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Gartenleben in den Kriegsjahren

von Hildegard Krcal

Während des Krieges erinnere ich mich noch gut an die Zwangsarbeiterinnen, junge Frauen und Mädchen mit blonden Zöpfen – es hieß, sie kämen aus der Ukraine –, die den Weg hinuntergingen und sehnsüchtig auf das Obst in den Gärten blickten. Meine Mutter legte ihnen draußen entlang des Gartenzaunes Obst nieder, und die Letzte hat es in ihrer Schürze verstaut. Dies ging so lange gut, bis sie deswegen angezeigt wurde, und der Blockwart sie verwarnte.

Die Kinder durften die „Ukrainerinnen“ ausspotten, an den Zöpfen ziehen und anspucken usw. Als ich meinen damaligen Spielkameradinnen sagte: „So etwas tut man nicht“, wurde meine Mutter wegen „nicht systemgerechter Erziehung“ wieder verwarnt, und ich musste meinen Mund halten. Ein anderes Mal hat meine Mutter einen „Juden“ unter einem Waschtrog versteckt. Es war eine eigenartige Atmosphäre, es lag so etwas Bedrückendes in der Luft, sogar der Geruch war eigenartig. Nach dem Krieg war dieses Gefühl wie weggeblasen.

Mein Bruder wurde 1943 geboren, meine Schwester 1944. In dieser Zeit begann man auch Wien zu bombardieren, und viele Menschen suchten Schutz in nahe gelegenen Bunkern, manchmal musste man aber bis in die Hinterbrühl.

Bis nach Mauer fuhr die Straßenbahn, den restlichen Weg gingen die Frauen mit den Kindern zu Fuß. Noch heute sehe ich die Kolonne, Frauen, Kinder, vor mir. Da der Weg sehr weit war, waren wir den ganzen Tag im Bunker, und ich erinnere mich, dass meine Mutter immer Nestlépulver, Wasser und Honig mit hatte. Honig war überhaupt Muttis „Überlebenselixier“. Auch als wir evakuiert wurden, hatte sie eine Kanne Honig und eine Kanne Schmalz mit. Der Honig und das Schmalz haben mir damals das Leben gerettet, denn ich hatte Scharlach und TBC, allerdings wurde dies erst in Wien festgestellt. Dadurch war ich auch so spindeldürr und wurde in die Schweiz verschickt.

Die Vorwarnung der kommenden Bombardements erfolgte durch Radio, jemand am Weg hatte eines. Wenn der Kuckuck rief, lief ich schnell nach Hause, um Mutter zu warnen. Aber die wusste es meistens schon, denn meine kleine Schwester begann schon vorher zu schreien und hörte erst auf, wenn es Entwarnung gab.

Nicht immer aber war es möglich, diese Bunker aufzusuchen. Dann hat meine Mutter im Schlafzimmer die Matratzen an die Wand gelegt, meine zwei Geschwister und mich davor gelegt, weitere Matratzen um uns aufgebaut, und sie selbst ist auch darunter gekrochen. Dann ging das Pfeifen und Sausen los. Nach einem Bombenangriff war die Erde im Garten wie umgepflügt durch den Luftdruck, den die in der Nähe eingeschlagenen Bomben verursacht hatten. Die meisten Fenster gingen dabei ebenfalls in Brüche, manchmal verbrannte auch das Essen am Herd, wenn es schnell gehen musste. Noch heute rieche ich den verbrannten Pudding, wenn ich an die damalige Zeit denke.

Ein kleines Mädchen vor einem Strauch, der auszutreiben beginnt, es begutachtet interessiert einen Zweig.

Überhaupt sind mir viele Gerüche und Stimmungen meiner Kindheit in Erinnerung. Der Frühling im Garten mit seinen Veilchen am Bach, der Wind und die blühenden Obstbäume, wovon es damals in einem Garten jede Menge gab.

Wo heute das „Philipshaus“ am Wienerberg steht, war früher eine Lackfabrik, die durch Bomben in Brand geschossen wurde. Das Feuer sah man kilometerweit. Überhaupt gab es beiderseits entlang der Triesterstraße viele Bombentrichter, die durch nicht explodierte Sprengkörper und herausragende Eisenteile für die Kinder bis in die Fünfzigerjahre noch eine Gefahr darstellten. Mein Bruder beispielsweise ging bei den Ziegelteichen immer „Lahmrutschen“, und mein Mann fuhr mit dem Fahrrad in den Bombentrichtern im Kreis wie auf einer Radbahn.

Wo heute das Golfhotel an der Triesterstraße steht, war früher ein großer Teich mit einer Insel darin, und für uns Kinder war es schon eine Leistung, bis zur Insel zu schwimmen. Allerdings sind auch viele in diesen Teichen entlang der Triesterstraße ertrunken.

Mein Vater war in diesen späten Kriegsjahren nicht mehr in Wien. Es wurde 1939 im Polenfeldzug schwer verletzt, sodass er kriegsuntauglich war, arbeitete danach in den Flugmotorenwerken in Wiener Neudorf, wo er das technische Zeichenbüro leitete. Durch seine tschechischen Sprachkenntnisse hatte er naturgemäß auch näheren Kontakt zu den damaligen Zwangsarbeitern, was ihm ebenfalls den Vorwurf der Systemfeindlichkeit eintrug. Der damalige Werksdirektor, der auch sein Freund war, half ihm dann und versetzte ihn nach Prag, wo seine Tschechischkenntnisse sogar von Vorteil waren. 1945 flüchtete er dann auf abenteuerliche Weise zu Fuß von Prag nach Wien, zwischen den vorrückenden Russen hindurch, und fand dann wieder in den ehemaligen Flugmotorenwerken in Wiener Neudorf Arbeit, diesmal aber bei den Russen.

Wir wurden in der Zwischenzeit vor den heranrückenden Russen nach Hopfgarten in Tirol evakuiert. Dies waren riesige Transporte mit Frauen und Kindern auf Zementwaggons, die manchmal bombardiert wurden. 1946 kamen wir wieder nach Wien zurück.

Die erste Klasse Volksschule hatte ich in Hopfgarten mit Tafel, Griffel und Kurrentschrift absolviert. Nun kam ich in die Rothenburgstraße beim Khleslplatz in die zweite Klasse, wo ich mühsam mit Papier und Tinte in Lateinbuchstaben zu schreiben lernte. Mit acht Jahren kam ich wegen meines geringen Körpergewichts (17 Kilo) wie viele andere Kinder auf Erholung ins Ausland. Ich wurde auf drei Monate in die Schweiz geschickt.

Nach dem Tod meiner Großmutter mütterlicherseits zogen wir 1948, wie schon erwähnt, in die Rosaliagasse 7 am Meidlinger Markt. Die Wohnung hat meine Großmutter 1918 erworben, und meine Mutter wohnte bis zu ihrem Tod 2003 darin. In Meidling ging ich dann in die Steinbauergasse zur Schule.

Eine alte Ansicht aus Meidling: Rosaliagasse 7
Rosaliagasse 7 am Meidlinger Markt

Vorbei war es mit den herrlichen Gartendüften und blühenden Obstbäumen und dem Geruch der Linden, den ich immer mit Wonne in mich aufsog. Allein in den Ferien genossen wir noch die herrliche Freiheit des Gartenlebens, nur mit Klothhosen bekleidet zu den Ziegelteichen zu laufen und dort ohne den heutigen Schnickschnack und sogenannten „Komfort“ zu baden. Gerne erinnere ich mich auch an die lauwarmen Nächte, wo ich mit meinem Vater bei den Ziegelteichen auf Krebsfang war, und wir den herrlichen Sternenhimmel noch wahrnehmen konnten, das ganze Band der Milchstraße.

Die Krebse hat mein Vater in Hotels verkauft. Krebsen fangen ging so: Am Nachmittag ging der Vater mit der Fliegenrute Frösche fangen. Wenn es dann finster wurde, wurden die Froschschenkel in Netzkörbe gelegt und befestigt. Die Körbe hatten lange Schnüre. Mit einer Gabelstange wurden zirka zehn Körbe ins Wasser gelassen. Nun hieß es warten – dies war die Gelegenheit, wo mir mein Vater den Sternenhimmel erklärte. Von Zeit zu Zeit wurden die Körbe gehoben, die Krebse herausgenommen und die Körbe wieder ins Wasser gelassen. Das ging die ganze Nacht hindurch. Zuweilen bekam ich in die Schule zum Essen ein ganzes Papiersäckchen Krebse mit, heute wäre dies nicht zu bezahlen. Krebse werden in allen Monaten ohne R gefangen (Mai, Juni, Juli, August).

Im Allgemeinen spürte man aber die Nachkriegswehen und den Mangel. Da meine Großmutter väterlicherseits einen Garten besaß und wir auch, hatten wir aber Obst und Gemüse genug. Außerdem arbeitete mein Vater, wie schon erwähnt, bei den Russen und wurde zur Hälfte mit Lebensmitteln bezahlt (Brot, Mehl, Öl etc.).

Andere Menschen waren nicht so gut dran. Nur ein Beispiel: Nach dem Krieg sind viele Menschen durch die Siedlung gegangen, um um Fallobst zu bitten. Eines Tages kam eine Frau mit einem Mädchen etwa in meinem Alter und bat um etwas Fallobst, meine Mutter hatte aber keines mehr. Da sagte die Frau: „Oh ja, da hinter den Ribiselsträuchern liegt noch eine Birne.“ Diese Situation werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Zwei kleine Mädchen vor einem hölzernen Zaun im Gras sitzend
Hildegard Krcal und ihre Cousine 1943

Hunger kennt man heute bei uns nicht mehr. Meine Mutter hat im Sommer oft an einem Wochenende für uns Kinder alleine (wir waren ja zu fünft mit der Cousine und ihrem Bruder) bis zu 150 Knödel gekocht. Zwetschkenknödel wurden bei uns immer mit dem selber angebauten Mohn meiner Großmutter gegessen, das war der tschechische Einschlag.

Informationen zum Artikel:

Gartenleben in den Kriegsjahren

Verfasst von Hildegard Krcal

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 12. Bezirk, Schöpfwerk, Meidling; Wienerberger Ziegelteiche
  • Zeit: 1940er Jahre

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