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Besuch auf dem Lande II: Die Geschichte der ländlichen Verwandtschaft

von Helmut Drechsler

In einem kleinen Ort wie diesem gilt Tradition alles; der Familienname zählt umso mehr, je älter er ist. Die Schwarzhofer sind hier am längsten von allen Familien ansässig; als Bauern – urkundlich belegt – seit 1750 (Kaiserin Maria Theresia war damals gerade zehn Jahre an der Regierung). Mein Urgroßvater, Georg Schwarzhofer, ein Großbauer im damaligen Sinn, war viele Jahre angesehener Bürgermeister des Ortes.

Sein besonderer Verdienst in dieser Funktion bestand darin, in einer persönlichen Audienz beim Kaiser Franz Joseph I. den Bau des Schutzdammes erbeten zu haben. Jahrhundertelang hatten Überschwemmungen von Donau und March die angrenzenden; tief gelegenen Felder und Ortschaften bis weit in die Marchfelder Ebene hinein verwüstet. Bis dann schließlich jemand, der Landwirt Georg Schwarzhofer, versuchte, etwas dagegen zu unternehmen. Vielleicht zog beim Kaiser das Argument Kornkammer Österreichs besonders. Die Sorge um das Schloss Hof wird es nicht gewesen sein, denn das wurde ja sinnvollerweise oben auf dem Wagram errichtet … Der Kaiser versprach zu helfen, griff tief in die (Staats-)Schatulle und spendierte seinen Marchfelder Bauern um etliche Millionen Gulden ein zig Kilometer langes Dammbauwerk entlang von Donau und March, einschließlich der dazu notwendigen Schleusen und Dämme für die zufließenden Bäche und – einer geschmackvollen Gedächtniskapelle.

„Durch den von der Donauregulirungs-Commission auf Grund der Gesetze vom 6. Juni 1882 und vom 4. Jänner 1809 in der Zeit vom Jahre 1882 bis zum Jahre 1904 mit einem Aufwande von 16 Millionen Kronen erbauten Marchfeldschutzdamm wurden 35 bis dahin von den Hochfluten der Donau bedrohte Gemeinden des Marchfeldes geschützt.”

Steht so, in einer Wurst geschrieben, auf einer Gedenktafel in der Kapelle. Gleichfalls verewigt hatten sich auch die Bauunternehmer von damals:

„Diese Kapelle wurde von der Donauregulirungs-Commission und ihren Bauunternehmern zum Gedächtnisse an die Vollendung des im Allerhöchst genehmigten Bauprogramme vom Jahre 1882 vorgesehene Marchfeld-Schutzdammes errichtet und zu Ehren des heiligen Florian des Beschützers vor Elementarunglück in Gegenwart Seiner Kaiserlichen und Königlichen Apostolischen MAJESTÄT DES KAISERS FRANZ JOSEF DES ERSTEN am 10. 6. 1905 feierlich eingeweiht.”

Der Name meines Urgroßvaters kommt zwar auf den Tafeln nicht vor, aber immerhin ritt er damals, zur Eröffnung 1905, in seiner Eigenschaft als Bürgermeister dem „aufgeklärten“, durchlauchtigsten Monarchen zur Begrüßung auf einem Schimmel entgegen. Gedichte aufsagende, niedliche Ehrenjungfrauen mit Blumensträußen, Blasmusik, Weihwasser verspritzende Monsignores, andere, weniger durchlauchte Herrschaften und Exzellenzen, Mitglieder des Erzhauses; der halbe Hofstaat war jedenfalls anwesend.

Oma hat meiner Mutter erzählt, dass sie gerne dem Kaiser das obligate Begrüßungsgedicht aufgesagt hätte (immerhin war sie des Bürgermeisters Tochter!), aber dann hatte der Lehrer doch eine andere ihr vorgezogen. Es muss ein großes Fest gewesen sein. Den Kaiser Franz Joseph selbst hat es sehr gefreut, die Bauern natürlich noch mehr. Die hatten jetzt endlich ihren Damm. Außerdem hat Er, als oberster Befehlshaber der Armee, bei dieser Gelegenheit das militärische Reit- und Fahrlehrinstitut seiner Armee im nahen Schloss Hof besucht.

Aber: Der österreichische Kaiser persönlich am Arsch der Welt? Wie das?

Nein! Damals war sein Reich dort keineswegs zu Ende, sondern nur Österreich; es war halt ein bisschen abgeschieden dort. Damals ging die Straße noch über die Steinbrücke hinüber in die Slowakei, damals noch Ungarn, und hinter den Kleinen Karpaten weiter nach Pressburg und in die ungarischen Kronländer. Zwar stand auf dem kleinen Felsen an der Marchmündung, oben auf der Burgruine, die historische, steinerne Gestalt des ungarischen Königs Arpad und drohte den Österreichern mit dem Schwert (so sagte die Großmutter) – bis man ihn im Ersten Weltkrieg von dort heruntergeschossen hat. Na ja, aufmüpfig waren die Ungarn angeblich schon immer ein bisschen.

Der Urgroßvater pflegte mit seinem Einspänner durchaus gelegentlich über die March nach Theben oder Pressburg zum Essen oder Einkaufen zu fahren; die Ungarn und Slowaken wiederum kamen über die steinerne Brücke herüber, um Gemüse oder Vieh zu kaufen. Knechte und Mägde, die am Hof arbeiteten, stammten zum Teil ebenfalls aus der Slowakei und Ungarn. Natürlich schnappte die Oma da etliche Sprachfetzen auf – nicht immer die feinsten, vermutlich.

„Drsch hubu“ sagte die Großmutter beispielsweise, wenn sie in einer Diskussion ungehalten wurde; das war tschechisch und hieß – laut ihrer Angabe – einfach: „Halt’s Maul!“

Es gab so schöne Tanzveranstaltungen – drüben. Sagte die Großmutter. Einmal wurde sie von ihrem ungarischen Tanzpartner gefragt, welchen Beruf ihr Vater habe. „Landwirt“, sagte sie darauf, um sich gewählt auszudrücken. „Das muss ein lustiges Leben sein, so als Land-Wirt!“, meinte der Ungar, „immerzu Gäste haben, Hochzeiten feiern.“

So lustig war es aber durchaus nicht. Abgesehen von der schweren Arbeit, bei der man sich höchstens einer geliehenen Dampfmaschine zum Antrieb einer geliehenen Dreschmaschine bedienen durfte. Nicht immer war es lustig. Eines Nachts brannte fast der gesamte große Hof ab, schrieb die Großmutter in ihren wenigen Erinnerungen; ein betrunkener Knecht war mit seiner Zigarette im Heu eingeschlafen.

Kein Problem, weil die Brandschaden-Versicherung sicher alles bezahlt hat? Leider nein! Sich dagegen versichern zu lassen, war zu teuer, das konnte man sich jedenfalls nicht leisten. Es blieb nur eines über: eine Notunterkunft bei den Nachbarn beziehen und nochmals von vorne beginnen. Geld aufnehmen, sparen, den Hof neu aufbauen.

Eines der lustigeren Erlebnisse sei wohl gewesen, so die Oma, dass ihr ein Metzgergeselle nach einer Schlachtung am Hof ein Rinderauge – von Daumen und Zeigefinger umrahmt – präsentiert habe. „Ich habe ein Auge auf dich!“, soll er dabei gesagt haben. Zweifellos eine Liebeserklärung der besonderen Art.

Bei einem Kirtagsfest lernte sie meinen Großvater Josef, einen feschen Artillerie-Unteroffizier, beim Tanz kennen. Wie das Leben so spielt. Mir hat man (viel) später gesagt: Eigentlich hatte mein Opa ja ein Auge auf ihre jüngere und fröhlichere Schwester Liesl. Lieber hätte er die zur Frau gehabt. Aber damals waren die Sitten noch streng: „Zuerst muss die Ältere aus dem Haus (und unter die Haube)!“ (Wilhelmine, das älteste der fünf Kinder, war schon verheiratet), entscheidet mein Urgroßvater als künftiger Schwiegervater. Und den Hof bekommt natürlich der ältere Sohn, Schursch (Georg) – später einmal. So natürlich ist das aber nicht, denn dann, als es so weit wäre, als der Alte übergeben möchte, ist Krieg. Weil der Ältere aber "des Kaisers Rock" anziehen musste und noch im Krieg ist – und schließlich ist so ein Krieg eine sehr unsichere Sache – bekommt Friedrich, der Jüngere, den Hof).

Mein künftiger Großvater Josef fügte sich dem Diktat der Familie, heiratete Maria und nahm sie statt der Liesl mit auf sein Schloss. Das bedeutet, genauer gesagt, Folgendes: Sie ziehen drei Kilometer weiter in seine Dienstwohnung im Schloss Hof, denn dort hat er eine Stellung als Rechnungsunteroffizier der k.u.k. Armee im „Reit- und Fahrlehrinstitut“. Geheiratet wurde mit militärischen Ehren, aber nicht in der Schlosskapelle, sondern im Heimatort der Braut, Untermarch* an der Donau. Auch damals hat ein Unteroffizier nicht sehr viel gegolten. Im Endeffekt hat Großmutter Maria aber das bessere Los gezogen, obwohl Schwester Liesl später immerhin einen richtigen Offizier, ihren Fred, zum Mann bekommt; Jahn verunglückt kurz vor Kriegsende 1944 tödlich.

Meine Großtante Liesl aber wird vermutlich in den letzten Kriegstagen im Sudetenland, als Vertriebene auf der Flucht, von Tschechen erschlagen. Sie bleibt vermisst.

riesige, alte Dampflokomotive

Omas Schwester Wilhelmine heiratete den Lokomotivführer Ramsauer. Der befuhr mit monumentalen Dampfrössern (eines hieß „Wadowice“) die k.u.k. Nordbahn, hinein ins Böhmische. Das ist dem uralten, mausgrauen Fotoalbum der Großeltern zu entnehmen. Es beginnt etwa 1907, setzt sich relativ chronologisch fort und wird gegen Ende zu etwas chaotisch. Anfangs dominieren Gruppenfotos von Militärs; zu fast allen Fotos gibt es darunter einen Kommentar meines Großvaters – mit Schreibmaschine auf weiße Zettelchen geschrieben: „Schurschl bei der Marschkompanie 1914“.

Soldaten im Freien fürs Erinnerungsfoto gruppiert: Ein sehr junger Herr Oberleutnant inmitten seiner Kompanie, mit blanken Reitstiefeln; daneben sein Zugsführer ohne, alle anderen mit vollem Marschgepäck, Gewehr 98, den „Gnagelten“ und Wickelgamaschen. Auf in den Kampf, der böse Feind wartet schon! Schurschl ist hier der Rechtsaußen, eine Randfigur, die viel lieber weiter „mit die Ross“ gepflügt hätte.

Mein Opa jedoch konnte inzwischen im Institute weiter eine ruhige Kugel schieben. Was vielleicht auch von seinen Verwandten etwas neidisch, zumindest zwiespältig gesehen wurde. Einerseits brauchte er den Kopf nicht dort hinzuhalten, wo es schießt, während andere... Andererseits ist er doch der Schwager, Schwiegersohn. Auch Bruder?

Sicher auch Bruder, Halbbruder, und Stiefbruder. Sein Stiefbruder Josef, entnehme ich dem Album anhand eines spektakulären Fotos, fand in der Nacht vom 19. auf den 20. August 1915 im Kriege gegen Italien bei Britof im Görzischen den Tod. Erdrückt von einer k.u.k. Riesenkanone, die von der Straße abgekommen war. Bruder Josef hinterließ eine Frau und drei kleine Kinder.

großräumige Aufnahme eines Unfallsschauplatzes mit vielen Personen, einer über eine Böschung gestürzten Kanone usw.

riesige alte Dampfdreschmaschine mit vielen Beschäftigen in militärischen Uniformen der k.u.k. Zeit rundum

Dann ein friedliches wirkendes Bild: „Der erste Drusch im Institute Oktober 1916“. Eine mobile Dampfmaschine treibt über einen ewig langen Riemen die Dreschmaschine an. Soldaten überall; einer fummelt am Sicherheitsventil herum, andere hantieren mit Gabeln oben auf den Heuwagen. Mein Opa, in die Kamera blickend, steht beobachtend daneben. Am Boden sitzend drei kleine Kinder; eines davon, mein Vater Fredi (Der Fredi mit dem dicken Schädi! pflegte meine Oma manches Mal respektlos zu sagen) blickt ebenfalls in die Linse. Er scheint einen Matrosenanzug zu tragen. Das, nach meinem Wissen ein Feiertagsgewand, dunkelblau, in einem so staubigen Umfeld?! Da wird die Oma aber ordentlich geschimpft haben! Beide.

Der einzige Zivilist am Foto ist der Maschinist. Erst ein paar Seiten später, bereits nach etlichen Fotos „vom Kriege“, brechen historisch korrekt die kriegerische Zeiten an: August 1914(!); man hat meinen Herrn Vater, noch keine zwei Jahre alt, für das Foto auf ein Kanonenrohr gesetzt (ein antiquiertes, vermutlich „institutseigenes“ Schießgerät)! Dem sehr bärtigen Herrn (ein Zivilist, wahrscheinlich der Gutsverwalter vom gegenüberliegenden, kaiserlichen Meierhof), der neben ihm auf der Kanone sitzt, kommt kein Lächeln aus. Zu lachen gibt es dabei nichts; man blickt sehr ungewissen Zeiten entgegen. Kriegszeiten. Ja, den drei anwesenden Damen scheint sogar der Schreck ins Gesicht geschrieben zu sein, jedenfalls Angst. Die hatte mein Vater damals anscheinend nicht.

alte Kanone, auf der ein bärtiger Mann und ein Kleinkind sitzen, umringt von anderen Männern in Uniform und zwei Frauen in langen Kleidern

Endlich Friedenszeit. Liesl, als junge Frau. Frau des Offiziers Jahn. Das muss schon nach dem Krieg gewesen sein.

Dann zeigt sich dem Betrachter Papa als Studiosus, dekoriert mit kolossalem Hirschgeweih und Fechtsäbeln, auf dem (von mir ungeliebten) großelterlichem Sofa.

Deshalb also ist mein Vater in Schlosshof geboren, im Jagd- und Lustschloss des Prinzen Eugen von Savoyen. Das war ein Prachtbau mit barocker, damals schon etwas verwahrloster Gartenanlage, ähnlich Versailles und throhnt oben auf dem Wagram, während der Garten in kunstvollen Terrassen zur Ebene abfällt. Es stand sozusagen mitten in der Gegend, rundherum nichts, außer einer Meierei und Auwäldern mit einer Menge Wild.

Maria bringt im November 1912 im Schloss ihrem Josef einen Knaben zur Welt – in diesem Fall nicht Jesus, sondern Alfred. Das ist mein Vater. Sonntagskind. Ein kugelrundes, glatzköpfiges Baby, schon leicht übertragen (wie der Regimentsarzt sagt) und deshalb vom Fruchtwasser etwas verschrumpelt. Der Regimentsarzt findet zwar, der schaut ja aus wie ein alter Mann, aber Militär- und Veterinärärzte sind eben bekanntlich nicht besonders feinfühlig.

Im bald darauf ausbrechenden Weltkrieg musste Opa – ausgebildeter Artillerist – nicht an die Front. Da hatte er großes Glück gehabt (ob ihm dabei seine Schweißfüße, ein Leistenbruch oder beides geholfen hat, weiß ich nicht). Möglicherweise hatte er sich bloß durch hervorragende Aktenbearbeitung und Verwaltungsarbeit unentbehrlich gemacht.

Ansonsten hat man es aber „im Kriege“ auch in dieser Einöde nicht leicht; die Großmutter darf beispielsweise zwischen den Fenstern keine Wäsche zum Trocknen aufhängen, das duldet der strenge Regimentskommandeur, Baron von Bocksberg, keinesfalls.

Für die freundliche Behandlung durch die Armee revanchiert sich der Großvater, der auch sonst patriotisch denkt, mit dem Kauf von Kriegsanleihen um – für seine Vermögensverhältnisse – Unsummen. „Man hätte sich um das verlorene Geld ein nettes Haus leisten können“, sagte die Großmutter nachher oft. Wenn man das halt vorher gewusst hätte...

Zurück zu Familie: Bruder Friedrich – der Jüngere – bekam den Hof. Der gutmütige ältere Bruder Georg, aus dem Krieg, aus langer, russischer Gefangenschaft doch noch glücklich heimgekehrt, heiratete auf einen Hof nach Oberweiden – eine Witwe – und war auch zufrieden. Den Hof konnte eben nur einer bekommen; das war auch bei Urgroßvaters Georg schon so: Er bekam den Hof überschrieben, sein Bruder Lorenz ging nach Wien und wurde Polizist.

Friedrichs Frau Mitzi kam aus der Familie Sabedits, gleichfalls aus Untermarch, sogar gleich von „nebenan“. Es kamen die Kinder Friedrich junior (1926) und Helene zur Welt. Der Friedrich-Onkel ist ehrgeizig und fleißig, baut den Hof aus, modernisiert, hat als Erster im Dorf elektrisches Licht, auch in den Stallungen!

Was Erbschaftsfolge und die so wichtige Erhaltung des Geschlechtsnamens betrifft, scheint alles wunschgemäß und in Ordnung zu gehen. Dann – begann die Nazizeit und mit dem braunen Regime der nächste Krieg.

Untermarch war nach Errichtung der diversen Nationalitätengrenzen nach dem Ersten Weltkrieg zwar nun wirklich am Arsch der Welt angelangt, aber trotzdem nicht zu weit entfernt oder zu gering für dieses Deutsche Reich, dessen Bestandsdauer zunächst einmal bescheiden auf tausend Jahre angesetzt war. Es brauchte jede Menge Soldaten, weil der Verbrauch an ihnen bald ungeahnte Ausmaße angenommen hatte. Friedrich junior war mit neunzehn gerade im richtigen Alter. Friedrich senior hatte zwar früh Böses geahnt, und um seinen Sohn zu schützen – die Familie Schwarzhofer war noch immer geachtet und einflussreich – nahm er die Funktion eines NS-Ortsbauernführers an. Reichsnährstand …

Obwohl er insgeheim die braune Pest mit landwirtschaftlichen Schädlingen gleichsetzte, versuchte er mit Hinweis auf das – verglichen mit dem Bestand des Reiches – "uralte Geschlecht" der Schwarzhofer und den einzigen männlichen Erben die Freistellung des Juniors vom Wehrdienst zu erwirken.

Aber das Reich blieb unerbittlich. Es sog Substanz heraus, wo immer es sie noch bekommen konnte und verlangte deshalb (selbstverständlich neben der Abgabe fast der gesamten Ernteerträge) 1944 Friedrich junior als "Opfergabe" für die Volksgemeinschaft; genau das hatte einen NS-Reichsnährstands-Funktionär schließlich mit Stolz zu erfüllen.

Des Seniors böse Ahnung erfüllte sich prompt: Der Junior war kaum der Waffen-SS einverleibt (die Partei wusste die Funktionärsrolle des Vaters wenigstens dadurch zu würdigen, dass man den Sohn in eine Elitetruppe mit besonders hohen Verlusten steckte) und kurzfristigst ausgebildet, wurde er auch schon am 5. Jänner 1945 in Belgien, im Kampf gegen die anrückenden Alliierten, verheizt – gefallen.

Mit stolzer Trauer“, so hieß die Pflichtformel, gab man den tragischen Verlust im Ort bekannt. Ein völliger Schwachsinn. Aber schließlich hatten auch die Nachbarn innig geliebte Väter, Söhne und Enkel auf dem Feld der Ehre verloren, waren auch andere den unglaublich sinnlosen Heldentod für Führer, Volk und Vaterland gestorben. Keine der Floskeln stimmte, außer innig geliebt.

Innerlich hatten die Nachbarn jetzt ihre Genugtuung bekommen: Der Schwarzhofer hat sich’s richten wollen, und das ist die gerechte Strafe dafür. Es war damit leider genau das passiert, was unbedingt hätte vermieden werden sollen. Jetzt war „nur“ die Tochter da, und die konnte den altehrwürdigen Namen (und nur auf den kam es offensichtlich an) nicht weiterführen; höchstens ledig, mit ledigen Kindern – ausgeschlossen! Daher griff Onkel Friedrich zu einem Kunstgriff – in Adelskreisen längst üblich – Inzucht. Hans, der Cousin Helenes, also ausgerechnet Schurschls Sohn aus Oberweiden, der damals den ihm zustehenden Hof nicht bekommen hatte, war doch auch ein Schwarzhofer – das war die Lösung!

Die für diese Ehe erforderliche Dispens des Papstes – wegen der nahen Verwandtschaft – wurde eingeholt. Es gab eine tolle Hochzeit, zu der meine Großeltern eingeladen waren.

Aber bald folgte ein weiterer, übler Streich des Schicksals: Das junge Ehepaar, also Helene, bekam nur Töchter! Zwei Töchter, sonst nichts, keinen männlichen Erben. Das regte zwar Hans sicher nicht sehr auf, weil den kaum etwas aufregte, aber Onkel Friedrich war dadurch einigermaßen aus der Fassung gebracht und konnte diesen weiteren Schicksalsschlag nie überwinden.

Informationen zum Artikel:

Besuch auf dem Lande II: Die Geschichte der ländlichen Verwandtschaft

Verfasst von Helmut Drechsler

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Marchfeld
  • Zeit: vor 1900, 1900er Jahre, 1910er Jahre, 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre

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