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Wilderergeschichten

von Sonja Raab

Eines Tages, als ich in der vierten Klasse Volksschule war, holte mich der Direktor in einer Pause zu sich und sagte zu mir: "Weißt du, dass dein Opa im Krieg jemanden erschossen hat?"

Was man heutzutage als "pädagogisch nicht besonders einfühlsam" einstufen würde, war damals auch nicht besonders toll für mich: Ich lief weinend nach Hause und fragte meine Oma, ob das denn stimmt, dass der geliebte Opa wen erschossen hat? (Wobei ja im Krieg mehrere wen erschossen haben, drum nennt man das ja auch KRIEG - also, so verwunderlich wär's nicht gewesen.)

Meine Oma erzählte mir dann aber die ganze Geschichte: Der Bruder meines Großvaters ging mit zwei anderen Männern zu Kriegszeiten wildern, weil sie Hunger hatten. Und zwar in Opponitz auf der „großen Kripp“, da wurden die drei Männer von einem Jäger überrascht.

zwei Männer in ländlicher Kleidung, mit Hut, leicht mit Schnee bedeckt in einem Wald, auf dem Rücken einen Rucksack, in der Hand einen Stock
Mein Großvater (links) und ein Freund; aus dem Rucksack schauen die Hörner einer Gemse ...

Einer der drei jungen Männer hat dann geschossen, und der Jäger war daraufhin jedenfalls tot. Eingesperrt wurde der Bruder meines Großvaters, der hat aber sein Leben lang gesagt, dass er es nicht gewesen ist.

Es geschah auf einer Lichtung, heute steht dort zum Andenken ein Holzkreuz.

Als mein Opa später einmal bei einem Bauern in Opponitz gearbeitet hat und zur Jause mit den anderen Arbeitern dort in der Stube saß, kam der Bauer herein und fragte die Arbeiter nach ihren Namen, und es wurde geredet, wen man kennt und woher man kommt usw.

Auf jeden Fall stellte sich heraus, dass der Bauer einer von den drei Männern war, die damals dabei waren beim Wildern. Als der Bauer dann meinen Großvater fragte, wie er heißt, und mein Opa ihm seinen Namen sagte, da wurde der Mann kreidebleich im Gesicht und ist zur Tür hinausgelaufen und nicht mehr wiedergekommen.

Da wusste mein Opa, dass dieser Mann es war, der den Jäger erschossen hatte.

ein toter Hirsch mit stattlichem Geweih auf einem Wagen, dahinter eine Handvoll Leute, die das Gefährt bestaunen
In einem Hause in Opponitz im Ybbstal wird ein geschossener Hirsch bewundert. Mein Großvater ist der Dritte von links (um 1947)
Informationen zum Artikel:

Wilderergeschichten

Verfasst von Sonja Raab

Auf MSG publiziert im Juli 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Ybbstal, Opponitz
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Die Geschichte ereignete sich in den vierziger Jahren in Opponitz im Ybbstal, Niederösterreich. Mein Großvater ist vor fünf Jahren gestorben.

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