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Kulturschocks: Gmunden - Wien - Emden

von Wolf Dietrich Hausmann

Ich habe in meinem Leben zwei echte Kulturschocks erlebt. Der erste war der Sprung aus der Kleinstadt Gmunden, wo man jeden Menschen und jede Ecke kannte, in die Großstadt Wien. Dort war ich anfangs reichlich einsam und hatte Mühe mich in das Getriebe der großen, fremden Stadt und der chaotischen Nicht-Organisation des Studiums einzupassen. Trotz der langen Studiendauer bin ich mit Wien nie so richtig warm geworden.

Das Wien der früher 60er Jahre verströmte, besonders in den ehemaligen Russenbezirken, den eher zweifelhaften Charme des Ostblockes. Die meisten Fassaden waren seit Beginn des Ersten Weltkrieges nicht mehr renoviert worden. Sie waren daher fast schwarz und zeigten häufig noch die Löcher der MG-Garben und der Bombensplitter aus dem zweiten Krieg. Erst ab Mitte der 70er Jahre begann die Restaurierungswelle, beginnend mit den öffentlichen Gebäuden der Innenstadt. Heute ist Wien zu Recht als eine der schönsten Hauptstädte Mitteleuropas berühmt.

Es stimmt natürlich nicht, wie heute oft behauptet wird, daß es die besondere Weisheit der Stadtplaner war, die so viele alte Gebäude erhalten hat. Es war schlicht der ökonomische Zwang der leeren Kassen. Sonst wäre die schöne, geschichtsträchtige Innenstadt ebenfalls mit vielen charakterlosen Beton- und Glaswürfeln zugepflastert worden. Diese Art der Zerstörung hinterließ in allen vom Bombenkrieg betroffenen Städten mehr Wunden als der eigentliche Krieg selbst. Beispiele dafür sind Stuttgart oder Berlin. Als die Planer in Wien dann Geld für solche Projekte hatten, war der architektonische Trend freundlicherweise schon umgeschlagen. Da hatte die Stadt mächtig Glück gehabt, ihr äußeres Erscheinungsbild behielt seinen Charakter.

Meine Aversion gegen Wien wurde mit der Zeit zwar immer geringer. Aber die unverbindliche, oberflächliche, wenig energische Art der eigentlichen Wiener, und Wienerinnen, hat mir nie gefallen. Bis zum Schluß stammten die meisten meiner Freunde, so wie ich, aus Kleinstädten der Provinz.

Der zweite, nicht minder heftige Kulturschock traf mich beim Eintreffen in Emden. Es war das totale Kontrastprogramm. Aus der sich langsam wieder aufraffenden Kulturstadt Wien in das sehr verschlafene Emden in den ostfriesischen Sümpfen, fernab von Mitteleuropa, welches im Wesentlichen sich selbst genügte. Ein Beispiel: Die wenigen Exemplare der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mußte man am Sonnabend ab 11 Uhr Vormittags schon suchen. Mangels Nachfrage hatten die Kioske nur ganz wenige vorrätig. Trotz 55 000 Einwohnern herrschte in Emden die beschauliche Ruhe eines Dorfes. Ab 18 Uhr wurden die Bürgersteige hochgeklappt. Die Menschen sprachen Platt, oder eine Variante davon, wie Puristen behaupten. Die Semmeln hießen Brötchen, Wurstsorten hatten andere Bezeichnungen und wer die gewünschte Menge in Deka (Dekagramm) einkaufen wollte war der absolute Exote. Nach ein paar Monaten hatte ich eine Grundausstattung an plattdeutschen Ausdrücken parat, verstehen konnte ich den lokalen Dialekt ohnehin schnell, wenn ich die Krücke benutzte – was kann dieser Ausdruck phonetisch in Englisch heißen? Die gesamte Jugend mit Abitur studierte außerhalb Ostfrieslands, sodaß dieses belebende Element nur zu Ferienzeiten in den Kneipen oder den Sportvereinen anzutreffen war.

Heute hat sich Emden durch das großartige Henry Nannen Kunstmuseum und die Fachhochschule, die wieder studierende, unternehmungslustige Jugend in die Stadt brachte, stark zum Besseren gewandelt. Es gibt sogar im Sommer Biergärten und Straßencafés.

Ansicht einer Schiffswerft

Ich will nicht klagen, ich wollte es so. Ich wollte an der Küste große Schiffe bauen, das heißt daran mitwirken. Diese heutigen Softies, die am liebsten möglichst lange im "Hotel Mama" glucken und sich dann beschweren, daß sie keinen tollen Job direkt vor der Haustüre angeboten bekommen, habe ich nie verstanden.

Wem die andere Umgebung nicht paßt, der soll besser zuhause bleiben. Außerdem konnte man nach einer kurzen Eingewöhnungsphase die vielen Gemeinsamkeiten entdecken, die natürlich aus der Wurzel des gleichen Volkes stammten. Die meisten Leute haben eben keine Ahnung wie facettenreich die deutsche Sprache sein kann oder wie wesentlich für den geordneten Alltag grundlegende Verhaltensmuster, wie Pünktlichkeit oder das Einhalten von Zusagen, sein können. Man schicke einen Mailänder nach Palermo oder einen Pariser nach Marseille, sie werden dieselben Erfahrungen erleben.

Nie bin ich der häufigen Versuchung erlegen in das sonst bei Ortsfremden übliche Meckern zu verfallen. Man muß das Schöne und Interessante in der neuen Umgebung suchen und nicht die Mitmenschen mit Erklärungen über die andere Welt der sicher schöneren Bälle oder des unvergleichlich größeren Kulturangebotes in Wien zu nerven. Selbst das berüchtigte Ostfriesenwetter, welches mich in den Anfangsmonaten hart traf, zeigte sich im ersten Sommer von der allerbesten Seite. Wochenlang brannte aus dem klaren, unendlich weiten Himmel ohne Unterbrechung die Sonne. Wo hat man das schon? Um 16 Uhr 15 aus der Werft, um 16 Uhr 30 beim Segelboot, 16 Uhr 45 Leinen los und dann segeln bis fast 23 Uhr, solange war es im Sommer hell.

Für Zuwanderer nach Ostfriesland in meiner Situation gibt es eine sehr treffende Beobachtung der "Eingeborenen", der Ostfriesen: "Wer nach Ostfriesland kommt, der weint zweimal! Einmal wenn er dorthin kommt und das zweite Mal wenn er Ostfriesland wieder verläßt!" An diesem Spruch ist viel Wahres dran. Das hab ich selbst erlebt und bei Kollegen beobachtet.

Informationen zum Artikel:

Kulturschocks: Gmunden - Wien - Emden

Verfasst von Wolf Dietrich Hausmann

Auf MSG publiziert im Jänner 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Österreich, Oberösterreich, Gmunden; Wien / Deutschland, Niedersachsen, Emden
  • Zeit: 1960er Jahre, 1970er Jahre, 2000er Jahre

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