Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Fleckerlteppich der Erinnerungen: 623 Beiträge

Gedanken zu Religion und Kirche III

von Eva Novotny

In meiner Wiener Wohnung (ab 1969) wusste ich lange nicht, zu welcher Pfarre wir zuständig wären, ich probierte alle Kirchen aus, doch nirgends fühlte ich mich wohl. Ich hörte jetzt vieles mit den Ohren meines Mannes, und wenn ich dann hörte, dass Menschen, die keinen Glauben hätten, keine guten Menschen sein könnten, dann wollte ich schon am liebsten die Kirche verlassen.

Nachdem ich dann in einer Pfarre zwei Mal mit den Kindern hinter die Glastüre geschickt worden war, hatte ich genug von Kirche und blieb zu Hause. Anfangs quälte mich das schlechte Gewissen, wenn ich sonntags nicht zum Gottesdienst ging, aber ich sagte mir, darauf könne es doch nicht ankommen, das ganze menschliche Verhalten müsse doch entscheidend sein.

Zwischen meinem 16. und 22. Lebensjahr hatte ich viel religiöse Literatur gelesen von Wust, über Evely, Quoist, Rahner, Boros. Ich war auf der Suche nach der „Wahrheit“, nein, so möchte ich es gar nicht nennen, auf der Suche nach dem Weg, den ich einschlagen wollte. Mich faszinierte ein barmherziger, liebender Gott, und immer wieder sang ich das Duval-Lied „O Herr, du mein Freund, du nimmst mich bei der Hand. Mit dir so vereint ziehe ich ohne Angst durch das Land …“

Ich kam zum Schluss, dass es nur ein Gebot gibt: „Liebe deinen Nächsten – dann liebst du Gott!“ und „Was du dem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan.“ Auch die Bergpredigt bedeutete mir viel. Hölle, dachte ich, sei nur eine Erfindung der Kirche, um abzuschrecken. Es war jetzt nur die Frage offen, wer mein Nächster ist. Aber die zwei Sätze genügten mir, um zu wissen, was ich zu tun habe, welchen Weg ich nehmen soll.

Während des Studiums gab es die „katholischen Hochschulwochen“, an denen ich teilnahm, die in der BEA bei Altmünster am Traunsee stattfanden, wo ich mir Wissen über die anderen Weltreligionen aneignen konnte. Und mit so einer Gruppe war ich auch zwei Wochen in den Dolomiten unterwegs.

Bergsteigergruppe in den Dolomiten

Mein Vater rief meinen Mann nach dem ersten Ehejahr zu sich und entschuldigte sich bei ihm, dass er ihm misstraut hatte, und versicherte ihm, dass er ihn sehr gern habe. Bis zu seinem Tod schätzte Vater meinen Mann sehr, und ich freute mich über Vaters Wandlung und die Wiedergutmachung.

So sehr Vater alles Traditionelle liebte, gefielen ihm im zunehmenden Alter die Texte der modernen Kirchenlieder besser, als die alten. Er hatte sich an die neue Sicht angepasst.

Als meine erste Tochter zur Erstkommunion ging, wurde ich gebeten, Tischmutter zu sein, und so bekam ich wieder Kontakt zur einer Pfarre. Es gab in Sandleiten Familienrunden, wo auch mein Mann und ich einbezogen wurden, und die Pfarrangehörigen und der Pfarrer waren sehr herzlich, tolerant und freundlich, so dass wir uns zugehörig und wohl fühlten. Ich konnte mich auch durch künstlerische Dinge am Pfarrleben mitbeteiligen. Ich gestaltete die Osterkerze, nähte zwei Altartücher, stellte 50 Keramikkreuze für die Erstkommunionkinder her und besuchte auch Diskussionsabende über manch interessante Themen.

Leider zogen wir vier Jahre später, 1981, schon von dort weg in mein jetziges Zuhause.

Ich unterrichtete wieder an einer katholischen Schule, war aber entsetzt über den Schein, der dort aufrechterhalten wurde. Lehrer, die geschieden und wiederverheiratet waren, mussten von der Schule gehen, diejenigen, die in wilder Ehe lebten, durften bleiben… Ein Priester musste sogar gehen, weil er eine unerlaubte Freundschaft nicht der Erzdiözese gemeldet hatte. Das fand ich schrecklich. Anderseits erlebte ich wieder Gemeinschaft bei mehreren Fußwallfahrten nach Mariazell, aber auch bei mehreren Rom-Aufenthalten von Schülern und Lehrern, wo ein Zusammengehörigkeitsgefühl durch gemeinsame Erlebnisse und Messfeiern innerhalb unserer Gruppe beglückend war.

In meiner Pfarre wirkte ein Pfarrer, der anspruchsvolle, aufrüttelnde Predigten hielt, für Umweltschutz eintrat und anprangerte, was ihm missfiel. Ich kannte ihn persönlich kaum, denn er war eher zurückgezogen, doch später erfuhr ich, dass ein Teil der Bevölkerung mit ihm nicht zurechtkam. Ich wollte damals meine Kinder, die in Wien zur Schule gingen und hier niemanden kannten, zur Jungschar schicken, ab es gab keine Kindergruppe. Sie gingen dann zwar aus Eigeninitiative als einzige Gruppe Sternsingen und lieferten das Ersparte ab, aber der Kontakt zu anderen Kindern oder der Pfarre kam nicht zustande. Der Pfarrer starb an Krebs, kurzzeitig kam ein Pole, danach ein Pfarrer, den das Militär begeisterte und der zu meiner Verwunderung nebenbei eine Militärausbildung machte, weil er Militärgeistlicher werden wollte.

Ein letzter Versuch der Kinder, in das Pfarrleben integriert zu werden, war die Firmung meiner jüngsten Tochter, aber auch aus dieser Gruppe entstand keine Gemeinschaft. Ich versuchte Kontakt zu knüpfen, aber es gelang mir nicht. Geschlossene Kreise, die keine Fremde einließen.

Ich durfte zwar eine Zeit lang das Pfarrzeitungslayout mit Schere und Klebstift machen, nachdem ich von den Leuten die Artikel bekommen hatte, aber als ich dann den Gekreuzigten von Kokoschka, der herabgreift und den Armen austeilt, aufs Titelblatt setzte, wurde mir das Layouten entzogen, ohne darüber ein Wort zu verlieren.

Das endgültige Aus für meine Teilhabe an der Pfarrfamilie kam dann durch meine Fürsorge für die bosnischen Flüchtlinge, die in Zwistigkeiten und Eifersucht endete, so dass ich von da ab meine eigenen Wege ging. An viele verbale Kränkungen will ich mich heute nicht mehr erinnern.

Was ich bisher beschrieben habe, sind aber eigentlich bloß die äußeren Umstände. Was mich vielmehr stört, ist, dass die Inhalte, die Sprache und die Taten nie der Aktualität angepasst wurden.

Es störte mich, als einem evangelischen Bürger, der fragte, ob er eine Trauerfeier für seine Angehörigen in unserer Kirche abhalten könne, eine Absage erteilt wurde. Es störte mich, wenn wir Lieder sangen, deren Texte derart unpassend und veraltet waren und mit denen ich mich nicht identifizieren konnte (z.B. die zweite Strophe von „Fest soll mein Taufbund …“). Es störte mich die kühle Atmosphäre, die Unnahbarkeit bei vielen Leuten, so dass ich das Gefühl hatte, nicht dazuzugehören. Oft verließ ich die Kirche mit Tränen in den Augen.

Mag sein, dass es auch daher resultiert, dass man im fortgeschrittenen Alter nicht mehr so leicht Kontakte knüpft, dass man wählerischer im Umgang mit anderen Menschen wird, denn Bekannte hat man ja sehr viele, aber Freunde gibt es nur ganz wenige, und ich wünschte mir immer Menschen, mit denen man auch über andere Dinge als nur übers Wetter, das Essen, Kleidung oder Krankheiten reden kann. Über meine Anliegen, die Schicksale der Flüchtlinge konnte ich nie reden, denn keiner verstand mich, oder wollte mich verstehen. Ich spürte eine gewisse Ablehnung.

Deshalb schrieb ich zwei Mal Briefe an Pfarrgemeinderäte, Antworten bekam ich keine. Auch die Ablehnung islamischer Menschen störte mich.

Viele Widersprüche zwischen Lehre und Tun fielen mir auf, und ich kann auch heute nicht verstehen, dass es immer noch heißt: „Diese Messe ist für die Angehörigen der Familie X“, so sind eben fast alle Messen für die Angehörigen der Familie X, weil die genug Geld haben und hoffen, das Seelenheil der Angehörigkeiten damit erkaufen zu können.

Von Bischöfen und der Obrigkeit hätte ich mir öfter klare Worte zu rassistischen Äußerungen der Politiker oder zu fremdenrechtlichen Verschärfungen oder auch zu Missbrauchsfällen, wie zum Fall Groer gewünscht. Zu lange haben sie geschwiegen.

Christen sollten „die Stadt am Berge sein, die leuchten“ soll, „das Salz der Erde“, das Menschen benötigen, wie wir es aus den Evangelien hören, aber ich sehe so wenig leuchten und so wenig Salz. Für mich ist die Kirche im Augenblick sehr düster. Es gibt Vorschriften, aber es halten sich nicht alle daran und jeder zimmert sich ein bisschen seine eigene Religion.

Auch mir, die ich mir einmal in meiner Jugend in allem so sicher war, sind im Laufe der Jahre viele Zweifel gekommen. Ich habe die Bücher von Herrn Drewermann verschlungen und konnte seinen Ausschluss aus der Kirche oder sein Lehrverbot nicht verstehen und im Gegensatz dazu den Rückruf der Levebre-Gruppe auch nicht.

Meine Kinder haben sich abgewendet, eine Tochter ist ausgetreten, weil sie in einer Pfarre miterlebt hat, wie ein Sandler aus der Kirche geschmissen wurde, die anderen sind nur mehr durch den Taufschein als Katholiken ausgewiesen, sie besuchen höchstens zwei Mal im Jahr einen Gottesdienst. Die Enkelkinder sind zum Teil ungetauft, weil die Eltern meinten, sie sollten sich als Erwachsene selbst entscheiden können, welcher Religionsgemeinschaft sie angehören möchten. Sie besuchen den katholischen Religionsunterricht, der ihnen sogar sehr gefällt, aber ansonsten haben sie keinen Bezug zu einer kirchlichen Gemeinschaft.

Ich fürchte, wenn kein Same ausgestreut wird, kann auch keine Frucht aufgehen. Aber so sehr es mich traurig macht, so sehr kann ich es auch verstehen, denn sie haben nie Gemeinschaft in der Kirche erlebt, was ich ihnen so sehr gewünscht hätte.

Auch in unserer Pfarrkirche sitzen meist grauhaarige Menschen, ein paar Jüngere, aber keine Jugendlichen und kaum Kinder. Wie wird das in 20 Jahren sein?

Jetzt haben wir seit zehn Jahren einen Pfarrer aus dem Kongo. Er hat Herzlichkeit und Wärme wieder in die Kirche gebracht und die Leute animiert, für seine Heimat ein Unterstützungsprojekt anzugehen, woran sich auch viele beteiligen, aber bis das Verstehen auch untereinander funktioniert, wird es sicher noch dauern. Seitdem er da ist, wird das Tun wieder in den Mittelpunkt gerückt, was ich gut finde.

Ich habe nur das Gefühl, dass die Menschen hier gerne für Projekte spenden, die weit weg von Europa sind, aber viele meinen, dass alle anderen, die rund um uns leben, wieder in ihre Heimat zurückkehren sollten und solange sie hier leben nicht unterstützungswürdig sind.

Im Verhältnis zu anderen Religionen bin ich nicht der Meinung, dass meine die einzig wahre ist (so wie ich es in der Schule noch lernte), ich glaube vielmehr, dass es verschiedene Wege gibt, zu dem Gott, der für uns alle derselbe ist, zu gelangen.

Habe ich in meiner Jugend ein missionarisches Bedürfnis gespürt – wir wurden damals am Karfreitag ausgeschickt, an die Türen aller Menschen zu klopfen und Botschaften auszuteilen, was ich auch mit Begeisterung tat und tagelang, wie heute die Zeugen Jehovas, von Tür zu Tür ging. Ich wollte alle von der Großartigkeit meiner Glaubensgemeinschaft überzeugen.

Später bin ich ganz davon abgekommen und der Meinung, dass jeder seinen eigenen Weg suchen und finden soll und glaube fest daran, dass ein Gott mit anderem Maß misst, als wir Menschen und in seiner Barmherzigkeit alle bei ihm Herberge finden.

Wenn ich mich nun frage, was diese Wandlung denn bedingt hat, dann sind es die vielen Begegnungen mit Menschen, die anders geprägt sind, in anderen Kulturkreisen aufgewachsen, die anders denken, aber letzten Endes suchen wir alle ein Leben ohne Angst, dafür aber Geborgenheit und Liebe.

Neugierig bin ich, wie sich meine Enkelkinder weiter entwickeln, für welche der vielen verschiedenen, vorgelebten Wege sie sich entscheiden werden. Ich stelle es mir schwerer vor, selbst den Weg zu finden, als schon in ein „Nest“ hineingeboren zu werden. War es vor 50 Jahren noch eine Ausnahme, als Schüler konfessionslos zu sein, ist es heute in manchen Schulen schon die Mehrheit der Kinder. Umso mehr fühle ich mich aber verpflichtet, ihnen ein tatchristliches Leben vorzuleben, um für sie glaubwürdig und vielleicht auch ein Vorbild zu sein.

Informationen zum Artikel:

Gedanken zu Religion und Kirche III

Verfasst von Eva Novotny

Auf MSG publiziert im April 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Niederösterreich, Wien-Umgebung
  • Zeit: 1969 bis 2010

Anmerkungen

Der Text "Gedanken zu Religion und Kirche - damals und heute" entstand im Februar 2010 und wird hier in drei Teilen wiedergegeben.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.