Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Fleckerlteppich der Erinnerungen: 623 Beiträge

Das Negerdörfl in Wien-Ottakring

von Gerda König

Mein Vater machte mit mir jeden Sonntag einen kleinen Ausflug, als er im Jahr 1946 aus dem Zweiten Weltkrieg nach Ottakring, in die französische Besatzungszone, heimgekehrt war. Meine Mutter konnte so ungestört in der kleinen Küche das karge Mittagessen zubereiten. Wir gingen in der Regel zwischen neun und zehn Uhr von zu Hause fort und waren pünktlich um zwölf Uhr wieder zu Hause.

An so einem Sonntag nun wanderten wir die Heigerleinstaße und Weinheimerstraße bergab und überquerten die Ottakringer- und Thaliastraße. Dann ging es wieder die Huttengasse bergauf zum Gutrater-Platz. Von diesem Platz, welcher etwas erhöht liegt, zeigte mein Vater über die Mauer der Vorortelinie, heute die S 45 und U3, und sagte zu mir: „Das dort ist das Negerdörfl“. Ich war ganz verwundert, dass ein Negerdörfl in Ottakring existierte. Ich dachte da wohnten lauter „Neger". Was mein Vater aber verneinte.

Das „Negerdörfl“ befand sich in dem Viertel zwischen Gablenzgasse, Zagorskigasse, Herbststraße und Pfenninggeldgasse. Die Gablenzgasse war damals eine nicht befestigte schmale Sandstraße, welche beim Gutrater-Platz begann und nach unten vorbei am Negerdörfl zur Burggasse führte.

Im Jahr 1911 wurden hier von der Sozialen Gemeinde der Schweiz Notstandsbauten errichtet. Diese Siedlung bestand aus acht einstöckigen Baracken. Es waren Holzbaracken, welche an den Außenwänden pattschockiert, d. h. mit Mörtel angeworfen waren. Sie sahen daher von der Ferne wie Ziegelhäuser aus. Eine dieser Notunterkünfte war 45 Meter, fünf waren 30 Meter und zwei davon 22 Meter lang.

einstöckige Wohnhäuser entlang einer Straße wie im Text beschrieben
(Herkunft und Bildrechte: Bezirksmuseum Ottakring)

Jede Baracke hatte zwei bzw. drei separate, direkt von der Straße über einen kleinen hölzernen Windfang zugängliche Eingänge, dann kamen Vorraum und Stiege in das Obergeschoß. Im Parterre und im ersten Stock befanden sich jeweils zwei Wohneinheiten für die Familien. In einem Anbau gab es auch einen Gemischtwarenhändler, und andere hölzerne Zubauten dienten als Schuppen. Die frisch gewaschene Wäsche wurde von den Hausfrauen im Hof zum Trocknen auf Wäscheleinen gehängt.

Mein Vater meinte, dass im Negerdörfl nur Familien mit zahlreichen Kindern untergebracht wurden. Diese Familien waren nicht in der Lage, den Zins in normalen Zinshäusern an den Vermieter zu entrichten, da die Väter entweder arbeitslos, im Krieg eingezogen oder dort bereits gefallen waren.

In der Mitte der Barackensiedlung befand sich eine circa 42 x 33 Quadratmeter große Rasenfläche, welche von den vielen Kindern als Fußballplatz benutzt wurde. Mein Vater – Jahrgang 1908 – erzählte mir aus seiner Kindheit, dass er von der Wattgasse 3, welche nur zwei Steinwürfe von dieser Siedlung entfernt war, ins Negerdörfl Fußballspielen ging.

Nach der Schule hatte Vater seine Schultasche hinter dem Haustor in der Wattgasse abgestellt und war die Possingergasse bergauf gerannt. Er sagte mir, zu Hause sei eine „Weiberwirtschaft“ gewesen, denn nicht nur meine Großmutter gab ihm Anweisungen, sondern es warteten auch schon die vier Schwestern mit zahlreichen Anliegen auf ihn. Er hatte drei große Schwestern und die gingen schon sehr früh in die „Tabakregie" (Austria Tabak, heute eine Höhere Technische Lehranstalt) arbeiten. Mein Großvater, welcher Bäckergeselle war, rückte schon 1914 in den Ersten Weltkrieg ein und ist im Jahre 1915 in Polen gefallen.

Auf der Rasenfläche im Negerdörfl befand sich ein Kirschbaum. Dieser Baum war von einer Frau gemietet worden, um die Früchte zu ernten. Aber sobald die jungen Kirschen ins Gelbliche wechselten, waren sie auch schon von den zahlreichen Kindern verschlungen. Rot sind diese Früchte nie geworden. Die Mieterin des Baumes sah niemals auch nur eine Kirsche, so berichtet Herr Prof. RR Ing. Medek aus dem Bezirksmuseum Ottakring.

einstöckige Wohnhäuser rund um einen Rasenplatz, am Rand zwei spielende Kinder auf Dreiradler
(Herkunft und Bildrechte: Bezirksmuseum Ottakring)

Da die Männer arbeitslos waren und auch im Haushalt nicht viel mithalfen, saßen sie, wenn es das Wetter erlaubte, vor ihren Haustüren und waren somit, wie die spielenden Kinder, braungebrannt. So glaubten die in der Umgebung lebenden Menschen, die im Barackenlager wohnenden wären "Zigeuner". Man ging auch nicht gerne durch das Negerdörfl, da die Bewohner immer an den Vorbeigehenden was auszusetzen hatten, so berichteten mir zwei Schwestern aus der nahen Arltgasse. Der Weg durch das Barackenlager war immer mit negativen Gefühlen verbunden. Wenn man einen Umweg machen konnte, tat man dies.

Der Spitzname „Negerdörfl" wird aus der Wiener Mundart abgeleitet: „Neger sein", das heißt, kein Geld haben; geldlos sein; arm sein; abgebrannt sein. Ein „Negerant" ist einer, der nie genug Geld bei sich hat, daher manchmal auch Schnorrer genannt.

Anfang der 50er Jahre wurde das Negerdörfl geschleift, und an seiner Stelle entstand in den Jahren 1952/1953 ein großer Gemeindebau. Dieser riesige Bau wird „Fanz-Novy-Hof" genannt und besteht aus mehreren Wohnblocks. Die neue Adresse lautet: 1160 Wien, Gablenzgasse 116.

Informationen zum Artikel:

Das Negerdörfl in Wien-Ottakring

Verfasst von Gerda König

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 16. Bezirk, Gablenzgasse / Herbststraße / Pfenninggeldgasse
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Erinnerungstext entstand in Zusammenhang mit einem Gesprächskreis unter dem Motto "An den Rändern der Stadt" im Wien Museum Karlsplatz im Herbst 2008

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.