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Kindheit in Ungarn I

von Erika Groiss

Die Welt sieht jetzt so ganz anders aus als früher. Früher, das ist die Zeit, in der ich ein Kind war. Eigentlich war ich ein glückliches Kind. In Budapest geboren und gelebt bis zum dreizehnten Lebensjahr, kommt mir diese Zeit so schön und fast unwahrscheinlich vor. Als wäre diese Zeit nur ein Traum gewesen oder ein Film, der vor meinen Augen jetzt abläuft. War ich denn wirklich dieses Kind, das so unbeschwert und wohlbehütet gelebt hat?

Porträt der Autorin als Sechsjährige
Die Erzählerin (1938)

Meine Eltern waren keine echten Budapester. Meine Mutter ist in Nyergesújfalu, in einem Dorf in der Nähe von Esztergom geboren und dort aufgewachsen und mein Vater gar in Salzburg geboren und hat lange dort gelebt bei seinen Eltern. So war ich eigentlich keine waschechte Ungarin sondern ein „Mischling“. Mein Vater ist zu einer österreichischen Firma nach Ungarn versetzt worden, hat meine Mutter kennengelernt, hat sie geheiratet und ist in Ungarn geblieben. Das alles habe ich erst viel später, bei meinem Schuleintritt erfahren. Geredet wurde bei uns ungarisch und mein Vater sprach diese Sprache akzentfrei.

Die Ferien habe ich meistens in Nyergesújfalu bei meinen Großeltern verbracht. Das war eine tolle Zeit, dort war für mich das Paradies! Die Großeltern hatten ein Gasthaus und viele Weingärten. Das Gasthaus führte hauptsächlich meine Großmutter, sie war eine großartige Köchin und da kamen viele Gäste zum Mittagessen. Sie hatte zwar zwei Gehilfinnen, aber das Kochen überließ sie niemand anderem.

Ich habe sie immer bewundert, wie sie auf vier bis fünf Tischen auf einmal Strudelteig auszog. Damals gab’s noch keinen fertigen Strudelteig. Sie lief von einem Tisch zum anderen und zog und zog die Teige, die immer dünner und dünner wurden. Kirschenstrudel, Apfelstrudel, Krautstrudel. Kleine Kunstwerke – sie zergingen auf der Zunge. Und sie freute sich riesig, wenn die Gäste alles aufaßen und mit Lob nicht sparten. Ein paar Stücke hob sie freilich für mich und für ihre anderen Enkelkinder auf. Die kamen auch gerne zu ihr. Meine drei Cousinen und zwei Cousins waren meine Sommerspielkameraden. Eigentlich nur die zwei Mädchen von ihnen, das dritte Mädchen, Irene, war um fünf Jahre älter und die zwei Buben sechs und sieben Jahre älter. Sie waren uns in allem überlegen, behandelten uns manchmal mit wohlwollender Herablassung, aber manchmal auch recht unsanft.

Doch wenn unsere Eltern auf einen Ball gingen, waren wir alle bei der Großmutter. Sie konnte prima Mundharmonika spielen, und wir tanzten dann miteinander und durften lange aufbleiben und herumtollen. Mein Großvater kümmerte sich viel weniger um uns. Er hatte viel zu tun in den Weingärten, und am Abend war er im Gasthaus und unterhielt sich mit den Gästen. Er spielte oft Karten mit ihnen, Bauernschnapsen.

Großvater war aber doch sehr begehrt bei uns Kindern, hatte er doch zwei Pferde und eine schöne, große Kutsche. Er holte meine Eltern und mich vom Bahnhof ab, wenn wir aus Budapest kamen, denn der Bahnhof war ziemlich weit vom Gasthaus entfernt. Das Haus war sehr groß. Vier bis fünf Zimmer waren immer vermietet und für uns ein Zimmer immer frei. Sie selber bewohnten zwei Zimmer. Der Garten war auch sehr groß, reichte bis zum Donauufer. Wir konnten mit dem Badeanzug zur Donau baden gehen. Nur war das Wasser recht kalt, zumindest für mich, die leicht verkühlt war. Hochwasser war selten, wenn aber doch, dann stand der untere Teil des Gartens unter Wasser.

Der mittlere Teil des Hofes war mein Paradies. Dort waren die Haustiere; Hühner, Enten, Gänse und Kaninchen untergebracht. Ich hielt mich dort sehr oft auf und fütterte die Tiere. Sie kamen mir schon entgegen, wenn sie mich kommen sahen. Die Großmutter war entsetzt. So viel Futter brauchten sie im ganzen übrigen Jahr nicht wie bei meinem Aufenthalt.

Ein, zwei Mal im Jahr feierten wir Familienfest. Da kamen die drei Schwestern und der Bruder mit ihren Familien zu den Großeltern. Und Großvater spannte seine zwei Pferde vor die Kutsche und fuhr mit uns nach Szentkereszt. Das heißt Heiliges Kreuz und ist eine Art Wallfahrtsort in der Gegend. Wunder sind dort nicht geschehen, aber es stand eine kleine Kirche, eher eine Kapelle dort, und rundherum waren Weinkeller. Die Gegend war sehr schön, man konnte dort auch gut essen und trinken. Wir Kinder spielten und liefen herum, und die Erwachsenen feierten ihren Familientag.

Personengruppe auf einem Abhang/Straßenböschung sitzend
Weinkellerfest bei den Großeltern

Ach und meine Großeltern hatten einen lieben Hund, den ich über alles liebte. Ich gab ihm verstohlen Stücke von meiner Torte und auch Schokolade, und der arme Hund war dann krank, aber er begleitete mich auf Schritt und Tritt.

Nach zwei drei Wochen hatte ich meistens Heimweh und meine Mutter holte mich dann nach Hause.

In Budapest hatten wir keinen Garten. Wir wohnten in einem Mietshaus in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Zwei größere Zimmer, mein „halbes Zimmerchen“, Vorzimmer und Küche und ein kleines Bad. Meine Mutter ging jeden Nachmittag mit mir spazieren. Oft gingen wir an einem schönen großen Spielwarengeschäft vorbei. Ich bewunderte die Spielsachen und wünschte mir auch oft etwas. „Nächstes Mal, heute geht es nicht“, sagte oft meine Mutter. Aber das „Nächste Mal“ fand nicht statt: „Vielleicht bringt dir etwas davon das Christkinderl“, tröstete mich die Mutter.

Aber das Christkinderl erfüllte nur einen Bruchteil meiner Wünsche. „Andere Kinder wollen auch Geschenke, das Christkinderl ist nicht so reich, dass es alle Wünsche erfüllen könnte.“ Das sah ich auch ein und vertiefte mich in ein Märchenbuch. Ich ging schon in die erste Klasse Volksschule und konnte ein wenig lesen, oder halt die Bilder anschauen.

Bei dem nächsten Weihnachtsfest war ich schon „aufgeklärt“. Ich wusste, dass die Geschenke nicht vom Christkindl, sondern von den Eltern stammten. Und da habe ich erstmals so etwas wie Klassenunterschied entdeckt. Denn in meiner Klasse waren Kinder, die mehr Geschenke bekamen als ich. Also waren die reicher als wir. Anderseits gab es ein paar Kinder die manchmal nicht in die Schule kamen, obwohl sie nicht krank waren. Die hatten ihre Schuhe beim Schuster und konnten barfuß nicht kommen. Also waren die ärmer als wir.

Ich habe mehrere Schuhe gehabt, ein Sonntagskleid, einen Wintermantel und einen Frühjahrsmantel und ein paar Wochentagskleider. Wir waren nicht arm, aber auch nicht reich, stellte ich fest. Im Schlafzimmer standen zwei große Schränke. Einer für Wäsche, der andere für unsere Kleider. Keine großartige Garderobe, aber die Bekannten von uns hatten auch nicht mehr. Ich bekam nur etwas Neues, wenn ich aus dem Alten herausgewachsen war. Aber das war für mich nicht sehr wichtig. Spielsachen hatte ich ein paar, das genügte.

Am liebsten ging ich mit meiner Mutter zum Spielplatz, und dort konnte ich mit den anderen Kindern spielen. Verstecken, Fangen, Ballspielen – war das ein Vergnügen! Manchmal trank ich einen kalten Kakao dort in dem Kiosk, und sogar Ponyreiten durfte ich, aber eher selten. Meine Mutter plauderte mit den anderen Müttern. Die Mütter waren meistens nicht berufstätig, aber das war so schön, immer nahe bei den Müttern zu sein; man fühlte sich so sicher und wohlbehütet Wenn ich hingefallen bin oder sonst ein Wehwehchen hatte, konnte ich jederzeit zur Mami weinen gehen. Sie tröstete mich. Jeden Abend kam sie zu meinem Bett, und wir beteten zusammen das Abendgebet, dann küsste sie mich und ich schlief sanft und glücklich ein.

Zu meiner Mutter sagte ich „anyuka“ und zum Vater „apuka“. Die ungarischen Kinder nannten ihre Eltern meistens so.

Meine „anyuka“ war nicht streng zu mir. Ich war kein schlimmes Kind, aber sehr brav gerade auch nicht. Manchmal war ich unfolgsam und gab freche Antworten, dann gab sie mir sogar eine sanfte Ohrfeige, aber das tat nicht weh. Es war eher ein Streicheln. Der Apuka hat mir nie eine Ohrfeige gegeben, aber er sah mich sehr streng an und schimpfte. Vor ihm hatte ich aber eher Angst und mehr Respekt. Zu ihm hatte ich mehr Distanz. Mit ihm konnte ich nicht so vertraut werden. Er kam am späten Nachmittag nach Hause, aß zuerst, dann fragte er, wie es mir in der Schule ginge und vertiefte sich dann in seine Zeitung.

Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche. Meiner Mutter war das ein Bedürfnis, sie war sehr religiös. Mein Vater war das nicht, ich glaube er ging nur ihr zuliebe zur Messe. Ich musste mitgehen, zwar hatte ich nichts dagegen, aber es war langweilig. Überhaupt die Predigt. Nach der Messe ging ich meist mit meinem Vater spazieren. Die Mutter musste zu Hause kochen. Sehr viel Freude machte mir der Spaziergang nicht. Spaziergänge waren mir langweilig und außerdem wollte Vater mit mir Deutsch reden. Er wollte, dass ich seine Muttersprache lerne. Ich ging deshalb auch in einen Deutschkurs für Kinder. Was mein Vater sagte, das verstand ich fast alles, aber reden wollte ich nicht. Irgendwie schämte ich mich, dass ich nicht gut genug sprechen konnte, und es fiel mir auch nichts ein. So auf Befehl einfach zu sprechen gefiel mir nicht. Also ging ich stumm neben ihm her, und es war uns beiden fad.

Nach dem Mittagessen legten sich meine Eltern nieder und ich spielte. Am Nachmittag gingen wir oft zu unseren Bekannten auf Besuch oder wir bekamen Besuch. Die Bekannten hatten auch Kinder, und so konnte ich mit denen spielen. Mit Puppen zu spielen war mir fad, ich brauchte viel Bewegung. So spielten wir halt oft Verstecken oder, wenn das Wetter schön war, gingen die Eltern mit uns Kindern in den Park, dort durften wir herumlaufen.

Ich wurde dann älter und größer. In der vierten Klasse der Volksschule sagte einmal der Katechet, dass wir nach Gottes Ebenbild von Gott erschaffen wurden. Ich hatte aber gehört, dass die ersten Menschen wie Affen aussahen. Da fragte ich: „Aber der liebe Gott kann doch nicht so hässlich sein wie die ersten Menschen, die ja den Affen ähnlich waren!“ Der Katechet war böse: „Du vorlautes Kind, halte deinen Mund! Du bist zu dumm dazu das alles zu verstehen.“ Das war keine befriedigende Antwort. Ich schwieg zwar, aber ich war sehr verunsichert.

Klassenbild einer Volksschulklasse mit Lehrern
Unsere Volksschulklasse (1939)

In der Volksschule redeten wir sehr oft mit der Lehrerin von unserer Heimat. Sie sagte, dass nach dem Ersten Weltkrieg Ungarn sehr viel Unrecht geschehen sei. Wir hatten im Norden Gebiete an die Tschechen, im Osten an Rumänien und im Süden an Serbien verloren. Ungarn war früher ein großes, schönes Land und jetzt klein und arm. Wir müssen alles daransetzen, dass wir wieder die verlorenen Teile zurückbekommen. Uns hat das alles sehr berührt, und wir hatten beinahe Hassgefühle gegen die Tschechen, Rumänen und Serben.

An unserem Nationalfeiertag hatten wir zwar keinen Unterricht, aber wir mussten in die Schule gehen feiern. Der Herr Direktor hielt jedes Jahr eine leidenschaftliche Rede. Er sagte, dass wir uns nicht mit dem Verlust der vielen Gebiete an unsere „Feinde“ abfinden dürften. Wir sollten immer daran denken, was für ein Unrecht uns geschah. Die Tschechen, Rumänen und Serben seien unsere „Feinde“, und unseren Brüdern und Schwestern gehe es in den Feindesländern sehr schlecht. Sie werden unterdrückt und haben fast keine Rechte. Wir müssten die Welt auf unsere Not aufmerksam machen. Wir waren sehr ergriffen von seiner Rede, wir kleinen Patrioten. Die Liebe zur Heimat wurde uns eingeprägt. Wir waren kleine „Nationalisten“.

Ich habe das alles zu Hause erzählt. Mein Vater lächelte: „Du kleine Patriotin brauchst dich nicht so ereifern, bist ja doch nur eine halbe Ungarin, ich bin Österreicher, durch mich bist du eine halbe Österreicherin.“ Aber er nahm mir meine Begeisterung nicht übel. Er liebte Ungarn, und die Ungarn hatten ja nichts gegen die Österreicher und Deutsche. Sie betrachteten sie als Freunde, hatten sie doch ein ähnliches Schicksal erlitten nach dem Weltkrieg. Mein Vater hat keine Nachteile gehabt, und überall wurde er gern gesehen. (...)

Informationen zum Artikel:

Kindheit in Ungarn I

Verfasst von Erika Groiss

Auf MSG publiziert im Mai 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Ungarn, Esztergom, Nyergesújfalu / Ungarn, Budapest
  • Zeit: 1930er Jahre

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