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Als "Klihert" auf der Alpe Lünersee (Sommer 1942)

von Hans Kasper

Mittwoch, 22. Juli 1942,

ein schöner Sommertag. Es war Vormittag, gegen 9 Uhr, ich saß ganz gemütlich auf dem „Benkli“ (Bänklein) vor dem „Wildbach-Käpelli“ (es war direkt neben dem heutigen Wildbach-Bauhof) nahe dem Rellsbach und hütete die Rodunder „Hemküah“(Kühe, die nicht gealpt wurden). Und siehe da, ich bekam ganz unerwarteten Besuch, was bei recht schönem „Heuerwetter“ selten war.

Meinrad Wachter, Alpmeister der Alpe Lünersee, nahm sich überraschenderweise Zeit für ein Gespräch, in welchem er mir für all meine Leistungen auf der Landwirtschaft großes Lob zollte. Er bewundere meine Tüchtigkeit, mit zehn Jahren schon so allein diese Kühe zu hüten. Doch gleich danach fragte er mich: „Möchtest du nicht aushilfsweise als Kleinhirte zum Lünersee?“ Der andere Bub, Alexanders Luis, sei erkrankt und wann er wieder komme unsicher. Der Großhirte Mathias Bickel sei derzeit allein bei 68 Stück Jungvieh, er verzweifelte beinahe und brauchte dringend eine Hilfe.

Ich überlegte ganz kurz und dachte mir, vielleicht hätte ich es auf der Alpe nicht gar so streng wie daheim. Ich sagte, dass ich nicht ganz abgeneigt sei, fügte aber hinzu: „Meinrad, du musst auf jeden Fall zuerst meine Ahna (Großmutter) fragen, ob sie mich auch entbehren kann.“

Er kam zurück und erwähnte, dass Ahna nicht gerne auf meine Hilfe verzichte, jedoch mir den Entschluss überlasse. Wenn der Bub eigenes Geld verdienen wolle, werde sie nicht im Wege stehen. Ich sagte daher zu. Meinrad blieb dann noch ganz kurz bei mir, um alles zu besprechen, und sagte unter anderem, dass der über 50-jährige Mathias Bickel ein recht verträglicher Mann sei, der gewiss gut auf mich schauen werde. Größere Probleme könnte es eventuell mit seiner Frau geben, denn „sie habe eben die Hosen an“ und Mathias müsse brav folgen. „Doch zum Lünersee wird sie auf Grund des anstrengenden Weges nur selten oder gar nicht kommen, und somit droht euch beiden keine ‚Gefahr’.“ Meinrad war glücklich, so schnell einen Kleinhirten als „Ersatz“ gefunden zu haben.

Am späten Vormittag, als ich die Kühe wieder von der Weide im Stall hatte, war die „Stimmung“ bei Kaspers, bedingt durch meine Zusage, nicht besonders gut. Friedrich war wütend und wollte sogar gleich nach dem Mittagessen mit dem Fahrrad – es gab damals noch kein Telefon und schon gar kein Auto – zu Meinrad fahren, um ihm wieder abzusagen. Ahna konnte den aufgebrausten Onkel Friedrich beruhigen: „Vielleicht sind es nur wenige Tage, die der Bub weg ist. Hansi muss ja nur den erkrankten ‚Alexanders Luis’ vertreten und wird sicher bald wieder heimkommen, um uns zu helfen.“

Gleich nach dem Essen begann ich mit dem Packen. Gewisse Kleidungsstücke benötigt ein Hirtenjunge unbedingt, zum Beispiel einen richtigen, doppelten Lodenmantel, das ist ein Mantel, der einmal eine Länge bis unter die Knie hatte und darüber noch einen Kurzmantel, welcher Schulter und Rücken schützte. Diesen Mantel bekam ich leihweise von unserem Nachbarn, der auch öfters Hirte war. Ganz wichtig war auch ein möglichst wasserdichter Allwetterhut und je ein Paar gut genagelter Schuhe und blechbeschlagener „Knospa“ (Schuhe mit Holzsohle, ebenfalls gut genagelt).

Nach dem „Marend-Ässa“, der Nachmittagsjause, nahm ich daheim in Rodund Abschied und zog mit schwer beladenem Rucksack los in Richtung Lünersee. Nicht ahnend, was mir an diesem Abend noch alles bevorstehen würde, marschierte ich, teils lachend, teils fast weinend, die acht Kilometer von Rodund über den alten Rellserweg ins Rellstal und von dort zur Alpe Lün.

Schon richtig müde trat ich dort in die Sennhütte ein, um bei einer Tasse Milch ein wenig zu rasten und Kraft für den letzten Anstieg zur „Lünerkrenna“ (Krinne) zu tanken. Ich wurde vom damaligen Senner Rudolf Moosbrugger freundlich empfangen und auch recht gut bedient. Im folgenden Gespräch meinte er dann, dass Mathias wenig Freude mit mir haben werde. Ich sei zu klein, zu jung und zu schwach für diese Arbeiten. Ich konterte und sagte, wir werden schon zurechtkommen. Und nichtsahnend sagte ich auch: „Hoffen wir nur, dass seine Frau, die angeblich „Haare auf den Zähnen“ hat, uns möglichst nie besuchen kommt. Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen, wurde ich samt Rucksack beinahe zur Sennhütte hinausgeworfen und musste fluchtartig Richtung Lünersee ziehen.

fünf Personen auf einer Bank vor einer gemauerten Gebäude
Rast nach einem Viehauftrieb auf die Alpe Lün

Bei der Lünerkrinne, auf 2.155 Meter Höhe, dem höchsten Punkt meiner „Tour“, gönnte ich mir noch eine letzte, kurze Rast, denn es wurde langsam dunkel. Und immer quälte mich der Gedanke: Was hast du auf der Alpe Lün falsch gemacht? Warum wurde ich beinahe hinausgeworfen? Ich wusste es wirklich nicht.

Ruhig lag dieser einmalig schöne See unter dem bereits leuchtenden Sternenhimmel, und raschen Schrittes zog ich der kleinen Alphütte entgegen. Ein schwach schimmerndes Petroleumlicht erhellte das Innere, und ich klopfte ängstlich an der Hüttentüre. Diese Angst war nicht unberechtigt, denn der vermutlich übermüdete Mathias Bickel empfing mich fluchend und sagte: „Der Alpmeister spinnt ja! Was soll ich mit so einem Kind anfangen? Ich brauche doch einen kräftigen Kleinhirten. Schau, dass du wieder heimkommst, und lass dich hier nicht mehr sehen!“

Weinend bat ich dann, wenigstens übernachten zu dürfen, was mir auch gestattet wurde. Im Vergleich zu manch anderen Alpgebäuden war die Hütte am Lünersee fast komfortabel, hatte eine Größe von circa drei mal fünf Meter, darin eine Art Küche mit Brillenherd und ein kleines Stüble mit Tisch, Bank, einem ganz kleinen Eisenofen und einer Holzpritsche etwa 190 mal 140 Zentimeter groß. Diese war mit altem Heu belegt, und da verbrachte ich, zusammen mit dem ganz schlecht gelaunten Mathias, die erste und vermeintlich letzte Nacht.

Doch diese Nacht hatte es in sich. Hunger, Durst, Heimweh und vor allem der Drang aufs Klo machten mir zu schaffen. Wie sollte ich es nur angehen, letzteres Problem zu lösen. Ich hatte ja kein Licht, und ein Klosett gab es schon gar nicht. Mäuschenstill, ohne den „spinnigen“ Hirten zu wecken, versuchte ich ins Freie zu kommen, um dort meine Notdurft zu erledigen. Schon gab es das nächste Problem, ich hatte ja kein Papier, und so erfolgte die Reinigung mit einer Handvoll Gras. Gottlob war es eine Mondscheinnacht und die Hütte ein wenig erhellt, so gelangte ich dann fast geräuschlos wieder zu meiner Pritsche.

Der nächste Morgen

verlief besser, als ich befürchtete. Mathias bereitete das Frühstück – Milch und Bratkartoffeln –, und er holte mich dann zum Essen. Während des Essens begann der „Meister“ mit mir zu reden und sagte als Erstes: „Ich werde es nun doch mit dir versuchen.“ Besser einen kleinen Bub, als ganz allein zu sein. Und so gab ein Wort das andere.

Ich erzählte ihm dann von meinem furchtbaren Erlebnis auf der Alpe Lün und fragte, was ich wohl falsch gemacht habe. Da kam die Erklärung postwendend vom Großhirten: „Meine Frau ist die Schwester vom Senn Rudolf Moosbrugger.“ Obwohl der Kontakt zu ihr nicht gerade gut sei, konnte er verständlicherweise nicht ertragen, dass man seine Schwester derart böse „herstellte“. Übrigens erfuhr ich noch am gleichen Morgen, dass mein Vorgänger Alois Zimmermann (Alexanders Luis) nicht erkrankt war, sondern schon nach 14 Tagen genug vom Leben als Kleinhirte hatte und einfach „abhaute“. Nicht gerade ermutigend für mich, jetzt wusste ich sicher, dass mir ein längerer Aufenthalt bevorsteht.

Die kommenden Tage verlangten mir alles ab. Der Tagesablauf hatte schon gar nichts mit dem romantischen „Älplerleben“ zu tun. Mit dem Jungvieh wurde fast täglich in ein neues Gebiet „gefahren“, das heißt, es wurde dorthin getrieben. Da es auf der Alpe Lünersee sehr viele Stellen mit Absturzgefahr für das Vieh gibt, mussten diese Tiere ganztägig gut beobachtet werden. Und diese Tage schienen oft unendlich lang zu sein. Was ich in all diesen langen Stunden alles dachte und anfing, ist nur schwer zu beschreiben. An eine vorzeitige Beendigung wie mein Vorgänger durfte ich gar nicht denken, denn im gesamten Montafon hieß es immer: Wenn ein Kleinhirte aufgibt, dann ist es ein mieser Kerl. Also blieb nichts anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen.

Wie anfangs erwähnt, war allein schon die Verpflegung eine totale Umstellung. Ganz ungewohnt war für mich, dass es kein Mittagessen gab, sondern nur eine kleine Jause, das waren etwa zwei Schnitten mit Butter bestrichenes Brot und „Sura Käs“ (der jetzt so begehrte Montafoner Sauerkäse, der damals beinahe belächelt wurde und heute als Werbeprodukt für das Montafon dient). Ganz schnell war mit klar, dass ich beim „Brösel“ am Morgen kräftig zugreifen musste, um den Tag gut zu überstehen. Zum Unterschied von Kuhalpen, wo in den meisten Fällen schon zwischen vier und fünf Uhr der Arbeitstag beginnt, darf man auf „Galtviehalpen“ (Jungviehalpen) doch etwa eine Stunde länger schlafen.

Das Ankleiden nahm nur wenig Zeit in Anspruch. Man kannte weder einen Pyjama noch Joggingbekleidung, und so war man tagsüber beim Hüten und nachts auf der Pritsche in „glicha Hes“ (gleicher Bekleidung). Abends nach dem Essen wurden noch einige Worte über den Tagesablauf und die bevorstehenden Weidegänge des nächsten Tages gewechselt und dann „Gute Nacht“.

Die morgendliche Körperreinigung war eine einfache Sache. Wenn es nicht gerade regnete, begab man sich zum etwa 25 Meter entfernten Bächle, rieb sich ein wenig die Hände und das Gesicht, und schon war’s getan. Wie beinahe auf allen Montafoner Alpen, gab es fast jeden Morgen den „Brösel“, der richtig sättigen sollte. Hier das Rezept für zwei Personen: Abends eine Tasse Maisgrieß (Törgga) in einem Liter Milch leicht aufkochen und am nächsten Morgen in der „Schmalzpfanna“ (Eisenpfanne mit richtig fettem Boden) mit Butter weiterkochen, bis das Gemisch bröselig wurde (daher auch die Bezeichnung Brösel). Während ich Brösel und Milch bzw. Kaffee zubereitete, war Mathias beim Melken der beiden Kühe.

Als erste Arbeit nach dem Essen war die „Behandlung“ erkrankter Tiere an der Reihe. In erster Linie waren es Steine zwischen den Klauen, welche gewiss schmerzten und das Laufen behinderten. Dann gab es auch des Öfteren Schürfwunden zu „verarzten“. Die vorhandene Apotheke war ja sehr primitiv und beinhaltete Arnikasalbe, Murmeltieröl, Lysol zur Desinfektion sowie alte Überreste von Leintüchern, welche recht sparsam verwendet werden mussten. Stark erkrankte bzw. verletzte Tiere ließ man tagsüber im Stall, oder sie wurden von den täglichen Weideauftrieben verschont.

Nach der üblichen „Patientenbetreuung“ ging es so rasch wie möglich zur Viehherde. Dies war ja dringend erforderlich, um Tiere frühzeitig von absturzgefährdeten Stellen zurückzuholen. Für diese Tätigkeit brauchte es oft recht viel Geduld und gutmütiges Zureden. Genau dort, an steilsten Hängen, wo ein Abrutschen drohte, gab es natürlich das beste Gras. Und so manches Rind ließ sich dieses „Angebot“ nicht entgehen. Sie weideten ja Schritt für Schritt von unten nach oben, doch wie soll es wieder zurückgehen? Wie erwähnt, brauchte es viel Gefühl, um diese „Kletterer“ ganz langsam talwärts zu bewegen. (Jeder Bergführer kann ja auch darüber berichten, dass er seine Leute relativ leicht zum Gipfel bringt, jedoch manchmal die größten Probleme beim Abstieg hat.) Die gesamte Herde muss sich doch frei bewegen können und kann ja nicht auf kleiner Weidefläche gehalten werden. Im Umkreis von einigen hundert Metern suchen die Tiere möglichst gute Nahrung zu finden, und doch sollen alle beobachtet, im Auge behalten werden.

So sind Großhert und Klihert bemüht, getrennt die gefährlichsten Absturzgebiete zu bewachen. .Es gibt jedoch auch Weideflächen, wo es beinahe keine Gefahrenstellen gibt. Da hatte ich doch manchmal ruhigere Zeiten und recht oft Gelegenheit, die vielen „Wormenta“ (Murmeltiere) mit den „fröhlichen“ Jungen zu beobachten. An bestimmten Schattenstellen waren auch Gämsen zu sehen.

Hochgebirgslandschaft mit See
Der Lünersee - im Vordergrund die alte Douglashütte (bis 1959), im Hintergrund die erwähnte kleine Alphütte mit Stall

Nach etwa einer Woche,

es war ein nasskalter Tag, erlebte ich eine kleine Überraschung. Mathias war mit mir inzwischen schon recht zufrieden, und so gab es auch die verschiedensten Gesprächsthemen. Unter anderem kamen zwei Fragen, die ich nicht unbedingt erwartete: „Hans, glaubst du noch an den Nikolaus und das Christkind?“ – „Eigentlich nicht so recht“, war meine Antwort. „Gut, dann können wir uns auch über Liebe und Frauen unterhalten …“ Und die zweite Frage: „Dir ist bestimmt bekannt, dass viele „Kliherta“ auch rauchen. Hast du denn keine Pfeife und keinen Tabak mitgebracht?“ Hier musste ich mit Nein antworten. Mathias sagte: „Es gibt zwei gute Gründe, um als Hirtenbub zu rauchen.“ Erstens hast du etwas gegen Langeweile, und wenn es regnet und kalt ist, kannst du dir an der Pfeife die Hände erwärmen.

Ich muss noch erwähnen, dass die Alpe Lünersee im Zollsperrgebiet lag und wir lediglich mit einigen Zöllnern Kontakt hatten. Denn genau auf der gegenüberliegenden Seite des Sees bewohnten diese Männer ein unter Adolf Hitler errichtetes, massiv gebautes Steinhaus. Und täglich überquerten einige dieser Zöllner mit ihrem kleinen Ruderboot „Olga“ den See, um die Grenzübergänge zur Schweiz zu bewachen. Etwa einmal wöchentlich stieg einer in das rund sechs Kilometer entfernte Bergdörflein Brand ab, um einzukaufen und Postsendungen aufzugeben bzw. in Empfang zu nehmen.

Bei all diesen Einkaufstouren fragten sie auch nach unseren Wünschen. Dies kam mir sehr gelegen, denn ich hatte eine Postkarte Richtung Vandans bereit. Diese war an meine Ahna gerichtet, mit der großen Bitte, mir baldmöglichst eine Tabakpfeife und – auf Empfehlung meines Großhirten – wenigstens ein Päcklein „Landtabak“ zu schicken. Kaum zu glauben, doch die Zöllner brachten die „bestellte Ware“ nach einigen Tagen vorbei. Und dann – es war wirklich regnerisch und kalt – probierte ich die ersten „Züge“.

Anfangs wurde mir beinahe übel, doch recht bald war ich froh, diese Utensilien zu besitzen. Es war aber das letzte Päcklein Tabak, welches ich von daheim wollte. In den Folgewochen waren es die Hirten von der Schweizerseite (hinter dem Cavalljoch), welche uns nicht nur mit Tabak, sondern auch mit Kaffee versorgten. Als Gegenleistung erhielten sie von uns den so beliebten „Sura Käs“ (Sauerkäse). Diese Käsesorte war bei den Hirten „über dem Joch“ nicht bekannt, es gab dort nur den „Emmentaler“. Der ganze Tauschhandel war nur möglich, weil wir die Zöllner ja gut kannten, und diese recht oft nicht nur ein Auge, sondern gleich beide zudrückten.

Ein furchtbares Erlebnis

hatte ich an einem heißen Augusttag. Wir – Mathias und ich – zogen mit den Rindern in Richtung Verajöchle, nahe dem Schweizertor, dort gab es noch recht gute Weidegründe und kaum Gefahrenstellen. Das Jungvieh war recht zufrieden und legte sich nachmittags recht bald zum Wiederkäuen nieder. „Hans, da brauchst du heute meine Hilfe nicht, ich gehe zurück zur Hütte und werde Brennholz richten.“ So war ich allein bei diesen recht ruhigen Tieren und sorgte dafür, dass sich kein „Ausreißer“ einer der wenigen Gefahrenstellen näherte.

Am späteren Nachmittag zogen dann Wolken auf, eigentlich nichts Besonderes. Doch innerhalb kürzester Zeit wurde das Firmament goldgelb, und es hagelte nussgroße Steine. So schnell konnte ich gar nicht schauen, und alle Viecher rannten, bedingt durch die schmerzenden Hagelkörner, welche auf ihre Rücken prallten, mit hochgeringeltem Schwanz in Richtung Stallungen. Ich folgte den Tieren nach, schaute noch, dass auch keines zurückblieb, und fand dann die ganze Herde vor den versperrten Stalltüren.

Gleich ging ich zur Alphütte, um Rat zu holen, was jetzt zu tun sei. Leider wurde mir einige Zeit nicht geöffnet, da Mathias einen ausgedehnten Mittagsschlaf machte. Und jetzt kommt das Schöne: Kaum wurde mir die Türe geöffnet, kam die furchtbare Beschimpfung „Was machst du schon am Nachmittag bei der Hütte, wo ist das Vieh?“ Es brauchte dann nur wenige Worte, denn vor den Stallungen lag eine 30 Zentimeter hohe Hagelkörnerschicht. Da wurde dann Mathias so richtig munter und entschuldigte sich sogar.

Eines muss ich doch noch erwähnen. Die kleine Alphütte hatte eine Blechbedachung, welche schon bei normalem Regen unangenehme Geräusche machte. Wie gut war der Mittagsschlaf von Mathias, dass dieser nicht einmal durch den starken Hagel geweckt wurde?

Nach solchen unangenehmen Erlebnissen als Klihert stellte ich mir schon manchmal die Frage: „Warum hast du dem Alpmeister nur zugesagt?“ Langeweile und doch große Aufregung erlebte ich an so manchem Nebeltag. Wenn man kaum die Hand vor dem Gesicht sah, war das Hüten noch problematischer. Die einzig gute Hilfe war das Erkennen der einzelnen Kuhglocken welche doch bei jedem Stück Vieh andere Töne aufwiesen. Ja, noch ein Satz zum Erkennen: Ein guter Hirte sollte die Tiere der einzelnen Besitzer schon nach kurzer Zeit kennen. Eine Hilfe gab es ja – das im Montafon übliche „Haarmal“. Kurz vor dem Alpauftrieb wurden bei jedem Tier auf der rechten Seite der Rückenlende die Anfangsbuchstaben des Besitzers in etwa 10 Zentimeter Größe gut erkenntlich ausgeschert. So zum Beispiel „FK“ für Friedrich Kasper, oder „MM“ für Maria Maier. Jedoch war nach circa drei Wochen diese Zeichnung wieder normal behaart, und so hatte ich es besonders schwer, die Tiere jedem Besitzer zuzuordnen. Gottlob, als „Burabuab“ (Bauernbube) tat ich mir dennoch leicht, die einzelnen Tiere zu kennen. Noch eine kleine Hilfe gab es: Wenn zwei, drei oder mehrere Tiere vom gleichen Besitzer waren, dann blieben diese praktisch den ganzen Sommer nahe beieinander.

Obwohl wir beinahe Selbstversorger waren, 

gab es auch für das Alppersonal die seit 1939 eingeführten Lebensmittelkarten, und so konnten wir fallweise unseren Speiseplan doch ein wenig abändern. Die für einen Monat auf diesen Lebensmittelkarten zugeteilten Rationen wie Brot, Fleisch oder Wurst, Teigwaren und Zucker brachten wir leicht in jeweils einen Rucksack. Ganz besonders mussten wir bei den Brotrationen richtig einteilen. Ein kleines Plus: Statt Mehl konnte auch Brot eingekauft werden. Die zugeteilten Brotrationen brachten uns die Zöllner jede Woche aus Brand mit. Und so durfte bzw. musste ich nur zwei Mal, jeweils am Monatsanfang, zum Einkauf der restlichen Lebensmittel – es waren sowieso nicht gerade viele – nach Brand. Wir hatten dann wenigstens einige Tage lang etwas Abwechslung am Esstisch. Da es damals ja keinen Kühlschrank gab, ging es zuerst an die leicht verderblichen Fleisch- und Wurstwaren.

Jetzt noch kurz zu den Teigwaren, zu den Hörnle. Mit unseren Rindern waren wir, wie angeführt, in einem Gebiet, wo keine Absturzgefahr bestand. Nach einer längeren Ruhepause auf unseren Lodenmänteln, welche die Hirten ja jeden Tag zusammengerollt und an einem Lederriemen umgehängt bei sich trugen, fragte mich Mathias: „Kannst du auch kochen?“, was ich bejahte. Das ist gut so, denn heute besteht die Möglichkeit, auch mittags einmal warm zu essen. „Und was soll es sein“, fragte ich Mathias? „Mach ‚Butterhörnle’ und bring diese dann in einem Warmhaltegeschirr mit.“

Freudig begab ich mich zu unserer kleinen Alphütte und machte zuerst einmal Späne und dann im alten Brillenherd gleich Feuer an. Schon nach kurzer Zeit kam die Schmalzpfanne mit einer Portion Butter zum Erhitzen auf den Herd. (Diese Pfanne wurde auch für den „Brösel“ verwendet und nie ausgewaschen.) Rasch danach gab ich die Hörnle in die Bratpfanne und freute mich schon auf das Essen. Die Hörnle aber, obwohl beinahe in Butter schwimmend, wurden einfach nicht weich. Was hatte ich nur falsch gemacht?

Rasch wurde mir mein Fehler bewusst, denn daheim wurden Teigwaren zuerst im Wasser weichgekocht. Kommando zurück! Schnell nahm ich die Schmalzpfanne samt Inhalt vom Herd und tauschte diese mit dem Wasserkessel. Bald konnte ich die schon gut „eingefetteten“ Nüdeli im heißen Wasser kochen, und dann begann der Bratvorgang von neuem. Salz und Pfeffer dazu, und das Essen war fertig und schmeckte sogar recht gut.

Ich brachte die fertige Speise meinem Großhirten, welcher mir sogar ein Lob aussprach. Bedingt durch seinen guten Schlaf, fiel ihm meine etwas längere Abwesenheit gar nicht auf, nur abends meinte Mathias: „Die Hörnle schmeckten zwar recht gut, jedoch hast du auffallend viel Butter verwendet.“ Ganz unbemerkt blieb meine „Kochkunst“ also nicht.

Man lernt nie aus …

Der schon beschriebene Doppelmantel wurde von jedem Hirten sehr geschätzt. Es gab bei Dauerregen keine Durchnässung, bei Sonnenschein manchmal eine angenehme „Liegeunterlage“. So einen Hirtenmantel bekam ich, wie erwähnt, leihweise von einem Nachbarn, der selbst auch „Älpler“ war. Auch wurde mir zu zwei Hüten geraten, und diese fanden reichlich Verwendung.

An einem Tag folgte auf einen kurzen, starken Regen oft wieder strahlender Sonnenschein. Ich hängte meinen nassen Mantel an einen großen Stein zum Trocknen. Anschließend begab ich mich wieder zur Herde. Gegen Abend wollte ich den vermutlich trockenen Mantel wieder mitnehmen, doch dann folgte die große und peinliche Überraschung. Ich wusste wirklich nicht, dass Jungvieh recht gern an Kleidungsstücken „nascht“ und diese dadurch leider auch stark beschädigt. So war mein Mantel richtig durchlöchert und zu meinem Leidwesen auch unbrauchbar.

Und warum machen die Tiere dies? Das Alpvieh hat relativ großen Salzbedarf. Verschiedene Kleiderstoffe sind angeblich ein wenig salzhaltig, somit ist die Ursache meines stark durchlöcherten Mantels geklärt. Übrigens, diese peinliche Überraschung erlebte in den letzten Jahren auch so mancher Camper.

Noch ein Hinweis: Ganz gleich, ob auf Kuh- oder Rinderalpen, der Salzbedarf der Tiere ist groß und Salz für die Gesundheit der Tiere von enormer Bedeutung. So wurde den Tieren durchschnittlich einmal wöchentlich Salz gereicht. Man rechnete pro Stück mindestens 50 bis 80 Gramm, das heißt, es waren jedes Mal circa fünf Kilogramm Viehsalz erforderlich.

Für diese Arbeit gab es eine spezielle Lederumhängtasche. Sobald das Vieh nur diese Tasche sah, kam es schon von allen Seiten gerannt. Bei diesem sogenannten „Salzen“ begab man sich womöglich auf eine etwas erhöhte Stelle, um einigermaßen geschützt zu sein und auch eine halbwegs gerechte Verteilung zu erreichen. Diese Arbeit ist gar nicht ungefährlich, denn pro Tier war ja nur eine Handvoll Salz vorgesehen, doch keines wollte damit zufrieden sein und drängte immer wieder vor. Auch bei dieser Tätigkeit war es wichtig, die einzelnen Tiere zu kennen, denn nur so war es möglich, dass doch möglichst alle ihr Salz bekamen.

Nochmals stand ein Lebensmitteleinkauf in Brand bevor. Vom Lünersee nach Brand und zurück betrug die Gehzeit doch mindestens drei bis vier Stunden. Diese Plage wollte Mathias nicht auf sich nehmen, und so war ich der „Glückliche“. Das kleine Ruderboot „Olga“ – es war Eigentum der Zöllner – lag leider auf der gegenüberliegenden Seeseite, und so durfte ich auch den halben See umwandern. Wie vereinbart, fragte ich im Zollhaus, ob ich etwas nach Brand mitnehmen bzw. von dort bringen solle.

„Danke, wir haben keinen Bedarf. Jedoch haben wir eine ganz große Bitte an dich. Vor wenigen Minuten erhielten wir per Funk die Mitteilung, dass aus einem Bludenzer Arbeitslager sechs polnische Kriegsgefangene desertiert seien und sich vermutlich in Richtung Schweizer Grenze bewegen. Also, wenn du auf dem Weg nach Brand irgendeine besondere Beobachtung machst, melde das doch gleich bei der dortigen Zollstelle! Sei auch auf dem Rückweg recht aufmerksam und gib uns Bescheid über jedes verdächtige Geräusch!“

Mit großer Angst zog ich los in Richtung Brand, und jedes Geräusch, sei es vom Wind oder irgendeinem Wildtier, brachte mich beinahe zum Zittern. Auf dem Rückweg zum Lünersee war die Situation noch schlimmer, denn ich befürchtete, dass diese Polen womöglich schon in Grenznähe sind. Bei meiner Ankunft im Zollhaus meldete ich, dass ich keine Beobachtungen gemacht hatte. Die Beamten lachten, denn sie hatten schon die Funknachricht erhalten, dass die sechs Ausbrecher bereits in der Nähe der Bürser Schlucht aufgegriffen worden waren.

Die Befürchtung, dass die Frau von Mathias eventuell zu Besuch kommen und kurz das Kommando führen würde, war unbegründet. Der Fußmarsch zum Lünersee war dieser Frau doch zu viel. Allerdings kamen die beiden Töchter Elsa und Hildegard vereinzelt zu Besuch, vor allem um die von uns ersparte Butter und auch Käse abzuholen. Da diese Produkte ja nur in „Grammangaben“ auf der Lebensmittelkarte zu finden waren, wollte die Familie Bickel doch einen kleinen „Wintervorrat“ daheim anlegen.

Im Großen und Ganzen gesehen, war es am Ende doch ein befriedigender Alpsommer, mit diversen Höhen und Tiefen. Anzuführen ist auch, dass die Alpe Lünersee ja im Zollgrenzgebiet lag und nur von den diensthabenden Zöllnern bzw. von Personen mit Einzelberechtigung betreten werden durfte. Also gab es recht wenige Besuche, was manchmal auch von Vorteil war. An einigen Tagen, wenn wir mit unserer Herde im Gebiet Cavalljoch waren, gab es recht interessante Gespräche mit den Hirten von der Schweizer Seite. Diese hatten ja auch Interesse an den Lebens- und Kriegsereignissen im damaligen Großdeutschland. Jedenfalls waren die Radio- und Zeitungsberichte auf Schweizerseite mit unseren Meldungen in keiner Weise übereinstimmend.

Schade war nur, dass mit Ende der Hirtenzeit das „Tabak- und Kaffeegeschäft“ so langsam zu Ende ging. Auffallend war, wie die Weiden in kurzer Zeit öde wurden und somit die Tage am Lünersee gezählt waren. Wohl das Wichtigste für uns Hirten war, dass keines der Tiere abstürzte und es somit kein Ausfall zu beklagen gab.

Dienstag, 8. September 1942 – ein Alpabtrieb, den ich nie vergessen werde

Zuerst noch eine Anmerkung: Alpauf- und Alpabtriebe finden im Montafon wenn möglich nur dienstags, donnerstags oder samstags statt. Es ist dies ein alter Brauch, an dem nicht gerne gerüttelt wird.

Die Weiden boten wirklich keine Nahrung mehr, und zudem kündigte sich Schneefall an. So wurde der Abtrieb in diesem Jahr auf Dienstag, den 8. September, festgelegt. Einen kleinen Spruch schrieb ich noch an die Wand im „Alpstüble“: „In diesem Kriegssommer gab es recht oft nur trockene Kartoffel und wenig Brot, 1942 herrschte auf der Alpe Lünersee bittere Not.“

Der Alpmeister und zwei weitere Personen kamen uns zu Hilfe, denn am See entlang führte nur ein ganz schmaler Pfad, und hier musste das Jungvieh Stück für Stück hintereinander gehen. Beim Aufstieg zur Lüner Krinne ging es dann lockerer her, und auch der Weg ins Rellstal verlief problemlos. Direkt im Rellstal begann das sogenannte „Schäda“, das Scheiden bzw. Trennen der Tiere. Hochträchtige Rinder wurden ausgeschieden, um sie ins Tal zu nehmen, dagegen wurden ein- und zweijährige Rinder nochmals auf die sogenannten „Usschläg“ (Ausschlagen auf Voralpen) aufgetrieben.

Und dieses sogenannte „Teilen“ wurde mir als zehnjährigem Buben zu einem unvergesslichen Verhängnis. Beinahe jedem Landwirt musste man sein Vieh zuweisen, und dann folgte die Entscheidung, welche Tiere ins Tal bzw. noch circa 14 Tage in eine Voralpe kommen. Das so Unerfreuliche bei dieser Teilung war: „Hansi, du hast gut auf meine Rinder geschaut, komm trink ein Schnäpslein!“ Dieses Angebot gab es gleich bei einigen Landwirten. Leider nahm ich diese „Erwärmung“ fallweise auch an. Wenn es auch nur einige „Schnäpsle“ waren, so waren es für meinen jugendlichen Milchmagen doch allzu viele. Mit Müh und Not kam ich mit dem sehr schön geschmückten „Älplerhut“ und leider auch ziemlich berauscht heim nach Rodund. Einige Tage starkes Kopfweh war die Folge.

Autor mit geschmücktem Hut vom Almabtrieb und andere Personen, zum Teil sitzend, in einem Garten
Nach der Heimkehr von der Alpe Lünersee

Eigentlich wollte ich mit meinem Gesamtverdienst von 98 Reichsmark ein schönes Fahrrad kaufen. Dies war leider nicht mehr möglich, denn einen Bezugschein für ein Fahrrad erhielten nur Personen, deren tägliche Arbeitsstelle mindestens 10 Kilometer entfernt war.

Informationen zum Artikel:

Als "Klihert" auf der Alpe Lünersee (Sommer 1942)

Verfasst von Hans Kasper

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Vorarlberg, Bludenz / Montafon, Brand, Lünersee
  • Zeit: 1942

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