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Der Krieg ist vorbei...

von Werner Koss

In diesen Maitagen des Jahres 1945 waren wir vor allem froh, dass wir überhaupt lebten, dass unser Haus und unsere Wohnung unversehrt geblieben waren und dass doch noch Hoffnung auf eine baldige Rückkehr meines Vaters bestand. Wir wussten, dass das Schicksal der eingerückten Männer auf jeden Fall grausam sein würde. Entweder sie sind gefallen, oder sie sind in russische Kriegsgefangenschaft geraten, was sehr oft ebenfalls einem Todesurteil gleichzusetzen war. Es gab sehr wenig zu essen und so weit ich mich erinnern kann, wurden noch im Mai Lebensmittelkarten ausgegeben, auf denen Fleisch-, Fett- und Brotmarken waren, wo – je nach Aufruf - die Lebensmittel vorrätig waren und man eine kleine Menge entsprechend den Marken „50 Gramm Fleisch“ oder „50 Gramm Fett“ beziehen konnte. Auch das Brot war knapp und man musste sich bei den angegebenen Geschäften oft in langen Schlangen anstellen, um für diese Marken etwas Brot zu bekommen. Es gab sehr viele zerstörte Häuser, vor allem durch Artilleriebeschuss, aber auch durch Bombentreffer, und so wurden, nachdem ja praktisch keine Männer da waren, die Frauen und auch wir Jungen zu Schuttaufräumungsarbeiten herangezogen (...).

Der Autor sitzend am Straßenrand
Werner Koss im Sommer 1945

Einer meiner Seilgefährten war zu jener Zeit Adolf Kubu, ein lustiger Bursch aus dem 10. Bezirk. Und irgendwann, es muss Ende Juni, Anfang Juli gewesen sein, trafen wir uns wieder und begannen in der Umgebung von Wien, auf der Mizzi-Langer-Wand und auf den Streber-Wänden bei Kaltenleutgeben, zu klettern. Wir beschlossen, möglichst bald wieder auf den Peilstein zu fahren, um zu sehen, wie es dort jetzt, einige Zeit nach Kriegsende, wohl ausschauen würde, ob man schon klettern könne und ob vielleicht andere Freunde dort oben wieder zu treffen seien.

Mitte August war es dann so weit und Dolfi und ich radelten auf unseren klapprigen Fahrrädern Richtung Peilstein. Neben unseren Rucksäcken hatten wir auch vorsorglich zwei mittelgroße, leere Kartoffelsäcke mit, die wir draußen mit Kraut, Kohl und Kartoffeln zu füllen gedachten, um dann für die nächste Woche in Wien wieder etwas Verpflegung zu haben. Diese Methode bewährte sich während des ganzen Sommers sehr. Immer wieder, wenn wir auf den Peilstein fuhren, hatten wir diese Säcke mit. Nach dem Tagesprogramm, nach unseren Kletterübungen, zogen wir bei hereinbrechender Nacht hinunter auf die Westseite der Peilsteinwände, ein landwirtschaftliches Gebiet mit vielen Feldern, wo wir nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Bauch hinaus auf die Felder robbten und, die Säcke hinter uns nachschleifend, Krauthappel, Kohl, Rüben und vor allem Kartoffel ausgruben. Diese füllten wir in die Säcke, die wir dann in einem Wald versteckten, während wir am nächsten Tag wieder kletterten. Kurz bevor wir zur Heimfahrt aufbrachen, wurden diese Säcke über den Gepäcksträger des Hinterrads rechts und links gleichmäßig befestigt. So beladen machten wir uns auf den Weg Richtung heimwärts.

junger Mann vor einer Felswand
Dolfi Kubu, der Klettergefährte des Autors, auf dem Peilstein (1945)

Das Peilsteinhaus und seine Umgebung sahen eigentlich so wie vor dem Kriegsende aus. Man hatte die Toten, sowohl die deutschen als auch die russischen Soldaten, begraben. Und, soweit ich mich erinnern kann, gab es sogar schon eine Bewirtung hier heroben. Man bekam Brot und auch etwas Milch, was offenbar von den Bauern der Umgebung stammte und vom provisorischen Betreiber oder Pächter dort hinauf gebracht wurde. Vor unserem ersten Ausflug hinaus auf den Peilstein hatte ich Angst gehabt, wie ich wohl reagieren würde, wenn ich den Schauplatz der traumatischen Erlebnisse zu Kriegsende nach so kurzer Zeit wieder betrete. Wohl dachte ich viel an Ernstl und rief mir die letzten Stunden seines Lebens, die wir dort gemeinsam verbracht hatten, immer wieder in Erinnerung. Aber die Begeisterung fürs Klettern und die Freude, dass wir wieder hier her fahren konnten und auch gleich einige Freunde trafen, war so groß, dass das vergangene Geschehen langsam verblasste. Die Jugend verdrängt diese dramatischen Ereignisse, wir waren voll Euphorie, dass wir nun endlich wieder klettern konnten.

In diese Zeit fällt auch ein Schlüsselerlebnis, das mich lehrte, Menschen nie nach Allgemeinurteilen zu bewerten. Überall hörte man von den Gräueltaten der Russen, von Verschleppungen, von Vergewaltigungen und dass immer wieder Menschen spurlos verschwanden und in den Osten abtransportiert wurden. Bei einer unserer Heimfahrten vom Peilstein näherten wir uns in der Gegend von Heiligenkreuz einer prunkvollen Villa, offenbar einer russischen Kommandantura, die am Eingang von einem Wachposten bewacht wurde. Wir fuhren mit unseren schwer bepackten Rädern langsam auf diese Villa zu. Der Wachposten stammte offenbar aus dem Fernen Osten, hatte ein richtiges Tatarengesicht, war groß und hatte eine Maschinenpistole umgehängt. Als wir ungefähr auf der Höhe des Eingangs zu dieser Villa waren, trat er einen Schritt vor auf die Straße und mit dem Wort „Stoi“ versperrte er den Weg und hielt uns an. Wir stiegen von den Rädern, zitterten natürlich vor Angst und wollten ihm durch das Vorzeigen unseres alten Hanfseils verständlich machen, dass wir vom Klettern, vom Berg kämen, von einer sportlichen Tätigkeit. Das schien ihn nicht zu interessieren, er wies sofort auf die auf unseren beiden Rädern rechts und links über das Hinterrad herunterhängenden Kartoffelsäcke, und deutete, wir sollten zeigen, was da drinnen war. Wir banden sie ab, öffneten sie und zeigten ihm die Kohl- und Krauthappel sowie die Kartoffeln, die wir da eingepackt hatten. Er gab uns zu verstehen, mit grimmigem Gesichtsausdruck, dass wir hier zu warten hätten, er komme gleich wieder, und verschwand in der Kommandatura.

Wenn das Herz vorher schon in die Hosen gerutscht war, so überkam uns nun fast Panik, denn wir wussten sehr genau, dass es an der Tagesordnung war, dass Plünderer oder Leute, die mit fremdem Gut angetroffen wurden, von den Russen ohne weitere Begründung festgenommen und abtransportiert wurden. Wohin? Man hörte immer wieder nur, dass diese Personen in den Osten verschleppt würden. So zitterten wir ungefähr fünf Minuten, bis dieser Tatarenmensch wieder erschien - an seiner Seite zwei weitere, von denen jeder eine große 5-Kilo-Dose trug - und auf uns zukam. Wir wussten aus Berichten, dass es im Schleichhandel eine besondere Köstlichkeit zu erwerben gab, die man sehr selten antraf, und das waren die sagenhaften 5-Kilo-Dosen der Russen gefüllt mit Schweineschmalz und Schweinefleisch. Ohne die Miene zu verziehen und ohne das geringste Lächeln auf seinem Tatarenantlitz wies dieser Russe seine zwei Helfer an, jedem von uns eine dieser Dosen auszuhändigen und mit einem forschen „Dawai“, das heißt: „Schaut’s dass weiter kommt’s!“, entließ er uns mitsamt dieser köstlichen Gabe. Wir konnten unser Glück kaum fassen, stellten die Dosen jeweils auf unsere Sättel und schauten, dass wir möglichst schnell dem Blickfeld dieses Russen entschwinden konnten.

Bei der nächsten Ecke schoben wir unsere Räder in den Wald, wo wir versuchten, diese beiden Dosen möglichst unsichtbar in unseren Kartoffelsäcken unterzubringen. Denn der Hunger war zu dieser Zeit so groß, dass die durchaus berechtigte Befürchtung bestand, dass, wenn wir diese Dosen offen auf den Rädern transportieren würden, sie uns beiden schmächtigen Jünglingen von den eigenen Leuten sehr schnell weggenommen werden könnten. Lange sprachen Dolfi und ich noch über diese glückliche Fügung und rätselten darüber, was diesen Menschen wohl zu dieser guten Tat motiviert hatte. Möglicherweise war er selbst Vater und hatte irgendwo seine Kinder auch hungernd vermutet und wir beiden taten ihm wahrscheinlich ganz einfach leid. Es war in dieser wüsten Zeit ein derart leuchtendes Beispiel an Menschlichkeit, dass ich diesen Zwischenfall mein ganzes Leben in Erinnerung bewahrt habe.

Im September begann der Unterricht wieder in unserem alten Realgymnasium in der Marchettigasse. Unsere Klasse war vollzählig und hatte, Gott sei Dank, keine Kriegsverluste zu beklagen. Anfang November 1945 wurde es traurige Gewissheit, dass mein Vater am 1. April 1945 in Erlach an der Pitten gefallen war. Wie und von wem diese lang befürchtete Nachricht meiner Mutter übermittelt wurde, weiß ich heute nicht mehr. Wahrscheinlich von der Gemeinde Erlach in Pitten, wo es lange Zeit dauerte, bis die gefallenen Soldaten identifiziert werden konnten. Wie wir später erfuhren, wurde die ganze Einheit meines Vaters in heftigen Kämpfen von den Russen aufgerieben, und es gab keine Überlebenden.

Der Schock der Realität, dass der Mann meiner Mutter und mein Vater nie mehr zu uns zurückkehren würde, war gewaltig und wir hofften nur, dass er nicht hatte leiden müssen und ein schnelles Ende gefunden hatte. Einige Tage später fuhr meine Mutter, ich glaube in Begleitung ihrer Freundin Lina Hartner, hinaus nach Erlach an der Pitten und identifizierte meinen Vater. Es wurde die Überführung nach Wien eingeleitet, und so fand mein Vater seine letzte Ruhestätte in einer Familiengruft am Wiener Zentralfriedhof. Meine Mutter fand Trost in ihrer Religiosität. Der Glaube half ihr über diesen großen Verlust hinweg. Sie besuchte jeden Tag die Messe in der nahe gelegenen Laimgruben-Kirche und erzählte mir all die folgenden Jahre immer wieder, was mein Vater für ein guter Mensch gewesen sei und wie glücklich sie miteinander waren.

1945 und 1946 war die Versorgungslage in Wien noch sehr schlecht und so blühte der Schleichhandel. Es kamen die Bauern aus der Umgebung von Wien mit Lebensmitteln in die Stadt und tauschten diese Lebensmittel gegen praktisch alles ein, was die Menschen noch zu bieten hatten. Da ich als Bub begeisterter Karl-May-Leser war, hatten sich im Lauf der Zeit zirka 30 Bände der damals sehr schönen Ausgabe angesammelt. Die wurden nun sukzessive immer weniger und gegen Schmalz und Eier und etwas Fleisch eingetauscht. Das machte mich sehr traurig und ich trennte mich nur schwer von diesen Büchern meiner Jugend.

Anders verhielt sich die Sache mit unserem Klavier: Am selben Gang wie wir wohnte die Familie Bodem, deren Tochter eine in Wien sehr bekannte Klavierpädagogin war und mir schon einige Jahre Klavierunterricht erteilt hatte. Sie betonte meiner Mutter gegenüber stets, dass ich wohl musikalisch sei, aber sehr faul, und das wäre eben für einen Fortschritt im Klavierspielen nicht gerade förderlich. Und so verschwand auch eines Tages das schöne Klavier aus unserem Wohnzimmer, eingetauscht gegen eine größere Menge Lebensmittel. Ich konnte darob das freudige Leuchten in meinen Augen kaum verbergen. Endlich keine Ablenkung mehr vom Klettern, das wir im Frühjahr 1946 über den Peilstein hinaus bereits auf Rax und Schneeberg ausdehnt hatten.

Meist war Dolfi mein Begleiter. Wir waren eine sehr gut eingespielte Seilschaft und ich kann mich erinnern, dass wir im Frühjahr 1946 auf der Rax den Blechmauernriss machten, eine zu dieser Zeit als schwierig eingestufte Tour, und am gegenüber liegenden Schneeberg einige Male den Stadlwandgrat begingen. Leider fand diese Bergfreundschaft nach kurzer Zeit ein jähes Ende, als mein Freund Adolf Kubu – ich glaube, es war im Jahre 1949 – an der Rosskuppenkante im Gesäuse tödlich abstürzte.

Informationen zum Artikel:

Der Krieg ist vorbei...

Verfasst von Werner Koss

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 6. Bezirk / Niederösterreich, Wien-Umgebung, Peilstein; Heiligenkreuz
  • Zeit: 1945 bis 1946

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Auszug aus dem lebensgeschichtlichen Manuskript von Werner Koss: "Erlebt, überlebt, genossen. Von Alltag, Gipfelstunden, Radsportfreuden und noch einigem mehr aus den Jahren 1930-2009", S. 45-50.

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