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Oma, Opa, der Schwarze Graf und die Russen

von Sonja Raab

Mein Opa, mein Vater und ich, wir sind in Opponitz geboren. Opponitz liegt an der niederösterreichischen Eisenstraße, der Name des Ortes kommt aus dem slawischen „sobot nica“ und wird mit „Geräusch des Wassers“ übersetzt.

Das Wasser wurde damals – so wie heute auch – gebraucht, um Strom zu erzeugen und um die Motoren der Hammerwerke anzutreiben. Wasser treibt auch die Turbinen des Wasserkraftwerkes an, das 1921-1924 in Opponitz gebaut wurde und seinen Strom nach Wien lieferte.

Wasser verbinde ich als „Eingeborene“ aber natürlich vor allem mit der Ybbs, die mir herrliche Lagerfeuernächte am Strand ermöglichte, sowie Schwimmstunden mit Wasserschlangen-Begleitung, Beobachtung von Graureihern und Eisvögeln, sowie herrliche Fische, Feuersalamander, Frösche und eine einmalige Landschaft rundherum.

Opa aber hatte mit dem Wasser vorerst nur wenig zu tun, denn er lebte oben am Berg, im Furtenreith. Da ging ich später mit meiner Oma ab und zu mal rauf, um Zwetschgen zu sammeln oder Nüsse, von den Bäumen die noch immer dort oben standen. Aber sehr viel Freude hatte ich damit nicht, da der Weg steil nach oben führte, sehr lange war für meine kurzen Beine und man ziemlich ins Schwitzen kam. Die Belohnung waren dann aber die vielen guten Nüsse und Zwetschgen, aus denen Oma gute Kuchen machte und Knödel.

Das Haus, das zu Opas Zeiten da oben stand, hatte die Hausnummer „Graben 16“, und da sind auch mein Papa und seine Schwester Vroni zur Welt gekommen. Es muss sehr wenig Platz gewesen sein dort oben, das Haus hatte nur einen Raum und einen Dachboden. Im Winter kam durch das Dachfenster der Schnee rein, der dann auf der Bettdecke liegen blieb.

Später wurde das Haus abgerissen, ich habe es nicht mehr gekannt, konnte mir aber sehr gut vorstellen, wie es sein musste, von da oben jeden Tag - auch im Winter - zur Schule gehen zu müssen.

Opa arbeitete damals für den „Schwarzen Grafen“, so wurde der große Bauer nebenan genannt, der einen eisenverarbeitenden Betrieb hatte und auch heute noch hat. Der Name „Schwarzer Graf“ kommt wohl von der schwarz-verklumpten Eisenschlacke der Schmieden, die man heute noch in der Ybbs findet. Das Sichelwerk war damals noch in Betrieb, heute dient es als Museum.

Dort wurden Sicheln und Sensen und Gabeln hergestellt, und ich kann mich noch an das monotone Geräusch des Hammers erinnern, das mich in meiner Kindheit wie eine Hintergrund-Musik begleitete: Ding-ding…Ding-ding… Ding-ding…

Opa hat insgesamt etwa 23 Jahre dort gearbeitet, nachdem er 1948 aus der russischen Gefangenschaft zurückgekommen ist. Er war allerdings nicht immer im selben Gebäude tätig, denn es gab eine ganze Reihe „Gewerke“, Hammerschmiede-Gebäude also, die sich den Bach entlang durch den Ort zogen.

Es fing beim heutigen „Klopf-Haus“ am oberen Ortsende an, das damals noch „Thalner-Haus“ hieß, zog sich weiter über den Pießlinger zum „Fuchsenhammer, wo zu Opas Zeiten etwa 30-40 Leute in zwei Schichten gearbeitet haben. Dann kam das „Demut- Haus“, das heute die Familie Gruber bewohnt, das heutige Gemeindehaus, das sich damals „Hilmbrandt- Haus“ nannte, und das „Schönauer- Haus“, wo heute das SPAR- Lebensmittel-Geschäft drin ist.

Opa hat im Monat damals etwa 7000,- Schilling verdient, davon musste er auch den Hausbau finanzieren, denn 1954 entstand mein Elternhaus, in dem ich 1975 geboren wurde.

1957 war es fertig, dann konnten Oma und Opa und Papa und seine Schwester vom Furtenreith runter ziehen in das neue Haus, gleich neben dem Hof des Schwarzen Grafen.

Ein Sack Zement kostete zu jener Zeit genau 28 Schilling, der Schotter musste mit Scheibtruhen vom Bahnhof geholt werden. Der Bahnhof ist etwa eineinhalb Kilometer von unserem Haus entfernt, das heißt, man brauchte nicht nur Geduld und Ausdauer, sondern auch ganz viele Muskeln zu dieser Zeit. Da gab es noch keine Kräne und Bagger- es wurde alles mit der Hand gemacht.

Der Kanal musste gegraben werden, damals wurde alles selbst bezahlt, und heute zahlen wir trotzdem jährlich 6000 Schilling Kanalgebühr im Jahr für den Kanal, den Oma und Opa selbst gegraben haben.

In den 80er Jahren wurde dann der Fuchsenhammer abgerissen, Opa machte die letzte Gabel, und unser Fluder wurde zugeschüttet.

ländliches Hochzeitspaar im Schnee
Die Eltern meiner Großmutter, Maria und Wilhelm, an ihrem Hochzeitstag in der Lassing (um 1925)

Oma ist 1925 in Lassing geboren, ihr Vater Wilhelm war beruflich Jäger, ist später an Kehlkopfkrebs gestorben und führte angeblich ein sehr unkeusches und rücksichtsloses Leben - gelinde ausgedrückt.

Omas Mutter Maria hatte ein sehr schweres Leben, sie hat nicht nur 13 Kinder zur Welt gebracht und ein 14. Kind im dritten Monat der Schwangerschaft verloren, sondern war dann auch noch 6 Jahre krank und starb mit 48 Jahren an Gebärmutterkrebs.

Zudem ging ihr Mann zu Lebzeiten nicht gerade zimperlich mit ihr um, aber so war das eben damals, da wurde nicht lange gefragt, ob man Kinder MÖCHTE, sondern man hatte das zu tun, was der Mann sagte.

Heute bekommen Frauen im Durchschnitt weniger als zwei Kinder und brauchen auch keinen Mann mehr dazu. Seit die Emanzipation Einzug gehalten hat, gibt es prinzipiell kein langes Leiden mehr, sofern die Frau genug Kraft und Mut hat, sich aus einer misslichen Lage zu befreien.

Familienbild mit zahlreichen Kleinkindern
Oma Hermine (2. von links) und ihre Geschwister. Die Mutter in der Mitte des Bildes hält das jüngste Kind im Arm, neben ihr ihr Mann Wilhelm Mandl. Nachdem das Foto entstand, wurde noch ein weiteres Kind geboren. Mit 48 Jahren starb Mutter an Gebärmutterkrebs. Meine Oma pflegte sie bis zu ihrem Tod und kümmerte sich danach um die kleinen Geschwister

Oma hatte also 12 Geschwister, eine ältere Halbschwester hatte ihre Mutter ledig bekommen, dann kamen Rudi, Oma, Hans, Erna, Othmar, Rosa, Berta, Theresia, Wilhelm, Hugo, Emmy und Rudolph.

Emmerich ist wahrscheinlich in Russland umgekommen, man weiß bis heute nicht was mit ihm passiert ist und wo er ist, ob er noch lebt, oder ob er irgendwo verscharrt wurde. Ich habe versucht, per Internet nachzuforschen, habe aber nichts gefunden.

Zu den überlebenden Geschwistern hat Oma heute noch regen Kontakt, man trifft sich bei Geburtstagen und Familienfeiern, und da jeder mehrere Kinder, Enkel und Urenkelkinder hat, geht es da oft zu wie auf einer türkischen Hochzeit.

Auch Opa, den sie später im Mai 1950 beim Kirchenwirt in Opponitz kennen lernte, wo Oma damals gearbeitet hat, hat den Krieg nicht ganz ohne Wunden überlebt. Er hat nie viel geredet darüber, aber kurz bevor er überraschend starb, habe ich etwa ein halbes Jahr lang immer wieder nachgefragt, und so nach und nach konnte ich ihm folgende Geschichte aus der Nase ziehen:

Opa ist 1924 geboren, sein Elternhaus war in der Laussa (Ennstal, Hengstpass). Ich bin erst vor wenigen Tagen zum ersten Mal mit dem Auto durch diese Schlucht gefahren, es ist wunderschön dort, extrem wildromantisch und es gibt dort sogar einen riesigen Felsen der sich „Türkenkopf“ nennt. Auch der Vater von Opa war schon Holzknecht, und Opa hatte drei Geschwister.

1942 ist Opa eingerückt, er war zuerst in Deutschland unterwegs, dann wurde er mit anderen Soldaten in einen Zug gesetzt, von dem sie nicht wussten, wohin er fahren würde.

Porträt eines jungen Soldaten der deutschen Wehrmacht mit Uniformmütze

Während der Fahrt gab es eine große Explosion, alle hatten schreckliche Angst, eine Mine hatte einen Teil des Zuges zerstört. Sie mussten alle aussteigen, durften sich nicht bewegen und mussten warteten, bis eine neue Lok gebracht wurde. Am nächsten Tag ging es weiter. Keiner wusste, wo sie sind. In Russland erkannten sie dann an der Sprache, wo sie waren.

Eine Nacht und einen Tag lang fuhren sie mit einem Schiff von Constanta nach Sewastopol. Dort gab es etwa 70.000 Gefangene. Er kam in ein Gefangenenlager auf der Krim, wo er in Kolchose-Ställen gearbeitet hat. Von dieser Gegend hat er trotz seiner schrecklichen Erlebnisse immer geschwärmt, und ich glaube, dass es für ihn einerseits ein großer Reiz gewesen wäre, wieder einmal dorthin zu kommen, andererseits sagte er dann immer: „Ich hätte Angst, dass ich nicht mehr zurückkomme.“

Auf meine Frage, wie es ihm damals ergangen ist, sagte Opa nur: „Lustige Erlebnisse hab ich nicht gehabt, aber genug traurige. Aber die erzähle ich nicht. Es gab halt nur Suppe und so Zeug zu essen. Und wenn eine Bombe kam, dann blieb nicht mehr viel übrig.“ Dann schwieg er wieder…

Ein anderes Mal erzählte er mir, dass bei langen Märschen oft über Leichen gestiegen werden musste, und keiner hätte sich getraut, in den Taschen der Leichen nach etwas Essbarem zu suchen, weil sofort einer der Soldaten gekommen wäre und ihnen einen Arschtritt gegeben hätte. Einen Satz haben die Russen damals immer wieder wiederholt: “Der Deutsche wird so lange hier bleiben, bis jeder Stein wieder dort liegt, wo er gelegen hat!“

Die Österreicher wurden später von den Deutschen getrennt und durften früher nach Hause.

Nach einer Explosion hatte Opa einen Splitter im Finger der rechten Hand, er kam zurück in ein Lazarett nach Deutschland, bekam Urlaub, danach musste er wieder zurück.

Wir haben auch über Konzentrationslager geredet. Opa meinte, dass JEDER von den KZs gewusst hätte, dass aber keiner sich getraut hätte, darüber zu reden. Nicht mal unter Freunden, denn jeder hätte petzen können und dann wärst du der Nächste gewesen, der vergast wird. Opa hat nie ein KZ gesehen.

Als ich Opa fragte, wie man erfahren hat, dass ein Bekannter oder Verwandter im Krieg umgekommen ist, sagte er, dass man einfach eine Nachricht von der Truppe bekam, wo draufstand: “Vermisst.“

Wie der nun genau umgekommen ist, das konnte man meistens eh nicht so genau sagen.

Wenn eine Bombe kam, dann blieb nicht viel übrig. Da brauchte man gar nicht erst zu suchen. Der war eben einfach vermisst.

Es gab damals einige Organisationen wie das Rote Kreuz oder den russischen Halbmond, die haben oft Nachrichten geschickt, wenn Verwandte gefunden wurden.

Als Opa 1947 von Russland nach Hause fahren durfte, saß er im Zug und glaubte erst an seine Heimkehr, als er in Waidhofen/Ybbs am Bahnhof aussteigen durfte. Er ging einige Schritte, und das Erste, was er sah, waren RUSSISCHE SOLDATEN!

Er bekam es mit der Angst zu tun und glaubte, dass er gleich wieder zurück geschickt werden würde. Was musste das für ein Gefühl gewesen sein: diese lange Gefangenschaft, die Reise, dann endlich - Heimat, und dann russische Uniformen! Aber er ging an ihnen vorüber und sie beachteten ihn überhaupt nicht.

Dann ging er zu Fuß die lange Strecke von Waidhofen bis nach Opponitz, ging rauf ins Furtenreith, und seine Mutter öffnete ihm die Türe.

Drei Jahre später haben sich Oma und Opa beim Kirchenwirt kennen gelernt, und haben weitere drei Jahre später geheiratet.

Die Grenze zwischen Steiermark und Niederösterreich war damals auch die Grenze zwischen den Alliierten, zwischen Engländern und Russen. In der Besatzungs-Zeit kamen eines Tages die Russen ins Haus, um es nach Waffen zu durchsuchen. Omas Vater war Jäger und hatte somit einige Waffen in einem Waffenschrank.

Als Oma einmal alleine zu Hause war, durchsuchten Russen ohne Befehl das ganze Haus. Es gab einen großen Streit darum, ob die Waffen nun privat seien, oder ob es militärische Waffen seien. Die russischen Soldaten schütteten die Patronen auf den Boden und schrieen herum, doch Oma blieb hart und verteidigte die Waffen ihres Vaters.

Als ihr Cousin Fritz zur Tür hereinkam, sagte Oma ihm, dass er einen russischen Major holen sollte. Dieser lief los und kam wenig später mit einem russischen Major und einem Dolmetscher wieder zurück. Die Soldaten schienen Respekt vor ihm zu haben, weil die Hausdurchsuchung ja unerlaubterweise durchgeführt wurde.

Als der Major an Oma vorbei in den Waffenschrank greifen wollte, gab Oma diesem eine schallende Ohrfeige. Daraufhin zerrte der Major sie an den Haaren in die Küche, wo auch ihre Mutter war. Die Soldaten im anderen Raum verzogen sich schleunigst, und von diesem Moment an konnte der Major plötzlich auch deutsch sprechen.

Er kam ganz nahe an Omas Gesicht und sagte ganz leise zu ihr: "Karoscho Deoschka“- gutes Mädchen. Nur EIN österreichisch Mädchen schlagen russisch Offizier!“ Dann verließ er das Haus, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Oma hat damals beim Schwarzen Grafen als Magd gearbeitet. Sie fütterte und molk die Kühe, mistete aus, musste helfen beim Blutwurstmachen, selchen und schlachten, bei der Heu-Arbeit, und beim Wäschewaschen im Bach.

Früher war der heutige Kuhstall ein Pferdestall, da wurden die Rösser eingestellt von den Eisenlieferanten.

Omas Lohn war damals 450 Schilling im Monat und eineinhalb Liter Milch pro Tag. Sie war 32 Jahre dort, zum Schluss hat sie im Monat 1200 Schilling verdient. Damals kostete ein Liter Milch etwa 7 Schilling - und es gab Zeiten, da war das Bier gleich billig wie die Milch bzw. die Milch gleich teuer wie das Bier.

Die Molkerei in Waidhofen wurde irgendwann zugesperrt, heute wird unsere Milch nach Gmunden und Salzburg geliefert, und der Bauer bekommt nur noch Spottpreise dafür.

Opa ist vor einigen Jahren gestorben. Bis zu seinem letzten Tag war er in den Wäldern unterwegs, und als ich nach sieben Jahren Oberösterreich wieder zurück nach Opponitz zog, schaute er sich meine neue Wohnung an, brachte mir Holz zum einheizen, und dann starb er.

Oma lebt noch, sie ist jetzt 84 Jahre alt und ich lerne immer noch von alten Heilkräutern, Hausmittelchen, höre ihr noch immer gerne zu, wenn sie von den Russen und vom Krieg erzählt, oder vom Leben bei den alten Grafen.

Informationen zum Artikel:

Oma, Opa, der Schwarze Graf und die Russen

Verfasst von Sonja Raab

Auf MSG publiziert im Juni 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Ybbstal, Opponitz
  • Zeit: 1920er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1980er Jahre

Anmerkungen

Ich habe die Geschichten meiner Großmütter aufgeschrieben, weil meine Kinder sie noch kennen lernen durften und es meiner Meinung nach etwas Besonderes ist, wenn man die Geschichte seiner Urgroßeltern und seine Wurzeln so gut kennt. Ich habe die Geschichten meiner Großmütter drucken lassen und ein Familienbuch draus gemacht, das ergänzt werden kann um weitere Geschichten.

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