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Der schöne Hut

von Erika Jägerbauer

Zu Ende des Krieges im Jahr 1945 lebte ich mit meiner Familie in Berndorf, Niederösterreich. Für mein Alter von fünf Jahren war ich sehr unternehmungslustig, zum Leidwesen meiner Mutter. Wann immer sich die Gelegenheit bot, entwischte ich, um einen Spaziergang zu machen.

Eines Tages, als sich schon die Dunkelheit über unsere kleine Stadt legte, gelang es mir wieder einmal, unbemerkt aus dem Haus zu schlüpfen.

Straßenansicht mit rund einem Dutzend Menschen und einstöckigen Häusern, darunter eines mit der Aufschrift "Huthaus"

Mein Weg führte mich in die Geschäftsstraße, die in der Nähe unserer Wohnung lag. Sie war etwas heller beleuchtet als die umliegenden Straßen. Von allem gab es dort etwas zu sehen. Am meisten zog mich das Hutgeschäft an, in dem ein wunderschöner Hut ausgestellt war. Immer wenn ich mit Mama vorbeigekommen war, hatte ich ihn bewundert. Er war schwarz und mit einem zarten Schleier geschmückt, den viele Samtpünktchen zierten. Mein Traum saß auf einem Puppenkopf, der blutrot glänzende Lippen aufgemalt hatte. Durch den Schleier konnte man die großen, blauen Augen mit den langen Wimpern sehen.

Als ich nun mein Ziel erreicht hatte, wunderte ich mich, dass mehrere Frauen aufgeregt in das Geschäft drängten. Neugierig folgte ich ihnen und sah, dass sie wahllos Hüte und Kappen an sich rafften und eilig wieder das Geschäft verließen. Ich wusste und verstand auch nicht, dass es sich hier um eine Plünderung handelte.

Eingeklemmt zwischen den sich in meiner Augenhöhe befindlichen „Frauenpopos“ gelang mir ein Blick auf das Verkaufspult. Da erspähte ich den Zipfel eines schwarzen Schleiers, mit Pünktchen darauf. Mir wurde ganz heiß und ich dachte: „Das ist doch der schöne Hut, den muss ich in Sicherheit bringen!“ Rasch zwängte ich mich mit all meiner Kraft zwischen den Frauenleibern durch und griff blitzschnell nach dem „hervorlugenden“ Tüllstück. Ich zog daran und somit den Hut vom Verkaufspult. Fest drückte ich ihn an mich und kämpfte mich mühsam zum Ausgang.

Mit bis zum Hals klopfendem Herzen erreichte ich erleichtert die Straße. Jetzt konnte ich mir endlich das schwer erkämpfte, aber auch etwas ramponierte Prunkstück auf den Kopf setzen. Der Hut war natürlich viel zu groß, und ich musste ihn mit beiden Händen festhalten, um ihn nicht zu verlieren.

Zu Hause angekommen, trat ich erschöpft, aber stolz in unsere Wohnung. Ich erwartete natürlich Bewunderung für meinen großen Auftritt. Doch das Gegenteil war der Fall. Meine Mutter, die mich schon überall gesucht hatte, rief mir entgegen: “Wo warst du schon wieder und woher hast du diesen Hut?“ Meine Enttäuschung über diesen Empfang war riesengroß. Aber noch schlimmer war, dass Mama mir den Hut vom Kopf zog. Schluchzend berichtete ich, dass man sich im Hutgeschäft Hüte mitnehmen durfte, ohne sie bezahlen zu müssen.

Mama nahm mich an die eine und den Hut in die andere Hand und wir machten uns auf den Weg, um meinen „Traum“ wieder in das Geschäft zurückzubringen. Ich war total verzweifelt und verstand nicht, warum Kinder nicht das Gleiche tun dürfen wie Erwachsene?

Unterwegs erklärte mir meine Mutter, dass man fremdes Eigentum nicht einfach mitnehmen und auch nicht alles haben kann, was einem gefällt.

Informationen zum Artikel:

Der schöne Hut

Verfasst von Erika Jägerbauer

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Berndorf
  • Zeit: 1945

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus einem 2004 verfassten lebensgeschichtlichen Manuskript wieder, in dem Erika Jägerbauer eigene Kindheitserinnerungen an die Zeit rund ums Kriegsende im Jahr 1945 festgehalten hat.

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