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"Nettes Lehrmädchen wird aufgenommen"

von Herta Hum

Ich habe an der Grenze Fünfhaus / Meidling, bei der heutigen U-Bahnstation Meidling-Hauptstraße in einer sehr schönen Parfümerie und Drogerie gelernt.

Meine Eltern wollten, dass ich einen sogenannten „besseren“ Beruf erlerne. Nach der Unterstufe im Gymnasium hatte ich überhaupt keine Idee, was ich werden möchte – außer Verkäuferin und schön ausschauen. Vorbilder waren damals Brigitte Bardot oder Marisa Mell, aber leider …

So habe ich mich wie viele meiner Schulkolleginnen entschlossen, Kindergärtnerin und Erzieherin zu lernen. Die Eltern waren so-la-la zufrieden, die Aufnahmsprüfung habe ich geschafft. Ich kann mich erinnern, dass ich laut und innig „Das Wandern ist des Müllers Lust“ gesungen habe, dann kam der Herbst und das neue Schulleben.

Ganz ungewöhnlich für mich: Die klassischen Fächer waren überhaupt kein Problem, aber sonst: Aus einem Bambusrohr eine Flöte schnitzen, dazu ein Etui häkeln, Gitarre spielen, trommeln, mit Stäbchen auf große Steine schlagen ....

Zweimal in der Woche Besuch in einem Problemkindergarten im 2. Bezirk. Ich wusste damals gar nichts von so einem Elend. Kinder wurden schmutzig, im Pyjama, von betrunkenen Eltern zu uns gebracht. Am Abend haben sich die Kinder an uns geklammert und wollten nicht nach Hause. Ich war psychisch überfordert und konnte nicht verstehen, dass es ein solches Milieu auch gibt.

Etwas Schönes gab es auch in dieser Schule: Wir hatten einmal in der Woche Kochen und Tischdecken, das hat mir Freude gemacht. Aber zum Semesterende gab’s dann Zeugnisse: lauter Einser und Zweier, aber in Musikerziehung Vier, das heißt, fast ein Fünfer.

Die Eltern kamen in die Schule, es wurde von Nachhilfe gesprochen, aber ich wollte nur weg! Die Wiener Kinder haben sich mich als Erzieherin erspart!

Ich war also laut meiner Mutter eine Versagerin und musste mit ihr einmal einkaufen gehen. Da sah ich in dieser schönen Parfümerie in der Ullmannstraße ein Schild, handgeschrieben auf Karton, den magischen Satz: „Nettes Lehrmädchen wird aufgenommen.“

Ich war sofort Feuer und Flamme: „Mama, da geh ich hinein, das will ich werden!“ – „Jetzt gleich? Ich hab ja keine Haar’ g’macht!“ – „Mama, ich will der Lehrling werden!“

Was man wirklich möchte, setzt man durch. Die Türe aufgemacht, schönes, helles Licht, hinter dem Pult eine hübsche Frau mit schöner Perlenkette, fragt mich nach meinen Wünschen.

„Ich bin das neue Lehrmädchen!“, rufe ich fast heraus. Sie lacht und sagt: „So genau weißt du das schon.“ – „Ja“, sage ich, und ich habe es wirklich gewusst.

Dann ist auch meine Mutter da. Es wird über die Schule geredet, über meine Eltern, über die Lehre. Meine neue Chefin sagt: „Dann probieren wir’s halt mit dir, nächste Woche, Montag.“ – „Nein“, sag ich, „ich komm schon morgen.“

Innenansicht einer Parfümerie
In meinem Lehrbetrieb (1965)

So war’s dann auch. Am 1. April habe ich begonnen, und wie!

„Da hast einen Besen und kehr zsam!“ Ich wollte ja alles richtig machen. Es war aber alles im Weg, und da ist es passiert. Ich habe mit dem Besenstiel so ungefähr 50 Nagellacke hinuntergeworfen und war noch nicht einmal zehn Minuten im Geschäft.

Ich war fertig und dachte, jetzt wirft sie mich hinaus. Aber sie sagte nur: „Heb s’ auf und schlicht s’ wieder auf, da kannst dir gleich die Farben merken.“ Ich war glücklich!

Und während ich emsig geordnet habe, ist eine Kundin gekommen und hat gefragt: „Sind das neue Farben?“ Ich habe gesagt: „Ganz neu!“, und ihr einen Nagellack verkauft. Und meine Chefin hat gemeint: „Vielleicht ist die ganz geschickt, die Herta?“

Ich war glücklich. Endlich wusste ich, wo ich hingehöre.

Informationen zum Artikel:

"Nettes Lehrmädchen wird aufgenommen"

Verfasst von Herta Hum

Auf MSG publiziert im März 2011

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 15. Bezirk
  • Zeit: 1960er Jahre

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