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Im Haus war alles elektrisch

von Elisabeth Kollbach

Mein Vater schaffte alles Technische, vor allem Elektrisches, von Siemens an – sofern es das Leben erleichterte und rentabel war. So hatten wir in der Kochgasse einen Warmwasserboiler und ein Notlicht. In Hietzing richtete er eine Etagenheizung ein. Sie wurde von der Küche aus betrieben, den Ofen ummantelte eine zweite Haut, ebenso die freilaufenden Rohre. Ich glaube, dass der Kühlschrank erst nach dem Krieg einzog. Über Bad- und Klotüre ein Warnlicht, damit in diesen Räumen nicht unnötig die Lampen brannten.

Das zweite Radio verursachte Hitler. Gas fiel in den Kriegsjahren oft aus, Strom wurde rationiert oder abgestellt, allerdings nicht so oft, denn die Menschen sollten Radio hören können, wenn Sondermeldungen kamen oder später der Kuckuck und die Sirenen. ... Mein Vater stellte im Zimmer meiner Mutter ein zweites Radio auf ein Tischerl. Zu bestimmten Zeiten rückte er es in die Zimmermitte, setzte sich unter einen Teppich, dann hörte er „England“. Anschließend schob er es wieder an die Wand und stellte die „richtige“ Welle ein.

Mein Mann musste alles Technische so schnell als möglich besitzen. Das erste Auto, das ich kennen lernte war ein Renault 4 CV – ein Winzling, aber brav. Er brachte uns ohne Murren auf den Großglockner. Größere Wagen von Deutschen oder Holländern lagen rauchend am Straßenrand; sie lernten das Bergfahren nie – in die Dolomiten, ans Meer, nach Nizza. Eine Renault Daphne hatte bald ausgedient – 11 Patschen. Ihr folgte der VW Käfer, der blieb es auch.

Der Mixer und der Entsafter reisten aus der Schweiz an – angeblich der beste; Espressomaschine aus Italien. Die beiden wurden im Ursprungsland gestartet, um Zoll zu sparen. Zwei Elektroboiler, falls einer ausfällt, ein Gasdurchlauferhitzer für die Küche, falls der Strom ausfällt. Kühlschrank und Tiefkühltruhe kamen vor Zimmermöbeln.

Radio lief den ganzen Tag, auch im Büro; abgeschaltet nur, wenn ich allein war, oder wenn er Klavier spielte – konzertreif.

1956 Fernsehen, etwas ganz Erbärmliches! Meist Testbild – die „Libelle“, ein ewiges Spielzeug. Unser Sohn sollte schon im Steckkissen zusehen; der schlief fest. Jedes Autorennen klebte meinen Mann an die Kiste. Raketenstarts mit Prof. Haber – Pflichttermin...

Der Staatsvertrag (noch aus dem Radio) ließ ihn jubeln; alles Politische interessierte ihn grenzenlos: Kriege in Israel, Chruschtschow und der Papst, die Ungarnflüchtlinge lösten bei ihm den Wunsch aus, diesen manchmal argen Quälgeist anzuschaffen.

Elektrische Brotmaschine, elektrisches Messer, elektrischer Rasierer, elektrisches Heizgerät – Ventilator, Uhr, Plattenspieler – im Haus war alles elektrisch. Waschmaschine, Geschirrspüler, dafür gab es immer Geld. Dieses Spielzeug erfreute ihn über Jahre.

Mein Sohn entfernte eine Reihe der Geräte – zu unwirtschaftlich. Mein Mann ließ fast alles über das Geschäft laufen. Das fiel nach seinem Tod weg. Nun sind wir nur zu dritt: mein Sohn, meine Schwiegertochter und ich. Da erübrigt sich einiges.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Im Haus war alles elektrisch

Verfasst von Elisabeth Kollbach

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 8. Bezirk / Wien, 13. Bezirk
  • Zeit: 1930 bis 1970

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist ein Ausschnitt aus umfangreicheren schriftlichen Lebenserinnerungen der Autorin, die im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? – Bürger/innen schreiben Geschichte" für Bildungs- und Forschungszwecke überlassen und in den Bestand der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" aufgenommen wurden. Der Text wurde bei der Schlussveranstaltung des Projekts am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus unter dem Themenschwerpunkt "Konsumwelten" öffentlich präsentiert.

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