Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Fleckerlteppich der Erinnerungen: 623 Beiträge

"Viel konnten wir damals nicht anstellen ..." - vom Wilderngehen

von Anton Pillgruber

Ein Thema, das uns alle interessierte, ob Jung oder Alt, das war die Jagerei! Dazu gehörte in unserer Gegend auch das Wildern. Wenn darüber geredet wurde, spitzten speziell wir Jungen die Ohren, schon gar, wenn ein oder mehrere dieses Geschäft ausübende – unserer Meinung nach verwegene – Burschen darüber redeten. Ich glaube, daß es nicht nur ein Jägerlatein gibt, es muß auch ein Wildererlatein geben.

Was da alles erzählt wurde, war schier unglaublich. Da hatte einer einen Gamsbock geschossen. Ganz nahe am Berggrat oben ist er gestanden, der Gamsbock. Zweihundert Meter mindestens war die Schußlinie, und mit einen Blattschuß hat er ihn erlegt. Ganz kurz hat er sich noch aufgebäumt, der Bock, dann ist er den Berghang heruntergekollert, und ist in eine ganz gefährliche und unwegsame Bachrinne hineingepurzelt, aus der er ihn unter Einsatz seines Lebens herausgeholt hat. Einfach grandios so eine Leistung!

Und die „Jaga“, ja, denen hat er es schon gezeigt, wer der Flinkere und Schlauere war. Die hat er schon so richtig an der Nase herumgeführt, damit sie ihn nicht erwischt haben. Einmal ist es ganz knapp hergegangen. Über Stock und Stein hat er springen müssen. Gott sei Dank hat er die Almhütte noch „derglengt“, wo seine Angebetete als Sennerin werkte. Zu der legte er sich einfach ins Bett (es war schon Abend), und die „Büchs“ hat er vorher im Strohsack vergraben. Den Bart von diesem Gams hat er selber gebunden und hat ihn am Sonntag zum Kirchgang an den Hut gesteckt. War dann auch ein Jaga am Kirchplatz, trachtete man, ganz nahe an ihn heranzukommen. Wenn es ging, so nahe, daß die Haare des Gamsbartes das Gesicht des Jägers kitzelten. (Daß da die Jäger böse wurden, war wohl verständlich.) Wir Jungen hielten bei solchen Erzählungen die Ohren offen, obwohl wir merkten, daß da ein wenig Angeberei auch dabei war.

Von einem anderen „Wilddieb“ (in der Sprache der Jäger und Gendarmen) wurde auch manchmal erzählt. Der Bachsteiner-Lenz war Besitzer eines kleinen, wenig ertragreichen Bauerngütls. Schon der Name des Hofes wies auf eine gewisse Armseligkeit hin. Der Lenz hatte nicht viel Vieh im Stall, und das Futter dafür war manchmal noch weniger als erforderlich gewesen wäre, um die Kühe über den Winter durchzufüttern. Er machte daher etwas, was früher gar nicht so selten war. Er ging in den Wald und schnitt von den Tannenästen die äußersten Wipfel ab. In einem Buckelkorb trug er dieses „Grassat“ heim, um damit den Heuvorrat ein wenig zu strecken. Ob die Kühe davon auch Milch gegeben haben, kann ich nicht sagen.

Zum anderen war auch in der Küche meist Schmalhans daheim. Um dem abzuhelfen, holte er sich gelegentlich aus dem Wald auch ein bißchen Fleisch. Mal ein Häslein, mal ein Rehlein, die Beute versteckte er im Wald. Dann nahm er daheim seinen Buckelkorb, um wieder einmal ein „Grassat“ zu holen. Den Korb füllte er rundherum mit diesen Zeug aus, und in der Mitte versteckte er die Beute. So ging der Lenz mit seiner Fracht seelenruhig nach Hause, diskutierte mit den Leuten, wenn wer des Weges kam, und hatte dabei für Mensch und Tier gesorgt. Ob ihm diese List immer durchgegangen ist, wurde nicht erzählt. Ich habe den Lenz noch gekannt. Seine Äuglein waren die eines Spitzbuben.

Ich habe viel später einmal mit einem Jäger darüber geredet. Der sagte mir (und das habe ich ihm auch geglaubt): „Es wären mehr Männer im Knast gelandet, hätten wir jeden hochgehen lassen, von dem wir mit Bestimmtheit gewußt haben, daß er wildert. Aber was soll man mit einem Mann machen, von dem man weiß, daß er eine Familie hat und diese oftmals hungrig ist.“

Der Autor in kurzer Hose und mit umgehängtem Gewehr vor einem Bauernhaus
Der Autor als "Möchtegern-Jäger" (um 1945)

Jetzt komme ich nochmals auf diese Wilderergeschichten zurück wie sie im Wirtshaus erzählt worden sind. Obwohl wir merkten, daß nicht alles ganz so gewesen sein kann, wie diese Schwarzjäger es zum Besten gaben, keimte in uns doch ein wenig die Lust auf, auch einmal so ein Teufelskerl zu sein. Einmal mit geschwärzten Gesicht durch den Wald zu schleichen, einen Bock zu schießen, vielleicht gar einen Jaga zu foppen, wenn einer in unsere Nähe kam. Kurz und gut, ein Wildschütz zu sein, wie es sich eben gehört.

Ein Spezl von mir und ich dachten uns daher, daß wir das zumindest einmal ausprobieren sollten. Schießen hatten wir gelernt. Er war bei der Wehrmacht und ich beim Volkssturm, Gewehre und Munition hatten wir auch. Die ließen uns die heimkehrenden Soldaten da. Als Revier suchten wir uns den Wald aus, der nahe an unsere Almhütte grenzte. Die Gewehre nahm ich einmal mit, als ich mit Roß und Wagen auf die Alm fahren mußte.

An einem Samstagnachmittag zogen wir los. Voller Tatendrang auf ein bevorstehendes Abenteuer und Beute. In der Hütte übernachteten wir und frühmorgens „eh die Hähne kräh’n und der Wachtel Ruf erschallt“, beschmierten wir unsere Visagen mit Ruß (den gibt es ja auf den Almhütten mit den offenen Feuerstellen zur Genüge) und wechselten dann in den Wald hinein. Da begann die Natur aufzuwachen. Die Sterne verblaßten allmählich, und leise waren die ersten Vogelstimmen zu hören. Da und dort raschelte es im Gebüsch, und nach und nach brach der Tag an. Ich glaube, daß diese Morgenstimmung das schönste Erlebnis an diesem Tag war.

Ja, so war das. Da hockten wir uns auf einen Baumstrunk und überlegten die weitere Vorgehensweise. Da dämmerte nicht nur der Morgen. Auch in unseren Gehirnen dämmerte etwas auf. Wir kamen drauf, daß wir eigentlich keine blasse Ahnung hatten, wie das Wildern überhaupt zu machen wäre. Wir wußten nicht, wo ein Wildwechsel war, wo die Rehe am Morgen zur Äsung ausgingen, oder: Wie pirscht man sich ans Wild heran, ohne es zu verscheuchen, bevor man überhaupt zum Schießen kam? Oder sollten wir uns wo ansitzen und warten, bis ein Rehbock sich unser erbarmt und sich breitseitig vor uns hinstellt, damit wir ihn erledigen könnten? Vielleicht gab es auch unter den Tieren so was wie Liebeskummer, und so ein Bock nahm die Gelegenheit wahr, um auf diese Weise ins Wildparadies zu kommen.

Unser Jagdmut begann allmählich zu schwinden, aber wir trugen es mit Humor. Wir schlichen einfach weiter durch das Gehölz, pflückten ein paar reife Brombeeren, horchten „a bissl umadum“, und ehe wir uns versahen, kamen wir gegen Mittag unserer Almhütte wieder näher. Jetzt mußten wir nur noch aufpassen, daß uns auf dem Weg zur Hütte niemand zu sehen bekam. Das hat auch geklappt. Schließlich mußten wir noch trachten, daß wir unseren Ruß losbrachten. Frisch fröhlich machten wir uns dann auf den Heimweg und waren um eine Erfahrung reicher. Erstens, im Leben will alles gelernt sein, auch das Wildern, und zweitens mußten wir uns eingestehen, daß wir beide kein Wildererblut in unseren Adern hatten. Aber eine Gaudi war es trotzdem.

Am Abend gingen wir zum Tanzen zum Dorfwirt. Da befassten wir uns mit einer anderen Jagerei, das war die Schürzenjagd. Da waren wir zwar auch erst am Anfang unserer Erfahrungen. Es war aber auch unterhaltsam, weniger gefährlich und amüsant. Beute zu machen war auch da nicht so einfach. Manch einer mußte lange am Ansitz warten, bis er sein Ziel erreicht hat.

Das war ein bißchen was über die Jagd von früher. Über die reguläre und die verbotene. Wilderer gibt es heute fast keine mehr, und wenn, dann wird das Wild gänzlich unwaidmännisch manchmal vom Auto aus erlegt. Das ist nichts Besonderes. Es fehlt der Reiz und auch der Einsatz der Manneskraft, die früher vonnöten war, um diesem Geschäft nachgehen zu können.

Informationen zum Artikel:

"Viel konnten wir damals nicht anstellen ..." - vom Wilderngehen

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.