Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Fleckerlteppich der Erinnerungen: 623 Beiträge

Als "Klihert" auf der Alpe Platzis (Sommer 1943)

von Hans Kasper

Vorbereitungen

Noch einmal wurde ich vom Alpmeister Meinrad Wachter überredet. Im Frühjahr 1943 wurden wir daheim wieder von ihm besucht. Zuerst einmal sprach er mir großes Lob für meine gute Arbeit im Vorjahressommer aus. Doch dies war nicht der Hauptgrund des Besuches. Ein Kleinhirte für die Alpe Platzis wurde gesucht. Mathias Bickel, mein „Chef“ beim Lünersee, wurde als Hirte für Platzis gefragt. Er gab angeblich nur dann die Zusage, wenn er mich wieder als Kleinhirte bekomme.

Zuerst lehnte die ganze Familie, vor allem jedoch Ahna, ab. Dann kam Meinrad mit verlockenden Angeboten. So wurde während der Alpzeit statt einem ein zweiter Kriegsgefangener für die Landwirtschaft zuhause zugesagt. Weiters sollte nach Rücksprache mit dem Bürgermeister bei großem Arbeitsanfall jederzeit eine Frau, deren Mann im Kriegseinsatz war, zur Hilfe jeglicher Art verpflichtet werden. Und noch einen Vorteil erwähnte der Alpmeister. Platzis war gegenüber dem Lünersee kein Sperrgebiet; es würde daher an Besuchern nicht fehlen.

Zudem ist Platzis als großes Blaubeergebiet (Heidelbeeren) bekannt, und man könnte noch so manche Reichsmark mit guten Tipps über empfehlenswerte Beerengebiete verdienen. „Aus Erfahrung wissen wir, dass die Beerensammler oft schon am Vorabend kommen und sich zufrieden geben, wenn sie auf einem Heulager in einem der kleinen Alpställe nächtigen können, um frühmorgens schon mit dem „Beera“ (Beeren sammeln) zu beginnen. Vorher wird eine Tasse frische Milch gerne angenommen.“ Auch da dürften die Hirten für Nächtigung und die Milch kleinere Geschenke wie frisches Obst, Gemüse und manchmal Süßigkeiten erwarten.

Und noch eine Überraschung hatte der Alpmeister bereit. Der Tageslohn würde gegenüber dem Vorjahr von zwei auf drei Reichsmark erhöht. Aufgrund all dieser positiven Versprechungen sagte Ahna schweren Herzens zu, jedoch nur dann, wenn auch ich einverstanden sei. So bekam dann Meinrad auch mein Jawort.

Da ich ja vom Vorsommer wusste, dass ein Kleinhirte während der Alpzeit rauchen durfte, begann ich gleich nach dieser Abmachung mit dem Ansammeln von Tabak und Zigaretten. Dies war kein großes Problem, da ja alle Personen über 18 Jahre zusätzlich zu den Lebensmitteln auch eine Tabakkarte erhielten, so auch Ahna und Friedrich, welche beide Nichtraucher waren und daher mir diese kleinen Rationen überließen. Da die Alpe Platzis nicht in der Nähe der Schweizer Grenze lag, war mit einem „Tauschhandel“ Tabak und Kaffee gegen „Sura Kees“ nicht zu rechnen.

Nach Vorsprache beim Bürgermeister, wurde mir auch ein Bezugschein für einen Lodenmantel und ein Paar „Gebirgsarbeitsschuhe“ ausgehändigt. Gegenüber der nur etwa vierstündigen Vorbereitungszeit (Packzeit) im Vorsommer, wo ich dann doch so manches Kleidungsstück vermisste, wusste ich diesmal ziemlich genau, was ich auf der Alpe benötigte. Ich hatte genügend Zeit für die Vorbereitungen. Eines durfte schon gar nicht vergessen werden: die Abmeldung vom wöchentlichen dreistündigen Hitlerjugenddienst. Meine Abwesenheit im Sommer 1942 musste durch einen wahrheitsgetreuen Bescheid des Bürgermeisters der Kreisleitung in Bludenz nachgereicht werden. Recht schnell verging die Zeit bis zur „Alpfahrt“. Am Dienstag, den 15. Juni, war es so weit. Zuerst wurde die Voralpe „Tschöppa“ –oberhalb von Vandans/Ganeu – besetzt, von wo das Jungvieh nach circa 14 Tagen weiter auf die Alpe Platzis – auf circa 1700 Meter Seehöhe – kam.

Die große Überraschung folgte

Man rechnete mit etwa 80 Stück Jungvieh, zum Schluss waren es dann insgesamt 104 Kälber, „Kalblarinder“ und „Zitküah“ sowie zwei Kühe, um selbst mit Milch, Butter und Käse versorgt zu sein.

Jungtiere, welche im Spätherbst oder Frühwinter des Vorjahres geboren wurden, führte man in der Belegsliste als Kälber. Die „Kalblarinder“ sind ein- bis zweijährige Tiere, und „Zitküah“ sind hochträchtige Rinder im Alter von zwei bis drei Jahren. Dementsprechend waren auch die Sömmerungskosten aufsteigend. Um mit Frischmilch, Butter und Käse Selbstversorger zu sein, kamen auch noch die zwei erwähnten Kühe dazu.

Sehr primitiv lebte man auf dieser Voralpe „Tschöppa“. In einer alten, kleinen Hütte war ein noch älterer Tisch mit hunderten eingeschnitzten Namen vom Alpvolk der vergangenen Jahre. Dies war so üblich, obwohl die Reinigung mit den vielen Vertiefungen recht schwer war. Eine Sitzbank sowie zwei wackelige Stühle ergänzten das Mobiliar. Es gab also weder Küche noch Stüble, jedoch in der Mitte des verrauchten Raumes einen „Dreifuß“ zum Kochen. Ein Dreifuß ist, wie der Name schon sagt, ein circa 30 Zentimeter hohes Eisengestell, oben mit rundem Eisenrand versehen, wo in einer Pfanne oder in einem Kessel ein „Menü“ zubereitet wurde. Geschlafen wurde in einem kleinen Stall, natürlich wieder auf einer mit Heu ausgelegten Pritsche.

Anmerkung: In den Jahren nach 1970 wurden in den meisten Alpen die Behausungen modernisiert oder neu erstellt. Nur wenn eine Stube, Küche, Schlafraum und möglichst eine Dusche zur Verfügung standen, konnte das erforderliche Personal noch gewonnen werden.

Doch wieder zurück zur Voralpe „Tschöppa“. Wenn auch am Auftriebstag schönstes Wetter war, so regnete es an den beiden Folgetagen beinahe in Strömen. Zudem gab es am zweiten Regentag nachmittags ganz starke Gewitter mit Blitz und Donner. So, sagte Mathias, wenn es auf nassen Boden Regen mit Gewitter gibt, dann folgt sicher Schneefall.

Er hat Recht behalten, denn am Morgen des 18. Juni lagen circa 30 Zentimeter Neuschnee. Da es weder Heu noch Stallungen gab, hieß die Alternative: Mit dem Vieh zurück ins Tal. Recht viele verständnisvolle Bauern kamen uns beim Abtrieb zu Hilfe.

Erst drei Tage später war „Tschöppa“ wieder schneefrei, und so konnte am Montag, den 21. Juni (Sommeranfang), wieder neu „besetzt“ (aufgetrieben) werden. An einem etwas ruhigeren Tag wollte ich – Mathias war einverstanden – einmal die „Behausung“ auf der Alpe Platzis genauer ansehen. Es waren von der Tschöppa nur gut 20 Minuten zu gehen, und die Schlüssel bekam ich ja auch. Diese Vorausbesichtigung war eine gute Entscheidung. Von außen sah das ganze „Stöfeli“ (Alphütte und einige kleine Ställe) recht ansehnlich aus, doch beim Betreten der kleinen Alphütte bekam ich nahezu einen Schock. Ein dunkler Raum mit etwa 15 Quadratmeter, einem alten 2-Loch-Brillenherd, aber ohne Kamin, mit Spinnwaben in allen Ecken, war als Küche zu erkennen. Darüber wieder eine Pritsche, wobei die aufsteigende Wärme des Herdes sogar als leichte Heizung diente.

eine Ansammlung von Almhütten vor Hochgebirgskulisse
Die Alpe Platzis (um 1920); im Hintergrund die "stolze" Zimba, das "Matterhorn Vorarlbergs"

Dann gab es auch Erfreulicheres zu sehen

Gleich ebenerdig ein schöner, kleiner Keller, welcher sich als Lagerraum für Milch und diverse Lebensmittel sicher gut eignete, und das schönste Stück war das Stüble. Eine Eckbank mit Tisch, ein kleiner Eisenofen – sehr wertvoll zum Trocknen von durchnässter Kleidung – und eine beinahe zwei Meter breite Pritsche gehörten zum Inventar.

Dass meine Besichtigung doch sehr wichtig war, zeigte sich bei näherer Betrachtung der beiden Pritschen. Übelriechendes Heu, schon beinahe grau, machten mir den Entschluss leicht, dieses sofort zu entfernen. Jedoch, es wurde noch schlimmer. Während der Heuentfernung meldeten sich Mäuse aus allen Ecken – ein Hinweis, dass wir noch vor dem „Einzug“ unbedingt einige Mäusefallen aufstellen müssten. Das alte, vermoderte Heu gab ich in einen der Ställe, um es später als Einstreu zu verwenden.

Mit gemischten Gefühlen – ich war doch recht lange weg – ging es wieder der Voralpe zu. Doch Mathias war nicht böse, im Gegenteil, meine Nachricht zwang zum Handeln. An einem der nächsten sonnigen Tage ging mein Chef selbst nach Platzis, um frisches Heu zu machen. Auch wurde beim nächsten Einkauf im Tal gewiss an die notwendigen Mausefallen gedacht. Nach etwa zwei Wochen war es so weit, wir zogen mit unserer Herde auf die Alpe Platzis und konnten schon die erste Nacht die Pritschen mit frischem Heu besteigen. Auch das Kochen – vermutlich „Brösel“ und Kaffee – machte auf dem 2-Loch-Herd doch mehr Spaß. Einzig mit Butter – ob Brösel, Milchmus oder Jausebrote – wurde auf Platzis noch mehr als im Vorjahr am Lünersee gespart. Denn relativ oft kamen Bickels Töchter, um unseren Vorrat zu schmälern. Inzwischen waren wir immerhin schon im vierten Kriegsjahr, und die Familie wollte doch zuhause einen noch größeren Vorrat als im Vorsommer anlegen.

Einmal musste Mathias ins Tal, um eine Familienangelegenheit zu klären. Er sagte: „Es kann Abend werden, bis ich zurückkomme, schau bitte gut auf das Vieh, es ist ja heute in nächster Umgebung.“ Die Nachricht freute mich sehr, denn endlich ergab sich die Gelegenheit, dass ich für mich nach Herzenslust kochen konnte. Des Öfteren machte ich ja dem Mathias den Vorschlag, wenigstens einmal „Schmalznudla“ (Kartoffelnudeln) zu kochen. Es gab immer die gleiche Antwort, „Schmalznudla“ brauchen – wie der Name schon sagt – zu viel Butter.

„Heute muss es sein“, dachte ich und versuchte die Zubereitung so, wie ich es bei Ahna gesehen hatte. Zuerst einmal Kartoffel weich kochen, dann mit etwas Mehl, Milch und dem letzten Ei (von daheim hatte ich einige Eier mitbekommen) zu einem festen Teig verarbeiten. Dann etwas Salz dazu, und aus dem Teig etwa 15 Zentimeter lange, fingerdicke Nudeln formen. In der erforderlichen Teigmenge hatte ich mich ganz gewaltig verschätzt, denn es wurden über dreißig dieser im Moment noch rohen Nudeln. Dann recht viel Butter – der Chef war ja nicht da – in der Pfanne erhitzen und die vorgefertigten „Nudla“ in die heiße Butter geben, bis diese goldgelb gebacken waren.

Ich freute mich schon riesig und aß gleich von der Pfanne weg eine Nudel nach der andern. Leider hatte ich auf Grund des guten Gelingens und der wunderschönen goldgelben Farbe dieser „Spezialität“ in kürzester Zeit viel zu viel und vor allem zu schnell gegessen. Wie erwähnt, hatte ich mich bei der Teigmenge total verschätzt, und es ergab sich eine Unmenge dieser „Spezialnudeln“. Es bot sich nur eine Rettung an, ich versteckte den großen Rest von etwa zwei Dutzend Nudeln an verschiedenen Stellen in den einzelnen Ställen. Abends, als Mathias zurückkam und das mitgebrachte Brot in den Keller tat, war er zwar ein wenig überrascht über den geschrumpften Buttervorrat, konnte jedoch die verbrauchte Menge nicht genau abschätzen, und so ging es sogar ohne Schimpfen ab.

Almhirt und Hüterbub auf der Alpe Platzis

„Rauschbrand“

Wenn Platzis auch als ein Eldorado für Blaubeerpflücker galt, so gab es leider auch eine arge Kehrseite. Genau auf dieser Alpe wurden relativ oft Rinder von der rasch zum Tode führenden Rinderkrankheit „Rauschbrand“ befallen. Manche Bauern wechselten aus Angst und brachten ihr Vieh auf eine andere Alpe. An dieser Krankheit verendeten in so manchem Sommer einige Jungtiere. Erste Schutzimpfungen gab es schon im Jahr 1922, doch konnte sich ein Großteil der Bauern diese Kosten nicht leisten.

Seit dem Jahr 1940 gibt es eine amtliche Verordnung, dass für bestimmte Alpen diese Impfung verpflichtend ist. Das Land Vorarlberg übernimmt diese Impfkosten seit einigen Jahren. Für Tiere, welche aus dem Ausland, vor allem aus der Schweiz auf unsere Alpen kommen, ist eine amtliche Impfbescheinigung vorzulegen. Mit diesen vorgeschriebenen Frühjahrsimpfungen bekämpfte man diese Krankheit zwar recht erfolgreich und doch nicht hundertprozentig.

So stellte ich eines Tages fest, dass ein „Zeitrind“ (hochträchtiges Rind) von der Nachbarsfamilie Josef Schoder fehlte. Ich meldete dies gleich dem Mathias, und eine eifrige Suche begann. Erst am nächsten Tag konnte ich das vermisste Tier, leider nur mehr tot, unter einer Tanne auf der „Krenna“ (ein Weidegebiet am Ende von Platzis) finden. Der Anblick war schreckerregend. Das Tier war so aufgebläht, dass der Schellriemen tief in den Hals drückte. Es tat mir schon sehr weh, dass ausgerechnet ich mit dieser Nachricht zu Schoders musste. Ein kleiner Trost, die Viehversicherung bezahlte doch einen Großteil des finanziellen Verlustes.

Der Alpmeister bemühte sich um einige Personen, diese kamen dann mit auf die Alpe, denn das verendete Rind musste „verlocht“, das heißt, tief in die Erde vergraben werden. Als Ursache, dass es zum Tode dieses Tieres kam, wurde verspätete Impfung angenommen. Diese Familie war wirklich von Unglück verfolgt, denn im Vorsommer, 1942, war durch eine Unachtsamkeit eines Hirten ein ebenfalls dreijähriges Rind tödlich abgestürzt. Ein Detail am Rande: Bedingt durch den Verlust des im Vorjahr abgestürzten Rindes, versprach mir Josef Schoder ein schönes „Trinkgeld“ wenn ich seine fünf Jungtiere im Herbst wieder gesund zurückbringe.

Rauschbrand ist eine Infektionskrankheit bei Nutztieren, die durch Schwellungen unter der Haut gekennzeichnet ist und meist an den Beinen auftritt. Rauschbrand wird durch ein Bakterium verursacht. Diese Erkrankung kommt fast ausschließlich bei Jungtieren vor. Rauschbrand nimmt einen raschen Verlauf und ist in nahezu allen Fällen tödlich. Am anfälligsten sind Rinder im Alter zwischen einem halben und vier Jahren.

Häufig erfolgt die Infektion durch offene Wunden, meist jedoch über infiziertes Futter oder Trinkwasser. Rauschbrand ist fast weltweit verbreitet. Die Bezeichnung Rauschbrand kommt daher, weil die Körper der toten Tiere enorm aufblähen und beim Abtasten richtig „rauschen“.

Es gab auch noch andere erwähnenswerte Erlebnisse für mich. Da das Jungvieh nachts im Freien blieb, suchte man, wenn irgendwie möglich, für die Nächte ein Weidegebiet wo keine Absturzgefahr in der Nähe war. Wenn es diese Möglichkeit nicht gab, blieb man solange bei den Tieren, bis sich ein Großteil „zur Ruhe gelegt“ hatte. Dies war immer meine Arbeit, denn Mathias ging vorher zur Hütte um das übliche Milchmus (Milchbrei) oder Ähnliches zu kochen.

Nachdem die Rinder sich an diesem Tag mit gutem Weidegras frühzeitig sättigen konnten, legten sie sich auch früher nieder. Daher konnte ich an diesem Abend schon frühzeitig zur Hütte zurück. Mathias rechnete nicht damit, dass ich so zeitig komme und machte daher sein übliches, ausgiebiges Schläfchen. Ich musste ihn sogar aus diesem Schlaf wecken. Dies war dem guten Mann sehr peinlich, und so kam sogleich die Frage: „Wieso bist du schon da?“ Ich erwähnte, dass sich schon viele Tiere heute früher ablegten, daher auch mein vorzeitiges Erscheinen. Bedingt durch den großen Ärger, dass ich ihn schlafend vorfand, kam es bei ihm zu einem gewaltigen Wutausbruch, und er beschimpfte mich fürchterlich: „Du Lausbub, eines sage ich dir, du darfst in Zukunft abends die Herde erst dann verlassen, wenn ‚der letzte Schwanz’ sich zur Ruhe gelegt hat!“

Diesen Befehl habe ich am nächsten Abend wörtlich befolgt. Es war schon recht dunkel, als es so weit war und alle Tiere sich niedergelegt hatten. Bei Dunkelheit ging es über Stock und Stein der Alphütte zu. Der Empfang war ähnlich wie am Vorabend. Wütend fragte er: „Sag mir, wo warst du so lange? Von mir aus kannst du jetzt das kalte Milchmus essen.“ Meine Antwort: „Ich werde es schon erwärmen.“ Und dann kam meine Erklärung, dass ich seinen gestrigen Befehl wortgetreu ausgeführt habe. „So habe ich es auch nicht gemeint“, war seine Antwort. Wenn du noch einmal bis in die dunkle Nacht hinein beim Vieh bleibst, dann wünsche ich dir „Hals- und Beinbruch“ beim Weg zur Hütte.

In den kommenden Wochen wählte ich den Mittelweg. Eines war mir schon klar, Mathias war noch immer deswegen so böse, weil ich ihn – wie schon öfters – schlafend vorgefunden hatte.

Das "Blaubeeren"

Der halbe Alpsommer war vorüber, jetzt kamen die Blaubeersammler. Hier muss noch erwähnt werden, dass es für diese Pflückarbeit die bewährten Beerenkämme gab. Das waren Kämme mit circa 16 Zentimeter Breite und etwa 20 Zentimeter Länge. Die Kämme hatten vorne etwa 15 acht Zentimeter lange, gleichmäßig verteilte Nägel und dahinter den sogenannten Auffangbehälter. Wie der Name Beerenkamm schon sagt, streifte man die Sträucher, und es entfiel das einzelne Abbrocken der Beeren. Einziger, ganz großer Nachteil dieser Kämme war, dass beim Abstreifen der Sträucher auch die noch unreifen Beeren mit abgerissen wurden. Um zu verhindern, dass manche voreilige Menschen nicht die volle Beerenreife abwarteten, gab es in den Kriegs- und Nachkriegsjahren folgenden, strengstens einzuhaltenden Erlass, der bereits Mitte Juli aktuell wurde.

Bekanntmachung:

Der Bürgermeister gibt bekannt, dass das „Blaubeeren“ (Heidelbeersammeln) auf der Alpe Platzis erst ab 15. August erlaubt ist. Bei Nichtbeachtung dieser Vorschrift ist mit harten Strafen zu rechnen.

Der Bürgermeister Engelbert Egele

Dieser 15. August 1943 fiel zudem auf einen Sonntag. Etwa 80 bis 100 Personen kamen schon am Vorabend, zum Teil bis in die Nacht hinein, um in irgendeinem der kleinen Ställe zu nächtigen. Wie bereits angeführt, wollten alle diese Leute schon bei Tagesanbruch in den guten Beerengebieten sein, um die vollen Sträucher mittels Kamm abzuernten. Dass der Andrang gar so groß war, lag daran, dass dieser erste erlaubte Tag, wie erwähnt, auf einen Sonntag fiel und doch recht viele Leute wochentags arbeiten mussten. Personen, welche die ertragreichsten Plätze vorfanden, sah man schon am frühen Nachmittag mit vollen Kanistern, Dosen, Eimern usw. in Richtung Tal abziehen.

Mit dem vom Alpmeister bei der „Dingung“ (Arbeitszusage) in Aussicht gestellten Nebenverdienst war es nicht weit her, denn wochentags kamen ja nur die „Frühaufsteher“, welche zum Teil schon zwischen 4 und 5 Uhr im Tal losgingen. Bedingt durch Kriegseinsätze vieler Männer und teilweise auch von Frauen, waren es hauptsächlich Senioren und Frauen, deren Männer beim Militär waren, welche so zeitig ankamen und dankbar waren, wenn sie eine Tasse Milch bekamen. Ein großer Nachteil für mich war, dass ich zu dieser Zeit schon bei der Rinderherde sein musste, und Mathias war der „Glückliche“. Er konnte doch so einzelne „Mitbringsel“ wie Obst, Gemüse und sonstige kleine Geschenke in Empfang nehmen. Lediglich im spärlichen „Menüplan“ machten sich Obst und Gemüse ein wenig bemerkbar.

Einen kleinen Vorteil hatte ich dennoch: Jenen Personen, welche bei der Alphütte keine Pause machten, konnte ich wirklich die besten Beerenplätze zeigen, und diese Leute zeigten sich auch manchmal erkenntlich. Wenn ich hier von Blaubeergebieten schreibe, so muss ich auch die großen Nachteile erwähnen. Beim Hüten blieb auch bei Regenwetter die Aufgabe, das Vieh im Auge zu behalten und sich oft durch dieses „Beerengestrüpp“ zu kämpfen. Heute würde man bei Schlechtwetter Gummistiefel anziehen, doch damals gab es leider nur die Holzknospen oder Arbeitsschuhe, bei denen man schon nach kurzer Zeit in Wasser getränkte Füße hatte. Es ist schwer nachzuweisen, jedoch bestimmt kein Zufall, das besonders auf Alpen mit großen Sträuchergebieten die vorher erwähnte Rauschbrandkrankheit in stärkerem Ausmaß auftrat.

Die Hirtentage zählen 

So gegen Ende August hat man vom Älplerleben langsam genug und beginnt schon die Tage bis zur Alpabfahrt zu zählen. Im Alpsommer 1943 jedoch zog sich das Ganze ziemlich in die Länge. Durch die vielen Arbeiten im Tal und auch um Heu zu sparen, wurden wir gedrängt, so lange wie nur möglich mit dem Jungvieh auf „Bergeshöhen“ zu bleiben. So zögerte sich der Abtrieb bis Mitte September hinaus, und auch da ging es nicht bis ins Tal, nein, auf der Voralpe „Tschöppa“ gab es ausreichend Gras, um noch einige Tage zu bleiben. Hochträchtige Rinder holten die Bauern ab, um diese für den großen Schrunser Herbstviehmarkt ein wenig „aufzuputzen“. Dagegen kam auch weiteres Jungvieh von der Alpe Lünersee auf „Tschöppa“ dazu.

Mathias hatte genug von der Hirtenzeit, und auch ich wollte heim. So hat sich der Hirte vom Lünersee unter der Bedingung, dass ich bei ihm als Kleinhirte bleibe, bereiterklärt, auch auf Tschöppa zu hüten. Weil ich diesen Mann – Gebhard Both aus Schruns – als sehr guten Menschen kannte, sagte ich diesem Vorschlag zu. Obwohl wieder nur die primitive Hütte mit dem Dreifuß – ich schrieb gleich zu Anfang darüber –, erlebte ich bei Gebhard noch schöne 14 Tage. Gebhard ließ mich beim Hüten nie allein, abends „zauberte“ er auf diesem Dreifuß wunderbare Speisen wie Omelette, Kaiserschmarren und vieles mehr hervor.

Zum großen Unterschied von Platzis, wo die Töchter von Mathias laufend frische Butter abholten, wurde bei Gebhard mit diesem Produkt nicht gespart. Es gab dann noch eine, für mich nicht besonders freudige Überraschung. Normalerweise war auf allen Montafoner Alpen spätestens am 20. September Alpabtrieb, um auch Jungvieh zum Verkauf auf den Schrunser Markt – jährlich am 21. September – zu bringen. Leider wurden nur wenige Tiere abgeholt, und an Gebhard wurde die Bitte gestellt, noch möglichst lange mit dem Vieh auf „Tschöppa“ zu bleiben. Wie bereits erwähnt, konnte dadurch die Weidezeit im Tal verlängert werden.

Jedoch hielt die „Verlängerung“ nicht lange an, denn am Donnerstag, 23. September, musste wegen starkem Schneefall endgültig abgetrieben werden. Mit schön geschmücktem Hut – jedoch wegen der schlechten Erfahrung im Vorjahr ohne Schnaps im Magen – wurden wir, Gebhard und ich, im Tal freudig empfangen. Einziges Plus dieser „Verlängerung“: Ich brachte es auf 100 Hirtentage und verdiente somit die stolze Summe von 300 Reichsmark. Normal spricht man von großem Glück, wenn es 90 Alptage gibt. Manchmal musste man wegen vorzeitigem Schneefall schon Ende August oder an den ersten Septembertagen mit dem Vieh ins Tal. (...)

In zwei Jahren als „Klihert“ habe ich so manches erlebt. Durch meine – wenn auch nur geringe – Alperfahrung wurde ich in den Folgejahren des Öfteren gebeten, einige Tage auf verschiedenen Alpen auszuhelfen, denn manchmal fehlten die Männer wegen Erkrankung oder Unfall. Leider wurde ich fast immer auf Kuhalpen zur Aushilfe geholt, wo, wie erwähnt, auch zweimal täglich gemolken werden musste. Hier waren meine Erfahrung und auch meine Kräfte nicht immer ausreichend. Gab es Senner und Hirten, welche bis zu 25 Kühe täglich morgens und abends molken, so lag mein „Rekord“ bei 14 Tieren.

Seit 60 Jahren sind all meine Alperlebnisse Vergangenheit, jedoch machte es mir Spaß, darüber zu berichten.

Informationen zum Artikel:

Als "Klihert" auf der Alpe Platzis (Sommer 1943)

Verfasst von Hans Kasper

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Vorarlberg, Bludenz / Montafon, Rodund, Alpe Platzis
  • Zeit: 1943

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.