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10. September 1944

von Gertrud Jagob

16. Jänner 1991, ein Mittwoch. Um 6 Uhr Früh lief das Ultimatum der westlichen Allianz an Irak-Chef Saddam Hussein ab. Dies bedeutet Krieg. Zwar ist bis jetzt noch keine Meldung über einen Angriff erfolgt – es ist bereits 16 Uhr – doch in den Frühnachrichten meinte Hugo Portisch, in den nächsten 24 bis 36 Stunden werde es wohl dazu kommen.

Also ist es wieder einmal so weit. Viele Gedanken surren wie wild in meinem Kopf herum – bruchstückhafte Szenen tauchen vor meinem geistigen Auge auf, wecken Erinnerungen an eine Zeit, die man, wie ich plötzlich bestürzt merke, ein Leben lang niemals vergessen kann. Diese Ungewissheit, wann der erste Schuss fallen wird und wie es weitergehen wird, erinnert mich an die vielen Stunden vor den Luftangriffen des Jahres 1944 und 1945. Man wusste genau, dass man damit rechnen musste, und konnte nichts dagegen tun als warten. ...

Es kam der 10. September 1944. Jener Sonntag, der mein ganzes weiteres Leben mit einem Schlag verändern sollte und den ich nie vergessen werde. Mit einem Schlag war ich ein erwachsener Mensch, von dem ab nun vorerst nur noch gefordert wurde.  

Ich ging damals jeden Sonntag vormittags in die Lutherkirche nach Währing zum Gottesdienst. Mitten in der Predigt war Fliegeralarm. Wie gewohnt eilte alles davon, jeder seinem Heim zu. Ich die Martinstraße runter, in die nächste Quergasse, dann weiter die Syringgasse zur Jörgerstraße, da heulten die Sirenen schon das zweite Mal. Dies signalisierte nun schon echte Gefahr, die feindlichen Flugzeuge waren in unmittelbarer Nähe. Weiter hasten, schnaufen, stolpern, nur rasch, rasch weiter die Kalvarienberggasse hinauf – da setzte bereits die FLAK ein. Es rumste und ballerte. Als ich die Ottakringerstraße überquerte, hörte ich schon die Flugzeuge – ein eigenartiges Vibrieren der Luft. Meine Mutter erwartete mich eigenartig erregt vor dem Haustor und zog mich sofort in den Hauskeller, den man durch eine schwere Falltür erreichte. Sie war an diesem Tag undefinierbar anders als sonst. Ihre übliche, eher lethargische Art war einer hektischen Unruhe gewichen, sie ging im Keller umher, sagte mir, dass sie heute eine Flasche Wasser und Leintücher mithabe und begann von einem „blutigen Sonntag“ zu reden. Verständnislos sahen sie alle Hausbewohner an, doch sie ging weiter die paar Schritte, die der Raum zuließ, hin und her und murmelte ununterbrochen: „Das wird ein blutiger Sonntag.“

Und dann schien die Welt zu bersten – ein unvorstellbarer Krach riss uns gleichzeitig empor und die darauffolgende Luftdruckwelle warf uns zu Boden. Es war stockdunkel um uns, Staub und Mauerbrocken fielen herab und legten sich auf uns; das ganze Gebäude bebte, die Wände wackelten, und es rumorte in der Luft immer weiter. Das elektrische Licht war ausgegangen, und die Radioapparate schwiegen. Wir wussten nicht, was eigentlich geschehen war. Wir waren vollkommen informationslos. Alles spuckte und keuchte – und wieder krachte in unmittelbarer Nähe eine Mauer zusammen. Nun begannen die Menschen zu schreien; Namen wurden gerufen – Hilfeschreie rundum. Doch man sah immer noch nichts. Immer beklemmender verlegte dicker Staub unsere Atmungsorgane, und wir keuchten um unser Leben. Irgendwer versuchte die Kellerstufen hinaufzukommen und die Falltüre hoch zu stemmen. Es gelang. Der schwache Schein einer Taschenlampe durchschnitt die grau-dicke Luft. Mama zerrte mich hinauf. Es polterte unaufhörlich von einstürzenden Mauern und immer neue Staubschwaden verdunkelten die ganze Umgebung. Wir wohnten in einem alten, noch solide gebauten Haus mit dicken Mauern und drängten uns nun in einer Mauernische am Fuße des gewundenen Stiegenaufganges zusammen. Es war ein verwinkeltes Stück Gang, in dem sich dieses Häuflein Menschen – vielleicht 15 – in Panik zusammendrücken. Und schon begann es wieder: Neuerlich hörte man das Flugzeugbrummen näherkommen, und dann stürzte förmlich dieses Motorendröhnen auf uns herab. Gleichzeitig Bombeneinschläge in nächster Nähe, unbeschreibliche Lärmorgien rund um uns.

Einige Menschen zwischen Häuserruinen und Schuttbergen nach Bombenangriff in Wien-Ottakring 1945
Nach einem Bombenangriff auf Ottakring im Jahr 1945

Wir klammerten uns einer an den anderen und versuchten Luft zu bekommen. Da zog meine Mutter die Tücher und die Wasserflasche hervor, gab mir zu trinken, um die Luftröhre frei zu bekommen und drückte mir ein Tuch vor Nase und Mund. Die Umstehenden bettelten um einen Schluck Wasser, Mama verteilte die Leinentücher. Doch es war noch immer nicht zu Ende. Eine weitere Welle Flieger ließ ihre Bombenlast über uns ab, das Inferno schien kein Ende zu nehmen. Wir wurden hin und her geworfen vom Luftdruck. Fensterscheiben zerbarsten, Brandgeruch wurde bemerkbar. Endlich, ich hatte jedes Zeitgefühl verloren, sah man wieder Tageslicht durchblinken, und wir wagten uns vorsichtig Schritt um Schritt aus unserer Höhle hervor.

Was wir sahen, schien uns ein Szenarium eines Höllendramas zu sein. Es gab kein Hofgeviert mehr. Die u-förmig aneinander gebauten Häuser unserer Häuserzeile und jener der im Hintertrakt anstoßenden Nebengasse haben jeweils einen großen, durch eine Mauer getrennten Innenhof gebildet. Nun stand von unserem Haus nur mehr die Vorderfront. Alles andere war ein riesiger Schutthaufen.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

10. September 1944

Verfasst von Gertrud Jagob

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 16. Bezirk
  • Zeit: 1944 bis 1945

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist ein Ausschnitt aus umfangreicheren Kindheits- und Jugenderinnerungen der Autorin, die im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? – Bürger/innen schreiben Geschichte" für Bildungs- und Forschungszwecke überlassen und in den Bestand der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" aufgenommen wurden. Der Text wurde bei der Schlussveranstaltung des Projekts am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich vorgetragen.

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