gesehen hatte, dass man alles machen soll, egal ob man es kann oder nicht. Dabei war ich weder ein Tischler noch hatte ich eine Ahnung von Holzarbeiten. Aufgrund meiner Meldung berief mich ein Wirtschaftsstabswachtmeister zu sich, um für seine Kanzlei Stellagen anzufertigen. Das Material war im Keller untergebracht und auch das entsprechende Werkzeug. Er ließ mir freie Hand und zeigte mir nur, wo die Bretter eingepasst werden sollten.

Ich werkte also geruhsam vor mich hin, und während die anderen Kameraden den Grundwehrdienst mit Exerzieren, Ehrenbezeugungen und strafweisen Liegestützen absolvierten, verbrachte ich ruhig im Keller meine ersten vierzehn Tage.

Aber in der dritten Woche begegnete ich leider auf der Stiege meinem Hauptmann, den ich ohne Dienstkappe am Kopf und ohne Hand an die Schläfe freundlich mit „Grüß Sie Gott” ansprach. Der Hauptmann nannte mich ein „Rüsseltier” und wunderte sich sehr, warum ich nicht ordentlich salutierte und überhaupt keine Dienstgrade kannte, ja, wer ich denn überhaupt sei und was ich im Kompaniegebäude eigentlich mache, wo doch alle Jungmänner draußen beim Exerzieren seien.

Ich teilte ihm mit, dass ich für Herrn Reiter aus der Kanzlei Stellagen anfertigte. Jetzt war er freundlicher und nahm mich am Arm, um mit mir zu Herrn Reiter zu gehen. Der Stabswachtmeister lobte mich und meine Arbeit und wollte mich gleich als Tischler dienstverpflichten für mehr als nur neun Monate. Der Hauptmann lächelte und sagte ihm, es ginge nicht an, dass ein Jungmann nicht einmal die Dienstgrade kenne und vom Salutieren keine Ahnung habe.

So wurde ich also zur Truppe befördert. Versäumt hatte ich da nicht viel.

Die Ausbildner von uns ersten Bundesheerlern hatten alle bereits den Zweiten Weltkrieg miterlebt und waren bei der B-Gendarmerie beschäftigt – oder nun als Unteroffiziere beim Heer, da erwarteten sie sich anscheinend eine schnellere Beförderung.

So kam es, dass auch ich beim morgendlichen Frühsport dabei sein musste. Leider hatten wir damals nur schweres Schuhzeug (ähnlich wie Bergschuhe), und es machte mir und auch anderen  Kameraden große Schwierigkeiten, im Laufschritt die Kaserne zu umrunden. Mit Liegestützen wurde dann meistens abgeschlossen, und nach einer halben Stunde ging es zurück ins Quartier. Um fünf Uhr früh im Sommer und um sechs Uhr früh im Winter wurde der Weckruf vom jeweiligen Korporal ausgerufen: „Tagwache! Fertig machen zum Frühsport.“ Nach fünf Minuten hieß es: „Raustreten zum Frühsport.” Was mich heute noch wundert, ist, dass von den 100 Mann niemand aufs Klo musste. Wir liefen direkt aus dem Zimmer in den Kasernenhof und anschließend zurück zum Frühstück. Jeden Tag hatte abwechselnd einer pro Zimmer die Pflicht, dieses Frühstück für alle Zimmerkameraden zu holen. Noch jetzt nach so vielen Jahren graust mir in Erinnerung an den täglichen schwarzen Kaffee ohne Zucker und dazu Brot mit Frühlingskäse – neun Monate lang! Bis zum heutigen Tag ist mir diese Art Käse verleidet.

Nach der Grundausbildung und nachdem die Altmannschaft abgerüstet hatte, wurde selektiert, wer wohin oder wozu eingeteilt werden sollte.

Gruppenbild mit zehn Männern in Bundesheeruniform

Beim 1. A-Zug von 50 Soldaten wurde ich nach Prüfung gemeinsam mit 12 anderen Kameraden zur Ausbildung als Morsefunker ausgewählt. Einige andere wurden als Fernsprecher (Kabelverleger usw.) eingeteilt. Der Rest wurde für die Küche abkommandiert oder als Chargenausbildner oder zum Fahren bzw. Warten der großen Dodge-LKW.

Das Morsen (heute längst durch Sprechfunk und anderes abgelöst) machte mir viel Spaß. Die meiste Zeit verbrachten wir im Lehrsaal, wo die Geräte bereit standen und wir das Morsealphabet lernten. Jeder bekam eine eigene Adresse (so wie heute beim Internet) und war somit zu erkennen. Meine Adresse war „ge8“, sprich: „Gustav Emil Acht“. In Morsezeichen war das (gesprochen): „Ta,ta,tit – tit – ta,ta,ta,tit,tit.“   Das „ta” stand für ein langes Zeichen und „tit” für ein kurzes. Die Zeichenfolge selbst für mich sah so aus:  - - .  / . / - - - . ./  Das SOS z.B. so:  . . . /  - - - / . . .

Um die „Zeichenwürste“ überschaubar zu machen, wurde in 5er-Gruppen gemorst. Das heißt: nach 3 Zeichen eine kurze Pause und nach den restlichen 2 Zeichen – also nach insgesamt 5 Zeichen – eine etwas längere Pause.

Es genügte aber nicht, nur das Alphabet richtig einzugeben, man brauchte ja auch Ziffern und Interpunktionen. Die Diktate waren unserer Geschwindigkeit angepasst. Anfangs ging alles sehr langsam, aber ähnlich wie beim Stenografieren kann man sich durch Trainieren unglaublich steigern.

Bei Übungen außerhalb der Kaserne fuhren wir mit dem Jeep, der mit Antenne und Funkgeräten ausgestattet war, auf verschiedene rund um Wien gelegene Stützpunkte. Von diesen wurde jeweils ein festgelegter „Zentralpunkt“ angefunkt. Dies machte mir schon Freude, denn ich war im Sternverkehr der Hauptakteur, bei dem alle Nachrichten im Morsestil durchgehen mussten. Dieser Funker EINS hatte alles zu empfangen und zu senden. Der Funker ZWEI hatte ein Protokollbuch zu führen, wo am Beginn jeder Zeile die Uhrzeit anzuführen war. Der zum Team gehörende Kraftfahrer hatte die eingehenden und ausgehenden  Nachrichten zu entschlüsseln.

1956 war die Ungarn-Krise gewesen, und zum Zeitpunkt meines Heeresdienstes wurde in Österreich aus Sicherheitsgründen versucht, so viel wie möglich aus dem Osten abzuhören. Leider wurde dabei oftmals von Ausland gestört, so dass wir für einen besseren Empfang gelegentlich den Standort wechseln mussten. Das war natürlich manchmal auch eine Ausrede bzw. Gelegenheit für uns, z.B. auf den Anningerberg zu fahren und in ein Gasthaus zu gehen. Einer musste eben am Funkgerät bleiben, denn den neuen Standort mussten wir vorher dem Hauptmann melden. Dass uns der Hauptmann nicht im Gasthaus erwischte, dafür sorgten die Nachrichten im Kameradenkreis. Einmal aber passierte es, dass wir eine Nachricht zu spät bekamen. Noch beim Entschlüsseln, dass nämlich das „Urviech“ auf dem Weg zu uns sei, blickte plötzlich der Hauptmann durch das Autofenster und nahm uns den Block weg. „Wer schreibt da ‚Urviech’, das ist keine militärische Meldung!“, mokierte er sich.

Vier M

Nach einiger Zeit gewöhnte man sich an den Tagesablauf und versuchte, nicht unangenehm aufzufallen, was natürlich nicht immer gelang. Aber nachdem mir das Morsen sehr gefiel und vor allem auch später das Verschlüsseln und Entschlüsseln von Nachrichten Spaß machte, fiel ich bald sehr positiv auf. Denn die Messgröße für die Fähigkeit zum richtigen Empfangen und Versenden von Befehlen war die Geschwindigkeit, also in 1 Minute 50 Silben niederzuschreiben. Dieses Ziel erreichte ich nach zirka zwei Monaten als bester Funker der 1. Kompanie. Der Hauptmann befahl mich in seine Kanzlei, belobte mich und versprach mir einen Tag Urlaub, wenn ich 80 Silben in der Minute „nehmen“ könnte. Als ich das erreicht hatte, meinte er allerdings, bei 100 Silben pro Minute sei er bereit, mir drei Tage zu schenken – wo ich auch mehr davon hätte. Also weiter arbeiten. Knapp vor dem Abrüsten hatte ich auch dieses Ziel erreicht, und als ich beim Hauptmann die drei versprochenen Freitage reklamierte, meinte er: Jetzt zahle es sich nicht mehr aus, denn in Kürze sei ich sowieso vom Bundesheer befreit.

Aber zurück zum Kasernendienst. Als Zimmerkommandant wurde ich immer wieder zum Rapport mitbefohlen, wenn einer meiner Zimmerkameraden etwas angestellt hatte. Das war leider fast täglich der Fall. Als Mitstrafe bekam ich dann drei Wochen Flurdienst in der Mittagspause, wenn die restliche Mannschaft es sich in den Zimmern gemütlich machte. Der Flur ging ums Eck und war etwa 50 Meter lang. Es sollte zusammengekehrt und im Anschluss danach mit Besen und feuchtem Lappen aufgewischt werden.

Natürlich wollte ich schnell wieder zu meinen Kameraden ins Zimmer zurückkommen. Also schüttete ich kübelweise Wasser auf den Gang, lief mit dem Besen – darunter den Lappen – im Eiltempo im Gang hin und her und verteilte das Wasser, ohne den Lappen auszuwinden. Das dauerte nicht länger als 5 -10 Minuten, so dass ich, ein Meister der Arbeitstechnik, noch gemütlich eine halbe Stunde Pause halten konnte. Leider wurde ich nach zwei Wochen durch den Hauptmann „abgebremst“. Während ich in vorgebeugter Haltung den Gang mit Besen und Lappen entlang lief, stieß ich plötzlich gegen Stiefel, in denen der Hauptmann steckte. Zum Glück warf ich ihn durch den schwunghaften Lauf nicht um. Er hatte beide Hände in die Hüfte gestützt und stoppte mich mit den Worten: „Hab ich dich, du Rüsseltier! Du bist schuld daran, dass mich der Major, der im Stockwerk darunter wohnt, beschimpft, weil das Wasser von der Decke auf ihn hinunter rinnt. Den Lappen zahlst Du mir, und außerdem wird der Flurdienst um weitere drei Wochen verlängert!“

Den Lappen musste ich allerdings nie bezahlen, und ich half mir die letzten Wochen des Dienstes so, dass ich nur den Lappen anfeuchtete und eben so im Gang hin und herlief, ohne Wasser zu verschütten. Dies ging noch schneller als vorher, man konnte auch sehen, dass der Boden feucht war. Das Kehren vorher sparte ich ein.

Der Frühsport war mir von Herzen zuwider. Ein Zimmerkamerad schlug mir vor, dasselbe zu machen wie er. Er war kleiner als ich und zwängte sich in seinen  Kasten hinein, indem er eine Stellage herausnahm und ins Bett unter die Tuchent steckte. Hier im Spind verbrachte er die Zeit, bis alle vom Frühsport zurückkamen. Früher durfte er aus seinem selbstgewählten Gefängnis nicht herauskommen, denn es wurde vom Dienstführenden kontrolliert. Durch meine Größe war ich gezwungen, einen leer stehenden Spind als Versteck zu benützen. Dabei bedachte ich nicht, dass ich nur gebückt Platz haben würde. Mit dem Kopf am Kastenoberende anstoßend und die Knie an der vorderen Seitenwand angeklemmt, verfluchte ich meinen Zustand und vor allem die „gute Idee“ meines Kameraden. Denn nach nur kurzer Zeit bekam ich einen Krampf in den Beinen, fing an zu zappeln und schlug derartig laut an die Kastenwand, dass man es weithin hören konnte. Der andere Missetäter rief mir aus seinem Versteck zu, ich solle stillhalten, er höre schon den Dienstführenden kommen. Sogleich öffnete sich auch die Eingangstür, und ich hielt verbissen den Atem an. Da hörte ich auch schon einen Schrei, denn mein Kollege wurde entdeckt. Er hatte nämlich einen Zipfel von seinem Gewand aus dem Kasten heraushängen lassen. Beim anschließenden Rapport wurde er auf zwei Wochenenden in „Gewahrsam“ genommen. Ich aber sagte mir, dass kein Frühsport so anstrengend war wie das Eingeklemmtsein in einem zu kleinen Kasten.

Unsere Funker-Kompanien waren gegenüber den anderen Waffeneinheiten insofern begünstigt, als wir keinen Wachdienst beim Eingangstor zu machen hatten und keine Gewehrübungen möglich waren. Denn wir hatten Maschinenpistolen als Ausrüstung, wo kein Präsentieren möglich war. Das war auch der Grund dafür, warum die Feldjäger oder die Gardisten beim Tor uns gegenüber aufsässig waren. Sie ließen uns, wenn wir an der Funker-Uniform erkennbar waren, nach Dienstschluss nicht sofort hinaus, beanstandeten, dass wir die Schuhe nicht ordentlich geputzt hätten, und anderes. Die Lösung für uns war einfach, wir gingen eben in Zivil zu unseren Freundinnen, was ohnehin angenehmer war. So war es auch der Militärpolizei nicht möglich, uns in Cafehäusern zu beanstanden, wenn es einmal lustig herging. In Uniform war man ja quasi als Staatsdiener dazu verpflichtet, das Ansehen des Heeres nicht zu beschädigen.

Sieben Männer im Hof einer Kaserne, alle haben Gewehre in der Hand; einer von ihnen hat einen Helm am Kopf und einen Militärmantel an, die anderen sind in der normalen Uniform.

Jeder Funker hatte seine Maschinenpistole im Spind zu verwahren mitsamt der Patronentasche. Natürlich ohne Patronen. Es waren drei leere Patronenmagazine in der Tasche für spätere Schießübungen. Die einzige Übung, die wir abhielten, wurde am Schießplatz in Stammersdorf durchgeführt. Jeder Schütze wurde links und rechts „abgesichert“ von zwei Unteroffizieren, die etwas nervös wirkten. Stehend freihändig wurde auf 100 Meter entfernte Pappscheiben im Schnellfeuer geschossen, also nicht gezielt, was ja gar nicht ging, sondern mehr oder weniger aus der Hüfte. Ich feuerte drauf los, bis ich meinte, das Magazin müsse leer sein. Aber als es der Unteroffizier prüfte, erschrak er sehr, denn eine Patrone war noch drinnen. Schnell befahl er mir, sie sofort abzufeuern. Die meisten von uns trafen die Scheibe nicht, sondern nur den Sandboden davor. Die beiden Jungmänner im Graben, die die Ergebnisse aufzuzeigen hatten, erzählten uns später, es war ihnen schon recht mulmig, wenn es vor ihrer Lucke so staubte.

Der Hauptmann war sehr unzufrieden mit uns. Er zog seine 08er Armeepistole und schoss das Magazin leer auf die Scheibe – freihändig, aus 100 Meter Entfernung. Der Fernsprecher hinter uns telefonierte leise zu den zwei Aufzeigern und teilte diesen mit, dass eben der Hauptmann geschossen hätte. Daraufhin wurden alle Treffer als Kopfschuss angezeigt. Stolz meinte der Hauptmann, wir sollten uns an ihm ein Beispiel nehmen.

Aufgrund des schlechten Ergebnisses beim Schießen mit der Maschinenpistole „verurteilte“ uns der Hauptmann zum Schießen mit dem russischen Schießprügel.

Bäuchlings auf einer Pritsche liegend gab ich meine fünf Schuss ab, aber der Feuerstrahl blendete mich dermaßen, dass ich wieder kein gutes Ergebnis erzielte. Außerdem war ich für mehrere Stunden danach taub, denn wir hatten natürlich keinen Gehörschutz.

Die Zeit zum Abrüsten kam näher, und nachdem ich mich als Funker so gut bewährt hatte, machte mir mein Ausbildner den Vorschlag, bei der Abwehrgruppe dabei zu bleiben. Also quasi wie ein kleiner „Spion“ Abhördienst zu machen. Das hätte mich schon gereizt, und ich fragte ihn, ob ich beim Entschlüsseln die ganze geheime Nachricht bearbeiten dürfe oder nur einen Teil davon. Die Antwort war natürlich enttäuschend: Zu sehen bekäme ich selbstverständlich nur einen kleinen, für mich unverständlichen Teil. Andere Teile würden von mir Unbekannten entschlüsselt. Ein vollständiger Satz wird dann jeweils verschiedenen Offizieren übermittelt, und erst der General gibt dann dem Verteidigungsminister die vollständige Nachricht weiter. Der berichtet dann dem Bundespräsidenten als Oberbefehlshaber, oft sind es (glücklicherweise) nur belanglose Informationen (z.B. der Ministerpräsident in Ungarn hat Schnupfen).

Ich bin auch kein Freund von Uniformen, aber mein Ausbildner sagte mir, dass ich in Zivil bleiben könne. Eine Ausgangsuniform bekäme ich zwar, müsse sie aber nicht tragen. Ich hätte außerdem freies Quartier und Verpflegung sowie natürlich einen  angemessenen „Sold“ und Weiterbildungsmöglichkeiten. Ich lehnte freundlich ab, denn mein Lebensplan war ein anderer, was er schließlich akzeptieren musste. Mein Offizier war zwar nicht sehr glücklich über meine Entscheidung, jedoch verhielt er sich weiterhin sehr fair mir gegenüber.

Nach dem Dienst beim Heer ist mir als Amateurfunker ein schönes Hobby geblieben. Da durfte man allerdings keine verschlüsselten Nachrichten funken, sondern nur Klartext. Es sollte auch keine Konkurrenz zum offiziellen Postdienst werden, denn dazu waren ja Telegramme da. Als Kürzel bei diesem Funkverkehr wurden auch fixe Ziffernkombinationen verwendet. Zum Beispiel bedeutete 73 „Herzliche Gruesse“ und 99 das Götzzitat, welches aber kaum Verwendung fand, denn man wollte ja Verbindungen knüpfen und sich nicht selbst ausschließen aus der Nutzergemeinschaft dieser technisch interessanten Kommunikationsmöglichkeit.

Informationen zum Artikel:

Bundesheer 1957

Verfasst von Hermann Greller

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 13. Bezirk
  • Zeit: 1957

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