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Brixen im Ersten Weltkrieg

von Eva Novotny

Meine Großeltern lebten nach ein paar ersten Ehejahren in Wien in der Heimatstadt meiner Urgroßeltern, in Brixen in Südtirol, weil mein Großvater mit der Lunge zu tun bekam und der Arzt ihm ein anderes Klima verordnet hatte.

Meine Urgroßmutter und später die Großmutter vermieteten in Brixen Fremdenzimmer, da der Bruder meiner Urgroßmutter eine Kneippkuranstalt besaß und Kneippen damals wohl sehr beliebt war. Es reisten damals Gäste aus der ganzen Monarchie nach Brixen, auch aus Russland, Polen, England. - Warum ich das weiß? Weil ich unter den alten Büchern auch ein Gästebuch gefunden habe, in dem sich die Menschen, darunter sehr viele Adelige, für die nette Unterkunft und gute Betreuung bedanken.

Mein Großvater, der in Wien Buchhalter bei einer chemischen Firma (Fa. Alder in Oberlaa) gewesen war, fand in Brixen eine Stelle als Handelsschullehrer und wurde später Stadtkämmerer, was so etwas ist wie der Leiter des städtischen Finanzwesens. Er arbeitete auch für das Rote Kreuz und verwaltete das neu erbaute Krankenhaus.

Es war überfüllt. Um Spenden aufzutreiben, studierte er mit Kindern Theaterstücke ein. Eines wurde 1916 im Brixner Burghof aufgeführt.

Eine Gruppe Schülerinnen tänzelnd in schleierartigen Gewändern in einem Innenhof

Meine Mutter schrieb in einer Rückschau: „Die Verwundeten füllten sogar die Gänge des Spitals. Kreuzschwestern waren das aufopfernde Pflegepersonal. Vater sandte mich ins Krankenhaus um etwas auszurichten. Die Schwestern kannten mich und nahmen mich gleich mit, denn sie sagten, die Soldaten hätten so eine Freude, ein Kind zu sehen. Ich sprach mit allen und manch einer gab mir ein Stück von seinem Keks, was für mich etwas Besonderes war. Die Schwester verband auch vor mir einen Mann, dem der Arm abgeschossen worden war. Es schüttelte mich vor Mitleid und ich erinnere mich, den ganzen Weg nach Hause geweint zu haben, nachdem ich solchen Schmerz gesehen hatte.

Zu Weihnachten waren wir (vier Kinder und ich) wieder im Spital, sangen und sagten Gedichte auf. Mein Vater bekam ein Glas Milch von der Oberin, das ein großes Geschenk war.

Wenn ich beim Bäcker war, bekam ich pro Tag für 5 Leute ein Weckerl, das zerbröselte beim Schneiden.

In unseren Fremdenzimmern waren ab 1918 italienische Offiziere einquartiert. Mein Bruder stahl ihnen einmal eine Semmel, was zu einem Familienkrach führte, denn Vater sagte: „ Lieber verhungern als stehlen!“

Im Jahr 1917 schreibt mein Großvater in einem Rückblick über die Kriegsereignisse:

„Seit Kriegsbeginn, wo in dieser Stadt die Mobilisierung mehrerer Truppenkörper stattfand, wo die Luft von der Kriegsbegeisterung von 10 000 Mann (1 Regiment Tiroler Kaiserjäger, 1 Gebirgs-Artillerie Regiment, 1 Bataillon Festungs-Artillerie) widerhallte, wo Komissbrot in ganzen Laiben weggeworfen wurde, bis heute haben sich die Zeiten gewaltig geändert. „Tummelts euch, sonst haben s’ für uns ka Kugel mehr!“, dieser Ausruf der Soldaten bei der Ausrüstung spiegelte den allgemeinen Glauben wider, dass der Krieg nicht lange währen könne. Heute, nach 3-jähriger Dauer, glauben viele an kein Ende mehr.

Ab dem 24. Mai 1915 war Brixen engeres Kriegsgebiet und bekam die Lasten des Krieges zu spüren durch die verschiedensten Einquartierungen. Die Geschäftsleute machten nie erträumte Gewinne und die Feinde – Russen, Serben, Montenegriner, Italiener und Rumänen – sahen die Bewohner nur als Gefangene aus der Ferne. Auch die Zahl der gefallenen Stadtsöhne ist bisher gering.

Im Oktober 1915 verließ das Kommando des deutschen Alpenkorps die Stadt und österreichisch-ungarische Truppen unter G.d.J. Josef von Roth rückten ein. Die Stadt machte ihn wegen seiner Verdienste zum Ehrenbürger.

Ein Gang durch die Stadt zeigt das stark veränderte Stadtbild: Sehr wenig Zivilpersonen, nur Frauen und Kinder, aber Offiziere und Soldaten. Brixen beherbergte u. a. das Korpskommando, 7 Reservespitäler und ein Artilleriedepot. Gebäude und Straßen sind mangels Arbeitskräften in vernachlässigtem Zustand.

Eine Einberufungskundmachung forderte die Jahrgänge 1899, 1898 auf, sich zu stellen.

„Verschiedene Aufrufe erinnern an verschiedene Nöte, z. B.: Sammelt Knochen, kein Knochen soll verloren gehen! (zur Fett- und Kunstdüngererzeugung); „Sammelt Unkrautsamen!“ Ein weiteres, bilderreiches Plakat fordert zum Sammeln von Brennnesseln auf (zu Leinen für Verwundete und Kinder). Unter dem Michelstor ladet eine Kundmachung die „Unbemittelten und Minderbemittelten“ zur Kartoffelabholung im Stadtbauhof ein, wo 1 ½ kg umsonst abgegeben werden. Am Tor der Volkschule der Englischen Fräulein hängt ein Aufruf zum Sammeln von Brombeer-, Erdbeer- und Himbeerblättern (als Tee). Ein weiterer Aufruf am Tor dieser Sammelstelle lautet: „Quecken sind ein gutes Futtermittel – 25 K für 100 kg, wenn sie sorgfältig gewaschen sind. Das Amt für Volksernährung ruft uns zu: „Sammelt Obstkerne! Die Turnhalle trägt die Aufschrift: „K.u.k. Krankenhalte-Station und Reinigungsanstalt Brixen“. Alle Fuhrwerke sind militärische Lasten-Autos, mit den Pferdefuhrwerken ist bei dem herabgekommenen Zustand der Tiere nichts mehr zu leisten.“

Über die Lebenshaltung schreibt mein Großvater:

„Der Bezug von Brot, Mehl, Zucker, Fett und Kaffee ist an Karten gebunden. Die Brotkarte lautet auf 2,25 kg Brot/Person in 14 Tagen (45 Abschnitte), auf derselben Karte 1kg Mehl…wenn es da ist. Gegenwärtig wird von beiden Artikeln 80% verabreicht. Wir haben schon reines Weizenbrot, Roggen-, Mais- und Gerstenbrot und verschiedene Mischungen gehabt, ja manche behaupten im Ernst auch solche mit Sägemehl.

Fett soll man für 14 Tage 120 g erhalten, lange Zeit gab es nur die Hälfte. Zucker ist 1kg/Person im Monat vorgesehen, die Kaffeekarte lautet für 8 Wochen auf 1/8 kg gebrannten Bohnenkaffee oder 1/4kg Kaffeemischung. Bohnenkaffee ist schön längere Zeit keiner mehr zu sehen.

Erwachsene sollen nicht mehr als 1/4 l Milch erhalten. Die Milch- und Butterzufuhr ist durch die Stadt geregelt, wird aber von den Bauern nicht recht eingehalten, weil Stadtbewohner trotz Verbotes zu den Bauern laufen und zudringlich werden. Fleisch ist knapp und schlecht, Fleischkarten sind zu erwarten. Gemüse und Obst sind kaum erhältlich.

Eine Seife, bei deren Anwendung die Wäsche zugrunde geht, kostet 8 Kronen das kg, vor dem Krieg kostete sie 80 Heller.

1 Paar Kinderhalbschuhe kosten 30 K, Damenschuhe 36 K, die billigsten Strümpfe 5 K.

Eine Spule Zwirn 2,40 K, Leinen ist kaum zu haben. Brennholz ist gewöhnlich grün, es fehlen Leute zum Schlagen. An Kohle herrscht die größte Not, mit Bangen muss man dem Winter entgegensehen. Zündhölzer sind nicht mehr zu bekommen.

Seit Ostern 1917 besteht die Kriegssuppenanstalt, wo 800 Portionen Fleischsuppe zu 10 Heller für Unbemittelte und zu 20 Heller für Minderbemittelte abgegeben werden.

Behördliche Verfügungen:

Die Stadt ist in 9 Brot- und 3 Mehlbezirke geteilt, womit jede Familie an einen bestimmten Bäcker und ein bestimmtes Mehlgeschäft gewiesen ist.

Für den Bezirk ist Zuckerabgabestelle das Bezirkswirtschaftsamt (früher Brixener Bank), für Petroleum die Geschäfte Kirchberger und Giampicolo. Einsiedezucker erhält man 800g, im Höchstfall 4,8kg/Familie. Die Zuweisung erfolgt von der Landes-Einkaufsstelle in Innsbruck nach Bedarf.

Durch behördliche Anordnung wird auch bestimmt, bis zu welchem Zeitpunkt die Kartoffel reif zu sein hat. Das hat zur Wirkung, dass die Kartoffel unreif herausgerissen wird.

Augenblicklich soll die Getreideernte genau erfasst werden, durch Zählung der Garben auf dem Feld. Die Bauern argwöhnen, dass man ihnen zu viel nehmen könnte und bringen die Garben nächtlicherweile ins Haus um sie zu verbergen.

Am schwersten ist das Leben für die Festbesoldeten und für alle, die keinen Grund bebauen, nicht mit den Bauern Geschäfte machen und nicht aus einer Offiziersmenage essen.

Es gibt einen staatl. Unterhaltsbeitrag für die Frauen der Eingerückten, es ist deshalb schwer, Frauen zur Arbeit zu bekommen.

Allgemeines Ärgernis erregt die Tatsache, dass das Militär in seinen Kanzleien Mädchen einstellt, die 120 K Monatslohn bei freier Kost und Unterkunft erhalten.

Der Tauschverkehr hat in großem Umfang zugenommen: Mehl, Butter, Eier, Milch wird gegen Tabak, Zucker und Petroleum getauscht. Die Stimmung in der Stadt ist Friedenssehnsucht um jeden Preis. Im Besonderen ist eine Abneigung gegen Offiziere festzustellen. Zum Hass gegen alles Welsche kommt der Hass gegen alles Tschechische. Von einer versöhnenden Wirkung ist nichts zu spüren

Während des großen Ringens kam es in der österreichisch-ungarischen Monarchie zur Errichtung von Kriegserinnerungszeichen, z. B. in Wien zum „Wehrmann aus Eisen“, in Innsbruck zum „Blumenteufel“. Es waren Bildwerke aus Holz, deren Zweck war, mit goldenen und eisernen Nägeln beschlagen zu werden, deren Erlös dem Witwen- und Waisenfonds dienen sollte. Als Andenken bekam man eine Anstecknadel. Auf diese Art entstand in Brixen der „Tiroler Adler in Eisen“.

Mein Großvater war Kassier dieses Ausschusses, der eingerichtet wurde, um dieses Erinnerungs- bzw. Liebeszeichen ins Leben zu rufen und zu erhalten.

Es wurde der Beschluss gefasst, dass ins Fundament der tempelartigen Halle, in der dieser Tiroler Adler mit ausgebreiteten Schwingen aufgestellt wurde (an der Erzherzog-Eugen-Straße, nahe dem Brunnen an der Mauer des bischöflichen Gartens) eine Kapsel mit Münzen dieser Zeit und eine Urkunde über die Gegenwartsverhältnisse eingemauert werden sollten. Der Bezirkshauptmann bestimmte meinen Großvater, diese Urkunde zu verfassen, aus der ich obige Zeilen entnommen habe.

Informationen zum Artikel:

Brixen im Ersten Weltkrieg

Verfasst von Eva Novotny

Auf MSG publiziert im Juni 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Italien, Südtirol/Alto Adige, Brixen/Bressanone
  • Zeit: 1910er Jahre

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