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Die Schubertschule

von Helmut Drechsler

Ach ja, die Schubertschule; das ist eine städtische Volksschule in der Grünentorgasse, neunter Wiener Gemeindebezirk, Alsergrund. Meine ehemalige Volksschule.

Dass ich dort nach Höherem streben sollte – oder sogar musste –, wurde mir gleich nach dem allerersten Betreten der Bildungsanstalt bewusst. Zuerst einmal musste man – bevor das eigentliche Schulgebäude überhaupt richtig anfing – über etliche Stufen zum Hochparterre hinaufsteigen (übrigens die gleiche Situation wie bei meiner nachfolgenden höheren Schule, der Realschule Schottenbastei 7–9).

Ob das zur Zeit der Errichtung der Schule an der Furcht vor möglichen Hochwässern lag – der Donaukanal ist nur ein paar hundert Meter entfernt –, ließ sich nicht mehr eruieren. Ja sicher, wir lernten hier später unter anderem, dass die Donau gelegentlich die Ross-Au zu überfluten pflegte. Anno dazumals. Aber heute?!

Ein dominierender Geruch im Haus signalisierte sofort: Das ist ein Schulgebäude!

Der scharfe, durchdringende Gestank nach Desinfektionsmittel erfüllte das Haus zu allen Jahreszeiten, einschließlich der Ferien. Offenbar wurde laufend versucht, die Entstehung von Epidemien zu unterbinden, die sonst unweigerlich – als einfache Kinderkrankheit an der Schule ausbrechend – den Bezirk und schließlich die ganze Stadt erfasst hätten. Das war sicher eine der vordringlichsten Aufgaben einer Schule, denn bekanntlich riechen alle Schulen gleich.

Ja, ein- oder zweimal hatte ich sogar das unverschämte Glück, neben einem, trotz aller Vorbeugungsmaßnahmen an Scharlach oder Diphtherie erkrankten, Schüler zu sitzen. Ich durfte – musste sogar, wie schulbehördlich vorgesehen – eine Woche daheim bleiben, während meine unglücklichen Klassenkameraden dem intensiven Mief der frisch desinfizierten Klasse ausgesetzt waren. Und das war vollkommen in Ordnung so.

Aber nochmals zurück zur Anlage des hochlöblichen Instituts. An der straßenseitigen Fassade hatte man eine Gedenktafel mit einem Relief des berühmten Wiener Komponisten „Schwammerl“ (so wurde der Schubert-Franzl von seinen Freunden genannt) angebracht. Irgendein Jubiläum – Geburts-, Sterbetag, Uraufführung oder dergleichen – wird wohl der Anlass dazu gewesen sein.

Schubert Franz(l) stand zur Zeit des Biedermeier zum Broterwerb im Schuldienst, und zwar in der alten Schule, die (angeblich) genau dort einmal stand. Bekanntlich war er jedoch leidenschaftlicher Liederkomponist, und deshalb war es mehr als naheliegend, im gleichen Gebäude auch noch eine Musikschule der Stadt Wien unterzubringen.

Diese hatte schwachsinnigerweise einen zweiten Eingang unmittelbar neben dem Schuleingang, führte in den gleichen Vorraum, und die bereits erwähnte gemeinsame Stiege war der Länge nach durch ein Geländer in der Mitte geteilt. Vielleicht wegen der Infektionsgefahr.

Ansonsten war es ein durchaus freundliches Gebäude. Fast alles war hellgrün und – wegen der ständigen Desinfizierung – abwaschbar gestrichen. In jedem der drei Stockwerke gab es beim Stiegenhaus einen Wandbrunnen aus bunter Keramik; der war zwar ohne Wasser, aber immerhin. Vermutlich war dem Schulwart die Bodenaufwischerei zu lästig, denn in den Pausen wäre sicher wild herumgespritzt worden – wenn, ja wenn es jemals Wasser gegeben hätte.

Die Klassenräume waren geräumig. Auch jene, die auf der Seite der etwas engen Grünentorgasse lagen, waren einigermaßen hell. Im Verlauf dieser vier ersten Pflichtschuljahre war mein (unser) jeweiliges Klassenzimmer abwechselnd einmal in jedem der Stockwerke.

Zum Schulgelände gehört ein mittelgroßer Hof mit großen, alten Kastanienbäumen. Daran grenzen die Höfe von Wohnhäusern an. Unter anderem gehörte – damals – auch die Ruine des abgebrannten jüdischen Tempels in der Müllnergasse zur Nachbarschaft. Dass dieses Bauwerk die berüchtigte so genannte „Reichskristallnacht“ nicht überstanden hatte und durchaus gewollt abgebrannt war (was ja eigentlich eine überaus interessante Geschichte abgegeben hätte), wurde in der Schule zumindest nie besonders erwähnt.

Wie schon der Helmut Qualtinger in seinem Einpersonenstück ‚Der Herr Karl’ so richtig sagt: „Es gibt Dinge, da rührt man besser nicht dran!“

Man rührte lieber nicht dran.

Ebenerdig, im asphaltierten Hof links (also wieder dieselbe Anzahl Stufen weiter unten wie beim Eingang), befindet sich der Turnsaal; man konnte also, bei entsprechendem Wetter, von dort auch ein paar Geräte hinaus in den Hof tragen und dort die laut Lehrplan erforderlichen Leibesübungen absolvieren. Die periodischen Klassenfotos entstanden übrigens immer im Hof unter Zuhilfenahme der Langbänke.

Gleich am ersten Stiegenabsatz lag der Schulwart hinter der Türe seiner Dienstwohnung auf der Lauer; ein hagerer, in der Regel grantig-mürrischer Typ mit Hitlerbärtchen. Wegen der Kisten mit den leeren Kakaoflaschen der Schulmilchaktion lagen die Klassenordner ständig mit ihm im Streit; sie mussten sie ihm vor die Türe stellen, und er hatte immer etwas daran auszusetzen. Im Winter stand er morgens unten an der Eingangstüre und kontrollierte, ob sich auch jeder seine Schuhe auf der Fußmatte ordentlich abstreifte. Lehrkräfte eingeschlossen. Der heute übliche Brauch mit Schulpatschen war noch völlig unbekannt. Dieser pragmatisierte Hausarbeiter, ansonsten ein Niemand, hatte an der Schule die Möglichkeit gefunden, Tyrann zu spielen. Was der möglicherweise befugt im Krieg sechs Jahre vorher anstellen durfte, daran will ich gar nicht denken.

Der erste Stock war die Direktionsetage; dort befand sich – direkt neben dem Konferenzzimmer – die hochlöbliche Direktionskanzlei. Drinnen agierte ein Wesen, vor dem ich (und sicher nicht nur ich, sondern auch die anderen Schüler und sämtliche Lehrer) wirklich und wahrhaftig Respekt hatte. Es war das ein riesiger, überwiegend rosafarben gekleideter Drache namens Roswitha, mit Nachnamen Harnisch. Nomen est omen. Es schien bald so, als wäre sie (der weibliche Drache) häufig in selbigen gebracht worden, denn man konnte sie zeitweise derart brüllen hören, dass die Fenster in den Gangtüren der Klassen klirrten. Dazu muss man ergänzend sagen, dass die Klassen überdies durch einen Vorraum, von dem aus man auch in die Garderobe gelangte, vom Gang getrennt waren.

War nun diese, meine erste Schule, für mich eine ‚Erlebniswelt’, ein Ort, zu dem man sich gerne hinbegibt, weil man die tollen Erlebnisse dort nicht missen möchte?

Darauf muss ich leider die Antwort schuldig bleiben, weil diesbezüglich überhaupt keine besonderen Empfindungen und Eindrücke in meiner Erinnerung erhalten geblieben sind. Generell kann ich das schon gar nicht beurteilen; wahrscheinlich hing meine persönliche Einstellung zu dieser Institution von der jeweiligen Situation und meiner Tagesverfassung ab.

Als Sechsjähriger wusste ich ja überhaupt nicht, was mich in der Schule erwartete. In einen Kindergarten war ich nie gegangen, sonst hätte ich wahrscheinlich geglaubt, Schule sei „die konsequente Fortsetzung des Kindergartens mit etwas anderen Spielen und Mitteln“.

Die Eltern erwähnten im Zusammenhang mit „Schule“ die Begriffe schreiben, lesen und rechnen; diese mir völlig unbekannten Künste würde man dort kennen lernen, und die würde man auch unbedingt brauchen, um „groß“ zu werden. Allerdings:

Nichts von all dem hatte ich bis jetzt gebraucht, war ganz gut so ausgekommen und außerdem dabei noch relativ groß geworden!

„In die Schule geht man, um andere Kinder kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen.“

Hmmm. Kinder kannte ich vom Kai und der Lände genug und zwei Freunde hatte ich auch. Mir hätte das vorläufig genügt.

„Dort wird auch gebastelt und gezeichnet.“

Das allerdings war schon interessanter.

„Du musst dort hingehen; so wie alle Kinder in deinem Alter! Schluss! Der Manfred (mein älterer Bruder) geht ja schließlich auch schon ein paar Jahre hin!“ (Allerdings ohne große Begeisterung, wie ich wusste).

„Du musst was lernen – für später, wenn du einmal groß bist! Oder willst du Kanalräumer werden?“

„Na, wenn das so ist“, dachte ich mir. Kanalräumer – gerade das war nämlich nicht mein sehnlichster Berufswunsch – wenn ich an die Gerüche dachte, die beispielsweise einem dieser Kanaleinstiege an der Rossauer Lände entströmten! Gab es Alternativen dazu? Etwa: einfach nicht „groß“ zu werden? Nein, gab es leider nicht. Also dann…

Das obligate Vorstellungsgespräch bei der Respekt fordernden Frau Direktor war ja dann harmlos. Ich erinnere mich genau, dass sie so ziemlich den ganzen Raum ausfüllte – genau wie ein Drache seine Höhle – und Zigaretten aus einem Mundstück(!) paffte, während sie mir und meiner Mutter ein paar harmlose Fragen stellte. Es war nicht erkennbar, ob sie saß oder stand, da sich ein hohes Pult zwischen uns befand.

„Der ist aber schon groß für sein Alter!“, sagte sie noch abschließend. Und baba. „Gib die schöne Hand!“ Das war’s dann auch.

Zu meinem sechsten Geburtstag im Juni – an meinen letzten Tagen in kindlicher Freiheit – schenkte mir meine aufmerksame Taufpatin ‚Tante’ Martha eine schöne, schweinslederne Schultasche, ich glaube, sogar mit gefülltem Federpennal darin. Man gab sich wirklich Mühe, mir diese drohende Freiheitseinschränkung schmackhaft zu machen.

Und dann, nach dem letzten, ferienlosen Sommer in Vorau (Osteiermark) brach die Schule aus. Mit aller Wucht, mit Pflicht, Soll und Muss.

Ich hatte schon ein paar Mal von meinem – um fast vier Jahre älteren – Bruder Manfred alte Sachen übernommen, eigentlich: übernehmen müssen. So war es auch dann in der Schule. Es betraf diesmal jedoch nicht etwa seine Schulsachen im herkömmlichen Sinn, die hatte ich ja neu bekommen. Leider war es schlimmer.

Manfred war zur gleichen Zeit, als ich in die Volksschule musste, von der Volks- in die Hauptschule aufgestiegen und hatte mir seine alte Klassenlehrerin, eine gewisse Frau Tramer, hinterlassen. Weder brauchte er sie in der Hauptschule, noch wollte er sich weiter mit ihr abgeben. Seiner Erfahrung nach war sie zwar streng, aber ungerecht. Und ein pädagogisches Auslaufmodell.

Wie in Volksschulen bei „schulfesten“ Stellen üblich, fing sie, die Tramer, nach der Vierten wieder mit einer Ersten an. Ich konnte mich erinnern, dass manchmal daheim im Zusammenhang mit ihrer Person der Ausdruck „hysterische Kuh“ gefallen war. Sie hatte mit meinem Bruder als ihrem Schüler keine sehr große Freude gehabt und hatte außerdem und überhaupt das ganze Schulwesen inzwischen gründlich satt. Alt genug dazu war sie ja schon. Ein dürres, verhärmtes Fräulein im weißen Mantel. Das konnte ja gut werden.

Erster Schultag – große Aufregung. Meine Mama hatte mich hingebracht, bis ins Klassenzimmer; hinhaltender Widerstand war zwecklos. Schultüten oder so ein Schmonzes waren noch nicht üblich; die lieben Kinder sollten etwas leisten und dann erst belohnt werden. Also schön der Reihe nach:

Begrüßung an der Klassentüre; die Frau Lehrerin zeigt jedem Kind sein persönliches Symbol; in der Garderobe beim Kleiderhaken, in der Bank. Ich hatte ein Kleeblatt. Die Bänke waren noch so gute, alte, massive Holzgestelle, über und über mit Tinte bekleckert und vollgekritzelt. Mit eingebautem(!) Tintenfass und einem Deckel darüber (der Schulwart füllte die Tinte bei Bedarf mit der Gießkanne nach). Da irgendwo muss auch der kleine Schubert gesessen sein, war ich mir sicher.

Die Mütter mussten dann, als der Unterricht begann, natürlich draußen bleiben – was prompt mehrfaches Schluchzen, draußen und drinnen, bewirkte. Das war jetzt kein Kasperltheater mehr! Nicht jedes Kind schien sich demnach aus ganzem Herzen so richtig auf die Schule gefreut zu haben, wie es eigentlich vorgeschrieben war und die Schulbehörde vermutlich erwartete.

Ich weiß nicht mehr, wie es dann weiter gegangen ist. Einen Stundenplan wird es wohl noch nicht gegeben haben; wir hätten ihn ja weder lesen noch abschreiben können.

Wir waren übrigens eine gemischte Klasse. So viele Mädchen auf einem Haufen hatte ich noch nie vorher gesehen. Dann – mit dem Rasseln der Schulglocke – wurden wir zwar bald wieder heimgeschickt, aber die Lehrerin verlangte von uns, dass wir schon am nächsten Tag wieder da, in der Klasse, anwesend sein müssen und zwar vor, allerspätestens und ausnahmsweise um acht Uhr!

Na gut, das mit der Pünktlichkeit, das war wenigstens nicht meine Sache, da muss sich schon die Mutter darum kümmern, dass sich das irgendwie ausgeht.

Am nächsten Tag wurde der Schulkram ausgeteilt. Schreibfeder samt Federstiel, Hefte, Löschblatt und ein paar Bücher dazu. Alles gratis – Wahnsinn! Jetzt war schon mehr als ein Jausenbrot und das Pennal in der nagelneuen Schultasche. Ich hatte mir ohnehin schon gedacht: Warum muss die so groß sein? Übrigens: das Turnsackerl kam dann auch noch dazu.

Aber so ungeheuer viel, dass mir Angst dabei werden konnte, machten wir im folgenden Unterricht nicht. Es fing erst einmal damit an, dass wir mit unseren Buntstiften Obst – es wurde ja bald Herbst – von der Tafel abmalten: Eine Reihe Äpfel, eine Reihe Birnen, eine Reihe Birnen und Äpfel. Kein Kompott, das war noch zu schwierig. Es störte (noch) nicht, dass ich nur mit der linken Hand malte.

Und dann zeichnete uns die Tramer bald den ersten Blockbuchstaben vor – verbunden mit irgendeinem Männchen das ihn darstellte – vorgesprochen, abgemalt, nachgesprochen. Und gleich der zweite Buchstabe, denn mit einem Buchstaben alleine fängt man im praktischen Leben nicht viel an. Außerdem wollten wir ja in vier Jahren mit dem Wichtigsten fertig sein – hatte sich die Lehrerin zumindest vorgenommen.

‚E’ und ‚R’. Macht zusammen – ‚ER’.

Ich freute mich über das blütenweiße Papier der mausgrau eingebundenen A5-Einheits-Schulhefte, mit den beiden verschieden strukturierten Seiten. Ich freute mich, dass meine nickelglänzende Feder auf der ‚schönen’ Seite so scharf kontrastierte, blaue Spuren hinterließ, und empfand es als echten Nachteil der Buntstifte, dass man es damit nicht schaffte, genauso exakte Farbränder zu erzeugen. Unsere Schreibübungen waren abschließend mit Girlanden, bestehend aus einer kompottartigen Apfel-Birnen-Kombination, zu umrahmen. Aber:

Wie fast jedes Ding hatten auch die Heftblätter zwei Seiten: Die angenehm glänzende, feste, mit der zart buckeligen Faserstruktur und die andere rückseitige, unangenehm leinenähnlich gerasterte, auf der sofort, wenn man auch nur ein bisschen darauf radiert hatte, die Tinte einsickerte und unkontrolliert zerfloss. Aber Radieren hatte uns die Frau Lehrerin sowieso verboten! Ins Heft zu schreiben machte mir nur bis zum mittleren Blatt mit den Heftklammern Freude; ab dann kam nämlich die ‚schöne’ rechte Seite immer auf die linke, mir unsympathische Heftseite, zu liegen und verlor dadurch deutlich an Wert.

Die linke Heftseite hätte mir als Linkshänder zwar sympathischer sein müssen; so war es aber nicht (mehr). Durch die rücksichtslose Umerziehung auf den ungewohnten, fremden ‚Rechtsschreibbetrieb’ hat man mir meine vertraute, linke Seite entfremdet. Links war mir zwar immer noch näher, aber – links war pfui! „Gib die schöne Hand...“

Eigentlich fand ich sogar die scharf kontrastierte, rote Spur hübsch, die die Füllfeder unserer Lehrerin bald auf manchen Seiten hinterließ. Im hellen Licht bekam die rote Spur einen leicht grünlich irisierenden Ton. Und das ‚obrigkeitliche’ Zinnober-Rot schlug sich farblich kaum mit dem Ultramarin-König-Admirals-Blau (oder wie das heißt) meiner Tinte. Ich besaß sogar einen Pullover mit den gleichen Farbtönen: Blau mit roten Rändern.

Das Korrektur-Rot war ja nicht generell störend – es hatte jedenfalls seine Berechtigung. Jemand, der es besser wissen musste als ich ‚Schüler’, hatte seine Meinung über meine Arbeit unter und in meine Arbeit geschrieben. Das durfte sie nämlich, meine Lehrerin, ohne auf irgendetwas Rücksicht nehmen zu müssen. Wir Schüler gaben zwar auch häufig unsere Meinung ab – wenn jemand von uns mit seiner Leistung prahlte, oder (sich) etwas Außergewöhnliches geleistet hatte. Außergewöhnlich – auch in positivem Sinn gemeint.

Mühsam war das Merken der Buchstabengebilde schon. Man musste wirklich genau aufpassen, was da vorne geschah; und ich sah diese Dinger an der Wandtafel nicht genau, ein bisschen unscharf. Was in der Ferne lag, war mir nicht so geläufig, weil nur leicht verschwommen sichtbar. (Ich widmete mich deshalb sonst auch lieber nahen Dingen: den Gänseblümchen auf der Wiese, später Buchseiten mit ihrer umfangreichen Anhäufung von Buchstaben.)

Aber ich wusste: wenn ich die alle einmal auswendig kann, brauche ich mein Leben lang keine anderen mehr zu lernen. Sie standen ja alle auf der Wandtafel, die bekannten und die noch unbekannten; mehr davon gab es nicht, somit war diese Sache jedenfalls überschaubar.

Schreiben ging also gerade noch so. Es war bloß reine Handwerkskunst, wenn man mit Hilfe einer Eisenspitze auf blütenweißem Papier mit einem dünnflüssigen, blauen Farbstoff für jedermann entzifferbare Strichschlingen platzierte. In der Schule kam ich nicht drum herum, das so zu machen, obwohl mir Zeichnen wesentlich lieber war. Alle anderen machten es auch – und mussten es machen.

Zeichnen oder Malen war eben doch eine ganz andere Sache: da ging es nicht um die absolute Aussage des einzelnen Wortes oder der Zahl. Es kam mehr darauf an, ein Gefühl oder eine Stimmung umzusetzen, von dem, was man bisher so erlebt hatte. Es war das, worauf es mir wesentlich mehr ankam.

„So Kinder: Malt was!“ – Okay, wir malen was, ich male was.

Aber – wie schon gesagt – ich teilte mit einer ganzen Menge anderer Menschen das grausame Schicksal, dass ich mich mit der rechten Hand ebenso ungeschickt anstellte, wie die meisten übrigen Kinder mit der linken.

Ganz offiziell war damals die rechte Hand eben die ‚schöne’ Hand. Schulbehördlich, pädagogisch fundiert, und psychologisch begründet erst recht: Es war die ‚Schreibhand’! Natürlich war es der Lehrerin bald aufgefallen, dass ich lieber zuerst links nach dem Federstiel griff. Aber da sei die Schulbehörde vor – wie sollte denn das gehen? Schreiben mit der linken Hand?! Absurd!

„Da verwischt er sich ja alles, was er schreibt!“ sagte die alte Tramer meiner lieben Mutter, die das vielleicht auch schon bemerkt hatte (immerhin kannte sie mich schon sechs Jahre). Es war das Hauptargument dagegen. Idiotisches Tintengekleckse; schade, dass es noch keinen Kugelschreiber gab! Aber später hieß es dann prompt: „Ein Kugelschreiber verdirbt die Handschrift!“

Als ob an meiner Handschrift überhaupt noch etwas zu verderben gewesen wäre! Wenn die gesamte, hohe, superschlaue Schulbehörde selbst einmal versucht hätte, mit der ‚falschen’ Hand eine so feine, komplizierte Arbeit zu verrichten, wie es das Schreiben nun einmal ist – etwa ein Schräubchen einzuschrauben – dann hätten sie eine konkrete Vorstellung vom Problem der Linkshänder bekommen.

So aber hieß es: Muss sein, wird sich dran gewöhnen (müssen!) – bumsti! Andere als Schul-Psychologen warnten schon damals vor dem schädlichen Einfluss, den das zwangsweise Umlernen auf die Betroffenen ausübt, vom Bettnässen aufwärts – wurscht!

Immerhin durfte ich weiter ‚mit links’ zeichnen, weil ich mit den Buntstiften ja nichts verwischen konnte. Logisch, nicht? Und wenn gerade niemand herschaute, schrieb ich weiter links. Affenzirkus.

Lesen machte mir viel mehr Spaß, weil – ja weil es abenteuerlich war, sich durch Reihen von Zeichen durchzutasten und dann steckte plötzlich eine ganze Geschichte dahinter – was man vorher ja überhaupt nicht ahnen konnte!

ein Mädchen und zwei Buben im Vorschulalter, offenbar auf dem Schulweg, umgeben von hohen Häuserfassaden im 9. Wiener Gemeindebezirk, 1950er Jahre
Helmut Drechsler rechts außen (um 1955)

Zuerst saß ich neben der Susanne in der Bank, einem biederen Mädchen aus einer biederen Familie, mit einer Pilzfrisur, einer Kleiderschürze und einer Stimme, als wäre sie im Stimmbruch. Kollege Peter und sie wohnten im selben Hinterhofhaus in der Porzellangasse.

Die alte Tramer versuchte sich ein halbes Jahr lang lustlos an noch ein paar Blockbuchstaben und spielte mit uns Ringelreihen im Turnsaal. Sie war streng zu uns, und auch ungerecht. Wie beim Manfred. Dann wurde sie unversehens krank. Wie auch schon mehrmals beim Manfred, damals. Dieses Phänomen – inzwischen psychologisch fundiert und wissenschaftlich belegt – heißt heute ‚Pensionskrankenstand’.

Sie war lange krank und blieb es erfreulicherweise. Als vorläufige Vertretung stellte uns der Direktionsdrache eine neue, ganz, ganz junge Kollegin vor:

Frau Lehrerin Tlusty, frisch von der Lehrerbildungsanstalt abgegangen. Diese Ersatzkraft war groß, sportlich, energisch, liebevoll. Und hübsch dazu (nach meinen damaligen Begriffen zumindest). Wir hofften bald inständig, die alte Tramer würde nicht mehr, nie mehr auftauchen. Es gab jedoch immer wieder das schreckliche Gerücht, sie käme wieder.

Sie kam auch wirklich wieder, aber nur ein einziges Mal noch, und nur, um sich von uns zu verabschieden und die Klasse an die neue Kollegin (die inzwischen schon mehr mit uns gemacht hatte, als sie selbst) zu übergeben. Dann ging sie in Pension. Die Neue, und niemand anderer, übernahm unsere Klasse. Nichts Besseres hätte uns passieren können!

Es schien so – mir wenigstens kam es so vor – als wären wir, ihre Klasse, auch ihre Familie gewesen. Sie war so mütterlich zu uns. Lag es daran, dass ihre Mutter gestorben war, kurz nachdem sie unsere Klasse bekommen hatte? (Vater hatte sie keinen mehr.)

Ich weiß heute natürlich nicht mehr im Detail, was wir und wie wir es gelernt haben. Die wichtigsten Fragen, meinen vierjährigen Aufenthalt in der „Anstalt“ betreffend, aber sind:

Hat mir die Volksschule Spaß gemacht, oder hat sie mich genervt?

Antwort: Die Schule hatte nichts Spielerisches an sich. Dafür war kein Platz. Wozu auch? Schule war Pflicht, das sagt ja schon allein die Bezeichnung dafür: „Pflicht“schule. Wenn überhaupt Spiel, dann im Turnunterricht. Aber allein durch das Wort „Unterricht“ wird definiert: Bei den „Leibesübungen“ ist ebenfalls hauptsächlich das Pflichtprogramm herunterzuspulen. Laut Unterrichtsplan. Und mit Dis-zi-plin!

Pfiff! Antreten in zwei Reihen, Buben und Mädchen getrennt, der Größe nach.

Pfiff! Durchzählen zu acht! Gruppe eins bis vier vor den Langbänken antreten, Gruppe fünf bis acht vor den Kletterstangen. Habt Acht!

Volksgesundheit, Ertüchtigung. Kräfte in geordnete Bahnen lenken. Na ja, seit der ‚Flink-wie-Windhunde-zäh-wie-Leder-hart-wie-Kruppstahl-Zeit’ waren noch keine zehn Jahre vergangen. Wenn – ja wenn dann, nach der Pflicht – noch zehn Minuten Zeit blieben, dann Spiel. Völkerball. Der Flinkste, Härteste blieb über ...

Wenn überhaupt Spaß und Freude, dann in Handarbeiten und Zeichnen.

Weshalb sollten mir Schulaufgaben Spaß machen, Freude bereiten?

Sie hielten mich daheim lediglich eine Zeit lang vom Spielen ab. Nicht, dass sie mich derart überfordert hätten. Aber: sie mussten sorgfältig auf das kostbare Papier des Rechen- oder Schreibheftes gebracht werden. Die schön geraden und die schön verbogenen Linien für Ziffern und Buchstaben. Reines Hand-Werk. Eine künstlerische Leistung für Linkshänder. Ich auf der großelterlichen Kohlenkiste: Krakel-kratz. Und dazu die Großmutter: Nein, so nicht! Nimm die andere, die schöne Hand!

Dem Poldi aus meiner Klasse, dem Rothaarigen mit der rauen Stimme – positioniert am anderen Ende der ‚Pflichtauffassungs-Skala’ – war das alles sichtlich wurscht. Auch wenn die (Frau) Lehrerin seine Hefte mit spitzen Fingern anfasste: „Kann mi gern habn (die Kuh die)...“ Sicher für ihn war lediglich: Wenn i sitzen bleib, wird si mei Vota net gfrein.Und das bedeutete: noch mehr Watschen. Bei der großwüchsigen Christine detto; die war aber schon einmal „hocken“ geblieben. Etwa in der Mitte der Skala platziert war der Fritzi. Mich sah ich eher am Anfang.

Trotzdem: Fleißaufgaben zu machen, damit sich die Frau Lehrerin freut, das kam nicht in Frage. Kann mich zumindest nicht erinnern. Einige wenige haben das gemacht – natürlich letzten Endes auch für sich selbst. Die Lieblinge. Du lernst nicht für die Schule, sondern für – Pause!

‚Pflicht ist Pflicht’ ist Pflicht an der Anstalt! Soll heißen: du musst dich unbedingt anstrengen (wenn du schwach bist), oder wenigstens das tun (wenn du gut bist), was nötig ist, um im (Schul)Betrieb nicht aufzufallen.

Meine Schwächen, meine Stärken kannte ich ja und zweimal jährlich wurde seitens der Anstalt darüber Zeugnis abgelegt:

Auf festem Papier, Format A4, vorne und hinten in zartgrün formatfüllend mit dem republikanischen Bundesgeier bedruckt und mit dem Schulsiegel versehen. Letzteres bereits ohne Siegelwachs ...

Unterschriften: Roswitha Harnisch (schwungvoll-raumfordernd), Ruth Tlusty (bescheiden-klein, Tafelschrift), Margit Drechsler (reformierte Schulschrift der Nach-Kurrent-Ära), oder  Alfred Drechsler, Ing. (kurrent und flächendeckend).

Natürlich hatte der rosa Drache die weitaus meisten Unterschriften zu leisten (heute nimmt man dazu einen Stempel und überlässt das Assistenten) und war sicher ein Wochenende mit dem Signieren beschäftigt. In der Schubertschule waren schließlich gut acht Klassen untergebracht.

Ich weiß nicht, ob meine Eltern sich ausmachten, wer von ihnen Schulnachrichten unterschreibt; der Vater die guten Zeugnisse, die schlechten ... Erziehungsberechtigt waren wohl beide; tatsächlich erledigt haben das meine Großeltern. Jedenfalls kam es bei dem behördlichen Wisch, der für mich immer die Aura meines künftigen Schicksals trug, immer drauf an (und das wird nicht nur bei mir so gewesen sein): Keine der handschriftlich eingesetzten Zahlen durfte im „roten Bereich“ sein.

Das Wesentliche an dem blassgrünen Fetzen stand aber auf der Rückseite: „Der/die Schüler ist (nicht) geeignet, in den x-ten Klassenzug der Schule aufzusteigen.“ Nicht Zutreffendes streichen.

Das musste passen, sonst war das abgelaufene Jahr, sonst war der ganze Plan der Eltern, die mir klar vorgegebene Laufbahn, beim Teufel! Mit allen Konsequenzen. Auch Watschen konnte ich mir in dem Fall gut vorstellen.

Das war die wirkliche Triebfeder dahinter, die verhinderte, dass ich lieber samt Schultasche morgens in den Liechtensteinpark ging, die mich weiter auf der Kohlenkiste hielt und Zierränder und anderes auf die raue, dann wieder auf die glatte, dann wieder die raue Seite der städtischen A5-Einheitsschulhefte malen ließ. Jedenfalls war es so, dass bei der Zeugnisverteilung dann doch für mich meist eine kleine Belohnung rausschaute. Der Vater ließ was springen. Bargeld. Opa auch.

Die größte Belohnung, die das Jahreszeugnis brachte, war eine andere: die großen Ferien! Schulglocke – Zeugnis zusammenrollen – die Stiegen hinunter quetschen – durchs Schultor raus auf die sonnige Grünentorgasse – durch die schwatzenden Kindermassen durchdrängen – und: Kein Gedanke mehr an irgendwas, das mit Schule und Schuljahr zu tun hat. Freizeit endlos. Ferien, wegfahren, Vorau.

Informationen zum Artikel:

Die Schubertschule

Verfasst von Helmut Drechsler

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 9. Bezirk, Grünentorgasse
  • Zeit: 1950er Jahre

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