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Der alte Brawinetz

von Kurt Karlstötter

Diese Geschichte hätte viele Titel haben können. Aber der Herr Brawinetz oder Brabenec, ich kenne seinen Namen nur vom Hörensagen, ist mir aus dem Kreis, den ich hier vorstellen will, als einer der liebenswürdigsten Wiener aus einer anderen Zeit in Erinnerung. Eigentlich ist er mir nur gemeinsam mit seinem stets zitternden braunen Rehrattler im Gedächtnis geblieben, den er immer fürsorglich in den Armen trug.

Aber alles der Reihe nach! Meine Eltern hatten im Augarten Schachspieler gesehen und schlugen mir vor, einmal mit ihnen hinzugehen. Mein Vater hatte mir die Grundzüge dieses Spiels erklärt und auch in der Volksschule hatte mein Lehrer Aschenbrenner den Versuch unternommen, der Klasse mit einem selbstgebastelten Wandschachbrett die Geheimnisse des königlichen Spiels beizubringen. Ich kann mich aber erinnern, daß es beim Erklären des Rösselsprungs geblieben ist. Wie dem auch sei, auf mich haben die Schachfiguren, die anders als bei anderen Brettspielen verschiedenartig und schön gedrechselt waren, von Anfang an eine magische Anziehungskraft ausgeübt.

Sie führten mich also eines Nachmittags in die Allee, die neben dem großen, runden Flakturm begann und neben den Blumenbeeten Richtung Josefsstöckl verlief. Bald fanden wir die Schachspieler. Auf zwei Parkbänken saßen sich einige Männer rittlings gegenüber, zwischen sich Schachbretter, und spielten. Andere standen um sie herum und schauten zu. Ich stellte mich zu ihnen und beobachtete die Partien. Das muß etwa in den Jahren 1949 oder 1950 gewesen sein.

In der Folge zog es mich bei Spaziergängen mit meinen Eltern immer wieder zu dieser Parkbänken und bald kannte ich die Männer genauer. Es waren meistens dieselben.

Natürlich liefen die Spiele nicht völlig stumm ab. Vielmehr rannte der Schmäh, wie man auf gut Wienerisch zu sagen pflegt. Da war einer darunter, der hieß Riha und war zweifellos der Beste von allen. Wie ich später einmal auf dem Hannovermarkt feststellte, war er eine sogenannte Verkaufskanone für diverse Lockprodukte, die man mit einem Wortschwall an die Hausfrau zu bringen versuchte. Riha begleitete auch seine Schachpartien wortreich, indem er meist seinen jeweiligen Gegner herabzusetzen versuchte. Aber auch als Kiebitz konnte er den Mund nie halten und gab Kommentare ab, die manchen Spielern nicht gefielen. Dann gab es heftige Wortwechsel und Streitereien, die oftmals dadurch beendet wurden, daß ein Spieler seinen Platz räumte und ein anderer einsprang, um auf dem Schachbrett beweisen zu können, was im Streit nicht gelöst werden konnte.

Vorsichtig mußte man nur mit denen umgehen, die die Eigentümer der Schachspiele waren. War so einer beleidigt und packte ein, blieben die anderen mit langen Gesichtern zurück. Denn die meisten kamen immer ohne Schachspiel in den Augarten. Auch ich sollte zur letzteren Kategorie gehören.

Zu den Schachbrettbesitzern gehörte der bereits über 70-jährige Herr Winkler, ein Pensionist aus der Denisgasse, der stets mit Strohhut und Pfeife erschien und schon zittrig war. Manchmal wurde er auch von seiner Frau begleitet, die aber an Schach kein Interesse hatte, sondern nur tratschte. Wenn das Thema vom Schach abkam, erwähnte Winkler häufig mit sichtbarem Stolz, daß sein Bruder SPÖ-Nationalrat war.

Dann kam häufig ein Mitglied der Wiener Symphoniker, der dort das Horn blies, und immer ein kunstvolles Schachspiel mitbrachte. Er hatte volles, graugelocktes Haar, Brillen mit Metallfassung und war etwas korpulent. Die anderen behandelten ihn mit ein wenig Ehrfurcht und redeten bei seinen Partien kaum drein. Er spielte sehr ideenreich und schlug alle Zuschauer in seinen Bann.

Und schließlich war da noch der alte Brawinetz. Er muß damals schon weit über 70 Jahre alt gewesen sein und schien mir aus einer anderen Zeit zu kommen. Er hatte einen rundlichen, aber nicht fetten Körper, der in einem dunkelgrauen Anzug mit engem Gilet (sprich Schilee) steckte und dadurch noch charakteristischer zur Geltung kam. Im Tascherl des Gilets steckte eine Taschenuhr mit heraushängender Kette, die an einem der zahlreichen Knopflöcher des Gilets befestigt war. Auf dem runden Kopf mit wenigen glatten grauen Haaren und einer großporigen Knopfnase saß stets ein steifer dunkler Hut. Solche Männer hatte ich vorher nur auf Fotos gesehen, die aus der Gründungszeit der Ersten Republik stammten. Sein ständiger Begleiter war der schon erwähnte braune Rehrattler – eine merkwürdige, kleine Hunderasse –, der immer wie von Schüttelfrost geplagt zitterte. War es eine Eigenart der Rasse, hatte er Angst oder war es die Kälte, ich wußte es nicht. Der alte Brawinetz, wie ihn alle nannten, war sehr fürsorglich zu dem Tier, hatte es häufig auf dem Arm und hielt es auch, wenn er rittlings vor seinem Schachbrett saß, zwischen sich und dem Brett. Das Hündchen hatte die Augen, wenn es sich wohlfühlte, häufig geschlossen. Ansonsten beobachtete es immer das Geschehen vor sich. Wenn man als Gegner des alten Brawinetz einen Schachzug machte, der nahe an den ihm zugekehrten Brettrand führte, erwachte in dem Tierchen der Beschützerinstinkt, und es knurrte und bellte. Dabei zitterte es noch mehr als sonst, und sein Herrl mußte es beruhigen. „Dats eam net razzn", ersuchte er dann schüchtern. Manch einer reizte den Hund auch absichtlich, wenn er auf unfaire Art gewinnen wollte. Da wurde der alte Brawinetz ärgerlich und rief mit dünner Stimme:  „Mochts mi ned irr!" Er war ein Original.

Zeichnung von einer Parkbank auf der zwei Schachspieler, einander zugewandt, vor einem Schachbrett sitzen; um sie herum zwei Erwachsene und ein Junge als Zuseher

Dann waren noch andere merkwürdige Männer da. Einer war ein Epileptiker, der manchmal Anfälle bekam. Wir wußten das schon, kannten schon den Beginn eines solchen Anfalls und halfen dann dem Armen.

Einer war Ober im Café Bauernfeld und klagte oft über Schmerzen in den Beinen. Ihn hatte die Kaffeehausluft die Gesundheit gekostet.

Ein guter Spieler war der Gollosch Heini, der in Wien sogar in der obersten Spielklasse mitspielte. Er war der Rivale Rihas, und die beiden hänselten einander oft, wenn es um die Beurteilung der beiderseitigen Schachkünste ging. Als ich glaubte, ich sei schon ein guter Spieler, äußerte ich einmal meine Meinung zu einer entstandenen Stellung und erweckte die Aufmerksamkeit der Könner. So kam es, daß ich "Burscherl" einmal gegen Riha spielen durfte, der das Ganze als Show abziehen wollte und mir einen Turm vorgab. Er spielte mit den weißen Figuren, nahm den linken Turm vom Eckfeld und stellte den davorstehenden Bauer um ein Feld vor, bevor er seinen ersten Zug machte.

Hinter mir hatte sich Gollosch, der ein kleiner, o-beiniger Mann mit vollem schwarzen Haar und breitem slawischen Gesicht war, hingesetzt und gab leise Ratschläge, die aber Riha nicht überhörte. Der beschwerte sich auch prompt und meinte höhnisch, Gollosch sei nur zu feig, selbst zu spielen. Ich zog also nicht ganz unbeeinflußt, machte wahrscheinlich gute und schlechte Züge und vernahm insbesondere den Rat, alle Chancen zum Abtausch von Figuren zu nützen. Am Ende müsse ich dank der Vorgabe eines Turmes materiell im Vorteil bleiben. Ich versuchte es und traf Riha damit an seiner Achillesferse. „Des is jo ka Kunst, waun i an Tuam vuagib", gab er verärgert von sich und verbat sich von Gollosch, weiter dreinzureden - und gewann dann die Partie. Für mich war es aber der Einstieg ins Schachleben im Augarten.

Ich erinnere mich noch an andere Menschen, die diese tägliche Schachrunde bildeten. Da war der elegante Herr Wolf, der selbst fast nie spielte, aber immer versuchte, interessante Spielpartner zusammenzubringen. Er erzählte, daß er in der Zeit der Arbeitslosigkeit wie viele andere in der warmen Jahreszeit täglich am Überschwemmungsgebiet an der Donau baden und sonnen war und später bei der Fremdenlegion gedient habe. Er war auch jetzt arbeitslos, verstand das aber durch sein Auftreten gut zu verbergen. Er war nicht nur fast täglich im Augarten, er besuchte auch Schachveranstaltungen größeren Ausmaßes, die gelegentlich in Wien stattfanden.

Dann war einer darunter, den nannten alle Furi. Er sprach gut Deutsch, hatte aber einen starken, sympathischen ungarischen Akzent. Als ihn eines Tages einige mit dem Namen Furi neckten, rief er: „Ich bin Österreicher. Ich habe den schönen Namen Bindär. Ich bin ein Bauinscheniör. Was wollt ihr immer mit den blöden Furi?“

Da kam ich erst darauf, daß man ihm Furi als Spitznamen gegeben hatte. Er rief nämlich, wenn er in einer Partie zum Angriff, also voran kam, gerne aus: "Gemme, furi!" Und wenn er eine Figur schlug: "Is zammkhaut! Gemme furi!" Seine Spiele waren immer dramatisch.

Und dann muß ich unbedingt noch den Adamek erwähnen. Eines Tages war er da. Einige kannten ihn schon von gemeinsamen Wartezeiten am Arbeitsamt. Er sprach gerne und viel und spielte nicht schlecht Schach. Er dürfte ein cleverer Bursche von über fünfzig Jahren gewesen sein. Einmal kam er mit eingebundenem Kopf, und ich erfuhr, er sei an einer Kreuzung von einem aus einem Auto herausragenden Gegenstand gestreift worden. Die anderen meinten, wie sie den Adamek kannten, habe er sich absichtlich vorgebeugt, um verletzt zu werden und Schmerzengeld kassieren zu können. Mir erzählte Adamek eines Tages, als wir uns schon lange kannten, daß er eigentlich Westermayer heiße und einen Sohn mit akademischer Ausbildung habe. Den Namen Adamek habe er sich als Deckname zugelegt, den er gerne laut ausrief, wenn er sich bei seinen Schachpartien selbst anfeuerte. Ansonsten sprach der redefreudige Mann mit ätzendem Humor über "Politiker" und "Pfaffen", wie er sich auszudrücken pflegte.

Er, aber auch die anderen Schachspieler waren allesamt sicher keine Heiligen. Es gab sogar solche, die sich maßlos erregten, wenn von der nahen Augartenkirche die Glocken zu läuten begannen. Von einem wußte ich, daß er Kommunist war, weil er mir hin und wieder sogar schriftliches Material über marxistische Instruktionen anbot.

Einer, dem das alles egal war, war der Maler. Er war ein meist arbeitsloser Maler- und Anstreicher, hatte zwei Söhne, denen er auch das Schachspiel beibrachte, sprach sehr langsam und überlegte dabei lange. Bei einer Schachpartie in einem Meisterschaftsspiel mußte er einmal den ersten Zug machen, dachte fast eine Stunde nach und zog dann den Bauer vor dem König zwei Felder auf.

Er war ein Kauz. Als sich die Schachrunde im Augarten längst aufgelöst hatte, sah ich ihn in den letzten Achtzigerjahren noch mit dem Fahrrad im Donaupark, wo er mit anderen Tischtennis spielte. Er war eigentlich der letzte, den ich aus den vergangenen Tagen im Augarten noch gesehen habe.

Informationen zum Artikel:

Der alte Brawinetz

Verfasst von Kurt Karlstötter

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 20. Bezirk / Wien, 2. Bezirk, Augarten
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist einem 2002 verfassten und vom Autor selbst illustrierten Manuskript mit dem Titel "Denisgossn. Brigittenauer Grätzelgeschichten" entnommen.

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