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Ein Traum geht in Erfüllung

von Erna Schindler

Wenn ich so zurückdenke, war ich immer unterwegs, ich sagte es schon, ich war im Unterschied zu meiner Schwester sehr lebendig – um es milde auszudrücken. Außerdem wollte ich doch irgendwo „besser“ sein, etwas „leisten“. In der Schule wollte ich es nicht wirklich probieren, denn so gut wie Friederike konnte ich nie werden, also suchte ich mir etwas, was ihr überhaupt nicht lag, nämlich Sport, Völkerball war das eine und dann...

Ja, und dann kam mein Traum. Auf der Straße faszinierten mich die Buben mit ihren Fahrrädern, besonders jene, welche eine Gangschaltung hatten. Denn wenn sie bergab fuhren, dann traten sie mit den Pedalen in die verkehrte Richtung und es sah toll aus und klang so wunderschön. Von da an, ich war etwa zehn Jahre, versuchte ich meinen Traum zu verwirklichen. Ich weiß nicht, wieviel ein neues Fahrrad zu dieser Zeit gekostet hat, es ist nicht wichtig, denn Mutti hätte sich das sicher nicht leisten können und wollen. Ich glaube, sie war keine sehr gute Radfahrerin und Friederike auch nicht. Sie hatte in Straß einen bösen Unfall gehabt, die Narben an ihrem Knie sind heute noch zu sehen.

Friederike war damals vierzehn Jahre und Tante Resis Fahrrad schiebend unterwegs zum „Schloßberg“. Dort besaßen unsere Großeltern ein Grundstück, das seinerzeit unserem Vater zugedacht war. (Leider wurde aus diesem Erbe nichts. Vaters Bruder hat sich nicht um die Abmachung gekümmert sondern das Grundstück verkauft, um mit dem Erlös alle seine Geschwister und als Erben unseres Vaters, Friederike und mich, auszuzahlen. Aus der Traum vom eigenen Haus, wir erhielten jeder lächerliche 2000 Schilling. Ich habe dann später das Geld in meine erste Schiausrüstung gesteckt und meinen Schulschikurs finanziert).

Nun, Friederike war also mit Rad und Korb unterwegs zum Schloßberg, um unserem Cousin Hermann beim Zwetschkenpflücken zu helfen, die Friederike am nächsten Tag nach Wien mitnehmen sollte. Hermann wollte den Rückweg nicht zu Fuß antreten, sie hatten doch ein Fahrrad dabei. Also: den vollen Korb mit den Zwetschken auf die Lenkstange, Hermann auf den Gepäckträger – er konnte sich ja, wenn’s kritisch wird, mit den Füßen abstützen, meinte er – und Friederike fuhr. Nicht lange, denn die frisch geschotterte Straße hatte auf der rechten Seite nur einen sehr schmalen sandigen Streifen, der zum Fahren geeignet war. Steine haben eine magische Anziehungskraft, und es kam was kommen mußte, beide lagen blutend auf der Straße, die Zwetschken verstreut.

Hermann kam glimpflich davon, Friederike mußte am nächsten Tag mit Mama in Wien ins Krankenhaus, weil noch einige Steine im Knie vermutet wurden, und bekam noch eine schmerzhafte Tetanusspritze. Der Heilungsprozess zog sich und Friederike konnte erst zwei Wochen nach Schulbeginn im Herbst die Schule besuchen.

In Straß beklagte Tante Resi nicht nur die verlorenen Zwetschken, sondern immer wieder die große Verantwortung, die sie für die Nichte tragen muß. Eigentlich war es nach diesem Vorfall ganz klar, daß man mich nicht so gerne in den Ferien in Straß sah, wenn schon der ruhigen Friederike so etwas passiert, was dann erst mit dem „Quecksilber“. Es hat ihnen aber nichts genützt.

Einmal im Sommer, ich war noch in der Volksschule, spielten wir im Stadel Verstecken. Ganz oben im Heuschober war ein gutes Versteck. Irgendwann mußte ich herunter und ich sprang ... auf ein vom Stroh verdecktes Brett, an dem ein rostiger Nagel herausstand. Diesen Nagel hatte ich jetzt im Fuß und Tante Resi setzte mich auf den Gepäckträger ihres Rades, um schnellstens mit mir zum Arzt zu fahren. Leider führte zu dieser Zeit der Gschinzbach Hochwasser und an „fahren“ war nicht zu denken. Tante mußte, das Rad schiebend, in die damals noch nicht eingezäunten Gärten ausweichen. In einem ist ein Rudel Gänse auf uns losgegangen, ich wär am liebsten vom Rad gesprungen. Ich weiß nicht, wovor Tante Resi mehr Angst hatte, vor den Gänsen oder daß ich vom Rad ins Wasser falle. Für den Arzt ein Routineeingriff – vereisen, Wunde versorgen. Für den Heimweg nahmen wir dann die längere Strecke, ohne Gänse und Hochwasser. Den Fuß sollte ich dann ruhig halten.

Aber wieder zurück zu meinem Fahrradwunsch. Wie und wo ich Fahrrad fahren wirklich erlernt habe weiß ich nicht mehr genau. In Straß probierte ich es im Hof mit einem Herrenrad und Hermann hatte Mühe mich gerade zu halten, ob ich es da wirklich gelernt hatte?

Es war klar, von Mutter konnte ich keine Unterstützung erhalten, obwohl sie nie dezidiert „Nein“ gesagt hat, vielleicht hat sie gehofft ich vergesse darauf. Dem war nicht so. Also mußte ich irgendwie an Geld heran, aber wie, Taschengeld hatte ich noch keines. Gelegentlich erhielt ich für Botengänge oder an Geburtstagen ein paar Groschen. Ich war schon immer eine eifrige Sparerin und hatte bei beiden großen Sparkassen ein Sparbuch gehabt und keinen Jugendspartag ausgelassen, wegen der Geschenke natürlich. Also ein bißchen was war schon da, aber noch lange nicht genug. Ein leiser Hoffnungsschimmer tat sich auf, als in Straß Onkel und Tante zur Zeit der „Heurigenverkostung“ aussteckten. Ich half eifrig bei der Bedienung der Gäste und hoffte auf reichlich Trinkgeld. Nichts da, bis auf ein Päckchen Weinbeißer, die ich von einem Gast erhielt, war nichts zu verdienen.

Da ergab es sich, daß wir engeren Kontakt mit Frau Füssel pflegten. Sie wohnte in unserem Haus auf demselben Gang. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Stieftochter mit Mann und den Kindern gerade nach Australien ausgewandert. Frau Füssel blieb zurück und teilte ihre große Doppelwohnung. In der einen Hälfte zogen Verwandte ein, den anderen Teil bewohnte Frau Füssel allein. Das Alleinsein fiel ihr schwer, und so kam sie öfter auf ein Plauderstündchen zu uns, ihr konnte man stundenlang zuhören.

Nun, und dieser guten Frau, die nun keine Nichten mehr bei sich hatte, erzählte ich vom Fahrrad und auch wie ich mir diesen Wunsch finanzieren werde: „Wenn ich für jemand einkaufen gehe, darf ich mir meistens das Wechselgeld behalten und dieses spare ich, und wenn ich genug beisammen habe, dann kaufe ich mir ein Fahrrad“. Großzügig wie sie war, meinte sie, ich könne ja hin und wieder bei ihr anklopfen und ihr Frühstückssemmerl besorgen oder was sie sonst noch braucht. Nun ja, sie dachte sicher auch, mit ein paar Mal wird das abgetan sein. Denn wenn eine Zehnjährige sieht, daß es nicht so einfach ist, soviel Geld zu sparen, wird sie schon aufgeben. Sie hat auch nicht mit meiner Hartnäckigkeit gerechnet. Pünktlich jeden Morgen klopfte ich, fragte, was Frau Füssel benötige und besorgte das Gewünschte gegenüber beim Greißler. Ich bekam meistens ein Zwei-Schillingstück mit auf den Weg, das Wechselgeld durfte in meine Sparkasse, manchmal war es sogar ein Fünf-Schillingstück. Ich hielt Frau Füssel über meinen Kontostand stets auf dem Laufenden, gleichsam als Erinnerung, daß noch immer etwas fehlte und ich ans Aufgeben nicht dachte.

Nach fast zwei Jahren, mittlerweile wußte die ganze Umgebung worauf ich sparte, ich bot ja überall meine „Dienste“ an, erhielt ich die Adresse einer Frau, die ihr fast neues Fahrrad verkaufen wollte. Also nichts wie in die Säulengasse. Da stand ein blaues Damenfahrrad, nicht zu groß, ein „Sportrad“, himmlisch! Es kostete 500 Schilling.

Zwei Jahre später erhielt ich als Lehrmädchen monatlich 50 Schilling! – Ich weiß nicht mehr wie viel ich zu diesem Zeitpunkt schon beisammen hatte, ich lief nach Hause, sprudelte etwas von „einer günstigen Gelegenheit und fast neu“ hervor und hoffte auf ein „Ja“ von Mama. So einfach war es dann doch nicht, wie ich gemeint hatte. Denn jetzt begannen erst die Verhandlungen: „Du bist zwar zwölf Jahre, aber kommst du mit dem Straßenverkehr zurecht, wo willst du fahren? Wo sollen wir das Rad hinstellen? Und wohin mit dem Rad über den Winter, im Keller verrostet es?“ Zu guter Letzt erhielt ich die Erlaubnis mir das Rad zu holen. Falls noch etwas Geld gefehlt haben sollte – viel kann es nicht mehr gewesen sein, sonst hätte ich mich das nicht getraut – habe ich das von einer guten Seele erhalten oder vorgestreckt bekommen. Worauf ich nicht stolz sein durfte: Von nun an mußte sich Frau Füssel wieder selbst um ihr Frühstücksgebäck kümmern, sie hat es mir nie nachgetragen, danke!

Mädchen auf Damenfahrrad vor einem Holzzaun und Obstgarten
Mein Fahrrad und ich (um 1957)

Nun war ich überglücklich, auch ohne Gangschaltung. Jetzt begann die große Freiheit, ich fuhr überallhin, sogar nach Klosterneuburg. Damit ich nicht auf der damals schon gefährlichen Hauptstraße fahren musste, wich ich auf den Donauweg aus, heute ein schöner Radweg. Es ist auch alles recht gut verlaufen, nur einmal, da hätte es schlimm ausgehen können. Ich fuhr in einem hellgestreiften Sonntagskleid von der Herz-Villa nahe dem Türkenschanzpark (Mama hatte dort „Hausaufsicht“ mit Generalreinigung, während ihre Herrschaften auf Urlaub fuhren, ich durfte in dieser Zeit im „blauen“ Zimmer schlafen!) zur Canisiuskirche. Die Straße, in der Mitte Straßenbahnschienen, ging bergab und ich genoß den Fahrtwind. Doch dann wurde aus der Straße ein Platz mit einem Brunnen in der Mitte. Die Schienen machten um den Brunnen Kurven, ich hatte zuviel Schwung und geriet in die Schienen und schon lag ich auf dem Bauch, das Rad vorneweg. Die bergauf fahrende Straßenbahn konnte noch rechtzeitig stehen bleiben. Ich war so geschockt und beschämt, daß ich mich schleunigst, ohne auf meine schmerzenden Knie und Ellenbogen zu achten, davonmachte. Der Kirchgang fiel diesmal aus.

Und wo habe ich das Rad dann wirklich abgestellt? Im Stiegenhaus unten im Parterre war es sofort verboten, eine Zeitlang stand es auf dem Gang im ersten Stock, das hielt auch nicht lange, also mußte es in die Wohnung. Zimmer-Küche, da ist wenig Platz. Im Sommer, wenn ich täglich fuhr, durfte ich das Rad vor die Kästen stellen, sonst mußte es hinter die Klappbetten. Und im Winter? Da trat die gute Frau Füssel wieder in Aktion, schließlich war es ja zum großen Teil „ihr“ Fahrrad, da durfte das Rad auf ihrem Vorzimmerkasten stehen. Ein junger Mann aus ihrer Verwandtschaft stemmte es im Herbst auf den Kasten und im Frühjahr wieder herunter.

Informationen zum Artikel:

Ein Traum geht in Erfüllung

Verfasst von Erna Schindler

Auf MSG publiziert im September 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 9. Bezirk, 18. Bezirk / Niederösterreich, Waldviertel, Straß im Straßertal
  • Zeit: 1950er Jahre

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