Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Fleckerlteppich der Erinnerungen: 623 Beiträge

Der Karpfen - Weihnachten 1935

von Elfriede Genée

Weihnachten begann damit, dass ich einen Tag vor Heiligabend zu den Großeltern gebracht wurde. Hier durfte ich länger aufbleiben, wurde spät in die großelterlichen Ehebetten mit den dicken weißen Tuchenten gesteckt. Rechts lag Großvater, links Großmutter und ich in der Mitte zwischen beiden. Immerzu musste ich auf Großvaters riesigen Bauch blicken und auf die wunderschöne, lange, gebogene Pfeife, die aus seinem Mund kommend darauf lag. Aus Rücksicht auf das Kind machte er nur einen einzigen schmauchenden Zug daraus und ließ sich im Übrigen beim Zeitunglesen nicht stören. Ich bewunderte und liebte diesen Großvater; der im Federbett gänzlich untergetauchten Großmutter schenkte ich keinen Blick. Irgendwann schlief ich beglückt ein.

Der nächste Tag brachte große Aufregung. Ich durfte mit dem Großvater auf den Markt gehen, denn ein Karpfen musste ganz frisch, also lebend, eingekauft werden. In einem großen Rucksack und verschlossenem Wasserkübel wurde er transportiert. Daheim wurde er in ein großes Wasserschaff geleert, und ich durfte dem Karpfen noch eine Weile beim Herumschwimmen zusehen.

Großmutter hatte während unserer Abwesenheit noch mehr vorweihnachtlich geputzt, sozusagen den letzten Schliff angelegt, und obwohl alles glänzte und spiegelte, wurde es von uns geschäftigen Marktgehern gar nicht bemerkt. Die Küche sah aus wie immer.

Nun kam der große Moment, wo Großvater den zappelnden Karpfen auf das Brett am Küchentisch legte, einen Holzschlegel nahm und dem Karpfen auf den Kopf schlug. Es spritzte rundherum von Wasser und Blut, und ich schaute fasziniert und ungerührt zu. Ein zweiter kräftiger Schlag, und das Tier bewegte sich nicht mehr. Aber das so schön gewaschene und gestärkte Hängedeckerl an der Wand neben dem Tisch war voll mit Blutspritzern. Der blau hineingestickte Sinnspruch: „Mein größtes Glück und schönste Freud ist eine stille Häuslichkeit“ war besudelt. Großmutter rang leidend die Hände und setzte sich weinend in die Ecke. Großvater, den Schlächter, störte das nicht. Er zerlegte kunstgerecht den Karpfen, nahm das Innere heraus und legte mir die Fischblase in die Hand. Diese zwei weißen, luftgefüllten Blasen, eine länglich, die andere rund, ließen sich wunderbar von einer Hand in die andere quetschen – ein atavistisches Vergnügen.

Nachdem Großmutter klagend ihre „stille Häuslichkeit“ durch ein anderes Spruchdeckerl ersetzt hatte, gab es zum Mittagessen Kaffee und Großmutters herrlich schmeckenden Mohnstrudel. Ich buchstabierte zwischen den köstlichen Bissen: „Bewahret einander vor Herzeleid, kurz ist die Zeit, die ihr beisammen seid“.

Am Nachmittag fuhren die Großeltern mit mir, festlich herausgeputzt, in das festlich herausgeputzte elterliche Heim. Dort gab es die versperrte Zimmertür und das geheimnisvolle Getue. Ein Lamettafaden am Boden brachte Mutter zu dem Geschenk verheißenden Ausspruch: „Schau, das hat das Christkind verloren.“ Ich war sehr beeindruckt.

Dann kam es – alle Jahre wieder – zur unvermeidlichen Tragödie des Heiligen Abends. Vater war noch schnell weggegangen und kam mit einem Rosenstrauß wieder. Er gab dafür seinen letzten Schilling aus, schließlich waren es die sehr schweren Zwischenkriegsjahre, und das Geld im Hause war knapp. Die Mutter, die es gut einteilen konnte und eine wirtschaftliche Begabung hatte, war über den Rosenstrauß jedes Jahr entsetzt. Wie gut hätte man dieses Geld für Wichtigeres ausgeben können. Aber Vater fand diese Geste seiner Frau gegenüber am wichtigsten. Mutter weinte unglücklich glücklich, schließlich war sie mit den Nerven fertig, denn die letzten Nächte hindurch musste sie noch am Eisrockerl, meinem Weihnachtsgeschenk, stricken.

Endlich erschienen auch Tante und Onkel, und nachdem die gespannte Erwartung am Höhepunkt war, ertönte ein leise bimmelndes Glöcklein – das Christkind kam. Die Zimmertür ging auf, und hier stand er: der große unbeschreiblich duftende Tannenbaum im Glanz brennender Kerzen, voll sprühender Sternspritzer, behängt mit Seifenblasen-Glaskugeln und papiergewickelten Bonbons. Darunter lag der Kaufmannsladen, die Puppe, die Bilderbücher und all die Schätze, die man nur ansehen und nicht nehmen durfte. Zuerst musste die „Stille Nacht“ gesungen, das Gebet gesprochen werden, und jeder musste jeden küssen und „Frohe Weihnachten“ wünschen.

Endlich durfte das Kind alles auspacken und bestaunen, und die Großen standen gerührt daneben.

Nach der Bescherung ging Mutter in die Küche. Der vom Großvater mitgebrachte Karpfen lag in der Pfanne und musste gebacken werden. Der Kipflersalat, mit Vogerlsalat garniert, stand in der Schüssel bereit. Der Heilig-Abend-Schmaus konnte in Kürze beginnen und der Weihnachtsfrieden endgültig ausbrechen.

Familie versammelt unter dem Christbaum; Autorin zwischen Großeltern (sitzend) im Vordergrund, Tante und Mutter seitlich dahinter
Die Autorin zwischen ihren Großeltern, Tante und Mutter (um 1937)
Informationen zum Artikel:

Der Karpfen - Weihnachten 1935

Verfasst von Elfriede Genée

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1930er Jahre

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.