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Erinnerung an Olga

von Elfriede Hochher

 

Gedankenverloren lehnt Lisa an der Wand nahe dem Ausstieg der Straßenbahn, als ihr gegenüber ein junger Mann plötzlich Wangen und Lippen bläht, als hätte er den Mund voll.

Porträt einer Frau mit hochgesteckter Frisur und geschlossenen Augen

"Mit Luft, kann man nur hoffen", denkt Lisa - und plötzlich fällt ihr Olga ein. Ich werde sie besuchen, nimmt sie sich vor. Die seltenen Male, an denen sie sich treffen, enden nie ohne eine Einladung, und immer hat sie es versprochen. Wenn sie nicht mehr da ist, wird es mir leid tun, denkt sie aus Erfahrung.

Achtzig ist sie schon, die ehemalige Kollegin, die ihr so Vieles gezeigt hat, als sie noch ganz jung war, am Beginn ihres neuen Lebensabschnittes als angelernte Schwester im Spital.

Lisa war so alt wie Olgas Tochter, das mag einiges zum guten Draht beigetragen haben. Vor allem mehr Geduld hatte sie mit ihr als mit manchen anderen, und die Fehler suchte sie auch nicht so genau. Nur einmal machte Lisa einen, den sie ihr nie verzeihen konnte.

Olga stand kurz vor ihrem Winterurlaub und verkündete seit Wochen, dass sie heuer einen Schikurs machen würde. Prompt kam sie zehn Tage später im Gips zurück und war für zwölf Wochen außer Gefecht. Das bedeutete für den Rest der Mannschaft vermehrten Dienst, denn es gab keine eingeplante Urlaubsvertretung und die Diensteinteilung war eine recht willkürliche.

Angesichts dieser Aussichten verstieg sich Lisa zu der Bemerkung: "Warum muss die auch in ihrem Alter noch Schifahren lernen?" Wie absurd diese Äußerung war, wusste sie Jahrzehnte später, aber zur Tatzeit war sie zwanzig und Olga der Jahrgang ihrer Mutter.

Natürlich wurde der Bedauernswerten der Sager zugetragen, und jahrelang konnte diese es sich nicht verkneifen, bei jeder passenden Gelegenheit – und deren gab es viele – darauf hinzuweisen, dass sich auch wesentlich Jüngere beim Schifahren die Beine brechen.

Konfliktpotential gab es genug, Machtspielchen, Kompetenzreibereien, Generationsprobleme. Aber der Dienst war hart und stressig und der Zusammenhalt letztendlich stets gegeben.

Plötzlich fällt Lisa der Grund für Olgas spontanes Auftreten in ihrem Kopf ein. Denn angesichts des pausbackigen Mannes schoss ihr kurz „Speib mich ja nicht an!“ durch den Kopf. Und da war auch die längst vergangene Szene wieder:

Es war in dem kleinen, engen Ambulanzraum der Sechzigerjahre. In der Mitte der Patiententisch, rechts davon die beiden Waschbecken, die Dunkelkammertür und zwei Sessel. Links an der Wand auf Tischen die Instrumentenkassetten und drei Ständer mit Wäschekapse.

Das waren stählerne hutschachtelähnliche Behälter von siebzig Zentimeter Durchmesser und dreißig Zentimeter Höhe, der Deckel wurde per Pedal von einem eingeklinkten Arm hochgezogen, was den damaligen Sterilitätsanforderungen Genüge tat. Besagter Deckel wies ein bestimmtes Muster an Perforationen auf, die mit Filz hinterlegt waren. Dieser diente als Filter und gewährleistete gleichzeitig, dass beim Sterilisieren der Dampf die Wäsche durchdringen konnte.

Das Tauschen dieses Filters war eine sehr ungeliebte Arbeit, fiel aber in bestimmten Abständen planmäßig und bei Verunreinigung unverzüglich an.

Und es begab sich eines späten Freitagabends, dass ein ziemlich angeheiterter Gast, dessen Zustand wohl irrtümlich einer akuten Krankheit zugeordnet wurde, in diesem Ambulanzraum auf dem Tisch landete. Obwohl er sichtlich müde war, verweigerte er beharrlich Lisas und Olgas Angebot, sich hinzulegen.

Als der gerufene Arzt eintrat, wechselten die beiden Schwestern Blicke. Er hatte den Ruf, nur getaner Arbeit wohlwollend gegenüberzustehen und für Patienten dieser Art das Allerwenigste übrigzuhaben.

Er war kaum älter als sein Gegenüber und einen Kopf kleiner als der vor ihm auf dem Tisch Sitzende, was er aber mit Leibesfülle und Standesbewusstsein mehr als wettmachte.

Ein lautes, befehlendes „Legen sie sich hin!“ blieb erst mal ungehört. Die scharfe Wiederholung mit dem Nachsatz „… hob i gsogt“ ließ den jungen Mann sich in die Horizontale begeben, er schnellte aber im nächsten Moment wie von der Tarantel gestochen hoch, saß mit verkniffenem Mund wieder quer und stierte auf die Kapse. Der Doktor pflanzte sich vor ihm auf und ehe er etwas sagen konnte, versuchte der Patient, ihn mit einem knappen „Geh weg!“ beiseitezuschieben.

Der Arzt, als Choleriker bekannt, packte sein Gegenüber paradoxerweise mit einem überlautem „Greif mi jo net an!“ an den Oberarmen und wollte ihn eigenhändig in die gewünschte Position bringen. Dieses sagte nur stoisch: „Geh weg, i muass speib´n.“

Worauf der Held in Weiß einen Sprung zur Seite tat und Olga einen solchen nach vorn. Sie hatte bis dahin wie ihre junge Kollegin auf der anderen Seite des Tisches gestanden. Olga riss den Mann nach hinten, packte gleichzeitig seine Beine und drehte ihn mit einem Ruck und dem Befehl „De Kaps speibst uns net an!“ auf die andere Seite.

Lisa konnte gerade noch die andere Tischseite erreichen, um den Bedauernswerten von hinten zu stützen, da ergoss sich ein Schwall jener Mischung, mit der er das Ende einer Arbeitswoche zu feiern gewohnt war, die er aber mengenmäßig nicht immer vertrug, knapp an Olga vorbei an die Kachelwand zwischen den Waschbecken.

„Tschuidigung“, blubberte es verschämt aus dem Armen heraus, das Ganze war ihm sichtlich peinlich. Hatte er sich doch zuvor schon redlich bemüht, alles was er bezahlt hatte, auch in sich zu behalten. Der abrupte Richtungswechsel dürfte diese Anstrengung endgültig zunichte gemacht haben.

Der Arzt war mit einem „Putzens zerscht!“ verschwunden, dem Übergegangenen wurde ein Glas Wasser gereicht, und die beiden Schwestern holten Eimer und Wischer. Sie übernahmen wieder einmal den Zusatzjob. Wie immer, wenn nach Dienstschluss des Putztrupps Ähnliches passierte.

Gute vierzig Jahre ist das her.

Und morgen ruf ich Olga an und sag ihr, dass ich komme…

Mit diesem Vorsatz steigt Lisa aus dem Zug.

Der Auslöser der Erinnerung ist längst verschwunden. 

Geschrieben im September 2oo8

Informationen zum Artikel:

Erinnerung an Olga

Verfasst von Elfriede Hochher

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich
  • Zeit: 1960er Jahre, 2000er Jahre

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