Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Fleckerlteppich der Erinnerungen: 623 Beiträge

Lifestyle: Kinder- und Jugendmode vor dem Jeans-Zeitalter

von Ilse Wolfbeisser

In der Kinderbekleidung gibt es meines Erachtens den größten Unterschied zu heute: So wie bei den Erwachsenen steckte die Entwicklung der Konfektion, also der Fertigware, noch in den – hier im wahren Sinne des Wortes – Kinderschuhen. Es gab sie schon, Kaufhäuser boomten und waren beim Normalbürger sehr beliebt. Die berühmteste Einkaufsmeile Wiens war die Mariahilferstraße, die gleich mehrere Kaufhäuser (neben Gerngroß und Herzmansky gab es bald noch weitere wie die STAFA und den Falnbigl) beherbergte.

Es war ein Erlebnis in der Adventzeit, wenn ich mit meiner Mutter zum „Gerngroß“ die Dekoration anschauen gehen durfte, die zu der damaligen Zeit sehenswert war. Denn so eine weihnachtliche Präsentation der Ware war früher nicht üblich. Nicht nur die Auslagen waren dementsprechend dekoriert, sondern im Hauptgebäude, wo die vielen Treppen in die oberen Stockwerke führten – eine schmale altersschwache Rolltreppe gab es damals auch schon –, stand ein Riesenchristbaum, der fast bis zur Kuppel reichte, und unten gruppierte sich drumherum Weihnachtliches: Schlitten mit Puppen, Teddybären, Nachstellungen von Märchen (Frau Holle usw.). Meine Kinder erlebten noch den „alten“ Gerngroß und erfreuten sich sicher genauso daran wie ich. Etwas fehlte total: Der amerikanische Einfluß, der jetzt eine herausragende Rolle spielt und schon ins Jahrmarkthafte driftet, mit seinem Santa Claus. Selbst der deutsche Weihnachtsmann fand damals in der „Ostmark“ keinen Boden, wir ließen uns unser Christkind nicht nehmen!

Aber ich schweife ab: Außer Spielwaren, Papierwaren und Kosmetik gab es bei Gerngroß oder Herzmansky – die in Beliebtheit wetteiferten – Konfektion zu relativ günstigen Preisen; die Kinderkleidung war den meisten Durchschnittsbürgern jedoch noch immer zu teuer. Es wurden Stoffe gekauft, die früher eine weit größere Bedeutung besaßen. Aus denen schneiderten die Mütter oder Großmütter je nach Können. Viel öfter machte man jedoch aus abgelegter Kleidung etwas für die Kleinen, damit die guten Stoffteile nochmals verwertet wurden und somit nichts kosteten. Ich bekam zum Beispiel aus einem dunkelblauen, gebrauchten Samt ein Festkleid zugeschnitten, mit kurzen Puffärmeln, an die man in der kalten Jahreszeit lange Ärmel knöpfen konnte! Kann sich jemand vorstellen, wie arg das aussah?

Klassenfoto vierte Volksschulmädchenklasse

Es mußte alles möglichst lange getragen werden können: Die Hängekleidchen hatten breite Einschläge am Saum, Trägerröckchen waren beliebt – hier konnte man die Träger leicht verlängern usw. Ich fand zwei alte Fotos aus der 3. und 4. Klasse Volksschule, auf der man ausgezeichnet einen Querschnitt durch die damalige (1939/40) Mädchenmode sehen kann: Wie gesagt, ich sehe nur einen Ringelpullover, sonst Blusen, Trägerröcke, Westen und Dirndln.

Haarschmuck gab es so gut wie keinen: Ein schlichter brauner Haarreif aus Bakelit, dem Vorgänger des Plastiks, Zopfspangen aus Bakelitblumen, rückwärts mit Gummibandeln für die vielen Zopfvariationen: hängend vor und hinter dem Ohr, als „Affenschaukel“ hinter dem Ohr hochgebunden, als Schnecke über den Ohren oder als „Greterlfrisur“, beide Zöpfe über den Kopf geschlungen, was nur bei langen Haaren möglich war. Ein dicker Zopf rückwärts war mehr bei der Landbevölkerung üblich, ebenso die zusammengesteckte Zopfschnecke im Nacken.

Haarspangen gab es nur schmucklose. Viele Frauen trugen ihre Haare noch immer ungeschnitten und irgendwie hochgesteckt. Die Mädchen trugen die Frisur – egal ob die Haare geschnitten waren oder nicht – immer ganz brav und korrekt. Keine wäre auf die Idee gekommen, etwas Unordentliches oder Kreatives in ihre Haartracht einzubringen. Keine Mutter hätte es erlaubt. Ein fransiger Pony über der Stirn war schon das Verwegenste.

Kleine Mädchen trugen oft einen Hut auf der Straße wie ihre Mütter: die Matrosenmütze, enge Baskenmützen, ein Trachtenhütchen zum Dirndl, im Sommer weiße Leinenhüte mit Kinnband. Ich hatte im Winter eine schöne Angoramütze, von meiner Großmutter gehäkelt. Wir trugen – „gut gekleidet“ – feine, hohe Schnürschuhe in zweierlei Leder, im Sommer schwarze Lackspangenschuhe, dazu weiße Strümpfe oder weiße Umschlagsocken (Gummidurchzug gab es nur bei Herrenkniestrümpfen) und Sandalen mit Ferse.

Ich hatte einen Rodelanzug, bestehend aus Lumberjack und weiter Hose, die um den Knöchel eng war, natürlich in gedeckter Farbe. Die Kindermode war nicht bunt im heutigen Sinne, auch nicht im Sommer, wo sie dank der Dirndlkleider noch relativ fröhlich aussah. Diese grellen Zuckerlfarben – wie sie meinem Auge jetzt weh tun – existierten nicht, wären auch nicht getragen worden. Die heutigen praktischen Gummistiefel der Kleinkinder gab es damals leider nicht; es gab weder im Sommer noch im Winter wasserfeste Schuhbekleidung. Ich kann das Freizeitschuhwerk der heutigen Generation als häßlich empfinden – praktisch ist es allemal!

Als der Krieg fortschritt, wurde die Kleidung legerer, wohl auch aus Stoffmangel: Man sah Burschen und Mädchen nach der Schule in Shorts – im Unterricht aber nach wie vor korrekt gekleidet. Meine erste lange Hose war eine Ski-Keilhose drei Jahre nach Kriegsende! Das zum Unterschied! Im Sommer trugen kleine Mädchen auch Hoserln mit kurzem Bein und immer mit Trägern (damit wenigstens ein Hauch von Angezogensein vorhanden war, nicht, damit die Hosen nicht rutschten!

Jetzt erst flechte ich die Babykleidung ein: Für den Säugling wurden Erstlingshemdchen aus feinem Batist genäht (mein ältester Sohn Michael trug noch solche von seinem Vater, weil meine Schwiegermutter nichts wegwerfen konnte; sie waren ganz einfach geschnitten und wurden rückwärts im Nacken mit Bändchen gebunden; als Kragen eine gezogene bestickte Borte, wie sie in Vorarlberg erzeugt wurde), Jäckchen, Häubchen und Fäustlinge selbst gehäkelt und gestrickt aus Wolle oder Baumwolle.

Auch die Stoffwindeln gab es bis Ende der Fünfzigerjahre, wo endlich die Plastikhoserln Marke „Mölny“ aus Schweden kamen und anfangs noch richtige Prießnitzumschläge für die armen Popscherln waren, denn die Einlagen aus Zellstoff waren recht rauh und die Höschen dickes Plastik. Ich hatte für das dritte Kind Ende der 50er-Jahre eine Einlage aus Spezialstoff zur Verfügung, die das Naßliegen hintanhalten sollte. Viel wert war sie nicht und der Stoff außerdem recht grob. Das Wickelproblem war ein rechter Jammer und wurde erst von den idealen Pampers Anfang der 60er abgelöst. Ab da waren die armen Popscherln der Babies und Kleinkinder erlöst!

Frau hält einen Säugling in einem Steckkissen im Arm
Die Autorin im Steckkissen in den Armen ihrer Großmutter (1929)

Zu meiner Zeit als Baby war noch ein Steckkissen gebräuchlich, aber ich wurde nicht mehr so eng geschnürt wie die armen Säuglinge der Vorzeit. Für die Taufen meiner Kinder habe ich auch ein Steckkissen verwendet, das schön gerüscht war, ebenfalls mit bestickten Borten verziert. Danach war dieses Unding nicht mehr gebräuchlich.

Säugling in selbstgefertigten Kleidern in einem Stubenwagen
Das erste Kind der Autorin in selbstgefertigten Kleidern im Stubenwagen (1953)

Ich lag in einem Stubenwagen – mit Himmel –, wie ich ihn noch meinen Kindern machte (grüner Stoff den ersten beiden, gelb den letzten zwei – ich wußte ja nicht, ob es ein Bub oder Mädchen werden würde!): Ein länglicher Korb aus heller Weide, montiert auf einem Holzgestell mit vier Radeln, darüber ein „Galgen“, über den man (wegen der Fliegen) einen Tüll zog oder den gleichen Stoff nahm wie die Korbumrandung, die von innen bis über den Korb hing, abgeschlossen mit einem gezogenen Volant. Sah sehr hübsch aus, aber es gibt ihn schon lange nicht mehr.

Als Kleinkind trug ich im Winter gestrickte Gamaschenhosen über den Schuhen, der angestrickte Vorfuß hielt durch ein Gummiband um den Schuh fest; die waren schon in den 40ern nicht mehr gebräuchlich. Es gab ja keine Kinderstiefel. Man trug hohe, geschnürte Schuhe mit Socken und darunter schrecklich kratzende Wollstrümpfe, meist selbstgestrickte – ein echtes Greuel! Ich wünsche das niemanden!

etwa dreijähriger Junge in Matrosenanzug mit einem kleinen Schaukelpferd
Der spätere Ehemann der Autorin als Dreijähriger im Matrosenanzug (1923)

Die Zeit, wo kleine Buben Kleider trugen, habe ich nicht mehr erlebt; das war in den 20er-Jahren und davor. Ein Mädchen hatte für „schön“ ein Matrosenkleiderl, das gekauft wurde. Ich hatte sogar eine Matrosenmütze dazu. Und ein Bub trug für Besuche und Sonntagsspaziergänge seinen Matrosenanzug, mit langer oder auch kurzer Hose (mindestens bis zum Knie!).

Sonst trug das Mädchen so wie die Frau Dirndl und der Junge Lederhose, sobald er den Hosenlatz aufknöpfeln konnte. Beide verschwanden mit dem Einfluß des Amerikanischen – sprich dem Jeans-Zeitalter, das noch immer anhält. Schließlich erkläre ich, daß es früher keine Jugendmode gab. Jungen und Mädchen trugen dasselbe wie die Erwachsenen. Mir machte die Schneiderin, als ich weibliche Rundungen zeigte, die gleichen Kleider wie erwachsenen Frauen, und mein Freund erschien mit 17, 18 Jahren zu den Rendezvous in Anzug und Krawatte wie die Männer.

Bursche und Mädchen im Teenageralter in eleganter Kleidung
Teenager-Look der frühen 1940er-Jahre; die Autorin mit einem Freund (1943)
Informationen zum Artikel:

Lifestyle: Kinder- und Jugendmode vor dem Jeans-Zeitalter

Verfasst von Ilse Wolfbeisser

Auf MSG publiziert im Jänner 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 13. Bezirk / Tirol, Innsbruck/Umland
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus meinem 2002 verfassten Manuskript "Lifestyle. Alltag - einst und jetzt", S. 20 ff.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.