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Langeweile

von Erika Jägerbauer

Es war an einem windigen und regnerischen Sommertag im Jahre 1944. Ich war damals vier Jahre alt. Da mein etwas älterer Bruder und ich nicht ins Freie konnten, wurde uns bald langweilig und wir zankten uns lautstark. Unser kleiner Bruder, der gerade sehr weinerlich war, war endlich eingeschlafen. Um ihn nicht zu wecken, schickte uns unsere Mutter zum Spielen ins Schlafzimmer. Dort war es aber auch nicht interessanter. Gelangweilt sah ich aus dem Fenster und beobachtete, wie der Wind durch die Krone eines Marillenbaumes, der unter dem Schlafzimmerfenster stand, fuhr. Er fegte etliche Früchte auf den Boden. Plötzlich kam mir, wie ich meinte, eine tolle Idee.

Mädchen und etwas größerer Bub in sommerlicher Kleidung; das Mädchen mit Umhängetasche
Sommer 1944

Mein Bruder der schon ein paar Zentimeter größer war als ich, sollte vom Kleiderkasten die dort aufbewahrte Wäscheleine samt Tasche mit den Wäscheklammern herunterholen. Das war natürlich nicht so einfach, da der Schrank viel zu hoch war. Also rückten wir mit vereinten Kräften den Zimmertisch heran, stellten einen Stuhl darauf und konnten so das Gewünschte erreichen. Mein Bruder wollte unbedingt wissen, wozu ich die Sachen brauchen würde. Ungeduldig forderte ich ihn auf, ruhig zu sein, denn ich musste mich ja schließlich konzentrieren. Dann schritt ich zur Ausführung meines Planes.

Die Tasche wurde von den Wäscheklammern befreit und mit einer Reihe von Knoten an die Wäscheleine geknüpfte. Nun sollte mein Bruder zum Marillenbaum laufen, um die abgeworfenen Früchte einzusammeln. Nur musste er erst einmal an Mama vorbei. Unter dem Vorwand, auf die Toilette, die sich auf dem Gang befand, zu müssen, entwischte er ins Freie.

Inzwischen öffnete ich, auf einem Schemel stehend, mühsam den Fensterriegel und seilte die Tasche ab. Mein Bruder schaufelte mit beiden Händen die Früchte, die eigentlich unserer Nachbarin gehörten, in die Tasche. Während ich die schwere Tasche heraufzog, kam mein Bruder wieder ins Schlafzimmer zurück.

Sofort leerten wir die duftenden, jedoch auch großteils zermatschten Früchte auf die Bettdecke. Nachdem wir die Kerne und die kleinen Steinchen, die in den Marillen steckten, entfernt hatten, verspeisten wir genüsslich das Obst.

Da wir uns schon viel zu lange ruhig verhielten, wurde Mama misstrauisch und hielt Nachschau. Als ihr Blick auf die vormals schöne Bettdecke fiel, wurde sie erst blass, dann hochrot im Gesicht und ein heftiges Gewitter prasselte auf uns nieder.

Das Ende der Geschichte? Mama war auf uns böse, der Kleine wurde natürlich wach und brüllte aus Leibeskräften, und wir beiden „Großen“ schluchzten herzzerreißend, da wir uns doch keiner Schuld bewusst waren.

Informationen zum Artikel:

Langeweile

Verfasst von Erika Jägerbauer

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Berndorf
  • Zeit: 1944

Anmerkungen

Das ist eine der Kindheitserinnerungen, die ich auf Wunsch meiner Enkel niedergeschrieben habe.

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