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Gerdas Lehr- und Wanderjahre I: Schulzeit

von Gerda König

 

Meine Mutter Theresia, Kinderfrau, hat im November 1938 meinen Vater Rudolf, einen Schlossergesellen und Straßenbahnfahrer, geheiratet. Mutter hat sich, da es mein Vater so wollte, aus dem Berufsleben zurückgezogen. Ich erblickte das Licht der Welt Ende Juli 1939. Sie nannten mich Gerda, Gerdi, Gertschi, aber hauptsächlich Mausi.

Familienbild: Vater, Mutter und Autorin als Säugling

Mein Vater war nach dem Zweiten Weltkrieg noch verschollen, und so war meine Mama im Frühjahr 1945 dazu aufgerufen worden, mit mir zur Einschreibung in die Volksschule in der Nauseagasse in Wien-Ottakring zu kommen, welche im Volksmund auch „Krottenschule“ genannt wurde. Ich besuchte also ab Herbst 1945, nur wenige Monate nach Ende des Krieges, diese Schule.

Vor der Erbauung der Volksschule für Mädchen und Buben befand sich an dieser Stelle ein großer Teich mit vielen Fröschen und Kröten, so wurde mir berichtet. Heute heißt diese Gasse Julius-Meinl-Gasse, aber schon damals hatte Julius Meinl seine Fabrik dort. Im Frühling 2009 wurde ein Gebäudeteil dieser Fabrik abgerissen, ein anderer Teil war denkmalgeschützt und wurde erhalten.

Die Buben-Volksschule Odoakergasse – sie war mit der Nauseagasse durch einen Hof und Mauerzaun verbunden – konnte damals nicht benützt werden, da dieses Gebäude von Bombensplittern getroffen worden war.

Autorin als Sechsjährige neben einer um fünf Jahre älteren Freundin
Gerda mit Nachbarkind Erika am ersten Schultag (1945)

Der erste Schultag, den ich in Begleitung meiner Mutter und an der Hand von Erika – sie war ein Nachbarkind und fünf Jahre älter als ich – antrat, war etwas außergewöhnlich. Wir mussten an abgestellten Panzern vorbeigehen. Der Schulweg war zwar nicht sehr lang, aber auf Grund der zahlreich geparkten riesigen Geräte etwas unheimlich. Die Panzer blieben noch jahrelang stehen. Als mein Vater aus der Gefangenschaft heimgekehrt war, schnitt er – wie auch andere Leute aus der Gegend – Gummi von den Antriebsrädern und „doppelte“ damit meine löchrigen Schuhe.

Vor der Schule trafen wir auf eine große Zahl von Kindern mit Eltern, die alle aufgeregt durcheinander plapperten, dem Unterricht entgegenfieberten und auf den Einlass warteten. Der Schulwart öffnete nach einiger Zeit das große Garten- und dann das Schulhaustor. Erwachsene und Kinder drängten ins Haus. Alle „Erstklassler“ mussten an einer Lehrerin vorbei, welche in einer vorbereiteten Liste den Namen suchte und die jeweilige Klasse feststellte. Ich wurde mit Mutter und Erika in ein Klassenzimmer im zweiten Stock verwiesen, denn im Parterre und im ersten Stock der Schule Nauseagasse waren die Buben untergebracht. Es gab damals ja eine strenge Trennung zwischen Buben und Mädchen im Haus.

Da ich sehr groß gewachsen war, ich bestand nur aus Haut und Knochen, musste ich in der letzten Bank, der „Eselsbank“, wie sich später herausstellen sollte, Platz nehmen. Diese Eselsbank blieb mir die ganzen Schulzeit erhalten.

Die Buben hatten einige Minuten früher Unterrichtsschluss als wir Mädchen. Sie rannten dann ganz wild und lärmend aus dem Schulhaus und durch die Gegend.

Damit im Winter 1945/46 Heizmaterial gespart werden konnte, waren wir Schüler für einige Zeit in der Volksschule Lorenz-Mandl-Gasse bzw. am Mildeplatz untergebracht. Eine Woche hatten wir am Vormittag und in der anderen Woche am Nachmittag Schulunterricht. So konnten wir uns immer auf ein warmes Klassenzimmer freuen. Manchmal blieb aber die Heizmateriallieferung ganz aus, dann mussten wir mit Mantel, Haube und Handschuhen in der Klasse sitzen und lernen.

Die disziplinären Maßnahmen unserer sehr alten Lehrerin, Frau Nähbauer, waren Schläge mit dem Rohrstab über die Fingerkuppen, mit dem Gesicht zur Wand in der Ecke stehen oder knien, aber auch „hierbleiben“, das heißt, man musste nach Unterrichtsschluss noch einige Zeit ruhig und still unter der Obhut der Lehrerin sitzen bleiben oder Strafe schreiben. Ich machte alle Qualen durch, da ich den Griffel, den Bleistift und danach den Federstiel immer in die „falsche Hand“ also links nahm. Auch meine Mutter wurde angehalten, mir „diese Unart auszutreiben“! Jeden Tag vor Unterrichtsbeginn mussten wir mit der Lehrerin beten.

sieben Mädchen im Volksschulalter
Mitschülerinnen aus der Volksschulzeit

Im Februar 1947 kam unerwartet eine neue Schülerin in unsere Klasse. Es war Hedwig Zeger ein Flüchtlingskind, welches aus Znaim stammte und über Aspang an der Zaya zu uns nach Wien gekommen war. Meine neue Schulfreundin Hedi, welche bei meiner Mutter in Kost war, war ein „Schlüsselkind“. Ihre Mutter hatte Arbeit bei der „10er Marie“, einem heute noch bestehenden Heurigenlokal, gefunden. Ihr Vater war in Deutschland verschollen. Wir sind seit damals in Freundschaft verbunden.

Im ersten Halbjahr der vierten Klasse wurden die Mädchen, welche in das Gymnasium gehen sollten, in den dafür zuständigen Schulen angemeldet. Man benötigte dazu das Halbjahreszeugnis und ein Empfehlungsschreiben der Klassenlehrerin. Meine Lehrerin verweigerte mir dieses, obwohl ich sehr gute Lernerfolge hatte. Sie meinte: „Du bist ja nur ein Arbeiterkind und deine Eltern könnten sich das sicher nicht leisten. Ins Gymnasium gehen nur Kinder von Geschäftsleuten.“ Und das waren eben nur die Liesl von der Bäckerei Latus und Dietlinde von der Falken-Apotheke. Ich war sehr enttäuscht. Elisabeth, welche meine beste Freundin gewesen war, war sehr traurig, dass sie ab Herbst 1949 in die Albertgasse fahren musste. Sie stand ja sonst schon vor 7 Uhr in der Früh an meinem Bett in der Wilhelminenstraße. Sie machte keine Matura und wurde aus Protest gegen ihre Eltern nur „Milchfrau mit eigenem Geschäft“.

Im Frühjahr 1949 verschwand unsere immer griesgrämig, streng schauende und uns disziplinierende Lehrerin Nähbauer urplötzlich aus unserem Schulalltag. Wir wurden fortan von Fräulein Sommer unterrichtet. Sie war unser Sonnenschein, darüber waren wir uns alle einig. Unser „Fräulein“, so nannten wir sie insgeheim, war jung, dynamisch, lustig, freundlich und immer fröhlich. Wir lernten gerne für sie, denn sie machte immer wieder kleine Ausflüge mit uns – zum Beispiel ins Schloss Schönbrunn. Ob diese Ausflüge ohnedies vorgesehen gewesen wären, kann ich heute nicht mehr sagen. Wir waren alle sehr traurig, als die Volksschulzeit in der Krottenschule im Juni 1949 zu Ende ging.

Im Jahr 1953, nach Abschluss der vier Klassen Hauptschule, welche ich immer mit sehr gutem Erfolg bewältigt hatte, fuhren meine Eltern und ich erstmals mit dem Reisebüro Adria in den Ferien nach Italien. Wir verbrachten dort einen sehr schönen Urlaub in Lignano.

Schulfoto von Hauptschulabschlussklasse - 1953
Abschlussklasse der Hauptschule Roterdgasse (Juni 1953)

Als wir von dort zurückkehrten, hatten alle meine Mitschülerinnen schon eine Lehrstelle gefunden. Nur ich hatte nichts. Mutter und ich suchten und suchten, aber alle Stellen waren bereits ab Juli oder August vergeben worden. Auch Hedi arbeitete bereits als Lehrling in einer Textilfirma am Hohen Markt. Ich saß zu Hause und weinte immer wieder.

Im Herbst 1953 wurde der Schulversuch „Polytechnischer Lehrgang“ eingeführt, und so nahm ich ab September daran teil. Meine Mutter meinte: „Besser als gar nichts!“ Ich schrieb in dieser Zeit viele Bewerbungen für eine Lehrstelle und stellte mich bei unzähligen Firmen vor. Dann geschah tatsächlich ein Wunder! Baumeister Hofer meldete sich persönlich bei Mama, - wir hatten damals ja keinen Telefonanschluss. Ich ging mich vorstellen und konnte ab Oktober meine Lehre als „Industriekaufmann“ antreten. Die Firma hatte noch nie einen kaufmännischen Lehrling gehabt, aber sie wollten es mit mir versuchen.

Informationen zum Artikel:

Gerdas Lehr- und Wanderjahre I: Schulzeit

Verfasst von Gerda König

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 16. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre

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