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Ein selbstbewusstes, braves Kind

von Brigitta Strauss-Wurzinger

So sah ich aus, wenn ich sehr sauer war, weil dauernd irgendetwas nicht passte. Ich sollte lächeln, denn Fotos sind teuer, und wenn schon eines gemacht wird, soll es gut aussehen!

Frau mit Mädchen vor Weihnachtsbaum, wie im Text beschrieben

Genau das hat mich angezipft, da musste ich mir viel anhören, also lächelte ich und – wie man sieht – verdrehte die Augen. Außerdem zeigt mein Körper, dass die ständige Nörgelei mir sehr auf die Nerven ging. Meine Mama hatte mir immer fünf solche Kinder wie ich gewünscht, vier habe ich nur! Sehr deutlich ist auf dem Foto auch eines meiner selbst gestrickten Gewänder zu sehen – ich will alles, nur nie wieder Pullover, welche aus Resterln gemacht wurden!

Die Volksschule besuchte ich von 1953 bis 1957 in der Friesgasse, eine öffentliche Schule der Stadt Wien. Da hatten wir eine so nette, hübsche und überhaupt Lehrerin, dass wir sie alle bis in ihr hohes Alter noch sahen; das war bis zum vorigen Jahr, als sie dann nach langer Parkinson und sonstigen Krankheiten verstarb. Es gab wenige ihrer Schüler, die nicht weinten!

Da gab es zwei Punkte, die nennenswert geschehen sind: Damals wurden die Bezirke neu eingeteilt, die wir auswendig lernen durften. Heute kann ich sie noch fehlerfrei aufsagen, und wir mussten stricken und häkeln, weil die Ungarn in unseren Turnsälen wohnten. Zehn Zentimeter Flecken, die dann von der Handarbeitslehrerin zu Decken genäht wurden. Das waren die ersten schönen Patchworks! Die Wolle stellte teilweise die Stadt Wien und teilweise die Eltern zur Verfügung. Watte kauften wir von gesammeltem Geld, und die hatten es dann warm. Es war in der Zeit sehr stark geheizt, denn sonst kann ich mich nicht erinnern, dass wir es beim Lernen so warm gehabt hätten, wie es heute ist in den öffentlichen Gebäuden.

Allerdings hatten wir dafür in der Hauptschule in der Diefenbachgasse - heute das Bundesrealgymnasium 15 - alles andere als einen netten Klassenvorstand.

Junge Mädchen sitzen um einen Tisch, eine Frau liest etwas vor

Diese Schule wurde als Mädchenhauptschule bis 1961 geführt. Nach uns wurden das neunte Schuljahr und wieder die Mischung zwischen Buben und Mädchen eingeführt. Die Unterlagen über unsere Schulzeit wurden dann ausgelagert in die Sechshauserstraße; dort vermodern sie im Keller.

In Mathe, Geschichte Geographie und Zeichnen hatte ich daher sehr schlechte Noten. Ich war mehr bei der Direktorin als in der Klasse; die Lehrerein beschwerte sich über mich und umgekehrt. Sie zerriss mir Hefte und ließ mich alles nachschreiben, sie ließ mich länger da, und die Zeichnungen machte ich samt und sonders öfter als einmal. Sämtliche geometrische Dinge aus meiner Hand sah sie nicht einmal an, die wurden sofort zerrissen. Nun war es aber so, dass ich dann auch die Zeichenblätter nachkaufen musste, denn wir bekamen nur das Nötigste von der Schule.

Auch Hefte bekamen wir für jeden Gegenstand nur eines, die anderen trug mein Geldbeutel. Mein Taschengeld war sehr knapp, natürlich gab es ärmere Kinder, aber ich musste schon sehr sparen, denn die zerrissenen und nachgeschriebenen Hefte erzählte ich nicht gerade der ganzen Verwandtschaft. Einmal hielt diese Lehrerin mit meinem Heft in der Hand einen Vortrag über die Schrift des Menschen, in denen ich immer als „Vorbild“ galt. Eine Freundin drehte sich in der ersten Reihe um und sagte laut in die total stille Klasse - wir hatten große Angst vor den Wutausbrüchen dieser Lehrerin - :„Herst du musst eine Mörderin sein!“ Daraufhin war ich dann nicht mehr das „Buh“-Kind, denn alle lachten, und es wurde geduldet, dass ich eben keine gute Schrift habe.

In der Folge schrie der Schularzt mich an und auch meine Mutter, wieso wir nicht draufgekommen seien, wie schlecht ich sehe. Seither trage ich immer eine Brille, allerdings ist meine Schrift nicht besser geworden - ist bei jedem Treffen mit meinen Freundinnen ein Thema, das haben sich alle gemerkt. Viele Vorträge habe ich über mich ergehen lassen; ich bin nur verstockter geworden. Ich habe natürlich dann mit Absicht nicht mitgeschrieben, weil „das Heft wird nur zerrissen“, und ich merke mir so auch alles! Bei der Direktorin haben meine Beschwerden auch nicht genützt. Ich durfte wieder unverichteter Dinge in die Klasse.

Heute wäre das nicht mehr möglich, da gibt es einen Schulpsychologen, viel ist anders geworden. Als ich meine Kinder hatte, war dann auch schon im Fernsehen eine Sendung über Erziehung. Am Schluss sagten die immer: „Wer hat mit uns so ein Theater gemacht?“ - „Leider niemand!“ Da dachte ich immer an meine nachgeschriebenen Hefte, die auch nicht besser waren als vorher.

Informationen zum Artikel:

Ein selbstbewusstes, braves Kind

Verfasst von Brigitta Strauss-Wurzinger

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 15. Bezirk, Öffentliche Schule Friesgasse und Mädchenhauptschule Diefenbachgasse (heute BRG 15)
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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