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Die schlimme Richterstochter

von Eva Novotny

Als ich drei Jahre alt war, lud mich ein Vierjähriger aus unserem Haus - wir wohnten damals im Gerichtsgebäude in Liezen/Stmk., mein Vater war Richter - ein, mit ihm "zum Zirkus" zu gehen. In einem unbemerkten Augenblick schlichen wir aus dem Garten, und mein Freund ging mit mir bis ans Ufer der Enns. Wenn ich mir das heute so vorstelle, war das ein weiter Weg, und ich wundere mich, dass wir zwei niemandem aufgefallen sind.

Zirkus gab es damals gar keinen in Liezen, doch ich war scheinbar wissbegierig. Die Angst und Aufregung meiner Eltern kann ich mir gut vorstellen. Der Vierjährige war Sohn eines Justizwachebeamten, so suchten alle Beamten des Gerichts an diesem Tag des Jahres 1947 in ganz Liezen nach uns und fanden uns erst am späten Abend. Ich kann mich weder an den Spaziergang noch an Spiele erinnern, denn nur das Strafgericht im elterlichen Haus hat sich eingeprägt. Ich musste ein Donnerwetter über mich ergehen lassen, bekam Haue auf den Hintern und nichts mehr zu essen, obwohl ich sehr hungrig war, und wurde ins Bett gesteckt. Mein Onkel, der Pfarrer in Guntramsdorf war und damals gerade zu Besuch weilte, fand es traurig, wie die "verlorene Tochter" von seinem Bruder behandelt wurde und bemerkte, dass es dem "verlorenen Sohn" viel besser ergangen war. Mein Vater aber war der Ansicht, die Strafe müsse so hart sein, damit ich nie wieder so etwas tue.

In der zweiten Klasse Volkschule - wir lebten damals mit den Großeltern zusammen in Linz - hatte ich den Vorfall allerdings schon vergessen, denn da ging ich nach der Schule wieder mit einer Mitschülerin in ihr Zuhause mit, ohne dass es meine Eltern wussten. Ich dachte nicht im Geringsten daran, dass sie sich um mich sorgen könnten. Seltsamerweise kann ich mich an die Strafe nicht mehr erinnern.

Ich selbst aber wurde insofern bestraft, als ich auch eine Tochter hatte, die es genauso machte, so dass ich verzweifelt herumtelefonierte, bis ich endlich wusste, bei wem sie gelandet war.

Oft denke ich, dass ich in der ersten Volkschulklasse zu Hause nicht besonders glücklich war, weil meine Mutter ein Dreivierteljahr in einer Lungenheilanstalt verbringen musste und ein Kindermädchen für uns sorgte, das, wie ich es damals empfand, meinen vierjährigen Bruder als "Schatzi" behandelte und mich als die "Schlimme", die "Freche". Ich hatte das Gefühl, immer die Schuldige zu sein.

Einmal gab es auf unserem Balkon ein Rotschwanzerlnest, das eines Tages zerstört war. Da wurde "Gericht" abgehalten: "Angeklagt" waren meine Cousine (7 Jahre), ich (6 Jahre), mein Cousin (5 Jahre) und mein Bruder (4 Jahre). "Wer von euch hat das Nest zerstört?", wurden wir gefragt. Letzten Endes wurde ich beschuldigt, mit der Begründung, dass ich ja immer lüge. Damals fühlte ich mich sehr ungerecht beurteilt, denn ich höre heute noch meinen Vater sagen: "Wolfi lügt nie, und außerdem bist du die Ältere" - und dieser Wolfi, mein Bruder, hat seinen Bonus oft ausgenützt.

Familienbild, zwei etwa 7-jährige Mädchen und zwei jüngere Kinder rund um ihre gutbürgerlich gekleideten Großeltern
Bei den Großeltern in Linz, rechts ich und mein Bruder, links Cousine und Cousin (1951)

Angeblich war ich immer frech zu den Großeltern, so dass ich einmal im Zimmer Scheitelknien musste. Obwohl Besuch kam, durfte ich meine Ecke auf den Holzscheitern nicht verlassen. Ich schämte mich sehr, aber ich hatte mich geweigert, mich bei der Großmutter zu entschuldigen.

Mein Großvater war sehr streng und wollte uns Bescheidenheit beibringen. Zuerst erzählte er, dass die Urgroßmutter in den größten Krapfen eine Heuschrecke eingebacken habe, um den Unbescheidensten, den Gierigsten zu bestrafen. Danach legte Großvater uns vier Kindern vier Tafeln Schokolade in verschiedenen Größen vor. In der größten war ein Stück Holz eingewickelt - nur die kleinste Hülle beinhaltete Schokolade. Ich glaube, ich nahm mir die "Schönste", wo auch nichts darin war.

Wir durften beim Essen nicht sprechen und uns nicht in das Gespräch der Erwachsenen mischen. (Heute, wenn ich bei meiner Tochter bin und die fünf Enkel sehr laut reden, dass man sein eigenes Wort nicht versteht, denk ich mir oft, wie gut diese Sitte doch wäre.) Jedenfalls las ich im Tagebuch des Großvaters, wie er sich über mich beschwert, dass ich sehr ungezogen und frech bin, weil ich immer glaube, meine Meinung äußern zu müssen, wo ich doch erst sechs Jahre alt sei... Ich musste dann eine Zeit lang Hovaletten - Beruhigungspillen - einnehmen, weil ich angeblich immer zu laut und unruhig war.

Es galt auch schon als Vergehen, wenn man Obst, bevor es reif war, vom Baum nahm. Auch da wurde ich oft bestraft, weil es eben nicht sein durfte.

Sehr streng wurden Eigentumsdelikte geahndet. Es war ganz verboten, ein Taschentuch von Großmutter zu nehmen oder auch nur ein Keks aus der Dose zu holen, ohne zu fragen. Mit 17 Jahren bekam ich meine letzte Ohrfeige, weil ich mir ein Taschentuch aus der Lade meines Vaters holte. "Du kannst Dein und Mein nicht unterscheiden", warf er mir vor.

Vielleicht hatten viele Strafen auch mit dem Beruf meines Vaters zu tun gehabt. Er hatte lange Zeit immer die Angst, dass sein Image als Richter durch seine Tochter beschädigt werden könnte. Deshalb nahm er es mir auch sehr übel, als ich als Jugendliche einmal abends ausging und ihm nicht sagen konnte, wie die Burschen, mit denen ich zusammengesessen war, geheißen hatten. Es hätten ja Diebe oder Verbrecher gewesen sein können, die sich da mit seiner Tochter getroffen haben...

Informationen zum Artikel:

Die schlimme Richterstochter

Verfasst von Eva Novotny

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-West, Liezen / Oberösterreich, Linz/Zentralraum, Linz
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Ich habe den Text nur zu ihrem Schreibaufruf geschrieben. Ähnlich habe ich das aber sicher auch in meiner Biografie (warum bin ich wie ich bin?) erwähnt. Da ich 12 Enkel habe, im Alter von 1-10 Jahren, sehe ich jetzt manche Dinge aus meiner Kindheit wieder von einem anderen Blickpunkt aus. Was "schlimm sein" heißt, hängt wohl sehr von den Ansprüchen der Gesellschaft, dem Umfeld der jeweiligen Zeit ab. Heute finden es manche Eltern nicht schlimm, wenn ihre Kinder nicht "danke" sagen oder nicht grüßen, zu meiner Zeit, war es ein arges Vergehen.

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