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Strenge Winter

von Erika Thiel

Das ist ein strenger Winter dieser Winter 2009/10, so einen hatten wir schon viele Jahre nicht und sind auch gar nicht mehr daran gewöhnt, daß uns in Wien wochenlang Minusgrade bedrohen und sogar der Schnee lange Zeit liegenbleibt. Stürme lassen uns die Temperaturen noch viel kälter erscheinen – also ein richtiger Winter!

Die Kinder freuen sich, denn heuer kann man auch in Wien im Schnee stapfen und im Wienerwald rodeln und Ski fahren. Gut verpackt in ihren Daunenjacken und gefütterten Stiefeln genießen viele den Wintersport in der schulfreien Woche im Februar in Wien, denn auch derzeit ist es nicht für alle Eltern möglich, mit ihren Kindern wegzufahren. Ich freue mich mit den Gschrappen, denn obwohl ich das 80. Lebensjahr schon um einiges überschritten habe, erinnere ich mich noch deutlich an unsere seinerzeitigen Schlittenfahrten und herrlichen Rodelpartien.

Wer eine richtige Rodel besaß, gehörte zu den Reichen, die meisten von uns hatten nur einen sogenannten „Brettlhupfer“. Ein Gestell mit Kufen musste wohl vorhanden sein, die weitere Ausführung blieb dem Geschick und der Erfindungsgabe unserer Eltern überlassen. Meine Rodel hatte einen Sitz aus sehr desolaten Gurten, doch meine Mutter fand in ihrer Fleckerlkiste (das war ein großer Karton, in dem alle guten Teile abgelegter Kleidung sowie Stoffreste, die beim Nähen neuer Kleidung übriggeblieben waren, gesammelt wurden – darin zu wühlen war sehr interessant!) den Rest einer orange-braun gestreiften Decke. Diese, in doppelter Stärke über den Sitz gezogen und an der Unterseite mit Tapezierernägeln befestigt, machte dieses Sportgerät professionell. Für mich war es eine richtige Rodel.

Schwieriger war es mit der Bekleidung: Schuhe waren kein Problem, hohe Schuhe brauchten wir auch für unseren halbstündigen Schulweg. Oft waren die Schneewächten so hoch, daß ich Zehnjährige bis über die Knie einsank, und meiner kleinen, sechs Jahre alten Cousine, die hinter mir nachstapfte, ging der Schnee bis zum Unterhoserl. Sie tat mir so leid, und ich dachte, meine Tante sollte sie an solchen Tagen nicht in die Schule schicken, doch daran war nicht zu denken – sie hätte durch dieses Versäumnis den Anschluß an den Unterrichtsstoff verlieren können.

Meine Schuhe wurden nie trocken, wenn ich in der Schule anlangte, waren sie patschnaß, trockneten langsam bis zum Unterrichtsende, und zu Hause wurden sie dann mit Papier ausgestopft und neben den Herd zum Trocknen gestellt. Nach dem Mittagessen und dem Erledigen meiner Hausaufgaben gab es nur eines: „Mama, ich geh' rodeln.“ – „Aber geh', deine Schuhe sind doch noch waschelnaß.“ – „Aber die anderen warten doch auf mich!“ Also los: Wir treffen uns beim Klosterbergl oder gehen zur Napoleonschanze, dort ist es steiler.

Die Mehrheit von uns Mädchen war mit Kleid und Mantel unterwegs, wenige hatten eine richtige Wintersportbekleidung. Nach zwei Stunden kam ich total durchfroren nach Hause. Nun konnten die Schuhe bis zum nächsten Morgen trocknen, was nicht sehr oft gelang, denn der Zimmerofen wurde erst am Nachmittag beheizt, und eine Stunde vor dem Schlafengehen wurde nichts mehr nachgelegt, denn: Brennmaterial ist sehr teuer, und im Bett unter der Tuchent ist es ohnehin warm. An die nassen Schuhe habe ich mich gewöhnt – noch heute erinnert mich eine Beule an der Ferse an die Erfrierung von damals und ärgert mich bei jedem Schuhkauf.

Zu einem Schianzug kam ich aber doch noch. Er war zwar nicht sehr warm; man musste ein Hemderl, ein Leiberl, ein Pulloverl und ein Westerl darunter anziehen und fror trotzdem ein bisschen, denn der Stoff war sehr dünn, aber er sah richtig „zünftig“ aus. Mein Vater, als Dachdecker im Winter arbeitslos, hatte ihn aus seinem abgelegten, schönen, dunkelblauen Anzug – gebastelt? Geschneidert? Er war immer sehr gut in Geometrie und nach längerer Überlegung gelang es ihm, dieses Meisterwerk zuzuschneiden und auf der Maschine zu nähen, was für einen Dachdecker anscheinend auch nicht zu schwer zu erlernen war; Mama konnte ihrer schlechten Augen wegen dunkle Dinge nicht erkennen. Sie strickte eine Mütze und einen bunten Schal dazu – ach war ich schön!

Leider habe ich keine Fotografie aus dieser Zeit – nur ein Familienfoto, das Jahre vorher aufgenommen wurde, auf welchem Mama und ich in unseren neuen Sommerkleidern glänzen und mein Vater eben diesen schönen, blauen Anzug trug, der fünf Jahre später für mein Weihnachtsgeschenk verwendet wurde.

Vater sitzend, Mutter stehend, Tochter im Volksschulalter, alle elegant gekleidet im Fotostudio
Die Autorin mit ihren Eltern (um 1932)

In dieser Zeit haben wir oft gefroren, weil das Brennmaterial zu knapp war, und wir wohl auf einem Eigengrund, aber in einem nicht unterkellerten Häuschen wohnten, bei dem sich die Grundfeuchtigkeit in die Mauern zog. In ganz argen Wintern fror sogar das Wasser, das am Vorabend vom Brunnen geholt wurde, über Nacht in der Wasserkanne ein; dann musste erst der Brunnen aufgetaut werden, um Wasser zum Waschen und für das Frühstück zu haben. Trotzdem kam ich mir nie „arm“ vor, hatte ich doch Mitschülerinnen, die irgendwo auf Untermiete wohnten, und einige lebten sogar in ausgedienten Eisenbahnwaggons oder Autobussen, das waren für mich die Armen – obwohl mir dieses Hausen schon wieder sehr romantisch vorkam!

Meine Mutter war zuerst voll Begeisterung für ein Leben im Garten, aber sie hatte sich dieses leichter vorgestellt und war dann sehr enttäuscht, als sich der Gedanke, ein schönes Haus zu bauen, durch die eintretende Arbeitslosigkeit in Nichts auflöste. Und dies, obwohl jeder in der Familie ein Handwerk gelernt hatte; es gab Tischler, Spengler, Dachdecker, Elektriker. Sie wollte schließlich nur noch weg aus Stadlau, in eine richtige Wohnung, was ihr nach längerer Zeit auch gelang.

So wohnten wir dann wieder „in der Stadt“, im 2. Bezirk, und auch dort habe ich bzw. haben wir alle wieder gefroren: im Krieg, als die Brennstoffzuteilung immer kläglicher ausfiel, und nach dem Kriegsende, als es gar nichts gab als ein paar kleine Asterln, die man vielleicht noch in einem Park oder Wald fand. Der Wienerwald war leergefegt, wie aufgeräumt.

An den Winter 1946 erinnere ich mich genau: Damals begann die Industrie wieder aufzubauen, und meine Firma bot mir eine Stelle als technische Sekretärin an. Unser Büro war im Werk am Handelskai, und wir mussten mit der Linie 11 (sie wurde Geisterbahn genannt weil sie nur mit einem Triebwagen im 20-Minutentakt vorkehrte) zwei Stationen fahren. Oft war der Wagen so überfüllt, daß wir, um mitzukommen, zu zweit und zu dritt am Trittbrett standen (eigentlich hingen), und wenn diese Plätze auch nicht mehr frei waren, rannten wir zu Fuß, oft im Schneesturm und bei bis zu minus 20 Grad in unserer ärmlichen, abgenutzten Kleidung an unsere Arbeitsstätten (Siemens, Friedmann, Garvens, Krause).

In unserem Büro – es war sehr groß und fasste die damals notwendigen technischen Abteilungen, das Einrichtungsbüro, die Betriebsleitung sowie die AV und Vorkalkulation, insgesamt fünf Herren und eine Frau – stand ein riesiger Eisenofen, und daneben lagen sechs Briketts für den ganzen Tag. Es gab so manche Meinungsverschiedenheiten, wann diese verbrannt werden sollten. Aber egal wann, warm wurde es sowieso nicht.

Zu Hause war es noch viel ärger. Es gab Gaslieferzeiten – morgens, mittags und abends. Wir kamen damit leicht aus, zum Kochen gab es nicht viel, und um damit ein bisserl Wärme erzeugen zu können, war die Lieferzeit viel zu kurz.

Langsam aber doch wurde alles besser und weil ich in meinem Leben so viel gefroren habe, nahm ich mir fest vor: Nie wieder frieren – eher hungern. Bis jetzt ist mir das gelungen, und ich freue mich für die jungen Leute, die ein derartiges „Kälteproblem“ nicht kennen, weil es viele Heizmöglichkeiten gibt und richtige, warme Kleidung für sie eine Selbstverständlichkeit ist. Möge es immer so bleiben!

Geschrieben im Februar 2010

Informationen zum Artikel:

Strenge Winter

Verfasst von Erika Thiel

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 22. Bezirk / Wien, 2. Bezirk
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre, 2000er Jahre

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