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Der "Selinger-Franzl"

von Rudolfine Neumüller

Die Kindheitsgeschichte des Franzl kenne ich nur vom Erzählen meiner Mutter. Er war etliche Jahre vor mir geboren worden. Er gehörte dem Hausmeisterehepaar Zelinka. Da aber dieser tschechische Name nicht so glatt von der Zunge ging, nannte man sie einfach und wienerisch ausgedrückt: „Selinger“. Also war auch der Sohn als Selinger-Franzl bekannt.

Ihre Wohnung befand sich im Hintertrakt des Hauses Hernalser Hauptstraße 123, was aber auch nicht ganz stimmte, denn eigentlich war es das Haus Wichtelgasse 82. Da aber dieses Haustor immer verschlossen war, weil in der Einfahrt eine Wäscherolle stand, die von den Hausbewohnern auch benutzt wurde, erreichte man den sogenannten Hintertrakt nur durch den Eingang des Hauses Hernalser Hauptstraße 123. Man passierte den Hausflur, kam zu einer offenen Tür und stand nun vor einem großen Innenhof.

Eine große Linde beherrschte den vorderen Teil des Hofes und gleich anschließend war ein kleines Gärtchen, umgeben von einem niederen Holzzaun. Da wuchsen verschiedene Gemüse, Küchenkräuter und viele Blumen – ein richtiger Bauerngarten. Betreut wurde diese Pracht vom Hausmeisterpaar Selinger. Der restliche Teil des Hofes wurde allgemein genützt und war ein beliebter Spielplatz für die Kinder des Hauses. Da, wo die Mauer des gassenseitigen Hauses mit der Mauer des quergelegenen Hinterhauses zusammen stieß, gab es eine ruhige Ecke, aus der man den ganzen Hof gut überschauen konnte. Und genau das war der Platz von unserem Franzl. Die ebenerdige Wohnung seiner Eltern lag nur wenige Schritte entfernt.

Der Franzl war ein ganz armes Kind: Von Geburt an spastisch gelähmt, konnte er seine total verkrampften Arme und Beine kaum bewegen und war völlig auf die Hilfe seiner Mutter angewiesen. Voll beweglich war nur sein Kopf. In die Schule war er gefahren worden und hatte dort lesen und sonst Wissenswertes gelernt. Ab wann er seine Nische im Hof bezogen hatte, weiß ich nicht.

Ein Mädchen inmitten von Pflanzen und zwei Kaninchen auf dem "eisernen Gang" des Wohnhauses
Die Autorin auf dem "eisernen Gang" des Wohnhauses (um 1920)

Ich erinnere mich gern an die Zeit von damals, wo alles so ganz anders war als heute. Und so sehe ich den Franzl ganz deutlich vor mir. Da saß er in seinem Rollwagen, seine verkrampften Beine fürsorglich mit einer Decke bedeckt und schaute interessiert in die ihn umgebende Welt. Er kannte jeden – und jeder kannte ihn. Jedes Jahr, wenn es Frühling wurde und unsere Linde zu grünen und zu blühen begann, wurde der Franzl von seiner Mutter an seinen angestammten Platz hinaus gefahren. Man sah ihm die Freude an, wieder da zu sein und am Geschehen im Haus wieder teilnehmen zu können. Neben seinem Rollstuhl stand eine Holzbank, und wer gerade etwas Zeit hatte, setzte sich zu ihm. Regen konnte ihm nichts anhaben, denn über seinem Kopf verlief ein „eiserner Gang“. Die Wohnungen im 1. und 2. Stock waren mit diesem Gang verbunden. Als Kind empfand ich diesen offenen Gang als zum Wohnen dazugehörig. Im Sommer standen die Wohnungstüren offen und wir Kinder konnten im Freien spielen, allerdings war das Herumlaufen auf dem blechernen Gang ziemlich geräuschvoll und der Franzl in seiner Nische hatte wohl manchmal das Gefühl, als ob jemand auf seinem Kopf herumtrampelte. Er hatte aber auch sein Vergnügen mit den spielenden Kindern im Hof. Er feuerte sie an und erteilte Ratschläge. Manchmal war es auch zu verlockend, den Franzl ein wenig zu sekkieren und ihn mit einem Grashalm im Gesicht zu kitzeln. Da konnte der Franzl schon bös werden!

Damals gab es noch ab und zu ein Begräbnis eines wohlhabenden Bürgers. Das Haustor des verstorbenen Bürgers wurde schwarz dekoriert, der Sarg wurde auf eine mit schwarzem Samt ausgelegte Karosse geladen, und Pferde – mit schwarzen Kokarden auf ihren Köpfen – zogen den Wagen. Eine Blasmusik spielte einen Trauermarsch. Hinter der Kutsche folgten die schwarz gekleideten Trauernden: alle mit schwarzen Hüten, die Frauen mit schwarz verschleierten Gesichtern. Bekannte, Freunde und Adabeis bildeten eine lange Prozession, die über die Hernalser Hauptstraße, Wattgasse und Alszeile zum Hernalser Friedhof führte. Bei dieser Prozession musste die Straßenbahn stehen bleiben und warten, bis der gesamte Zug in die Wattgasse eingebogen war. So ein Ereignis wollte sich natürlich niemand entgehen lassen. Und da überall die Haustore offen standen und jeder es hören konnte, was sich auf der Straße abspielte, ertönte alsbald der Ruf: „A scheene Leich! Kommt´s schnell: a scheene Leich!“ Kinder und auch Erwachsene liefen hinaus auf die Straße und natürlich auch wir! Ein kräftiger Bub fasste den Rollstuhl mit dem Franzl, und es ging beim Tor hinaus. Der Franzl konnte alles sehen und miterleben. Wieder zurück an seinem Platz im Hof konnte der Franzl jetzt jedem Vorbeikommendem sein Erlebnis des Tages erzählen.

Eine Menschenmenge vor und in einem Haustor bei einem Leichenbegängnis
(Foto: Helmut Drechsler)

Es war aber auch sonst nie langweilig, denn irgendetwas passierte immer. Viele wichtige Arbeiten fanden im Hof statt: Tätigkeiten, die man heute kaum kennt. Unter der Linde stand ein großer Hackstock, ein notwendiger Bestandteil des Hauses. Hier wurde Holz gehackt, zerkleinert, geschlichtet, so wie es für den gemauerten Küchenherd oder für das Öferl im Zimmer gebraucht wurde. Am anderen Ende des Hofes lag die Waschküche. Sie war fast an jedem Tag besetzt. Dort wurde von den fleißigen Frauen die ganze Wäsche für ihre Familie gewaschen. Die gewaschene, nasse Wäsche im Korb war schwer und so stellte man diese Last gerne für ein Weilchen auf dem Bankerl beim Franzl ab. Ein kleines Plauscherl mit ihm, bevor man den Korb hinauf auf den Dachboden schleppte. An der einen Mauerseite war eine Teppichstange angebracht. Teppiche durften aber nur an einem bestimmten Tag der Woche geklopft werden und dann auch nur am Vormittag. Alles hatte so seine Ordnung – und für Ordnung zuständig war Franzls Mutter.

Ein wichtiger Mann war damals der Mistbauer. Mit einer Glocke in der Hand betrat er den Hof und läutete erst einmal kräftig. Dann blickte er hinauf zu den Gängen und Wohnungstüren, ob ihn auch alle gehört hatten. Nun kamen sie alle herunter: die Frauen, mit ihren hölzernen Mistkisterln. Es war meistens nur Asche drinnen. Festen Müll gab es kaum, denn alles was halbwegs brennbar war, wurde im eigenen Ofen verbrannt. Der Mistwagen stand draußen vor dem Tor, ein Kistenwagen war es, und dahinter wurde der Mist entleert. Eine staubige, dreckige Arbeit war das, aber notwendig. Das Pferd, das vor den Wagen gespannt war, wartete geduldig, bis alle Kisterln entleert waren und freute sich auf ein paar Streicheleinheiten und noch mehr auf ein Stück hartes Brot. Dann zog der Mistbauer weiter zum nächsten Haus, und man hörte wieder seine Glocke bimmeln.

Unbemerkt verging die Zeit. An schönen, warmen Tagen saß der Selinger Franz immer noch in seinem Rollstuhl an seinem angestammten Platz. Die jugendlichen Gesichtszüge waren vergangen, er war ein junger Mann geworden: mit einem guten, ausdruckvollen Gesicht. Nach wie vor war das Bankerl an seiner Seite oft besetzt. Es kamen Freunde, sehr oft Arbeitslose, um sich ihre Nöte und Probleme von der Seele zu reden. Es wurde viel diskutiert über die harten Kämpfe zwischen den politischen Parteien. Vielleicht keimte manchmal doch eine leise Hoffnung auf eine gerechte Welt auf. Leider wurde es schlimmer in unserem Österreich. In einer ausweglosen Situation setzte sich auf grausame Art eine Heimwehr-Diktatur durch, später abgelöst von den Heerscharen des Adolf Hitler. Aber der Selinger Franz hat sich rechtzeitig, ganz still und leise, davon gemacht. Im Herbst 1939 ist er daheim, in der elterlichen Wohnung, 36-jährig, gestorben. Im darauf folgenden Sommer blieb sein Platz im Hof, in der stillen Ecke, leer. Nur die hölzerne Bank hatte noch niemand weggetragen.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Der "Selinger-Franzl"

Verfasst von Rudolfine Neumüller

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 17. Bezirk
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? – Bürger/innen schreiben Geschichte" und wurde bei der Schlussveranstaltung am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich vorgetragen.

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