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Eine Trotzreaktion

von Margarethe Felder

Meine Eltern, mein Bruder und ich wohnten in einem geräumigen Einfamilienhaus am Rande einer Kleinstadt mit 50'000 Einwohnern namens Bielitz in den Beskiden gelegen. Die Straße hieß Suneckgasse und gehörte zu einem Villenviertel. Mein Bruder war zwei Jahre jünger als ich, war etwas zarter und schwächlicher Natur. Er wurde von allen Garten- und Haushilfearbeiten befreit, was mir sehr missfiel. Der Garten war mit schönen Obstbäumen bestückt und sehr gepflegt. Des Morgens, ehe Papa in sein Geschäft ging, teilte er die Tagesarbeit für uns Kinder ein. Ich war gesunder, kräftiger Statur und musste das Unkraut jäten oder zupfen. Wir hatten auch Hühner, und den Stall musste ich auch reinigen. Dabei bissen mich die Milben ganz fürchterlich. Also hasste ich diese Arbeiten. Ich war circa neun Jahre alt und besuchte in der Klosterschule „De Notre Dame“ die dritte Klasse, und wir hatten Ferien.

Ein Mädchen schaut zum Fenster hinaus

Mein Herr Papa teilte die Gartenarbeit ein, und ich schmiedete einen heimlichen Plan. Ich träumte sehr gerne und schrieb schon damals mit Begeisterung Gedichte und kleine Geschichten, wofür mir natürlich zu wenig Zeit blieb. Unser Kirschbaum war der höchste und älteste im Garten. Ein Prachtstück, wenn er blühte und im weißen Blütenkleid so schön da stand. Wenn er dann erst seine süßen und schmackhaften Früchte trug und zahlreiche Vöglein ihn besuchten, wurde er besonders von allen verehrt. Sein Laub war dicht, und er selbst war viel höher als unser Haus. Ich war flink und sportlich und im Klettern recht geschickt. Der Kirschbaum war mein Freund und oben in seinen Ästen hatte ich eines Tages eine kräftige Astgabel oben in seinen dichten Zweigen entdeckt, wo man ungesehen verweilen und bequem sitzen konnte. Hier oben war mein Zufluchtsort, wenn ich ungestört dichten wollte. Leider war dies viel zu selten. Ich dachte mir, warum diese Ungerechtigkeit? Fred, mein Bruder, hat tolle Freizeit, ich muss arbeiten. Das muss sich ändern!

Heimlich ließ ich einen Diwanpolster verschwinden und trug ihn ungesehen in meine Astgabel. Mit Essen in meinem Kinderrucksack und meinem Schreibzeug im Etui war ich am Morgen nach einem reichlichen Frühstück plötzlich verschwunden. Niemand hat mich gesehen. Man rief nach mir, ich rührte und regte mich nicht mehr. Wie herrlich war die Freiheit hier oben zu genießen. Die Stunden vergingen, und es kamen mir schöne und gute Gedanken zum Schreiben. Ich sah den Sonnenuntergang von hier oben, das war ganz besonders interessant. Nun wurde es mir etwas unheimlich zu Mute, und Angst schlich sich in mein Herz. Ich wollte schlafen, es ging nicht so recht. Mein Rücken begann zu schmerzen. Ich musste meine Notdurft verrichten. Langsam stieg ich hinunter und machte es hinter den Sträuchern. In der großen Stube brannte noch das Licht, das sah ich hinter den Fensterscheiben. Was werden meine Eltern machen? Werden sie sich überhaupt Sorgen machen um mich? So und ähnliche Blitze gingen durch meinen Kopf. Ich fasste meinen ganzen Mut und ging hinein, stürmte in die Arme meiner Eltern und beichtete. Meine Eltern verziehen mir und fragten besorgt, warum ich so etwas vorhatte? Mein Vater und ich fanden einen Kompromiss: Meine Freizeit für jeden Tag wurde verhängt, und ich bekam in mein Zimmer einen eigenen Schreibtisch, wo ich nach Lust und Laune dichten und schreiben durfte.

Informationen zum Artikel:

Eine Trotzreaktion

Verfasst von Margarethe Felder

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Polen, Schlesien, Bielsko (Bielitz)
  • Zeit: 1930er Jahre

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